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Grundlagenwissen Klinische Studien für Medizinprodukte

| Autor/ Redakteur: Alexander Schaal, Melanie Wurzel / Kathrin Schäfer

Was sind Klinische Studien für Medizinprodukte, wozu und wie werden sie durchgeführt? Wann kann darauf verzichtet werden? Dieser Artikel gibt eine Einführung in das Thema Klinische Studien in der Medizintechnik und setzt es in den Kontext der aktuellen Gesetzgebung.

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Unabhängig von der Risikoklasse bedarf es für jedes Medizinprodukt einer Klinischen Bewertung, die einen wesentlichen Bestandteil des QM-Systems des Herstellers darstellt.
Unabhängig von der Risikoklasse bedarf es für jedes Medizinprodukt einer Klinischen Bewertung, die einen wesentlichen Bestandteil des QM-Systems des Herstellers darstellt.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Nicht Wissen schützt nicht. Auch nicht bei Klinischen Studien. Seit Mai 2017 gilt eine neue Medizinprodukte Verordnung, kurz MDR (Medical Device Regulation). Sie ersetzt bestehende Richtlinien. KMPG und RAPS fragten nach und fassten das ganze Unglück zusammen. So gut wie die Hälfte aller Unternehmen (41 Prozent) haben die Verordnung weder gelesen noch verstehen sie die Anforderungen, aber fast alle Unternehmen (88 Prozent) glauben die Richtlinie zu erfüllen. Die Hälfte der Medizinprodukte besitzt keine Reklassifizierung, trotzdem plant kein Unternehmen Produkte vom Markt zu nehmen. Auch das Zertifikat der ISO 13485:2016 besitzen nur die Hälfte aller Unternehmen (51 Prozent). Das größte Risiko sehen die Unternehmen in der Erhebung klinischer Daten durch klinische Studien (58 Prozent), ein Viertel sammelt schon Daten (25 Prozent) und Einige (17 Prozent) wissen nicht genau, was verlangt wird. Das größte Hindernis sind aber nicht klinische Studien.

Video-Tipp: Ohne Patientinnen und Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen, ist kein Fortschritt in der Medizin denkbar. Denn heutzutage werden alle Therapieentscheidungen auf Basis kontrollierter klinischer Daten getroffen. Das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) fördert industrieunabhängige klinische Studien, damit neue Therapien für Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt werden können.

Alle Medizinprodukte benötigen nun eine Klinische Bewertung

Ein kurzer Überblick: Für Medizinproduktehersteller haben sich maßgebende Änderungen in den Bereichen Klinische Bewertung, der Äquivalenz, PMS/PMCF-Anforderungen und einige Änderung in der Klassifizierung ergeben. Produkte, die im Vorfeld keine Medizinprodukte waren, unterliegen unter bestimmten Voraussetzungen nun auch der neuen Richtlinie. Alle Medizinprodukte benötigen nun eine Klinische Bewertung, das gilt für Medizinprodukte der Klassen I bis III sowie auch implantierbare Produkte. Hier ergeben sich starke Einschränkungen in der Äquivalenz sowie erhebliche Anforderungen an die Sicherheit und Leistung, Evidenz nach der Zulassung. Hersteller erhalten Zulassungsauflagen, eigene Klinische Daten zu generieren, eine Klinische Prüfung durchzuführen. Leider fehlt häufig der Plan.

Während interne Lücken in den Bereichen Regulatory Affairs und Qualitätsmanagement gesehen werden, scheint Produktentwicklung und Herstellung nicht betroffen zu sein. Doch hier ist Vorsicht geboten. Die aktuelle Medical Device Directive (93/42/EEC) besitzt zwanzig Artikel mit zwölf Anhängen, die MDR (EU 2017/745) 123 Artikel mit siebzehn Anhängen. Es bleibt für die betroffenen Unternehmen wenig Zeit, sich auf die Anforderungen vorzubereiten, denn nach einer dreijährigen Übergangsfrist ist die MDR ab dem 26.Mai 2020 bindend. Aus Sicht der Unternehmen fehlen vor allem Verständnis der Anforderungen, Verfügbarkeit Benannter Stellen und internes Wissen. Knapp die Hälfte muss überhaupt erst einen Verantwortlichen für die Umsetzung benennen.

Im Rahmen von Klinischen Studien sind zwei Jahre eher als kurz zu betrachten. Auf den ersten Blick verwundert diese weit verbreitete Ahnungslosigkeit, denn seit 2010 ist die Dokumentation Klinischer Daten erforderlich und Grundlage für die CE-Zertifizierung. Auch in der Vergangenheit waren in Klinischen Prüfungen und Studien Qualitätsnormen wie EN ISO 14155 und ICH GCP (Medikamente) zu berücksichtigen und einzuhalten. Der zweite Blick zeigt, die Veränderungen sind weitreichender. Viele Produkte sind von einer Verschiebung ihrer Klassifizierung betroffen. Implantate rutschen oft von IIb in III, und Software ist fast gar nicht mehr in Klasse I zu finden. Dieser Klassenwechsel stellt die Firmen vor große Herausforderungen. Noch größere bietet der Anhang 2 (MDR), er regelt die technische Dokumentation. Allein die Forderung nach einer permanenten Aktualität der Produkt-Dokumentation kann schlaflose Nächte bereiten.

Fast jedes Produkt braucht nun eine UDI. Diese Produktnummer kennzeichnet nicht das Produkt, es dient der Identifizierung. Die Nummer enthält maschinenlesbare Codes z.B. Code 128/ Strichcode, in denen umfangreiche Informationen über das Produkt hinterlegt sind. Am Ende geht es eventuell sogar um das Label des Produktes. Hier haben vor allem mittelgroße und kleine Unternehmen massive Lücken in der Umsetzung. Die Unternehmensgröße definiert sich dabei über den Jahresumsatz (in US-Dollar), bis zehn Mio. Jahresumsatz gilt als klein, bis eine Milliarde als mittelgroß. Doch bei fast der Hälfte aller betroffenen Unternehmen wurde weder das Budget bereitgestellt noch Ressourcen oder gar Geschäftsprozesse verändert.

Auch die Benannten Stellen selbst stehen durch den Mehraufwand vor erheblichen Herausforderungen. Im Juli 2018 gab es in Deutschland keine einzige Benannte Stelle jedoch einen „Best Practice Guide“ von NBOG, einen Zeitplan für eine Benennung. Vor dem 26. Juli. 2019 scheint dies kaum möglich zu sein.

