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Nürnberg Messe Personalisierte Medizin auf der Medtec Live

| Autor/ Redakteur: Annett Petzold* / Peter Reinhardt

Mehr Effizienz in der Patientenversorgung, das ist das Leistungsversprechen personalisierte Medizin. Einen Querschnitt dessen was heute schon möglich ist erleben Besucher auf der Messe Medtec Live in Nürnberg.

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Mit Vollgas können sich Besucher der Medtec Live in Nürnberg dieses Jahr dem Thema personalisierter Medizin widmen.
Mit Vollgas können sich Besucher der Medtec Live in Nürnberg dieses Jahr dem Thema personalisierter Medizin widmen.
(Bild: Nürnberg Messe)
  • Personalisierte Medizin: zugleich Herausforderung und Chance für die Industrie
  • Connected Health entlang der gesamten Wertschöpfungskette
  • PLM-Software als Bindeglied zwischen Klinik und Hersteller

„Anspruch und Herausforderung der Gesundheitsforschung ist, für jede Patientin und jeden Patienten das höchstmögliche Maß an therapeutischer Wirksamkeit.“ Das erklärt das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dieser Leitsatz kann auch als Kern individualisierter Medizin verstanden werden. Dabei steht der Patient nämlich nicht nur bei der direkten, ärztlichen Konsultation im Fokus, sondern erhält Hilfsmittel und Pharmazeutika, die individuell auf ihn zugeschnitten sind. Für die Industrie ist das gleichermaßen Herausforderung und Chance.

Connected Health als Grundlage einer neuen Arzt-Patient-Beziehung

Ann-Christin Vahl, Vice President Operations bei der LifeTime GmbH, setzt an der Arzt-Patient-Kommunikation an und sieht darin auch den Grund für die Markteinführung ihrer Lifetime-App: „Analoge Prozesse mit geringen Sicherheitsstandards, wie Fax, lassen sich beispielsweise in Arztpraxen vereinfachen und digitalisieren. In der Lifetime-App können Patienten ihre komplette medizinische Historie, also Befunde, Arzttermine, Medikamenteneinnahmen und Patientendokumente sicher dezentral speichern und auf eigenen Wunsch verschlüsselt und datenschutzkonform, nach dem Privacy by Design Konzept, mit medizinischen Einrichtungen austauschen.“ Patienten und Ärzten ist damit ein ständiger Austausch möglich.

Durch diese Form der Onlinevernetzung können Patientenlivedaten wie Blutdruckmessungen direkt an den Arzt weitergeleitet werden. Dies ermöglicht zum einen eine effizientere und zeitsparendere Kommunikation und zum anderen eine individuellere und passendere Patientenversorgung durch den Arzt. „Die Idee einer personalisierten Medizintechnik beginnt bei Connected oder Mobile Health und setzt sich über die gesamte Wertschöpfungskette der Medizintechnik hinweg fort. Individuell für einen Patienten hergestellte Erzeugnisse oder Implantate sind aber auch eine Herausforderung für den Produktionsprozess. Deshalb greifen wir diese Themen auf der Medtec Live vom 31. März bis 2. April 2020 intensiv auf und diskutieren sie mit Zulieferern, Herstellern und Anwendern“, sagt Alexander Stein, Leiter der Fachmesse Medtec Live in Nürnberg.

Personalisierte Therapie reduziert Nebenwirkungen

„Es ist schon lange der Wunsch von Patienten und Ärzten, dass Therapien nur den Krebs behandeln und dass Nebenwirkungen im Körper vermieden werden. Das ist ein Teilaspekt der personalisierten Medizin“, konkretisiert Prof. Dr. med. Peter Fasching vom Universitätsklinikum Erlangen (Frauenklinik, in Kooperation mit dem CCC ER-EMN und dem DZI). Als Partner des Medical Valley EMN ist die Uni-Klinik Teil eines engmaschigen Netzes aus Institutionen, Unternehmen und Forschern, die sich in der Metropolregion Nürnberg zusammengeschlossen haben, um die Medizintechnik voranzubringen.

Was die Arbeit mit individualisierter Medizin für die Krebsbehandlung bedeutet, wird am Beispiel der Immuntherapie deutlich. Sie ist darauf ausgerichtet, Tumorzellen mithilfe des körpereigenen Immunsystems zu bekämpfen und hat die Zielsetzung, maßgeschneidert auf den jeweiligen Krebspatienten angepasst zu sein.

Der Gastrointestinale-Onkologie-Experte PD Dr. Dr. Clemens Neufert vom Universitätsklinikum Erlangen (Medizin 1, in Kooperation mit dem CCC ER-EMN und dem DZI) sieht die Immuntherapie als eine „enorme Innovation mit hohem Potenzial für eine bessere Behandlung von Krebserkrankungen. Während bei der Chemotherapie relativ unspezifisch Zellgift verabreicht wurde, kann hier eine (Re-)Aktivierung der körpereigenen spezifischen Abwehrfunktion gegenüber Krebszellen“ stattfinden.

