WZL/RWTH Aachen

Wachsende Komplexität: Dentsply Sirona reagiert mit Baukastengestaltung

| Autor / Redakteur: Abassin Aryobsei, Günther Schuh / Peter Reinhardt

Prozess zur Gestaltung und Implementierung des Baukastensystems bei Dentsply Sirona.
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Prozess zur Gestaltung und Implementierung des Baukastensystems bei Dentsply Sirona. (Bild: WZL)

Unternehmen der Medizintechnikbranche werden mit rasant wachsender Komplexität konfrontiert. Als Teil des systematischen Komplexitätsmanagements begegnet der Dentalhersteller Dentsply Sirona dem mit einer Baukastengestaltung.

  • Fokusgruppe Medizintechnik fördert branchenzentrierten Austausch bezüglich Best Practices
  • Nachhaltiger Kompetenzaufbau zum Komplexitätsmanagement in der Complexity Community
  • Methodische Vorgehensweise zur Baukastengestaltung

Ergänzendes zum Thema
 
Die Autoren dieses Beitrags

Kürzere Produktlebenszyklen, Globalisierung, individuellere Kundenanforderungen und ein hochreguliertes Umfeld: Vor diesen Herausforderungen stehend hat Dentsply Sirona im Geschäftsbereich der dentalen Behandlungseinheiten ein Baukastensystem in Zusammenarbeit mit der Complexity Management Academy und dem Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen entwickelt und erfolgreich implementiert. Abbildung 1 zeigt die vier Phasen, welche von der Anforderungsanalyse bis zur Nutzung des Baukastensystems im Rahmen des Projektes durchlaufen wurden.

Kontinuierlicher Austausch in der Complexity Community

Parallel zu der Erarbeitung und Implementierung des Baukastensystems nutzt Dentsply Sirona als Mitglied der Fokusgruppe Medizintechnik den kontinuierlichen Austausch in der Complexity Community. Grundgedanke der Community ist die Vernetzung von Unternehmen, die ähnliche Problemstellungen im Bereich des Komplexitätsmanagements teilen. In der Fokusgruppe Medizintechnik steht in diesem Rahmen der branchenzentrierte Austausch bezüglich der Best Practices beispielsweise im Variantenmanagement oder in der Gestaltung von Produktarchitekturen mit weiteren Herstellern medizintechnischer Produkte im Vordergrund. Die damit entstehende Complexity Community trägt so zum nachhaltigen Kompetenzaufbau im Komplexitätsmanagement bei.

Im Folgenden werden die Schritte des methodischen Vorgehens zur Baukastengestaltung jeweils knapp vorgestellt, bevor die spezifischen Vorgehensweisen sowie die wesentlichen Erkenntnisse auf dem Weg zur Baukastennutzung bei Dentsply Sirona erläutert werden.

Analyse der Rahmenbedingungen

Zunächst werden in Phase I die externen sowie die internen Rahmenbedingungen in Form von Marktanforderungen beziehungsweise in Form bestehender Komponenten- und Prozessvarianz identifiziert. Aus diesen Rahmenbedingungen lassen sich die Anforderungen und Ziele an den Baukasten ableiten.

Die Varianz des Produktportfolios konnte bei Dentsply Sirona mithilfe einer Analyse der bestehenden Vertriebsdaten aufgezeigt werden. So konnten die in der Vergangenheit abgesetzten Produkt-Konfigurationen beschrieben werden. Zur transparenten Darstellung und weiteren Bewertung dieser Informationen wurde die Software Complexity Manager eingesetzt, welche das professionelle Varianten- und Komplexitätsmanagement unterstützt. Durch die Verknüpfung der verschiedenen Konfigurationen auf Gesamtproduktebene mit den Absatzzahlen aus der Vergangenheit konnte eine charakteristische Absatzverteilung gemäß des Pareto-Prinzips herausgearbeitet werden. Auf Basis dieser Informationsbereitstellung wurden insbesondere im Bereich des Produktmanagements weiterführende Diskussionen zur marktseitig notwendigen Vielfalt sowie zur künftigen Marktsegmentierung angestoßen.

