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Porträt: 100 Jahre Ottobock – vom einstigen Start-up zum Weltmarktunternehmen

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Gestern hat die Stadt Duderstadt in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Jubiläum des Medizintechnikunternehmens Ottobock gewürdigt. Ein Porträt des Orthopädiespezialisten.

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Ministerpräsident Stephan Weil, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Professor Hans Georg Näder und Bürgermeister von Duderstadt Wolfgang Nolte (v.l.n.r.) beim Festakt von Ottobock.
Ministerpräsident Stephan Weil, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Professor Hans Georg Näder und Bürgermeister von Duderstadt Wolfgang Nolte (v.l.n.r.) beim Festakt von Ottobock.
(Bild: Ottobock)
  • Festakt in Duderstadt mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
  • Jahrzehntelanges Engagement bei den Paralympischen Spielen
  • Jubiläumsjahr 2019 auch Jahr des Börsengangs?
  • Deutsche Geschichte: Enteignung unter sowjetischer Besatzung

Unter den Rednern des Festakts war niemand Geringeres als Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gewesen. Und auch den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil konnte man unter den rund 350 Ehrengästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft treffen. Bis hierhin war es ein langer Weg. Denn mit technologischen Innovationen in der Orthopädietechnik wuchs das Familienunternehmen in den letzten 100 Jahren vom Berliner Start-up zum süd-niedersächsischen Weltmarktführer.

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Dessen Unternehmensmotto lautet „Quality for Life“ und spiegelt sich beispielsweise im jahrzehntelangen Engagement für die Paralympischen Spiele wider. 1988 erkannten Orthopädietechniker aus Australien die Notwendigkeit, Athleten der Paralympics in Seoul die Reparatur und Wartung ihrer Sportgeräte anzubieten. Viel hat sich seither getan. Bei den Winter-Paralympics im südkoreanischen Pyeongchang übernahm Ottobock zuletzt die Rolle des offiziellen technischen Servicepartners für Prothetik, Orthetik und Rollstühle. Teil dieser Geschichte sind Markenbotschafter wie der Leichtathlet Heinrich Popow. Bei den Paralympics 2016 in Rio konnte er nicht nur einen paralympischen Rekord aufstellen, sondern auch die Goldmedaille im Weitsprung einstreichen. Kleine Anekdote am Rande: Popow ist heute selbst Orthopädietechniker.

Jüngst sorgten Personalwechsel auf Führungsebene für Aufsehen

Zurück zu Ottobock. Das Jubiläumsjahr 2019 könnte gleichzeitig das Jahr des Börsengangs werden. Der heutige CEO Philipp Schulte-Noelle jedenfalls war im August 2018 (ursprünglich als CFO) eingestellt worden, um eben diesen Börsengang voranzutreiben. Sein Weg zur Unternehmensspitze war allerdings von jener Unruhe begleitet, die bereits seit Längerem in der Führungsriege von Ottobock herrscht: Nach fast drei Jahrzehnten in der Rolle des CEO in der Otto Bock Healthcare GmbH hatte Prof. Hans Georg Näder den Staffelstab im Januar 2018 an Dr. Oliver Scheel übergeben. Damit kam erstmals ein familienfremder Manager ans Ruder. Doch schon im November 2018 wurde Scheel abberufen und der heutige CEO Schulte-Noelle interimsmäßig zum CEO bestellt. Zahlreiche weitere Personalwechsel auf Führungsebene machten in den letzten Jahren von sich reden.

Konstant hingegen ist das Engagement der Inhaberfamilie. Hans Georg Näder ist der Enkel des Firmengründers Otto Bock. Und auch die vierte Generation, Näders Töchter Georgia und Julia, hat bereits erste Erfahrungen im Unternehmen gesammelt. Näder ist heute Vorsitzender des Verwaltungsrats der Ottobock SE & Co. KGaA. Er sieht sich als Mann mit Bodenhaftung, der „Tradition und Fortschritt auf einen Nenner“ bringen möchte.

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Ottobock – 100 Jahre Firmen- und Familiengeschichte

Im Februar 2019 feiert Ottobock Jubiläum. Der Weg vom Start-up zum Weltmarktführer war nicht immer leicht.

