Swiss Medtech

Straumann-Chef: „Der Erfolg von gestern ist kein Garant für morgen“

| Autor / Redakteur: Kathrin Cuomo-Sachsse* / Peter Reinhardt

Über 600 Vertreter aus Industrie, Handel und Forschung nahmen an der Verleihung des Swiss Medtech Awards, am Science-Slam, an diversen Breakout-Sessions und Fachvorträgen teil.
Über 600 Vertreter aus Industrie, Handel und Forschung nahmen an der Verleihung des Swiss Medtech Awards, am Science-Slam, an diversen Breakout-Sessions und Fachvorträgen teil. (Bild: Andreas Mosimann / Swiss Medtech)

Was tun, wenn auf einmal der Erfolg nachlässt? Auf dem Swiss Medtech Day am 12. Juni in Bern hat der Straumann-CEO Marco Gadola erklärt, wie er sein Unternehmen neu ausgerichtet hat. Die über 600 Vertreter aus Industrie, Handel und Forschung diskutierten außerdem über digitale Transformation.

  • Beispiele erfolgreicher Digitalisierungsstrategien
  • Uber Health, ein Taxi-Dienst mit Ärzten
  • Ein Mini-Krankenhaus am Arm
  • MDR/IVDR Swiss Implementation Task Force

Im Fokus des Swiss Medtech Day 2018 standen die digitale Transformation in Unternehmen und weitere innovative Wege, wie zum Beispiel der strategische Richtungswechsel der Straumann Group. Ihr CEO, Marco Gadola, beschrieb den spektakulären Weg seiner Firma aus der Krise hin zum Weltmarktführer. Nach zehn Jahren Dauerwachstum sackte der Börsenwert der Firma von 5,8 Mrd. CHF im Jahr 2008 auf 1,5 Mrd. CHF 2012 ab. Dies sei ein Schock für den erfolgsverwöhnten Schweizer Dental-Spezialisten gewesen: „Wir verfolgten damals noch in Start-up-Manier eine Wachstumsstrategie und waren sehr zentral auf unsere angestammten Märkte und unsere Premium-Produkte ausgerichtet“, so Gadola. Als Sofortmaßnahme leitete die Geschäftsspitze Restrukturierungsmaßnahmen ein, reduzierte unter anderem den Mitarbeiterbestand um 15 Prozent.

Der Wandlungsfähigste gewinnt

Wesentlich für eine nachhaltige Neuausrichtung war jedoch, die Kunden wieder vermehrt ins Zentrum zu rücken, das Portfolio auszuweiten, den Non-Premium Bereich anzugehen und noch unerschlossene Segmente und Wachstumsmärkte wie zum Beispiel Indien und Russland anzugehen. Das Ziel: Der Gesamtlösungsanbieter im Zahnersatz-Bereich zu werden. Wichtig dazu war laut Gadola neben der laufenden Lancierung neuer Produkte die Etablierung eines kontinuierlichen Innovationsmanagements und einer nachhaltigen Corporate Culture.

Inzwischen ist Straumann mit einem Anteil von 24 Prozent wieder globaler Leader in einem „konzentrierten“ Markt für Zahnimplantate. Der Börsenwert hat 2017 10 Mrd. CHF erreicht. Wichtigste Erkenntnis: „Nicht mehr in die „Selbstgefälligkeits-Falle zu tappen. Der Erfolg von gestern ist kein Garant für morgen. “ Heute hält sich das Unternehmen an den Grundsatz von Charles Darwin: „Der Wandlungsfähigste gewinnt, nicht der Stärkste und Intelligenteste.“ Und so ist es auch logisch, dass Straumann neben dem Einsatz neuer Materialien auf Digitalisierung setzt – von der Patientenuntersuchung über das Labor bis hin zur Produktion.

