Suchen

Branchenstudie Schweizer Medizintechnik Industrie (SMTI) 2016 Der Werkplatz Schweiz steht vor neuen Herausforderungen

| Redakteur: Peter Reinhardt

Lange Zeit galt die Schweizer Medtech-Industrie als Paradebeispiel für einen gut funktionierenden Werkplatz. Doch zuletzt haben sich die Schwierigkeiten gehäuft. Stichwort Frankenstärke. Als ob das nicht schon genug wäre, kommen mit der anstehenden Unternehmenssteuerreform sowie der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative weitere Unsicherheitsfaktoren hinzu.

Firmen zum Thema

Wie hält sich die Medtechbranche als Teil des Werkplatzes Schweiz? Podiumsdiskussion anlässlich der Präsentation der Branchenstudie SMTI 2016.
Wie hält sich die Medtechbranche als Teil des Werkplatzes Schweiz? Podiumsdiskussion anlässlich der Präsentation der Branchenstudie SMTI 2016.
(Bild: Fasmed)

Um die internationale Wettbewerbs- und Innovationskraft der Medtech-Industrie zu erhalten, die Abwanderung von Produktion und Forschung ins Ausland zu unterbinden und den Heimmarkt wieder zu stärken, gilt es die Rahmenbedingungen zu verbessern (s. Kastentext). Dies ist die Quintessenz der Branchenstudie Schweizer Medizintechnik Industrie (SMTI) 2016, die auf der Befragung von zirka 350 Unternehmen sowie den daraus abgeleiteten Fakten basiert. Gemeinsam mit der Helbling Gruppe wird die Studie durch das Medical Cluster und Fasmed publiziert, die für das kommende Jahr den Zusammenschluss angekündigt haben und anlässlich der SMTI erstmals unter dem neuen Label Swiss Medtech auftreten.

Bildergalerie

Noch profitiert die Schweiz von einer starken Medtech-Industrie

Mit einem konstanten Umsatzwachstum von jährlich rund 6 Prozent seit 2010 toppt die Schweizer Medizintechnik die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Diesem Umsatzwachstum und Zuwachs an Mitarbeitenden stehen jedoch ein wachsender Preis- und Regulierungsdruck sowie die anhaltende Frankenstärke gegenüber. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen haben die Medtech-Unternehmen in den jüngsten Jahren strukturelle Anpassungen getätigt sowie weiter in die Prozess- und Kosteneffizienz investiert. Auch kann die Industrie heute noch von Standortvorteilen profitieren, deren Attraktivität aber vermehrt von anderen führenden Medtech-Standorten eingeholt wird. So sind vor allem der starke Schweizer Franken, die Umsetzung der Unternehmenssteuerreform sowie die Masseneinwanderungs-Initiative und der sich verschärfende Fachkräftemangel Unsicherheitsfaktoren für Schweizer CEOs.

Nach wie vor präsentiert sich die Schweiz mit einer starken Medtech-Industrie: So erwirtschaftete sie 2015 einen Umsatz von 14,1 Mrd. CHF, was 2,2 Prozent des BIP und einem Plus von 0,8 Mrd. CHF gegenüber 2014 entspricht. Damit zeigte die SMTI seit 2010 ein konstantes Umsatzwachstum von jährlich rund 6 Prozent, was deutlich über dem BIP-Wachstum liegt. 2015 zählte die Branche rund 1.350 Hersteller, Zulieferer, Dienstleister sowie Handels- und Vertriebsgesellschaften mit 54.500 Mitarbeitern, was einem Zuwachs von 1.500 Mitarbeitern und damit 2,8 Prozent gegenüber dem Jahr 2014 entspricht. Es wurde eine Arbeitsproduktivität von zirka 260.000 CHF pro Mitarbeiter erreicht.

Ergänzendes zum Thema
Xxxxxx
Fasmed und Medical Cluster fordern bessere Rahmenbedingungen

Das Medical Cluster und der Branchenverband Fasmed fordern die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Schweizer Medizinproduktehersteller. Die beiden Organisationen, die im Juli 2017 den Zusammenschluss zum neuen Verband Swiss Medtech planen, engagieren sich gemeinsam für gezielte Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität des Medtech-Standorts Schweiz. Vor allem geht es ihnen darum, die Abwanderung von Forschungs- und Produktionsstätten und damit von Arbeitsplätzen zu unterbinden und zugleich Marktanteile zurückzugewinnen sowie das Wachstum der Branche auch wieder im Heimmarkt zu stärken,