Der Stichtag rückt näher. Nichtsdestotrotz – die Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften drängt. Interne Kompetenzteams bilden und Wissen zu bündeln, wäre ein erster Schritt. Auch externe Dienstleister und Berater stehen mit Rat und Tat sowie Erfahrung im Umgang mit Behörden zur Seite. Im Umfeld von Klinischen Studien, Dokumentationen, Berichten und Bewertungen sind dies z.B. Contract Research Organisations („CRO“s = person or organization contracted by the sponsor to perform one or more of the sponsor's clinical investigation-related duties and functions” ), Auftragsforschungsinstitute.

Die Verschärfung der Regularien ist die Folge unregelmäßiger Skandale in der Branche, z.B. von Brustimplantaten (PIP-Skandal) oder aktuell eine Veröffentlichung von Autoren der Süddeutschen Zeitung, die #ImplantFiles. Eine Diskussion artet so schnell politisch aus. Seit Jahren mit ähnlichen Argumenten. Einerseits werden nicht ausreichend getestete Produkte schnell in den Markt gebracht. Auf der anderen Seite heißt es, Innovationszyklen brauchten Geschwindigkeit. Beides sind schwache Argumente in einer nicht ausreichend geführten Debatte, sie sind zudem wenig hilfreich. Die Anwendung von Medizinprodukten ist sehr vielschichtig, zu differenziert für undifferenzierte Argumente und schnelle Antworten. In der Betrachtung medizinischer Möglichkeiten gibt es einen Wandel in den letzten Jahren. Vor zehn Jahren sorgten sich vorwiegend Fachleute in den Krankenkassen über die Kosten eines neuen Produktes, Budgetfragen wurden diskutiert. Heute ist es sinnvoll, die Kosten zweifach zu betrachten: Was kosten die neuen Zulassungsvoraussetzungen und welche Kosten kommen auf das Gesundheitssystem zu? Für den Hersteller hat Priorität, ob das Produkt in die Regelversorgung aufgenommen wird oder verbleibt. Dass es neu ist, reicht nicht, es muss auch einen neuen Nutzen bringen und einem Standard entsprechen. Gerade die Nutzendebatte sollte so früh wie möglich in die Planung mit einbezogen werden!

Klinische Studien sind ein Qualitätsnachweis

Eine Klinische Studie ist weit umfangreicher als das was veröffentlicht wird. Sie besteht aus fünf Phasen: Initialisierung, Definition, Planung, Steuerung, Abschluss. Die Veröffentlichung ist nicht die Klinische Studie, sie beschreibt die Ergebnisse der Klinischen Studie. Erfüllt eine Klinische Studie diese Punkte nicht, ist es ein Auftrag, eine Befragung, ein Interview, eine Annahme oder ein Einzelfall. In der Statistik gilt der Einzelfall als Anekdote. In seinem Buch Einführung in die Medizinische Statistik entlarvt Dr. H. Fassl manche Annahme. Schwieriger ist eine Zuordnung bei Methoden und Medikamenten, die schon in oder vor den ersten Klinischen Phasen gute Erfolge zeigen. Viele gute Anekdoten sind noch keine Klinische Studie. Seit August 2013 gibt es eine Veröffentlichungspflicht für registrierte und auch abgebrochene Studien.

Zusätzlich sammelt eine Datenbank des BfArM alle Anzeigen. Ein Register fasst alle angemeldeten Klinischen Studien zusammen. Vorhaben, die dort nicht auffindbar sind, sind keine Klinische Studie! Die Anmeldung, das Ethikvotum und ein Prüfplan sind hier verpflichtend. Bis hierhin gibt es keine Unterschiede zwischen Studien in der Medizintechnik und Medikamentenforschung. Bei den Studientypen gibt es unter Berücksichtigung der Zweckbestimmung keine Unterschiede: interventionell/nicht interventionell, prospektiv/retrospektiv, kontrolliert/nicht kontrolliert, randomisiert/ nicht randomisiert, offen/ verblindet, konfirmatorisch/explorativ. Kurzgefasst: Es geht um einen wissenschaftlichen Nachweis zur Qualität der Prozesse und Daten, einen vergleichbaren Standard.

„Nicht Wissen schützt nicht. Auch nicht bei klinischen Studien“, sagt der Berater Alexander Schaal.
„Nicht Wissen schützt nicht. Auch nicht bei klinischen Studien“, sagt der Berater Alexander Schaal.
(Bild: privat)

Zum Hintergrund: rechtliche Vorgaben für Medizinprodukte

In Europa wurden Medizinprodukte weitgehend eigenverantwortlich durch den Hersteller in Verkehr gebracht. Medizinprodukte mussten vom Hersteller einem Konformitätsbewertungsverfahren unterzogen werden, das abhängig von der Risikoklasse des Produkts die Einschaltung einer Benannten Stelle erforderte.

Die Überwachung der Herstellung, des Inverkehrbringens und des Verkehrs mit Medizinprodukten (einschließlich des Betreibens und Anwendens) und die diesbezügliche Durchführung des Medizinproduktegesetzes und seiner Rechtsverordnungen ist in Deutschland ausschließlich Aufgabe der Landesbehörden (§ 26 MPG). Verzeichnisse der Benannten Stellen, der Landesbehörden in Deutschland sowie der zuständigen Behörden der anderen EWR-Mitgliedsstaatenlassen sich auf den Internetseite des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information DIMDI finden.

Bisher wurden Medizinprodukte durch die Richtlinie 93/42/EWG geregelt. Es folgten die 90/385/EWG für implantierbare medizinische Geräte und 98/79/EWG für In-vitro-Diagnostika. Das Medizinproduktegesetz (MPG) setzte das Europäische Recht in Deutschland um, welches um verschiedenste Verordnungen ergänzt wird, z.B. Sicherheitsplanverordnung, Medizinprodukteverordnung, Medizinprodukte-Betreiberverordnung.

Am 5. April 2017 trat die Verordnung (EU) 2017/745 (Medizinprodukteverordnung) sowie die Verordnung (EU) 2017/746 (Verordnung für In-vitro-Diagnostika) des Europäischen Parlaments und des Rates zur Aufhebung der Richtlinien 90/385/EWG und 93/42/EWG des Rates in Kraft. Mit wenigen Ausnahmen gelten die Verordnung über Medizinprodukte ab dem 26. Mai 2020 und die Verordnung über In-vitro-Diagnostika ab dem 26. Mai 2022.

Zuerst regelt die europäische Gesetzgebung den Wirtschaftsraum, dann passt sich die nationale Verordnung an. Der Vorteil: Ein zugelassenes Produkt der Medizintechnik kann zeitgleich im europäischen Wirtschaftsraum und der Schweiz vertrieben werden. Mit ein wenig Anpassung sogar in den USA und Japan, in denen übrigens Klinische Studien für Medizinprodukte schon üblich sind. Damit sind die weltweit wichtigsten Märkte der Medizintechnik abgedeckt.