Digitalisierung ist Chefsache

Über die Dringlichkeit der digitalen Transformation sprach denn auch Keynote-Referentin Prof. Dr. Andréa Belliger vom Institut für Kommunikation & Führung IKF. Mittlerweile sind in der Schweiz bis zu 99 Prozent der 15- bis 54-Jährigen online sowie über zwei Drittel in mindestens einem Social-Media-Kanal aktiv. Und immer mehr organisieren sich Unternehmen über Netzwerke oder bilden, ähnlich wie Airbnb, Plattformen beziehungsweise Community-Marktplätze. Dazu führte sie auch aktuelle Beispiele im Health-Care-Bereich auf wie Cityblock, ein personalisiertes Gesundheits-System, oder Uber Health, ein Taxi-Dienst mit Ärzten.

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In der Schweiz würden Online-Plattformen wie die „Zur Rose“-Apotheke oder „Medbase“ von der Migros als größtes Netzwerk im ambulanten Bereich den Offline-Markt übernehmen. Diesbezüglich mahnte Belliger die Schweizer Gesundheitsindustrie, besser den Bedürfnissen ihrer Kunden nachzukommen. „Viel Potenzial liegt im E- und M-Health-Bereich. Hier wird technologisch nur an der Oberfläche gekratzt. Doch Digitalisierung im Gesundheitswesen bedeutet viel mehr als Automatisation, Sensortechniken, Robotik, künstliche Intelligenz etc. Digitale Transformation ist als kulturelle Herausforderung Chefsache und damit zentraler Teil von Management und Leadership“, betonte die Digital-Expertin.

Mit E-Health-Lösungen erheblich Kosten einsparen

Auch laut Olivier Willi, CEO von Visionary Ltd., ist das Digitalisierungspotenzial in der Schweiz enorm: Nach wie vor ist in Marketing und Sales die physische, sprich direkte persönliche Beratung der Hauptkanal. Der Anteil des digitalen Vertriebs liegt lediglich bei zirka 3 Prozent. Seine Firma Visionary ist mit Docbox und mittlerweile 10.000 angeschlossenen Ärzten die größte Schweizer E-Health-Plattform. Willi empfahl in einer Breakout-Session, die digitale Kommunikation im Healthcare-Bereich auch wegen des Regulierungs- und Preisdrucks voranzutreiben. E-Health-Lösungen trügen erheblich zu Kostenersparnissen im Gesundheitswesen bei. „Der Fertilitätstracker von Ava und der Heimtest von Bühlmann Laboratories sind der Beweis für gelebte Digitalisierung hierzulande“, betonte Simon Michel, CEO von Ypsomed – wie Straumann und die „Lichtsteiner Stiftung“ Sponsor des Swiss Medtech Awards – während der Preisverleihung.

Von aktiven Implantaten über diagnostische Sensoren hin zu neuartigen Biomaterialien

Wie es möglich ist, „jung zu sterben“? Das demonstrierte beispielweise die Firma Biovotion beim Science Slam. Ihr tragbares Monitoring-Gerät funktioniert wie ein Mini-Krankenhaus am Arm und misst/kontrolliert verschiedene physiologischer Werte. Unter dem Patronat von Innosuisse zeigten insgesamt acht Teams ihre Neuheiten: Spannend auch das Roboterauge von Ophthorobotics. Das erste vollautomatische System ermöglicht sichere und präzise Injektionen zur effizienten Behandlung mehrerer chronischer ophthalmologischer Krankheiten, die nicht „ins Auge gehen“. Am Ende der unterhaltsamen, pitch-artigen Präsentationen kürte das Publikum die Firma Credentis zum Sieger. Ihr Medizinprodukt sorgt ohne Bohren für den Erhalt und die Regenerierung des Zahnschmelzes.