Neben der Analyse der marktseitigen Differenzierung gilt es in der ersten Phase ebenso die bestehende interne Vielfalt auf Komponenten- und Prozessebene zu beleuchten. In diesem Zuge konnte herausgearbeitet werden, dass beispielsweise die hohe Anzahl an Zusammenbauvarianten hydropneumatischer und elektropneumatischer Baugruppen zu einer starken Vielfalt in der Montage des Arztelements führt. Es wurden verschiedene variantentreibende Baugruppen identifiziert, die hinsichtlich ihres Standardisierungspotenzials als besonders erfolgversprechend erachtet wurden.

Definition von Baukastenstandards

Im Anschluss werden in Phase II die einzelnen Produktumfänge einer detaillierten Analyse zugeführt, welche in Form einer Kommunalitätsmatrix systematisiert wird. Ziel dieser Phase ist es, sowohl auf Ebene physischer Bauteile und Komponenten als auch auf technologischer Ebene Baukastenstandards zu erarbeiten.

In der Kommunalitätsmatrix wurden bei Dentsply Sirona verschiedene Konfigurationen den generischen Komponenten gegenübergestellt. Wie schematisch in Abbildung 2 dargestellt, kann somit aufgezeigt werden, an welchen Stellen eine Standardisierung möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Andererseits wird dargelegt, welche Produktumfänge aufgrund ihres signifikanten Beitrags zur Produktdifferenzierung individuell innerhalb des jeweiligen Kundensegments anzupassen sind.

Standardisierte und variable Produktmerkmale zuordnen

In Phase III wird anschließend der Konfigurationsraum des Baukastens definiert. Dazu werden die standardisierten und die variablen Produktmerkmale den Komponenten oder Baugruppen in Form von Modulen einer generischen Produktstruktur zugeordnet.

Der Konfigurationsraum des Baukastens bei Dentsply Sirona wird, wie Abbildung 3 zeigt, durch Module und untergeordnete Submodule aufgespannt. Während standardisierte Submodule auf maximale Skaleneffekte durch produktübergreifenden Einsatz abzielen, dienen variable Submodule zur marksegmentspezifischen Differenzierung der Produkte, indem alternative Varianten zur Auswahl vordefiniert sind. Spezifische Submodule ermöglichen eine weitere Differenzierung, da diese optional in einzelnen Produkten verbaut werden können und somit die Bedienung individueller Kundenanforderungen ermöglichen.

Die organisatorische Verankerung

Zentraler Bestandteil der Nutzung von Baukastensystemen ist deren Verankerung in der Aufbau- und der Ablauforganisation, welche mit Beginn des ersten, auf dem Baukasten basierenden Produktentwicklungsprojekt, angepasst sein sollte.

In einer Abteilung hat Dentsply Sirona die Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Kompetenzen des Baukastensystems zentral gebündelt. Darüber hinaus wurden Modulverantwortliche benannt, welche in ein Produktentwicklungsprojekt regulär eingebunden sind und die Anforderungen des Baukastensystems entsprechend vertreten. Diese Art der organisatorischen Verankerung ermöglicht die eindeutige Priorisierung von Zielkonflikten zwischen einer Einzelproduktentwicklung und der konsequenten Anwendung von Baukastenstandards. Derartige Zielkonflikte können nur effektiv aufgelöst werden, sofern dem Projektleiter im Einzelprojekt ein ebenbürtiger Vertreter des Baukastensystems gegenübersteht, welcher die Standards des Baukastensystems gegenüber den oftmals engen Projektzielen in Zeit, Kosten und Qualität repräsentiert. Da eine gute organisatorische Verankerung entscheidend zum Erfolg sowie zur Akzeptanz des Baukastensystems innerhalb der Entwicklungsorganisation beiträgt, nutzt Dentsply Sirona insbesondere in diesem Zusammenhang den Erfahrungsaustausch mit weiteren Herstellern medizintechnischer Produkte im Rahmen der Fokusgruppe Medizintechnik.

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