Klassifizierung und Abgrenzung von Medizinprodukten

Der Hersteller oder sein Bevollmächtigter ist nach wie vor verantwortlich für die Klassifizierung des Produktes. Die Klassifizierung erfolgt nach den Klassifizierungsregeln des Anhang IX der EU-Richtlinie 93/42/EWG. Wichtig ist auch hierbei die Zweckbestimmung des Produktes, die vom Hersteller festgelegt wird. Die Klassifizierung wird daher stets für ein konkretes, einzelnes Produkt festgelegt.

Mit der Zweckbestimmung wird die Zuordnung eines Produktes (Abgrenzung zu anderen Medizinprodukten) festgelegt. Diese muss sich aus der Kennzeichnung, der Gebrauchsanweisung und den Werbematerialien ergeben. Es muss die Definition für Medizinprodukte gemäß § 3 des Medizinproduktegesetzes (MPG) erfüllt sein.

Für die Entscheidungsfindung können weitere Quellen wie beispielsweise die MEDDEV-Dokumente der Europäischen Kommission herangezogen werden:

http://ec.europa.eu/health/medical-devices/documents/guidelines/

(Bereich 2.1 „Scope, field of application, definition“ sowie Bereich 2.4 „Classification of MD“, bei In-vitro-Diagnostika auch der Bereich 2.14 „IVD“ und bei Software die MEDDEV 2.1/6).

Bei Entscheidungen zur Abgrenzung von Medizinprodukten zu anderen Produkten ist auch das „Manual on borderline and classification in the Community Regulatory framework for medical devices“ der Europäischen Kommission hilfreich: http://ec.europa.eu/DocsRoom/documents/12867/

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verfügt über kein Verzeichnis von Produktklassifizierungen, und pauschale Entscheidungen zu Klassifizierungen können sie nicht treffen. Medizinprodukte werden mit Ausnahme der In-vitro-Diagnostika und der aktiven implantierbaren Medizinprodukte Klassen zugeordnet. Die Klassifizierung erfolgt nach den Klassifizierungsregeln des Anhangs IX der Richtlinie 93/42/EWG. Die Produkte werden in die vier Klassen I, IIa, IIb und III unterteilt.

Die Klasse eines Medizinprodukts orientiert sich rechtlich an der „Verletzbarkeit des menschlichen Körpers“ durch das jeweilige Produkt. Diese wiederum definiert sich über die Zweckbestimmung des Herstellers hinsichtlich des Anwendungsorts und der Anwendungsdauer seines Produkts. Je höher die Medizinprodukte-Klasse, desto höher ist der Anteil an Fremdkontrolle bzw. an (externer) Zertifizierung des Konformitätsbewertungsverfahrens (Verfahren zum Nachweis der Erfüllung aller gesetzlichen Produktanforderungen) durch eine Benannte Stelle.

Wie bekannt, gibt es Kriterien für die Einteilung in vier Klassen. Das sind:

  • die Dauer der Anwendung (bis 60 Minuten, bis 30 Tage, länger als 30 Tage)
  • der Ort der Anwendung, der Grad der Invasivität (invasiv, chirurgisch invasiv, implantierbar)
  • die Anwendung am zentralen Kreislaufsystem oder am zentralen Nervensystem
  • Handelt es sich um ein wiederverwendbares chirurgisches Instrument oder ist es ein aktives Medizinprodukt (Aktives therapeutisches Medizinprodukt / Aktives diagnostisches Medizinprodukt) und/oder wird biologisches Material aus Tieren oder Menschen verwendet?

Was sind Klinische Daten und wie werden sie erhoben?

Gemäß MDR sind Klinische Daten Sicherheits- oder Leistungsangaben, die sich aus der Anwendung eines Medizinproduktes ergeben. Mögliche Quellen für Klinische Daten sind

  • Klinische Prüfungen mit dem betreffenden Produkt
  • Klinische Prüfungen oder sonstige in der wissenschaftlichen Fachliteratur wiedergegebene Studien über ein gleichartiges Produkt
  • nach Peer-Review-Verfahren publizierte, wissenschaftliche Fachliteratur, die über Klinische Erfahrungen mit dem Produkt selbst oder gleichartige Produkte berichten
  • klinisch relevante Informationen aus der Überwachung nach dem Inverkehrbringen (Post-Market Surveillance) und im speziellen aus dem PMCF

Was ist eine klinische Bewertung?

Die Klinische Bewertung ist ein systematischer Prozess, der die Sammlung, Analyse und Bewertung von Klinischen Daten umfasst und sollte bereits vor der Vermarktung eines Produktes berücksichtigt werden.
Die Klinische Bewertung ist ein systematischer Prozess, der die Sammlung, Analyse und Bewertung von Klinischen Daten umfasst und sollte bereits vor der Vermarktung eines Produktes berücksichtigt werden.
(Bild: gemeinfrei / CC0)

Unabhängig von der Risikoklasse bedarf es für jedes Medizinprodukt einer Klinischen Bewertung, die einen wesentlichen Bestandteil des QM-Systems des Herstellers darstellt (Artikel 10 Abs. 3 und 9f MDR). Eine Definition nach MDR zu dem häufig verwendeten Begriff „ausreichend“ gibt es noch nicht. Um eine spezifische und EU-weit einheitliche Definition für die einzelnen Medizinprodukte bzw. -gruppen zu geben, werden aktuell noch Leitlinien und Spezifikationen erarbeitet, auch ein Guideance-Dokument zur Klinischen Bewertung nach der MDR gibt es noch nicht.

Die Klinische Bewertung ist ein systematischer Prozess, der die Sammlung, Analyse und Bewertung von Klinischen Daten umfasst und sollte bereits vor der Vermarktung eines Produktes berücksichtigt werden. Die Planung muss in einem eigenständigen Dokument festgehalten werden, dem Klinische Evaluierungsplan, die Auswertung in einem Klinischen Bewertungsbericht. Die Klinische Bewertung dient vor allem zum Nachweis der Einhaltung grundlegender Anforderungen an die Sicherheit und Leistungsfähigkeit eines Medizinproduktes, dem Ausschluss von unbekannten und unerwünschten Vorkommnissen sowie der Darlegung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses.

Wesentliche Bestandteile der Klinischen Bewertung sind zukünftig PMS und PMCF.

Was ist Post-Market Surveillance?

