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Compamed / Medica 2019 Trendthema Digitalisierung: „Wer die Daten hat, hat die Macht“

| Autor: Kathrin Schäfer

Besser könnte die Stimmung auf der Vor-Pressekonferenz zur Medica 2019 kaum sein: „Wir zählen 5.500 Aussteller auf der Medica 2019. Das ist ein Rekordergebnis“, freut sich Horst Giesen, Global Portfolio Director Healthcare & Medical Technologies bei der Messe Düsseldorf.

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Auf der Vor-Pressekonferenz zur Medica / Compamed 2019 erklären Veranstalter und Partner der beiden Messen, wo die deutsche Medizintechnik derzeit steht und welche Auswirkungen dies auf den Charakter der Veranstaltung hat.
Auf der Vor-Pressekonferenz zur Medica / Compamed 2019 erklären Veranstalter und Partner der beiden Messen, wo die deutsche Medizintechnik derzeit steht und welche Auswirkungen dies auf den Charakter der Veranstaltung hat.
(Bild: Messe Düsseldorf / ctillmann)
  • Deutsche Medizintechnikindustrie könnte 2019 erstmals 32-Milliarden-Euro-Umsatzmarke knacken
  • Handelsstreit zwischen den USA und China sowie der bevorstehende Brext führen zu Hamsterkäufen
  • Die klassische Grenze zwischen Medizintechnik und Informationstechnik verschwindet

Gute Nachrichten gibt es auch für die Compamed: Die findet 2019 zum 28. Mal statt und zählt mittlerweile über 800 Aussteller in den Hallen 8a und 8b – auch das ein absoluter Rekord. Diese Zahlen sind umso erfreulicher, als beide Veranstaltungen derzeit in einem nicht ganz einfachen Marktumfeld stattfinden: „Da ist zum einen der Handelsstreit zwischen den USA und China, der Brexit sowie die zunehmend schwierigen Zulassungsbedingungen für Medizinprodukte – Stichwort MDR – und damit einhergehend der Mangel an Benannten Stellen“, erklärt Giesen.

Das große Trendthema von Compamed und Medica lautet weiterhin Digitalisierung: „Die klassische Grenze zwischen Medizintechnik und Informationstechnik existiert fast nicht mehr. Wir haben es jetzt mit Digital Health zu tun. Dies betrifft denn auch alle Ausstellungsbereiche der Medica“, weiß Giesen und ergänzt: „An Bedeutung gewinnt außerdem eine neues Verfahren, nämlich die Robotik.“ Der Messeveranstalter beobachtet: Immer mehr Bereiche der Medizintechnik „wandern in Apps“. Immer weniger Bereiche sind hingegen „analog unterwegs“. Erfreulich für die stark innovationsorientierte Branche ist zudem: Viele Start-ups haben die Medica für sich entdeckt. 2019 sind es über 200. Und auch diese sind größtenteils digital unterwegs.

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Robotik gewinnt in der Medizintechnik und damit auch auf der Medica an Bedeutung

Robotik gewinnt in der Chirurgie, aber auch in der Rehatechnik und der Pflege an Bedeutung. Die Messe Düsseldorf geht deshalb von einem Ausstellerwachstum aus dem Bereich Robotik in den nächsten Jahren aus. In diesem Zusammenhang erklärt Giesen: „Besonders hervorheben möchte ich, dass Kuka einen großen Stand auf der Medica hat. Das Unternehmen hat einen Award ausgeschrieben, der auf der Medica vergeben wird.“ Kuka sehe sich hierbei nicht als Hersteller von Medizinprodukten, sondern vielmehr als Unterstützer moderner Medizintechnik.