  • Pragmatische Innovationsförderung: Die Schweizer Medizintechnik verfügt in den Frühphasen der Innovationstätigkeit über ein leistungsfähiges System (inkl. staatlicher Unterstützung) und ist hier international führend. Vor allem bei Patentanmeldungen ist das Land Weltspitze, bewegt sich hingegen bei der Umsetzung beziehungsweise Markteinführung erfolgreicher Neuprodukte nur im Mittelfeld. So deckt die nationale Innovationsförderung nicht alle Aspekte im Prozess ab beziehungsweise beschränkt sich heute vor allem auf Grundlagen- und angewandte Forschung sowie den Wissens- und Technologietransfer zwischen Hochschulen und Industrie. Hier fordern Medical Cluster und Fasmed daher eine kohärente, ganzheitliche Innovationspolitik, eine deutliche Verbesserung der Investitionsanreize und Finanzierungsmöglichkeiten für kleine und mittlere Unternehmen, neue Förderinstrumente zur Umsetzung von Innovationen (u.a. eine vermehrte Unterstützung von Public-Private Partnership) sowie die Förderung nicht nur disruptiver Produkt-Innovationen, sondern auch inkrementeller Verbesserungen, beispielsweise bestehender Produktionsprozesse.
  • Zügige Marktzulassung und freier Warenverkehr: Heute dauert die Entwicklung und Marktzulassung eines neuen Produkts in der Regel zehn Jahre. Weitere fünf Jahre vergehen, bis eine Innovation im Spital-Fallpauschalen-System Swiss DRG abgebildet beziehungsweise von den Krankenkassen vergütet wird. Die Medtech-Industrie setzt sich hier für schlanke Prozesse und für den möglichst raschen Zugang der Patienten zu neuen Anwendungen sowie Therapien ein. In diesem Sinne gilt es auch, die kommende neue EU-Regulierung von Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika umgehend und ohne „Swiss Finish“ im Schweizer Recht abzubilden. Der freie Warenverkehr mit den EU-Handelspartnern setzt gleiche Rechtsordnungen voraus. So wurde im Rahmen der „Bilateralen I“ mit der EU vereinbart, die gegenseitigen Konformitätsbewertungen anzuerkennen. Entsprechend gelten seit 1996 in der Schweiz dieselben Anforderungen an den Marktzutritt und die Produktüberwachung. Der Bund ist sich der Wichtigkeit dieser Harmonisierung bewusst. Das BAG hat zusammen mit Swissmedic und dem SECO die Arbeiten zur Revision der Schweizer Medizinprodukteregulierung (MepV) aufgenommen.
  • Unternehmensfreundliche Umsetzung der bilateralen Verträge: Ein Scheitern der bilateralen Verträge zur Personenfreizügigkeit mit der EU würde Schweizer KMU den Zugang zum Forschungsprogramm Horizon 2020 verwehren und damit den Wegfall der direkten Finanzierung von Innovationsvorhaben zur Folge haben. Die Masseneinwanderungs-Initiative ist deswegen möglichst so umzusetzen, dass die „Bilateralen Verträge I“ nicht gefährdet werden. Dabei ist insbesondere dem Fachkräftemangel der Medizintechnik Rechnung zu tragen, bringt sie doch aufgrund ihrer Vielfalt und technologischen Entwicklung als Querschnittsbranche in einem sich rasant wandelnden, regulierten und komplexen Umfeld immer diversifiziertere Berufsbilder hervor und ist auf versierte Fachkräfte, u.a. aus dem Ausland, dringend angewiesen.
  • Rekrutierung inländischer Fachkräfte: Für die Rekrutierung von qualifizierten Mitarbeitern braucht es entsprechende Grundlagen beziehungsweise Weiterbildungsmöglichkeiten. Zwar bieten mittlerweile immer mehr Schweizer Universitäten, Fachhochschulen und höhere Fachschulen berufsbegleitende Studienfächer und Spezialkurse in diesem Bereich an. Doch reicht das heutige Angebot immer noch nicht aus, um den Bedarf an Fachspezialisten zu decken. Auch fehlt eine eigentliche Grundausbildung zum Medizintechniker. Die Branche arbeitet an Initiativen zur Förderung von Fach- und Nachwuchskräften. Mit der Fasmed-Verbandsprüfung zum zertifizierten Medizintechnik-Berater und dem Lehrgang zum Rehatechniker mit Eidgenössischem Fachausweis wurden bereits erste konkrete Schritte unternommen und neue Berufsbilder beziehungsweise von den Arbeitgebern anerkannte Grundqualifikationen dazu geschaffen.
  • Steuerliche Wettbewerbsfähigkeit: Damit die Schweiz im internationalen Wettbewerb mithalten und weiterhin steuerlich für national und international tätige KMU und Konzerne ein attraktiver Medtech-Standort bleibt, plädiert die Industrie für die (zügige) Umsetzung der noch zur Abstimmung kommenden Unternehmenssteuerreform III. Dabei ist auch die steuerliche Entlastung von Forschung und Entwicklung ganz wichtig. So erlaubt die Einführung einer Patentbox eine steuerlich bevorzugte Behandlung der Gewinne aus innovativer Tätigkeit. Damit wäre die Schweiz im hochkompetitiven Bereich der Immaterialgüterbesteuerung weltweit konkurrenzfähig. Zudem bietet die Einführung einer zinsbereinigten Gewinnsteuer auf dem Sicherheitseigenkapital internationalen Unternehmen für die zentrale Konzernfinanzierung einen guten Rahmen und ist geeignet, deren Abwanderung ins Ausland zu verhindern. Darüber hinaus gilt es gewisse Vermögenssteuer-Praktiken in Kantonen wie Zürich zu revidieren, um vor allem Start-ups bei der Finanzierung der Steuern zu entlasten.

Exporte insgesamt stabil, aber mit Rückgang Richtung EU

Mit einem Volumen von 10,6 Mrd. CHF konnten die Exporte 2015 trotz starkem Schweizer Franken konstant gehalten und in den Top-Destinationen USA mit 2,6 und Deutschland mit 2,2 Mrd. CHF sogar noch ausgebaut werden. Demgegenüber haben die Exporte in die EU seit 2010 wertmäßig um zirka 15 Prozent abgenommen. Unter anderem reduzierte die negative Wechselkursentwicklung EUR/CHF die wertmäßigen Exporte in die EU-Länder sowie die Nachfrage – vor allem in den krisengeplagten Ländern Frankreich, Italien und Spanien. Dennoch trägt die Schweizer Medtech-Industrie mit 5,6 Mrd. CHF immerhin rund ein Sechstel zum Schweizer Handelsüberschuss bei.

Weiter auf der nächsten Seite.

(ID:44268799)