  • 1919: Mit seriell hergestellten Prothesenpassteilen will Otto Bock die Versorgung Zehntausender Kriegsversehrter verbessern und gründet im Februar 1919 mit Gleichgesinnten die Orthopädische Industrie GmbH in Berlin. Wegen politischer Unruhen zieht die Firma nach Thüringen.
  • 1946: Max und Maria Näder eröffnen eine Zweigstelle in Duderstadt.
  • 1948: Unter sowjetischer Besatzung wird die Firma entschädigungslos enteignet.
  • 1988: Vier Techniker von Ottobock Australien bieten Sportlern der Paralympics erstmals einen Reparatur-Service an.
  • 1990: Hans Georg Näder übernimmt die Geschäftsführung des Familienunternehmens.

Neue Technologien haben deshalb auch bereits Eingang in das Produktportfolio gefunden. Beispiele hierfür sind das C-Brace.Orthesensystem, das teilweise gelähmte Anwender wieder gehen lässt, oder die mit KI ausgestattete Myo-Plus-Mustererkennung, die Handbewegungen mit einer Prothese automatisiert. Zudem konnte das Unternehmen 2018 mit dem Exoskelett Paexo seine Expertise in der Biomechanik auf Industrieanwendungen übertragen. Näder selbst sagt: „Wir befinden uns direkt in der Schnittmenge zwischen künstlicher Intelligenz, Mensch-Maschine-Schnittstelle, Cyborgs und Robotik.“

Die innerdeutsche Teilung: für Ottobock Ende und Anfang zugleich

Wie sah der Weg dahin aus? Nach dem Ersten Weltkrieg gründete Otto Bock 1919 das Start-up „Orthopädische Industrie“. Mit der Einführung einer Passteil-Fertigung gelang es der Firma, die zahlreichen Kriegsversehrten zu versorgen. Und auch danach sollte sich die Zeitgeschichte in der Unternehmensgeschichte widerspiegeln: Die politisch unruhigen Zeiten in Berlin bewegten Otto Bock noch im Gründungsjahr dazu, die neue Firma nach Königsee im Thüringer Wald umzusiedeln.

Aus strategischen Gründen beschloss die Familie in Zeiten der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg möglichst nah zu Königsee, aber in der benachbarten britischen Zone, einen weiteren Standort aufzubauen. Von dort sollte durch den Tauschhandel von Material gegen Ware die weitere Belieferung der Kunden gesichert werden. Gründer der damaligen „Zweigstelle“ und des heutigen Hauptsitzes des Unternehmens war Dr. Max Näder. Der Schwiegersohn von Otto Bock baute den Standort mit seiner Frau Maria Näder nach der Eröffnung praktisch aus dem Nichts auf. Nach dem vermutlich schwersten Schicksalsschlag in der Unternehmensgeschichte, der entschädigungslosen Enteignung des Standorts in Königsee, musste die Familie mit einer Gruppe engagierter Mitarbeiter auch die Produktion in Duderstadt von null aufbauen. Während des Kalten Krieges setzte sich die Familie für eine frühe Internationalisierung der Firma ein. So gründete Dr. Max Näder 1958 die erste Ottobock Auslandsgesellschaft in Minneapolis, USA.

Ein weiterer Wendepunkt, in der deutsch-deutschen sowie der Ottobock-Geschichte, war der Mauerfall. Er ermöglichte den Rückkauf des Produktionsstandortes Thüringen. Dort werden heute hochmoderne Rollstühle gefertigt. Auch das internationale Wachstum der Firmengruppe konnte global weiter vorangetrieben werden. 1990 übertrug Dr. Max Näder die Geschäftsführung seinem Sohn Hans Georg Näder. Der Entrepreneur baute das globale Netzwerk dynamisch aus, forcierte Forschung und Entwicklung sowie Marketing und Vertrieb. Heute arbeiten mehr als 7.000 Mitarbeiter an über 50 Standorten weltweit gemeinsam daran, dass Menschen trotz eines körperlichen Handicaps ihre Mobilität und Lebensqualität erhalten oder zurückgewinnen können.

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