Technologien für die individuell zugeschnittene Gesundheitsversorgung

„Wir wissen, dass personalisierte Medizin das Richtige ist, was mit Nachdruck umgesetzt werden muss“, betont Prof. Fasching mit Blick auf die Zukunft und setzt damit ein Ausrufungszeichen unter ein Thema, das auch auf der Fachmesse Medtec Live im Verbund mit dem Medtech Summit Congress & Partnering großen Raum einnimmt. Sessions des renommierten Kongresses Medtech Summit adressieren unter anderem die Themen Clinical Innovations, Artificial Intelligence und Additive Manufacturing – allesamt Technologien, die zu einer individuell zugeschnittenen Gesundheitsversorgung beitragen.

Von der Bildgebung zum Implantat: 3D-Druck schafft neue Lebensqualität

Nicht zu Unrecht denken breite Teile der Bevölkerung bei Technologien für die individuell zugeschnittene Gesundheitsversorgung in erster Linie an 3D-Druck bzw. additive Fertigung, wie es korrekterweise heißen muss. Im Dentalbereich werden so schon seit Jahren individuelle Kronen und Brücken gefertigt. Doch nicht nur dort ist diese Technologie inzwischen etabliert. Selbst patientenspezifische biokompatible Implantate wie Knochenersatzstrukturen für Teile des Schädels oder Kieferknochen sind mithilfe des 3D-Drucks bereits machbar. Im Gegenzug zu herkömmlichen Spritzguss- oder Frästeilen erweist sich der 3D-Druck hier oft als kostengünstiger und effizienter. „Vor allem bei Kindern, die sich noch in einem schnellen Wachstum befinden, weigern sich viele Kassen Spritzgussteile zu bezahlen. Der 3D-Druck ist hier günstiger und flexibler“, weiß Michael Zenker, Account Manager bei Dick & Dick, einem Unternehmen für additive Fertigung, aus der Praxis zu berichten. Die patientenspezifischen Daten für entsprechende Implantate werden per MRT oder CT generiert und können in digitalisierter Form an den Hersteller weitergereicht werden. Als Fachmesse, die auf Innovationen in der Medizintechnik fokussiert, präsentieren auf der Medtec Live in Nürnberg zahlreiche Aussteller Lösungen für die additive Fertigung in der Medizintechnik.

„Medtech- und Life-Science-Unternehmen können von dem profitieren, was wir in Sachen personalisierter Medizin aufgebaut und aus unserer digitalen Transformation gelernt haben“, verspricht Jim Thompson, Senior Director Industry Strategy für die Medizintechnik und Pharmazeutik bei Siemens Digital Industries Software.
„Medtech- und Life-Science-Unternehmen können von dem profitieren, was wir in Sachen personalisierter Medizin aufgebaut und aus unserer digitalen Transformation gelernt haben“, verspricht Jim Thompson, Senior Director Industry Strategy für die Medizintechnik und Pharmazeutik bei Siemens Digital Industries Software.
(Bild: Siemens)

Speziell für solche Anwendungen hat Siemens auf der Basis der eigenen Product-Lifecycle-Management-Software (PLM) einen vollständig digitalisierten Prozess entwickelt. Mit Hilfe eines CT-Scans und Kernspindaten entsteht ein virtuelles 3D-Modell eines zu ersetzenden Gelenks. Der Chirurg plant anschließend webbasiert die passende Versorgung und entscheidet sich für entweder eine Standard-Endoprothese oder ein personalisiertes Implantat. In letzterem Fall entstehen automatisch CAD-Daten, die wiederum für die CNC-Maschine aufbereitet werden. Parallel dazu kann der Materialbeschaffungsprozess starten, das Implantat wird in der Produktion eingeplant und die Maschinendaten rechtzeitig an die Maschine übergeben. Auch die Qualitätskontrolle wird im PLM-System regelgerecht dokumentiert. Die PLM-Software stellt dabei das Bindeglied zwischen Klinik und Hersteller dar: Alle Kommunikations- und Datenflüsse werden zentral organisiert, die Produktionsdaten aufbereitet und in die Fertigung übergeben. „Wir haben bereits mit dem Aufbau einer digitalen Gesundheitsplattform begonnen, die eine sichere Verarbeitung von Gesundheitsdaten vorsieht, angefangen bei Bildern und anderen patientenspezifischen Diagnosedatensätzen. Jetzt wollen wir diese Plattform Medtech- und Life-Science-Unternehmen anbieten, die ihre digitale Transformation in Richtung personalisiertes und präzises Gesundheitswesen beginnen. Sie können von dem profitieren, was wir aufgebaut haben und was wir bisher aus unserer digitalen Transformation gelernt haben“, verspricht Jim Thompson, Senior Director Industry Strategy für die Medizintechnik und Pharmazeutik bei Siemens Digital Industries Software.

Lösungen wie diese zeigen: Um den besten Nutzen aus den Möglichkeiten der Digitalisierung zu ziehen, ist eine neue Qualität der Zusammenarbeit unabdingbar. Wenn alle Akteure der Wertschöpfungskette, vom forschenden Arzt über den Medizintechnikhersteller bis zu den Materiallieferanten und Zulieferern, in Dialog treten, kann individualisierte Medizin nicht nur zu mehr Effizienz in der Patientenversorgung beitragen, sondern vor allem auch zum Wohle der Patienten.

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* Annett Petzold ist New Business Consultant bei TBN Public Relations in Fürth.

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