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Patient Engagement inspiriert zu besseren Medizinprodukten

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Wer Patienten in seine Entwicklungsprozesse einbindet, entwickelt bessere Medizinprodukte. Denn was ein gutes Medizinprodukt ist, wissen diese – neben Ärzten und Pflegepersonal – mitunter am besten.

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Medizinprodukte wie Orthesen oder auch Blutdruckmessgeräte werden vom Patienten selbst getragen oder sogar bedient. Medizintechnik­unternehmen können ihre Innovationskraft steigern, indem sie dieses Anwenderwissen abrufen.
Medizinprodukte wie Orthesen oder auch Blutdruckmessgeräte werden vom Patienten selbst getragen oder sogar bedient. Medizintechnik­unternehmen können ihre Innovationskraft steigern, indem sie dieses Anwenderwissen abrufen.
(Bild: ©Chinnapong - stock.adobe.com)
  • Einbindung von Patienten bietet Medizintechnikunternehmen strategischen Mehrwert
  • Aktive Zusammenarbeit in der Entwicklung von Medizinprodukten
  • Praxis-Beispiel: individualisierte Design-Konfiguration für Kinderorthesen

Beim Patient Engagement geht es darum, Patienten aktiv an ihrer eigenen Gesundheitsversorgung zu beteiligen, indem sie mithelfen, deren Sicherheit und Qualität zu verbessern. Doch das ist nicht alles. Die Einbindung von Patienten bietet Medizintechnikunternehmen einen konkreten strategischen Mehrwert: Denn wenn Patienten unerfüllte Bedürfnisse identifizieren, dient dies im besten Fall der Innovationskraft eines Medizintechnikunternehmens. Dies führt wiederum zu einem starken Produktportfolio, das mehr Umsatz generiert und Produkte umfasst, die es schneller zum Markteintritt schaffen. Die Nähe zu Patienten fördert zudem die Mitarbeitermotivation, da diese ihre Arbeit als unmittelbar sinnstiftend erleben. Und schließlich hat das Unternehmen die Möglichkeit, glaubwürdig eine positive Reputation gegenüber Patienten, deren Angehörigen, Ärzten, Krankenkassen und in der Öffentlichkeit aufzubauen.

So weit die Vorteile. Wie lässt sich Patient Engagement umsetzen? Klassische Methoden sind schriftliche oder auch Online-Befragungen sowie Interviews und Fokusgruppen. Für Unternehmen, die Patienten langfristig einbeziehen möchten, empfiehlt es sich, einen Patientenbeirat (Patient Advisory Board) ins Leben zu rufen. Kooperationen mit Patientenorganisationen, ebenso wie Anwendertests und Co-Kreation, gehören ebenfalls zu den Maßnahmen, die Medizintechnikunternehmen umsetzen können.

Im besten Fall können Patienten im Rahmen von Patient Engagement nicht nur Ratgeber, sondern auch Experten und Entwickler sein. Ein spannendes Beispiel hierfür ist das sogenannte „Medical Hacking“, bei dem Patienten Medizinprodukte individuell weiterentwickeln, bis diese ihre Anforderungen wirklich erfüllen. Medical Hacking zeigt, dass Medizintechnikhersteller diese Anforderungen oft nicht im Detail im Blick haben. Unternehmen hingegen, die Produktanforderungen gemeinsam mit Patienten definieren, entwickeln maßgeschneiderte Produkte, die zu einer höheren Nutzer- und Therapieakzeptanz führen. Neben diesem entscheidenden Aspekt für den Markterfolg können durch die frühzeitige Einbindung von Patienten in der Entwicklung auch Folgekomplikationen und damit Folgekosten reduziert werden.

Unternehmen sollten persönliche Erfahrungen von Patienten nutzen

Patient Engagement ist also nicht nur die Befähigung von Patienten, ihre eigene Versorgung in die Hand und Einfluss auf die Entwicklung von neuen Hilfsmitteln, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zu nehmen. Es bietet Medizintechnikunternehmen die Chance, sich als Partner zu positionieren und im Rahmen einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe einen Marktvorsprung zu erlangen. Die Umsetzung von Patienteneinbindung entwickelt sich stetig weiter. Klassische kommunikative Tools werden heute um agile Entwicklungsmethoden ergänzt. Erwartet wird zudem, dass auch digitale Tools eine immer bedeutendere Rolle spielen. Auch unter regulatorischen und Gesichtspunkten der Kostenerstattung sowie in der Rehabilitation wird Patient Engagement immer wichtiger.

Was Patient Engagement in der Praxis bedeutet, lässt sich am Beispiel einer Kinderorthese demonstrieren: Die Herstellung orthopädischer Hilfsmittel unterliegt seit einigen Jahren dem Wandel von manuellen hin zu additiven Fertigungsverfahren. Eine Unterarmspiralorthese aus dem Hause Pohlig mit dem Namen Printorthes entsteht im Rahmen einer digitalen Prozesskette (3D-Scan, CAD-Modellierung, virtuelle Konstruktion, additive Fertigung, Anpassung am Patienten) und stieß bisher auf sehr positives Feedback.

Durch die Nutzung der 3D-Drucktechnologie eröffnen sich nicht nur neue Möglichkeiten im Bereich der Bauteiloptimierung, sondern auch in Bezug auf die Gestaltung und intelligente Konstruktion der Orthese. Für den Patienten ergibt sich dadurch ein deutlicher Mehrwert: Im Vergleich zu einer herkömmlichen Unterarmhandorthese in PE-Technik bietet die Printorthese zahlreiche Funktionen, die das Tragen des Hilfsmittels im Alltag erleichtern. So weist sie nicht nur ein geringeres Gewicht auf, sondern ist außerdem atmungsaktiv und kann vom Patienten auch individuell mitgestaltet werden. In die Printorthese lassen sich auf Wunsch Uhren oder Glitzersteine integrieren; die Farbe der Orthese sowie der Polsterung kann frei gewählt werden. Und schließlich gibt ein individuelles Muster dem Hilfsmittel den letzten persönlichen Schliff. Die Akzeptanz der optisch ansprechenden Orthese verbessert sich dadurch enorm – insbesondere bei Kindern, denn das Hilfsmittel wird nun nicht mehr unter dem Ärmel versteckt, sondern stolz in den Alltag integriert.

Im Herstellungsprozess der Printorthese nimmt Patient Engagement bei Pohlig eine zentrale Stellung ein. Dazu werden regelmäßig Patientenbefragungen und Tests durchgeführt. Außerdem wird der Patient in den Designprozess seiner Orthese eingebunden: Über eine App kann er seine Print­orthese selbst konfigurieren. Die Rückmeldungen sind positiv. Tests nach dem sechsmonatigen Tragen haben gezeigt, dass ihre Funktionalität und Optik überzeugt. Pohlig konnte den Anwendernutzen sowie die Versorgungsqualität erhöhen.

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