Darüber hinaus wurden 39 Poster mit innovativen Medtech-Forschungsprojekten vorgestellt. Im Mittelpunkt einer der sechs Breakout Sessions standen aktive Implantate wie organische Neuroprothesen, diagnostische Sensoren sowie neuartige Biomaterialien. In zwei weiteren Breakout Workshops erhielten die Teilnehmer einen Überblick über die Schweizer Innovationsförderung und die vielfältigen regionalen Unterstützungsmodelle für Start-ups. Schließlich wurden ihnen alternative Ansätze sowie mögliche Entscheidungskriterien beim Eintritt in neue Märkte vermittelt.

Hilfe im MDR-Dschungel: Allianzen schmieden

Beat Vonlanthen, der am Vortag gewählte neue Präsident von Swiss Medtech, unterstrich auf dem Swiss Medtech Day die Bedeutung der hochinnovativen und exportstarken Schweizer Medizintechnik für den Gesundheitssektor und für die Volkswirtschaft des Landes. Der Verband berät und leistet aktiv Hilfestellung, beispielsweise mit der vor einem Jahr gegründete „MDR/IVDR Swiss Implementation Task Force (SIT)“ unter der Leitung von Peter Studer, Leitung Regulatory Affairs Swiss Medtech. Bisher haben über 300 Medtech-Firmenvertreter an den themenspezifischen Workshops teilgenommen, Informationen und Best Practices ausgetauscht.

Jetzt will Swiss Medtech noch einen Schritt weiter gehen und plant zur weiteren Unterstützung bei der Einführung der neuen EU-Regulierungen den Aufbau von sogenannten Kollaborations-Sessions. Die Teilnehmer der Breakout Session zum Thema diskutierten das Für und Wieder von Allianzen unter Industriepartnern. Daniel Zimmerli, Walder Wyss, erläuterte die kartellrechtlichen Rahmenbedingungen solcher Kollaborationen. Dabei spielen unter anderem Gruppenfreistellungsverordnungen (GVO) der EU eine Rolle, die auch für Unternehmen in der Schweiz als wichtige Erkenntnisquellen dienen können. Die GVO bieten Orientierungshilfen, wann Kooperationen wirtschaftlich effizient und damit kartellrechtlich gerechtfertigt sind.

Hansjörg Riedwyl, CEO der ISS AG, skizzierte Bereiche mit Kooperationspotenzial wie R&D, QM, Klinische Daten, PMS etc. sowie Modelle zur Umsetzung. Eine Entlastung durch Partnerschaften ließe sich beispielsweise durch eine gemeinsame Basisrecherche für klinische Bewertungen oder Studien erreichen. Im Rahmen von Pooling-Arrangements könnten die beteiligten Parteien so erheblichen Aufwand und Kosten sparen.

Dass dies übrigens grundsätzlich funktioniert, zeigt das Pilotprojekt einer gemeinschaftlichen klinischen Bewertung der deutschen Cluster-Initiative Medical-Mountains aus Tuttlingen. Auch dort arbeiten 14 Medtech-Firmen in einem Expert Table zur praktischen Umsetzung der EU-MDR eng zusammen und unterstützen sich und interessierte passive Unternehmen mit pragmatischen Hilfestellungen und Masterdokumenten. „Die Bereitschaft zur Kooperation ist vorhanden, wenn die Vorteile für alle Beteiligten klar auf der Hand liegen“, so Julia Steckeler, Projektleiterin der Medical-Mountains AG.

Ein Kooperations-Anlauf im Bereich geteilter Regulatory Affairs Reports kam laut Steckeler mangels Teilnehmer hingegen nicht in Gang: „Die Homogenität der Produkte und Exportmärkte, aber auch das gegenseitige Vertrauen der interessierten Unternehmen waren in diesem Fall nicht groß genug.“ Vielleicht kann hier die Schweiz demnächst Vorbild sein? Einige Interessierte folgten jedenfalls der Einladung des Verbands und trugen sich am Pinboard zu diversen MDR-Allianz-Themen ein.

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* Kathrin Cuomo-Sachsse, Kommunikation Swiss Medtech

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