Hinter dem Begriff Post-Market Surveillance verbirgt sich die Planung des Prozesses zur proaktiven Sammlung, Dokumentation und Auswertung von Klinischen Daten nach dem Inverkehrbringen. Somit stellt der Hersteller sicher, dass die Klinische Bewertung kontinuierlich mit aktuellen Klinischen Daten ergänzt werden kann. Die Klinische Bewertung von Hoch-Risikoklassen (Klasse III und Implantate) müssen jährlich mit den Daten der Marktüberwachung aktualisiert werden. Hersteller mit Produkten aus den übrigen Klassen müssen die Dokumentation alle zwei bis fünf Jahre sowie bei neuen, relevanten Informationen aktualisieren, die eine Änderung der Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Produktes nachweisen.

Was ist ein Post Market Clinical Follow-up?

Post Market Clinical Follow-up ist nach der neuen MDR zu einem integralen und verpflichtenden Bestandteil der Marktüberwachung geworden. Hier muss der Hersteller über prospektive PMCF-Studien proaktiv unter bestimmten Anwendungsbedingungen Daten zur Klinischen Evidenz sammeln. Klinische Evidenz bezeichnet die Klinischen Daten und die Ergebnisse der Klinischen Bewertung zu einem Produkt, die in quantitativer und qualitativer Hinsicht ausreichend sind, um qualifiziert beurteilen zu können, ob das Produkt sicher ist und den angestrebten Klinischen Nutzen bei bestimmungsgemäßer Verwendung nach Angabe des Herstellers erreicht.

Unter definierten Voraussetzungen kann auf die Klinische Bewertung, basierend auf Klinischen Daten verzichtet werden, jedoch nicht auf die Klinische Bewertung selbst. Dies gilt für absolut unkritische Produkte wie beispielsweise Schrauben, Keile und Instrumente und muss in einem angemessenen Rahmen durch den Hersteller begründet werden. Diese Begründung „beruht auf dem Ergebnis des Risikomanagements und berücksichtigt die Besonderheiten der Wechselwirkung zwischen Körper und Produkt, die bezweckte Klinische Leistung und die Angaben des Herstellers. Die Eignung des Nachweises der Übereinstimmung mit den grundlegenden Anforderungen allein durch Leistungsbewertung, Produktprüfungen und präklinische Bewertung ist ordnungsgemäß zu begründen“ (MDR in Artikel 61 Absatz 10).

Zur Beschreibung der Sicherheits- und Leistungsanforderungen können ggf. auch Klinische Daten von Äquivalenzprodukte aus der Literatur herangezogen werden. Der Nachweis der Äquivalenz soll auf einer umfassenden und detaillierten wissenschaftlichen Begründung beruhen, welche drei wesentlicher Aspekte umfasst:

  • technisch
  • biologisch und
  • klinisch

Hierbei dürfen keine wesentlichen Unterschiede zwischen den zu vergleichenden Produkten hinsichtlich der Sicherheit und Leistung bestehen. Das bedeutet, dass der Hersteller von Produkten geringer Risikoklasse einen beschränkten und Hoch-Risikoklassen einen uneingeschränkten Zugang zu technischer Dokumentation vorweisen muss.

Weiterhin richten sich der Umfang einer Klinischen Bewertung und damit der Umfang der Klinischen Evidenz nach den Merkmalen des Medizinproduktes und dessen Zweckbestimmung. Sind die Äquivalenzdaten nicht ausreichend oder ist der Nachweis der Äquivalenz nicht ausreichend erbracht, so muss der Hersteller eigene Klinische Daten generieren.

Daraus folgt, dass zunehmend eigene Klinische Daten aus Klinischen Prüfungen erhoben werden müssen, welche im Entwicklungsplan, bei der Produktentwicklung und in der Budgetplanung zu berücksichtigen sind.

Die Statistik zeigt die Ergebnisse einer Umfrage unter 200 Experten aus der Pharmaindustrie zum Potential von Big Data für den Gesundheits- und Pharmabereich aus dem Jahr 2015. Rund 32 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Big Data das Potential hätte, in Zukunft klinische Studien obsolet zu machen.
Die Statistik zeigt die Ergebnisse einer Umfrage unter 200 Experten aus der Pharmaindustrie zum Potential von Big Data für den Gesundheits- und Pharmabereich aus dem Jahr 2015. Rund 32 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Big Data das Potential hätte, in Zukunft klinische Studien obsolet zu machen.
(Bild: EY / Statista)

Zu beachten ist: Jetzt müssen auch bestimmte Produkte ohne medizinische Zweckbestimmung (z.B. farbige Kontaktlinsen ohne Sehstärke) einer Klinischen Bewertung unterzogen werden und benötigen Klinische Daten aus Klinischen Prüfungen. Hier darf auf eine Klinische Prüfung nur dann verzichtet werden, wenn es ausreichende Gründe gibt und vorhandene Klinische Daten zu einem analogen Medizinprodukt herangezogen werden können.

Wie in jedem Projektmanagement gilt: Mann muss das Ziel und die Rahmenbedingungen kennen, um ein sicheres Konzept für das angestrebte Vorhaben erarbeiten und planen zu können. Der Umfang der Richtlinien und Verordnungen zu Klinischen Prüfungen von Medizinprodukten schreckt am Anfang ab. Die nachfolgende Struktur und ein grober Überblick helfen beim ersten Verständnis.

Der Begriff der Klinischen Prüfung wird weder in der Verordnung über die Klinische Prüfung (MPKPV) noch im MPG (Medizinproduktegesetz) definiert. Die MPKPV regelt das Genehmigungsverfahren bei den Behörden, das Verfahren bei der Ethikkommission und die Durchführung der Klinischen Prüfung. Begriffe wie Klinische Studie und Klinische Prüfung werden häufig gleichbedeutend verwendet.

Anhang X Ziffer 2.1. der Richtlinie 93/42/EWG legt die Zweckbestimmung der Klinischen Prüfung fest:

  • 1. Es muss der Nachweis erbracht werden, dass die Leistungen des Produkts bei normalen Einsatzbedingungen den Leistungsdaten von Anhang I Abschnitt 3 entsprechen.
  • 2. Etwaige bei normalen Einsatzbedingungen auftretende unerwünschte Nebenwirkungen sind zu ermitteln und
  • 3. es ist zu beurteilen, ob diese unter Berücksichtigung der vorgegebenen Leistungen irgendwelche Risiken darstellen.

Die Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung (MPSV) regelt den Schutz des Patienten, der Begriff des schwerwiegenden unerwünschten Ereignisses wird aufgegriffen. Die DIMDIV, Verordnung über das datenbankgeschützte Informationssystem über Medizinprodukte, legt das zentrale elektronische Einreichungsverfahren für die erforderlichen Anträge bei den Behörden und Ethikkommissionen für Klinische Prüfungen mit Medizinprodukten fest.

