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Bioengineering Europas starke Forschung kommt zu selten als Medizintechnik auf den Markt

Von Guido Deußing 3 min Lesedauer

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Europa ist stark in den Lebenswissenschaften, doch bei Risikokapital und wirtschaftlicher Umsetzung liegt die EU hinter den USA und China. Eine Expertengruppe um Helmholtz und der European Molecular Biology Organization (EMBO) fordert deshalb eine europäische Bioengineering-Agenda. Sie setzt auf eigene Hochschulstrukturen, passende Förderinstrumente und ein europäisches Zentrum, das Forschung, Kliniken, Industrie und Kapitalgeber zusammenführt.

Zwischen Forschung und Medizinprodukt liegen technische, regulatorische und finanzielle Entwicklungsschritte. Genau an dieser Schnittstelle sehen die Autoren strukturelle Defizite in Europa.(Bild:  Redaktion Devicemed / KI-generiert)
Zwischen Forschung und Medizinprodukt liegen technische, regulatorische und finanzielle Entwicklungsschritte. Genau an dieser Schnittstelle sehen die Autoren strukturelle Defizite in Europa.
(Bild: Redaktion Devicemed / KI-generiert)

Eine gute wissenschaftliche Idee ist noch kein Medizinprodukt. Dazwischen liegen Entwicklung, Validierung,  CE-Kennzeichnung und industrielle Fertigung. Jede dieser Stufen muss finanziert werden. Gerade an diesem Übergang sehen drei Vertreter großer Forschungsorganisationen Defizite in Europa. In einem Kommentar in „Nature“ fordern Vasilis Ntziachristos von Helmholtz Munich, Thomas Schwarz-Romond, Leiter der Helmholtz Bioengineering Coordination Unit, und EMBO-Direktorin Fiona Watt deshalb eine europäische Bioengineering-Agenda [1].

Bioengineering verbindet Methoden aus Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Informatik mit Biologie und Medizin. Daraus entstehen beispielsweise bildgebende Verfahren, diagnostische Systeme, technische Plattformen für Zelltherapien oder neue Medizinprodukte [1].

Wissenschaftlich stark, beim Risikokapital zurück

Wissenschaftlich steht die EU gut da. Nach Angaben der Europäischen Kommission stammen 21 Prozent der führenden Publikationen zur Biotechnologie aus der EU; ein Anteil auf ähnlichem Niveau wie in den USA und China. Beim Risikokapital für medizinische Biotechnologie fällt das Bild anders aus: Auf die EU entfallen demnach 7 Prozent der weltweiten Investitionen, auf die USA 63 Prozent und auf China 14 Prozent [2].

Auch die OECD beschreibt eine deutliche Finanzierungslücke zwischen den USA und der EU. Innovatoren nennen regulatorische Komplexität, lange Zulassungsverfahren und zersplitterte Zuständigkeiten als wesentliche Hindernisse. Nach Einschätzung der OECD sind diese Probleme in der EU besonders ausgeprägt [3].

Die „Nature“-Autoren sehen strukturelle Defizite außerdem in der Hochschullandschaft. Nach ihrer Auswertung gibt es in den 27 EU-Staaten weniger als zehn vollständig eigenständige Bioengineering-Fachbereiche, in den USA und China jeweils mehr als 100. Zudem erreichte 2025 keine Universität aus der EU-27 im Shanghai Ranking für Biomedical Engineering einen Platz unter den ersten 30; 18 der ersten 30 lagen in Asien [1].

Drei Ansatzpunkte für Europa

Die Autoren schlagen drei Schritte vor. Erstens soll Bioengineering als eigenständiges akademisches Fach stärker etabliert werden – mit eigenen Fachbereichen, Studiengängen und entsprechend qualifiziertem Personal. Zweitens fordern sie eigene Förderprogramme und Begutachtungsgremien für Bioengineering, damit interdisziplinäre Projekte nicht ausschließlich nach den Maßstäben benachbarter Disziplinen beurteilt werden [1].

