Innovation Forum 2017

Wie entstehen lukrative Medizinprodukte jenseits des Mainstreams?

| Autor / Redakteur: Kathrin Schäfer / Kathrin Schäfer

Über 300 Teilnehmer haben sich in Tuttlingen beim Innovation Forum getroffen.
Über 300 Teilnehmer haben sich in Tuttlingen beim Innovation Forum getroffen. (Bild: Technology Mountains / Michael Kienzler)

Disruptive Innovationen – das sind Innovationen, die unerwartet kommen, abseits des Mainstreams oder von Me-too-Produkten. Im Idealfall bringen sie Medizintechnikfirmen großen wirtschaftlichen Erfolg. Wie sie entstehen und aussehen können, haben die Teilnehmer des 9. Innovation Forums in Tuttlingen diskutiert.

  • Innovationskraft versus Bürokratie und Regulierungswut
  • Marktwirtschaftliche Perspektive und Verbraucherschutz ausbalancieren
  • Disruptive Innovationen erkennt man erst im Nachhinein

„Disruptive Veränderungen – man sollte meinen, die Medizintechnik hätte schon genug Veränderungen erfahren“, mit diesen Worten eröffnet Yvonne Glienke, Vorstand der Clusterinitiative Medical Mountains, Ende Oktober das 9. Innovation Forum in Tuttlingen. Ihre Anspielung auf die neue EU-Medizinprodukteverordnung kommt an beim Publikum. Nicht nur auf dem Podium, auch bei den zahlreichen Netzwerkgesprächen in den Pausen ist die Medical Device Directive das Thema Nummer 1.

Im Wesentlichen ist damit auch das Spannungsfeld umrissen, in dem sich die diesjährige Veranstaltung in der Stadthalle Tuttlingen bewegt: Disruptive Innovationen, das heißt Innovationen, die alles Bisherige auf den Kopf stellen und im Idealfall großen wirtschaftlichen Erfolg versprechen, wie beispielsweise der 3D-Druck; sie sind in der Regel nicht nur nicht plan- oder vorhersehbar, sie werden in Zeiten zunehmender Regulierung und Bürokratie in der Medizintechnik immer schwieriger.

Disruptive Innovationen in Zeiten neuer Regularien

Bleibt bei all den Veränderungen, die durch die MDR ins Haus stehen, überhaupt noch Zeit, über Innovationen nachzudenken? So lautet eine zentrale Frage, die sich Medizintechnikhersteller derzeit stellen müssen. Das Innovation Forum, das in Tuttlingen schon gute Tradition ist, soll den geeigneten Rahmen bieten, um Innovationen anzustoßen: „Es ist sinnvoll, Herausforderungen gemeinsam anzusehen, damit man schneller vorankommt“, heißt dies in den Worten von Glienke. „Nutzen Sie die Chance, knüpfen Sie Kontakte und erweitern Sie Ihren Horizont“, so einer ihrer Ratschläge für die gut anderthalbtägige Veranstaltung.

Zu eben jener Horizonterweiterung soll die Podiumsdiskussion zu Beginn der Veranstaltung beitragen. Auf ihr macht Prof. Dr. Roland Zengerle, Institutsleiter Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V., deutlich, wie wichtig Querdenken für Innovationen sein kann. Sein branchenfremdes Beispiel dafür: Die Firma Uber entwickelt sich aktuell zum weltweit innovativsten Taxiunternehmen – und zwar ohne auch nur ein einziges Taxi zu besitzen.