Es gelten weiterhin die MEDDEV-Guidelines der Europäischen Kommission

Auch im Medizinproduktegesetz – §§ 20-24 findet man formale Anforderungen an die Klinische Prüfung mit Medizinprodukten. Die DIN EN ISO 14155 zur Klinischen Prüfung von Medizinprodukten an Menschen stellt formelle Anforderungen an die Gute Klinische Praxis (GCP) zur Durchführung der Klinischen Prüfung. Sie gewährleistet die Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Produktes. (Nr. 3.6 EN ISO 14155: „….eine systematische Prüfung an einer oder mehreren Versuchspersonen, die vorgenommen wird, um die Sicherheit und/oder Leistungsfähigkeit eines bestimmten Medizinprodukts zu bewerten.“)

Sie umfasst eine detaillierte Anleitung zu den Abläufen der Klinischen Prüfung, die Beschreibung der Studiendokumente und die Aufgaben von Sponsor und Prüfer. Zum Schutz der an einer Klinischen Prüfung teilnehmenden Personen sollte die Klinische Bewertung, genau wie die Arzneimittelprüfung, der Deklaration von Helsinki unterliegen.

Kennzeichen einer klinischen Studie ist eine systematische Vorgehensweise auf Grundlage einer wissenschaftlichen Methode und der Planmäßigkeit von Untersuchungen (unter kontrollierten Bedingungen). Dies sind wichtige Unterscheidungskriterien zu anderen Versuchstypen und zur Standardtherapie. Klinische Prüfungen können sowohl in Kliniken als auch in der Praxis bei einem niedergelassenen Arzt durchgeführt werden.

Die Klinische Prüfung stellt eine systematische Untersuchung zur Bewertung der Sicherheit oder Leistung eines Medizinproduktes am Menschen dar. Grundlage bildet der klinische Prüfplan, in dem die Begründung, die Ziele, die Konzeption, die Methodik, die Überwachung, die statistische Erwägung, die Organisation und die Durchführung der klinischen Untersuchung definiert sind. Der Hersteller spezifiziert und begründet den Umfang einer Klinischen Prüfung entsprechend den Merkmalen (einschließlich der Klassifizierung) des Produktes und dessen Zweckbestimmung.

Wie verhält es sich mit den Risikoklassen?

Durch die neue Medizinprodukteverordnung sind alle Hersteller von Medizinprodukten der Klasse III oder implantierbaren Produkten verpflichtet, Klinische Prüfungen durchzuführen. In diesen Fällen beschränkt die Verordnung das Prinzip der Äquivalenz maßgeblich, so dass nur noch in wenigen Ausnahmen auf die Klinische Prüfung verzichtet werden kann.

Laut MDR kann eine Ausnahme wie folgt begründet werden (Artikel 61 Abs. 4):

  • das betreffende Produkt wurde durch Änderungen eines bereits von demselben Hersteller in Verkehr gebrachten Produkts konzipiert,
  • der Hersteller hat nachgewiesen, dass das geänderte Produkt dem in Verkehr gebrachten Produkt gleichartig (gemäß Anhang XIV Abschnitt 3) ist, und dieser Nachweis ist von der benannten Stelle bestätigt worden und
  • die Klinische Bewertung des in Verkehr gebrachten Produkts reicht aus, um nachzuweisen, dass das geänderte Produkt die einschlägigen Sicherheits- und Leistungsanforderungen erfüllt.

Es gibt weitere Ausnahmen, die sich auf Altprodukte beziehen, die rechtmäßig in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen wurden, deren Klinische Bewertung sich auf ausreichend klinische Daten stützt und die Produkte konform mit einschlägigen Produktspezifikationen für die Klinische Bewertung dieser Art von Produkten sind (Artikel 61 Abs. 6a, Richtlinie 90/385/EWG oder der Richtlinie 93/42/EWG).

Besonderheiten stellen Nahtmaterial, Klammern, Zahnfüllungen, Zahnspangen, Zahnkronen, Schrauben, Keile, Zahn- bzw. Knochenplatten, Drähte, Stifte, Klemmen oder Verbindungsstücke dar. Sofern die Klinische Bewertung auf ausreichend klinischen Daten basiert und diese mit den einschlägigen Produktspezifikationen konform gehen, kann auf die Klinische Prüfung verzichtet werden.

Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Äquivalenzprinzip Anwendung finden (Artikel 61 Absatz 5):

  • Die involvierten Hersteller haben den uneingeschränkten Zugang zur Technischen Dokumentation vertraglich geregelt
  • Die ursprüngliche Klinische Bewertung wurde unter Einhaltung der geltenden Anforderungen (MDR) durchgeführt.
  • Der Nachweis der Gleichartigkeit der betreffenden Produkte wurde von der Benannten Stelle bestätigt.

Wie sind Hersteller, Sponsoren und Prüfer voneinander abgegrenzt und wo ist das geregelt?

Die Richtlinie 93/42/EWG kennt nur den Begriff des Herstellers: „Hersteller: die natürliche oder juristische Person, die für die Auslegung, Herstellung, Verpackung und Etikettierung eines Produkts im Hinblick auf das Inverkehrbringen im eigenen Namen verantwortlich ist, unabhängig davon, ob diese Tätigkeiten von dieser Person oder stellvertretend für diese von einer dritten Person ausgeführt werden.“

Das Medizinproduktegesetz regelt in § 3 Nr. 23 die Definition des Sponsors: „Sponsor ist eine natürliche oder juristische Person, die die Verantwortung für die Veranlassung, Organisation und Finanzierung einer Klinischen Prüfung bei Menschen oder einer Leistungsbewertungsprüfung von In-vitro-Diagnostika übernimmt.“

Weiterhin findet man in §3 Nr. 24 Satz 1 eine Definition zum Prüfer (engl.: Investigator):

„Prüfer ist in der Regel ein für die Durchführung der Klinischen Prüfung bei Menschen in einer Prüfstelle verantwortlicher Arzt oder in begründeten Ausnahmefällen eine andere Person, deren Beruf auf Grund seiner wissenschaftlichen Anforderungen und der seine Ausübung voraussetzenden Erfahrungen in der Patientenbetreuung für die Durchführung von Forschungen am Menschen qualifiziert.“

Die Verantwortung des Sponsors liegt also in der Veranlassung einer Klinischen Studie (z. B. Initiierung von Prüfzentren), ebenso die Organisation der Klinischen Studie(z.B. Genehmigungsverfahren, Protokoll, Monitoring, etc.). Er trägt auch die finanzielle Verantwortung (Zahlungen von Vergütungen, Beantragen von Fördermitteln) für die Studie.