Drittens schlagen sie ein europäisches Spitzenzentrum vor, das Hochschulen, Kliniken, Industrie, Investoren und Regulierungsstellen zusammenführt. In der Pressemitteilung der Helmholtz-Gemeinschaft ist dagegen von regionalen Bioengineering-Hubs an bereits starken Standorten die Rede [6].

Bioengineering oder Biomedical Engineering?

Biomedical Engineering bezeichnet im engeren Sinn die Anwendung ingenieurwissenschaftlicher Methoden auf medizinische Aufgaben, etwa bei Bildgebung, Sensorik, Implantaten oder Diagnostik. 
Der Bereich Bioengineering ist weiter gefasst und beinhaltet auch technische Anwendungen biologischer Systeme außerhalb der unmittelbaren Medizin. Im „Nature“-Kommentar verwenden die Autoren Bioengineering als Oberbegriff für technische Entwicklungen an der Schnittstelle von Ingenieurwissenschaften, Biologie und Medizin [1].

Die Forderungen gehen auf einen Workshop von EMBO und Helmholtz am 3. und 4. März 2026 in Heidelberg zurück. Daran nahmen Fachleute aus Europa, den USA und Asien teil, u. a. aus Grundlagenforschung, Forschungsförderung, Risikokapital, Industrie sowie EU und Bundesregierung. Die Ergebnisse sollen in einem White Paper zu einer European Bioengineering Agenda gebündelt werden [4].

Die Absender vertreten das Feld selbst

Die Empfehlungen stammen von Vertretern der Organisationen, die Biomedical Engineering in Europa institutionell stärken wollen. Helmholtz baut das Feld derzeit selbst aus: Die Biomedical Engineering Initiative ist Teil eines 36-Millionen-Euro-Pakets für Zukunftstechnologien, das die Gemeinschaft 2026 aufgelegt hat. Im „Nature“-Beitrag erklären die Autoren, dass keine konkurrierenden Interessen bestehen [1,5].

Damit ist die vorgeschlagene Agenda zunächst eine Empfehlung aus der Wissenschaft und kein beschlossenes EU-Programm. Sie trifft jedoch auf eine laufende europäische Debatte darüber, wie Biotechnologie schneller von der Forschung in industrielle und medizinische Anwendungen überführt werden kann. Die Europäische Kommission nennt dabei ebenfalls Finanzierung, klinische Entwicklung und regulatorische Verfahren als zentrale Baustellen [2]. 

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Quellen

[1] Ntziachristos V, Schwarz-Romond T, Watt FM. Europe can become a bioengineering powerhouse with these three changes. Nature. 2026;656(8126):36–38. doi:10.1038/d41586-026-02389-5.
[2] European Commission. Health biotechnology in the EU – figures [Internet]. Brussels: European Commission; 2026 [abgerufen am 3. Oktober 2026]. Verfügbar unter: https://health.ec.europa.eu/biotechnology/overview_en
[3] OECD. Boosting biotechnology innovation through agile regulation and finance instruments. OECD Policy Briefs. 2025;(41). Paris: OECD Publishing; 23. November 2025. doi:10.1787/7cd12966-en.
[4] Breithaupt H. Biomedical engineering as a driver for innovation and economic growth [Internet]. Heidelberg: EMBO; 6. März 2026 [abgerufen am 3. Oktober 2026]. Verfügbar unter: https://www.embo.org/features/biomedical-engineering-as-a-driver-for-innovation-and-economic-growth/
[5] Helmholtz Munich. Helmholtz Biomedical Engineering Initiative: Shaping the Future of Health [Internet]. München: Helmholtz Munich; 2026 [abgerufen am 3. Oktober 2026]. Verfügbar unter: https://www.helmholtz-munich.de/en/ehc/news-detail/helmholtz-biomedical-engineering-initiative-shaping-the-future-of-health
[6] Helmholtz-Gemeinschaft. Biomedical Engineering als Chance für Europa [Pressemitteilung]. Berlin; 29. September 2026.