Neue Ideen entstehen im Dialog mit anderen

Auf dem Podium sitzt auch Dr. Harald Stallforth, Vorstandsvorsitzender Technology Mountains e.V. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender war er bei Aesculap lange Jahre für Forschung und Entwicklung zuständig. Mit dem Thema Innovationen ist er deshalb bestens vertraut. Er weiß: „Disruptive Innvationen erkennt man erst im Nachhinein. Sie sind schwer vorherzusagen.“ Sein Tipp: die Heilung von Krankheitsbildern in den Fokus der eigenen Betrachtung zu stellen. Von ihr ausgehend sind dann medizintechnische Lösungen zu entwickeln. Hier hakt Moderatorin Glienke nach: „Wie kann man Unternehmen dabei unterstützen, Innovationen zu erkennen?“, fragt sie. Stallforths einfache Antwort: „Durch Netzwerken, Diskussionen mit anderen. Salopp formuliert: Wenn man im Büro sitzt, dann fällt einem nichts ein.“ Stallforths Ansicht nach sind Krankheitsbilder wie Herzfehler, Alzheimer oder auch Parkinson Anwendungsfelder, auf denen noch viel Innovation möglich, nötig – und auch wahrscheinlich ist. Hier könnten Schlüsseltechnologien wie die Mikrotechnik helfen und Fortschritte bringen. Ein konkretes Beispiel bei Parkinson: aktive Implantate, die die Hirnströme steuern.

Die Zahl der Firmengründungen geht in Deutschland zurück

Als Hauptgeschäftsführer der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg kann Thomas Albiez etwas zu den Rahmenbedingungen sagen, die Medizintechnikunternehmen in Deutschland vorfinden – und von denen ihre Innovationskraft abhängt. In Bezug auf das Bildungssystem, die Infrastruktur, Wohnraum und ähnliches, seien diese in den letzten Jahren stabil geblieben. Jedoch: „Was uns seit einiger Zeit beschäftigt, ist die zunehmende Bürokratie“, so Albiez. Seit der Finanzkrise 2008 und 2009 sei der Verbraucherschutz zur leitenden Maxime in jedem Bereich geworden. So wünschenswert dies ist – es gibt weniger industrielle Firmengründungen, weil die Auflagen nicht mehr zu schaffen sind. „Wir hätten gerne einen gesunden Ausgleich zwischen einer marktwirtschaftlichen Perspektive und einem vernünftigen Verbraucherschutz“, wünscht sich Albiez. Der Medizintechnikbranche, die vor allem durch klein- und mittelständische Unternehmen geprägt ist, dürfte er damit aus dem Herzen sprechen.

Mehr Geld für die Ausbildung von Fachkräften

Mahnend gibt sich auch der Forscher Zengerle. Auf die Frage, ob er noch etwas von Innovationskraft der Branche merke, antwortet er: „Sichtbar sind natürlich immer nur die Firmen, die innovativ sind.“ Aber laut Studien gehe die Innovationstätigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen zurück. Sein Fazit: „Es gibt sie noch, diese hoch innovativen Unternehmen. Aber es gibt auch viele KMUs, die scheitern. Und viele KMUs werden durch die Regulierungswut regelrecht getrieben.“ Wie Stallforth so sieht auch Zengerle Vernetzung als entscheidenden Erfolgsfaktor. Und: Digitalisierung. In den Worten Zengerles heißt dies: „Man sollte sich mit Digitalisierung auseinandersetzen, auch wenn es für jedes Unternehmen etwas anderes bedeutet. Lieber die Digitalisierung selbst gestalten, als wenn sie irgendwann von außen aufgezwungen wird.“ Auch gebe es in Deutschland noch immer eine exzellente Förderlandschaft. Apropos Geld. Der IHK-Chef Albiez würde gerne „mehr Geld in Grund- und weiterführende Schulen investieren. Das Niveau dort flacht ab. Gleichzeitig brauchen wir aber mehr Fachkräfte. Digitalisierung in einer disruptiven Welt bewältigen man nur, wenn man ein unglaubliches Fachwissen hat.“ Das Gesamtfazit des Tuttlinger Landrats Stefan Bär ist dennoch positiv: „Geld ist nicht alles. Entscheidend ist die Idee.“

Das nächste Innovation Forum findet am 11. Oktober 2018 in Tuttlingen statt.

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