Der Sponsor ist Empfänger vieler Vorgaben für die Klinische Prüfung mit Medizinprodukten, denn die Klinische Prüfung eines Medizinproduktes darf bei Menschen nur durchgeführt werden, wenn ein Sponsor oder ein Vertreter des Sponsors vorhanden ist. Weiterhin ist durch den Sponsor eine zustimmende Bewertung bei der nach Landesrecht für den Prüfer zuständigen unabhängigen Ethik-Kommission zu beantragen. Zu guter Letzt: Die erforderliche Genehmigung beantragt der Sponsor bei der zuständigen Bundesoberbehörde. Selbstverständlich können Teile oder aber auch alle Aufgaben an Dritte delegiert werden. Kooperationen mit Clinical Research Organisation (CROs) und Koordinierungszentren für klinische Studien (KKS) sind in der Praxis häufig. Wichtig ist hierbei: Auch im Falle einer Delegation bleibt die Gesamtverantwortung der Klinischen Prüfung beim Sponsor.

„Die Kosten für eine Klinische Studie lassen sich nur schwer verallgemeinern und beziffern. Es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, welche Studienleistungen und Umfänge notwendig sind, um individuelle Vorhaben gegebenenfalls gemeinsam umzusetzen“, weiß Melanie Wurzel, gschäftsführende Gesellschafterin der Dr. Notghi Contract Research GmbH.
„Die Kosten für eine Klinische Studie lassen sich nur schwer verallgemeinern und beziffern. Es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, welche Studienleistungen und Umfänge notwendig sind, um individuelle Vorhaben gegebenenfalls gemeinsam umzusetzen“, weiß Melanie Wurzel, gschäftsführende Gesellschafterin der Dr. Notghi Contract Research GmbH.
(Bild: Anke Illing)

In der Praxis, insbesondere in IIT-Studien (Investigator Initiated Trials), findet man auch eine Mischform, den Sponsorinvestigator. Wenn also der Investigator (Prüfer) eine Studie initiiert, Gelder verwaltet und ausschüttet, ist er automatisch Sponsor der Studie mit der Gesamtverantwortung für das Vorhaben. Der Finanzierer/Förderer stellt die finanziellen Mittel ganz oder teilweise für die Studie zur Verfügung, hat aber eingeschränkte Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten auf das Studienvorhaben.

Planung- und Konzeption von Klinischen Studien mit Medizinprodukten

Zunächst müssen einige Fragen beantwortet werden.

  • 1. Handelt es sich um ein bereits zugelassenes Produkt?
  • 2. Wird das Produkt im Rahmen der geplanten Studie in seiner Zweckbestimmung eingesetzt?
  • 3. Werden zusätzlich invasive und/oder zusätzlich belastende Untersuchungen (abweichend von der Standardtherapie) durchgeführt?

Ein wichtiger Abgrenzungsmaßstab ergibt sich aus § 23b MPG: „Die §§ 20 bis 23a sind nicht anzuwenden, wenn eine Klinische Prüfung mit Medizinprodukten durchgeführt wird, die nach den §§ 6 und 10 die CE-Kennzeichnung tragen dürfen, es sei denn, diese Prüfung hat eine andere Zweckbestimmung des Medizinproduktes zum Inhalt oder es werden zusätzlich invasive oder andere belastende Untersuchungen durchgeführt.“

In §§ 20 bis 23a werden allgemeine und besondere Vorschriften zur Klinischen Prüfung, Verfahren bei den Ethik-Kommissionen, Genehmigungen durch die Bundesoberbehörde (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM) sowie Änderungen, Rücknahmen von Genehmigungen, Durchführung von klinischen Prüfungen und der Umgang mit Meldungen über abgebrochene und beendete Studien geregelt.

Welche Rolle spielen diese Regelungen in der Praxis? Es bedeutet z.B., dass bestimmte PMCF-Studien (Post-Market Clinical Follow-up), AWBs (Anwendungsbeobachtungen), Registerstudien oder andere nicht-interventionelle Studien (NIS), die unter §23b fallen, keiner Genehmigung einer Klinischen Prüfung durch die Bundesoberbehörde und zustimmende Bewertung durch die Ethikkommission bedürfen, keine Probandenversicherung benötigen und SAEs (serious adverse event/schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis) nicht an die Bundesoberbehörde gemeldet werden müssen.

Doch gibt es auch für nicht-interventionelle Studien, die unter § 23bMPG fallen, Vorschriften, die einzuhalten sind:

  • eine berufsrechtliche und -ethische Beratung durch eine zuständige Ethik-Kommission, falls die Klinische Prüfung von einem Arzt durchgeführt wird (vgl. § 15 Abs. 1 Musterberufsordnung für die deutschen Ärztinnen und Ärzte),
  • eine datenschutzrechtliche Aufklärung und Einwilligung des Patienten (abhängig davon, welche Daten gesammelt werden),
  • die Erfassung der SAEs und Meldung im Jahresbericht an die Ethik-Kommission (Deklaration von Helsinki) sowie
  • die Meldung von Vorkommnissen nach MPSV-Vorgaben.

Wir wissen also, in welchem gesetzlichen Umfeld wir uns mit dem geplanten Vorhaben bewegen. Das ist sehr wichtig. Denn dies hat maßgeblichen Einfluss auf das Budget, die Auswahl der Dienstleister, die Timelines und Ressourcen. In der Planungsphase einer Klinischen Prüfung ist es weiterhin sehr wichtig, einen in der Klinischen Forschung erfahrenen Statistiker einzubeziehen, um gemeinsam das Studienkonzept und das Design /Studientypen zu besprechen und die Umsetzbarkeit zu diskutieren. Patientenzahlen (Fallzahlen) und ein gut durchdachtes Studienkonzept erfordern zu Beginn Fleiß und Geduld, sparen im Verlauf einer Studie dann aber bares Geld.

Nun muss das Protokoll geschrieben werden. Diese Aufgabe wird von erfahrenen Medical Writern in CROs übernommen. Auch hier empfehlen sich nach Fertigstellung des Protokolls Reviewprozesse durch mindestens eine verantwortliche Person, z.B. den Statistiker oder einen Fachexperten (Mediziner). Ist das Protokoll finalisiert und wurden weitere studienrelevante Entscheidungen getroffen, wird die Studie eingereicht.

