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Aquin & Cie. Guter Zeitpunkt zum Verkauf

Autor / Redakteur: Autor | Dr. Karsten Zippel / Peter Reinhardt

Die Medizintechnikbranche erlebt derzeit ein Allzeithoch an Firmenübernahmen. Je nach Segment und Unternehmensgröße können Unternehmer im Falle des Verkaufs Werte über dem zehnfachen Ebitda erzielen.

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Dr. Karsten Zippel, Vorstand der Aquin & Cie. AG: „Drei Treiber verleihen dem Zwang zur Größe weiter außerordentliche Kraft – neue Innovationsfelder, zentralisierte Nachfrage und strengere Regulierung.“
Dr. Karsten Zippel, Vorstand der Aquin & Cie. AG: „Drei Treiber verleihen dem Zwang zur Größe weiter außerordentliche Kraft – neue Innovationsfelder, zentralisierte Nachfrage und strengere Regulierung.“
(Bild: Aquin & Cie.)

Immer wieder werden einzelne Branchen von stärkeren Übernahmewellen erfasst, in denen sich die Angebotsmärkte konsolidieren. Davon betroffen ist zurzeit die Medizintechnik. Haupttreiber sind hier der Trend zur Integration neuer Technologien aus den Bereichen IT, Sensorik und Elektronik in Medizinprodukte sowie der steigende Innovationsdruck, der nicht nur einzelne Produkte erfasst, sondern auch Prozesse und die Integration von Produkten in Systemlösungen. Darüber hinaus führen eine starke qualitative Veränderung des Nachfrageverhaltens sowie die allgemeine Verschärfung des regulatorischen Umfelds zu weiteren Konsolidierungsbestrebungen innerhalb der Branche.

Noch ist der Medizintechnikmarkt in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz stark fragmentiert. Aber Größe wird zunehmend entscheidend und diese wird häufig durch Zusammenschlüsse erzielt. Prominentes Beispiel ist der jüngst erfolgte Zusammenschluss von Medtronic und Covidien. Dass dies jedoch weder ein Einzelfall noch auf Großunternehmen beschränkt ist, zeigen die über 100 Firmenübernahmen, die im Jahr 2014 in der deutschsprachigen Medizintechnik stattgefunden haben.

Drei Treiber für mehr Größe

Vergleicht man diesen Wert mit der durchschnittlichen Anzahl der Vorjahre, entspricht dies einer Verdoppelung. Und dies stellt keine Ausnahme dar: Betrachtet man das erste Halbjahr 2015 und das aktuell nach wie vor attraktive allgemeine M&A-Umfeld, kann man davon ausgehen, dass dieses Jahr auf ähnlich hohem Niveau enden wird. Denn die meisten deutschsprachigen Medizinproduktehersteller sind heute schlichtweg zu klein, um weiter wettbewerbsfähig agieren zu können, hat doch die Mehrheit von ihnen weniger als 50 Mitarbeiter.

Drei wesentliche Treiber werden diesem Zwang zur Größe weiter außerordentliche Kraft verleihen: Zum Ersten müssen sich viele Medizintechnikhersteller mit neuen Innovationsfeldern auseinandersetzen. Während bisher kleine Nischenanbieter relativ isoliert voneinander existieren konnten, geht der Trend klar zur nischenübergreifenden Integration von Einzelprodukten in Systeme beziehungsweise Lösungen. Diese Entwicklung lässt sich zum Beispiel anhand der Strategie des amerikanischen Unternehmens Hill-Rom erkennen, das unter anderem mit der Akquisition von Trumpf Medical sein chirurgisches Angebotsspektrum zu integrierten OP-Lösungen erweitern möchte. Häufig kommen bei diesen Integrationsbewegungen verstärkt neue Schlüsseltechnologien zum Einsatz, wie IT, Sensorik oder Biowerkstoffe. Für die Beherrschung und Nutzung dieser meist sehr anspruchsvollen Techniken braucht es spezifisches Know-how. Zudem sind damit in der Regel enormer Aufwand und hohe Risiken verbunden. Daher erscheint es sinnvoll, komplementäre Produkte oder Technologien durch Zukauf zu erwerben.

Als zweiter Konsolidierungstreiber wird der Trend zur Integration durch die qualitative Veränderung der Nachfrage gestützt. So ist es in den vergangenen Jahren zu einer starken Zentralisierung – teilweise krankenhausgruppenübergreifend – der Nachfrage gekommen, die einerseits möglichst viele Produkte aus einer Hand beziehen möchte, andererseits verstärkt preissensibel reagiert. Daher ist in einem solchen Umfeld die eigene Größe nicht nur im Hinblick auf ein möglichst komplettes Produktspektrum, sondern auch zur Erzielung von Skaleneffekten notwendig, um international wettbewerbsfähige Preise anbieten zu können.

Dritter Konsolidierungstreiber ist der anhaltende Trend zur strengeren Regulierung. Die hiermit verbundenen wachsenden Anforderungen an das Qualitätsmanagement stellen letztendlich steigende Fixkosten dar, denen ebenfalls am besten mit Unternehmensgröße begegnet wird.

Technologie kaufen sticht Vertrieb

Bereits heute kann man am Transaktionsmarkt deutlich diese Tendenzen erkennen. So hat nicht nur die Frequenz der Unternehmensübernahmen stark zugenommen, sondern es haben sich auch die Motive verschoben. Waren in der Vergangenheit vor allem internationale Transaktionen zur Erschließung neuer Vertriebsregionen dominierend, lässt sich nun eine steigende Bedeutung des Technologiezukaufs feststellen. Stand dieses Motiv 2012 nur bei 27 Prozent der Transaktionen im Vordergrund, war es im vergangenen Jahr bereits auf über 40 Prozent angestiegen. An zweiter Stelle nach dem Technologiezukauf folgt die Erweiterung des Produktportfolios, die seit Jahren auf stabil hohem Niveau fast ein Drittel aller Transaktionen zentral prägt.

Fazit: Immer mehr Medizintechnikhersteller schließen sich im Rahmen von Unternehmensübernahmen zusammen. Dem proaktiv zu begegnen, erfordert starke Veränderungsbereitschaft, bedeutet aber auch, unternehmerisch verantwortungsvoll zu handeln. Eigentümer von Medizintechnikunternehmen sollten sich jetzt überlegen, wie sie dem begegnen können und wollen. Fehlen Kraft oder Kapital, um selbst aktiv die Konsolidierung zu treiben, sollte man sich fragen, ob nun nicht der richtige Zeitpunkt für die Nachfolge gekommen ist. Denn ist das Unternehmen jetzt noch gesund und profitabel, hat es auch noch einen hohen Wert. Interessierte Käufer gibt es derzeit mehr als genug, da nicht nur strategisch motivierte Investoren hungrig sind, sondern auch vermehrt Finanzinvestoren, wie Private Equity oder vermögende Privatinvestoren. Aktuell erzielbare Unternehmensbewertungen befinden sich auf Rekordniveau. Je nach Segment und Betriebsgröße lassen sich Werte vom sieben- bis zum zehnfachen Ebitda und darüber hinaus realisieren.

Autor: Dr. Karsten Zippel, Vorstandsmitglied der Aquin & Cie. AG

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