An diesem Punkt sollte man sich bereits im Klaren sein, wer für das Vorhaben verantwortlich ist und wie die Aufgaben verteilt sind. Hat ein Unternehmen noch keine Erfahrungen in der Durchführung von Klinischen Prüfungen und keine eigenen geschulten Ressourcen, dann hilft es, eine CRO oder ein Koordinierungszentrum für klinische Studien (KKS) hinzuzuziehen. Sie stellen neben ihren Erfahrungen im Umgang mit Behörden und der Studiendokumentation das Datenmanagement, Monitoring (Überwachung), Vigilanz (Meldungen von SAEs/ Vorkommnisse), Medical Writing (Schreiben von Studienberichten), aber auch Studien- und Projektmanagement zur Verfügung. Je nach Intervention und Indikation sind die Aufgaben vielschichtiger und komplexer, und es bietet sich an, sich gut beraten und auch unterstützen zu lassen. Auch die teilnehmenden Prüfzentren und Arztpraxen müssen sowohl im Genehmigungsverfahren, im Budget als auch im zeitlichen Aspekt berücksichtigt werden.

Gehen wir nun davon aus, dass die CRO des Vertrauens und des Budgets gefunden wurde und das die Timelines abgestimmt sowie die Genehmigungsverfahren, sofern notwendig, abgeschlossen sind.

Durchführung und Dokumentation von Klinischen Studien für Medizinprodukte

Zu Beginn der Durchführungsphase bzw. am Ende der Planungsphase ist das Datenmanagement hinzuzuziehen. Die zu erhebenden Daten müssen gemäß dem Protokoll strukturiert abgebildet und anschließend in einer für Klinische Studien validierten Datenbank aufgesetzt werden. Es beginnt die Qualifizierung der teilnehmenden Prüfzentren und/oder Arztpraxen für die Studie und die Initiierung. Das bedeutet: Eine Überprüfung des Prüfzentrums findet statt und das Studienpersonal wird auf die Studie trainiert. Auch hier sollte nicht an der falschen Stelle gespart werden. Ein gut vorbereiteter Anfang erhöht die Datenqualität und belebt die Motivation des Studienpersonals, die Studie bis ins Ziel zu begleiten. Sind die ersten Schritte gegangen, können Patienten rekrutiert werden und die Studiendurchführung beginnt.

In dieser Phase sind zahlreiche essenzielle Dokumente zu erstellen und entsprechend zu verteilen. Je nach Studie überwachen Monitore (Clinical Research Associates) die ordnungsgemäße Studiendurchführung. Auch hier sollte im Studienverlauf regelmäßig überprüft werden, ob es Rekrutierungsschwierigkeiten und oder andere Probleme an den Zentren gibt, um mit entsprechenden Maßnahmen rechtzeitig entgegenwirken zu können. Je nach gewünschter Datenqualität sollten die Daten in regelmäßigen Abständen auf Plausibilität, Validität und Vollständigkeit überprüft werden. Entsprechend der Intervention ist das Melden von Vorkommnissen, SAEs und Berichten zwingend einzuhalten. Das in Klinischen Studien eingesetzte Personal sollte immer auf die aktuell gültigen Guidelines, Richtlinien, Prozesse und Protokolle trainiert sein. Das ist insbesondere bei längeren Vorhaben und bei Personalwechseln nicht außer Acht zu lassen. Es bestehen hier oberste Sorgfalts- und Dokumentationspflichten. Klare Kommunikationsstrukturen und Berichtslinien sorgen für den nötigen Überblick und Informationsfluss.

Sind alle Patienten rekrutiert und hat der letzte die Behandlung erfolgreich abgeschlossen, wird die Datenbank geschlossen. Es beginnt die Auswertung der Daten. Die teilnehmenden Zentren müssen unmittelbar über das Ende der Studie informiert werden, damit endet die Aufnahme weiterer Patienten. Die Studiendokumentation ist zu überprüfen, zusammenzuführen und zu archivieren. Studienergebnisse werden nun ausgewertet, berichtet und veröffentlicht. Gesetzliche Fristen und Bedingungen gelten auch für die Archivierung der Studienunterlagen.

Wie geht man mit Vorkommnissen und schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen um?

Gemäß der Definition von schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen nach der Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung ist jedes SAE in einer genehmigungspflichtigen Klinischen Prüfung oder genehmigungspflichtigen Leistungsbewertungsprüfung meldepflichtig. Ein SAEs ist jedes in einer Klinischen Prüfung oder einer genehmigungspflichtigen Leistungsbewertungsprüfung auftretende ungewollte Ereignis, das unmittelbar oder mittelbar zum Tod oder zu einer schwerwiegenden Verschlechterung des Gesundheitszustands eines Probanden, eines Anwenders oder einer anderen Person geführt hat, geführt haben könnte oder führen könnte ohne zu berücksichtigen, ob das Ereignis vom Medizinprodukt verursacht wurde. (§ 2 Nr. 5 MPSV).

Alle SAEs sind vom Prüfer an den Sponsor zu melden. Der Sponsor oder die CRO im Auftrag des Sponsors meldet alle schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse in Deutschland an das BfArM. Dies gilt auch, wenn sie außerhalb von Deutschland aufgetreten sind. Wird eine Klinische Prüfung auch in anderen Vertragsstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum durchgeführt, hat der Sponsor den dort zuständigen Behörden ebenfalls Meldung über in Deutschland aufgetretene schwerwiegende unerwünschte Ereignisse zu erstatten. Es gelten die Meldefristen gemäß MPSV (s.u.).

Darüber hinaus kann eine Vorkommnismeldung gemäß MPSV erforderlich sein. Ein Vorkommnis ist eine Funktionsstörung, ein Ausfall oder eine Änderung der Merkmale oder der Leistung oder eine Unsachgemäßheit der Kennzeichnung oder der Gebrauchsanweisung eines Medizinprodukts, die unmittelbar oder mittelbar zum Tod oder zu einer schwerwiegenden Verschlechterung des Gesundheitszustands eines Patienten, eines Anwenders oder einer anderen Person geführt hat, geführt haben könnte oder führen könnte (MPSV § 2 Abs. 1).

Der Verantwortliche nach § 5 des Medizinproduktegesetzes hat Vorkommnisse, die in Deutschland aufgetreten sind, sowie in Deutschland durchgeführte Rückrufe der zuständigen Bundesoberbehörde zu melden. In anderen Vertragsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums aufgetretene Vorkommnisse und durchgeführte Rückrufe hat er den dort zuständigen Behörden zu melden. Rückrufe, die auf Grund von Vorkommnissen, die außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums aufgetreten sind, auch im Europäischen Wirtschaftsraum durchgeführt werden, sind meldepflichtig. Die Meldung derartiger korrektiver Maßnahmen, einschließlich des zugrunde liegenden Vorkommnisses, hat an die zuständige Bundesoberbehörde zu erfolgen, wenn der Verantwortliche nach § 5 des Medizinproduktegesetzes seinen Sitz in Deutschland hat.

Vierteljährliche Meldung deutscher SAEs im Sinne des § 5 Absatz 2 MPSV

Nach § 5 Absatz 2 MPSV sind seit dem 29.07.2014 alle SAEs aus deutschen Prüfstellen, für die ein Zusammenhang mit dem zu prüfenden Medizinprodukt, einem Vergleichsprodukt oder den in der Klinischen Prüfung angewandten therapeutischen oder diagnostischen Maßnahmen oder den sonstigen Bedingungen der Durchführung der Klinischen Prüfung ausgeschlossen werden kann, vom Sponsor vollständig zu dokumentieren und in zusammenfassender Form vierteljährlich oder auf Aufforderung dem BfArM zu melden. Es besteht auch eine Meldepflicht, wenn keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse in einem Meldeintervall auftreten.

Nach § 10 MPSV schließt die Risikobewertung im Falle von SAEs aus Klinischen Prüfungen die Zusammenarbeit mit dem Sponsor oder dem Leiter der klinischen Prüfung ein. Nach § 12 Abs. 3 MPSV gelten im Falle von Klinischen Prüfungen die in Absatz 1 und 2 genannten Mitwirkungspflichten entsprechend für den Sponsor sowie für die die Klinische Prüfung durchführenden Personen.

Gemäß § 20 Satz 4 Nr. 1 MPG darf eine Klinische Prüfung eines Medizinproduktes nur durchgeführt werden, wenn und solange die Risiken, die mit ihr für die Person verbunden sind, bei der sie durchgeführt wird, gemessen an der voraussichtlichen Bedeutung des Medizinproduktes für die Heilkunde ärztlich vertretbar sind. Zu diesem Punkt erfolgt eine ausführliche Stellungnahme, und vor dem Hintergrund aller bislang aufgetretenen SAEs, muss belegt werden, dass die ärztliche Vertretbarkeit weiterhin gegeben ist. Die Pflicht zur Risikobewertung jedes einzelnen SAEs hinsichtlich der in der Eingangsbestätigung des BfArM genannten Aspekte bleibt hiervon unberührt.

Gemäß § 22b Absatz 2 MPG kann die zuständige Bundesoberbehörde die Genehmigung widerrufen, wenn Tatsachen Anlass zu Zweifeln an der Unbedenklichkeit oder der wissenschaftlichen Grundlage der Klinischen Prüfung geben. In diesem Fall kann auch das Ruhen der Genehmigung befristet angeordnet werden.

Gemäß § 5 Absatz 2 MPSV gelten folgende Meldeverpflichtungen:

Unverzüglich zu erfolgen haben

  • die Meldungen gemäß § 3 Absatz 5 MPSV (Meldung des Prüfers an den Sponsor)
  • die Meldungen des Sponsors von SAEs, für die ein Zusammenhang mit dem zu prüfenden Medizinprodukt, einem Vergleichsprodukt oder den in der Klinischen Prüfung angewandten therapeutischen oder diagnostischen Maßnahmen oder den sonstigen Bedingungen der Durchführung der Klinischen Prüfung nicht ausgeschlossen werden kann, an das BfArM (gemäß § 5 Absatz 2 Satz 2 MPSV)
  • die Meldungen gemäß § 3 Absatz 6 Satz 3 MPSV (Meldungen von SAEs aus deutschen Prüfstellen an die zuständigen Behörden in anderen Vertragsstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum, in denen die Klinische Prüfung ebenfalls durchgeführt wird).

Alle anderen SAEs sind vom Sponsor vollständig zu dokumentieren und in zusammenfassender Form vierteljährlich oder auf Aufforderung dem BfArM zu melden. Des Weiteren muss der Sponsor der Klinischen Prüfung die für seine Risikobewertung erforderlichen Untersuchungen unverzüglich durchführen und der Bundesoberbehörde die Ergebnisse mitteilen (§ 12 Abs. 3 MPSV). Im Rahmen einer zusammenfassenden SAE-Bewertung sind die seit Studienbeginn aufgetretenen SAE-Fälle regelmäßig zu bewerten.

Kosten einer Klinischen Studie und Förderung durch den Bund

Fördermittel sind eine gute Möglichkeit, die Kosten zu minimieren, da der Aufwand allerdings erheblich ist, werden viele Fördermittel nicht abgerufen oder abgelehnt. Bei den Kosten einer Klinischen Studie spielt niemand mit offenen Karten. Aus den unterschiedlichsten Gründen. In dem Pharmabrief: „Was kostet Pharmaforschung wirklich?“ geben die Unternehmen Kosten von 800 Mio. Dollar pro Medikament an, eine Untersuchung der Tufts Universität (USA) kam im gleichen Zeitraum auf 403 Mio. und nach Abzug von Steuern und Fördermittel auf 250 Mio. Dollar.

Die deutsche Medizintechnik setzt jährlich 25 Mrd. Euro um – mit steigender Tendenz. Zirka 10 Prozent davon werden in die Forschung investiert. Über die Hälfte des Umsatzes machen Produkte aus, die jünger als zwei Jahre sind. Die Bundesregierung hat die Wichtigkeit der gesamten Medizintechnik Branche erkannt und die Fördermittel bis 2025 auf 3,7 Mrd. Euro aufgestockt. Bis vor zwei Jahren war die Förderungslandschaft noch unübersichtlicher als die Gesetzeslage zur klinischen Forschung in der Medizintechnik. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat inzwischen eine Internetplattform eingerichtet, die als guter Ausgangspunkt für Information und Fördermöglichkeiten gilt.

Die Kosten für eine Klinische Studie lassen sich nur schwer verallgemeinern und beziffern. Es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, welche Studienleistungen und Umfänge notwendig sind, um individuelle Vorhaben gegebenenfalls gemeinsam umzusetzen. Aus der Erfahrung heraus ist es insbesondere in der Planungsphase wichtig, nichts zu überstürzen. Hohe Kostenfaktoren können beispielsweise im Klinischen Bereich, in Datenbanksystemen und im Monitoring auftreten. Aber auch Rekrutierungsprobleme können Kosten in die Höhe treiben. Wichtiges gehört in die Hände von Experten, so auch die Klinische Forschung. Externe Unterstützung hilft, frühzeitig Fehler zu vermeiden, spart Geld und kann schnell Ergebnisse bringen.

Dieser Artikel ist entstanden mit der umfangreichen Unterstützung der Dr. Notghi Contract Research GmbH. Alle Angaben zu zitierten oder benannten Gesetzestexten sind ohne Gewähr. Im Zweifel gilt der aktuelle Gesetzestext.

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* Die Autoren: Alexander Schaal arbeitet als Berater, Interimsmanager, Trainer und Dozent. Kontakt: info@11statt12.de.Melanie Wurzel ist Geschäftsführende Gesellschafterin der Dr. Notghi Contract Research GmbH.

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