Was in Giesens Präsentation bereits anklingt, wird im Vortrag von Marcus Kuhlmann, Leiter Medizintechnik im deutschen Industrieverband Spectaris, mit Zahlen untermauert. Kuhlmann geht auf die aktuelle Marktsituation ein und erläutert auch, in welchem Marktumfeld sich die deutsche Medizintechnik derzeit bewegt: „Die Medizintechnik ist trotz aller Probleme stärker gewachsen als erwartet. Wir könnten dieses Jahr erstmals eine Umsatz von 32 Mrd. Euro knacken.“ Diese Zahlen basieren auf vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes zum Umsatz von 471 deutschen Medizintechnikherstellern mit mehr als 50 Beschäftigten im Zeitraum Januar bis August 2019. Demnach wurde in den ersten acht Monaten 2019 ein Plus von insgesamt +9,8 Prozent erwirtschaftet. Wie sich das Gesamtjahr entwickeln wird, lässt sich nur bedingt einschätzen. Die Unternehmensberatung Frost & Sullivan erwartet einen Anstieg des Weltmarktes von +5,6 Prozent in diesem Jahr. Spectaris geht davon aus, dass sich – angesichts der bisherigen Zahlen – die Umsatzentwicklung der deutschen Firmen mindestens in dieser Größenordnung bewegen sollte. Damit zeichnet Spectaris ein wesentlich positiveres Bild der Lage als der BV-Med in seiner aktuellen Herbstumfrage. Dass die Stimmung derzeitig getrübt ist und die Rahmenbedingungen nicht optimal, darin sind sich jedoch beide Verbände einig.

Die Medizintechnik wächst stärker als die restliche Industrie

Positiv ist in diesem Zusammenhang: Die Medizintechnik wächst stärker als die restliche Industrie. Treiber sind weiterhin der demografische Wandel und die Digitalisierung. Hinzu kommt: Der Handelsstreit zwischen den USA und China sowie der Brexit sorgen dafür, dass derzeit zahlreiche Käufe vorgezogen werden. Kuhlmann spricht von „Hamsterkäufen“, die die Verkaufs- und damit die Umsatzzahlen nach oben treiben. Wie der BV-Med, so sieht auch Spectaris die Folgen der MDR kritisch und verweist auf aktuelle Marktveränderungen: „Wir beobachten eine Marktkonzentration. Will meinen, immer mehr kleine Medizintechnikunternehmen verschwinden und werden von großen geschluckt.“ Digitalisierung, um darauf noch einmal zurückzukommen, bedeutet in diesem Zusammenhang Chance und Risiko gleichzeitig: Denn neue Player wie Google, Amazon oder Apple machen klassischen Medizintechnikunternehmen zunehmend Konkurrenz. Kuhlmann bringt es so auf den Punkt: „Wer die Daten hat, hat zukünftig die Macht.“

Bleiben wir beim Thema Daten. Hans-Peter Bursig ist Geschäftsführer des Fachverbandes Elektromedizinische Technik im ZVEI, moniert: „Digitale Lösungen werden in deutschen Krankenhäusern zwar punktuell genutzt, aber nicht durchgängig, das heißt, es gibt keine Vernetzung. Doch das gute Signal ist: Die Bundesregierung will die Digitalisierung.“ Das Digitale-Versorgung-Gesetz sieht Bursig als eines von mehreren wichtigen Aufbruchsignalen für die Branche.

Dr. Thomas Dietrich vom IVAM Fachverband für Mikrotechnik ergänzt: „Digitalisierung beeinflusst den gesamten Bereich der Medizintechnik.“ Industrieunternehmen, die bereits in Industrie 4.0 aktiv sind, könnten hier eine Vorreiterrolle einnehmen, glaubt Dietrich. Wie beispielsweise Kuka. Der Anbieter für Robotik- und Automatisierungslösungen nutzt die Medica, um im Rahmen seines „Innovation Award“ aus fünf Finalisten am 20.11) ein siegreiches Entwicklerteam zu küren. Die Bandbreite der Award-Themen reicht von einer Roboterplattform mit Magnetkapsel zur Früherkennung von Darmkrebs über eine Anwendung zur roboterunterstützten Laserbehandlung von Beinvenen bis hin zu einer roboterassistierten, personalisierten Rückenmassage.

Digitalisierung und Mikrotechnik befruchten sich gegenseitig

Zurück zur Digitalisierung: „Digitalisierung und Mikrotechnik befruchten sich gegenseitig“, weiß Dietrich. Er beobachtet: „Patienten erwarten mehr und mehr, dass sie personalisierte Lösungen bekommen, beispielweise Medikamente abgestimmt auf ihren Zustand.“ Dies wird, so Dietrich, die Digitalisierung des Gesundheitswesens und damit der Medizintechnik weiter vorantreiben.

Helfen würde hierbei auch, wenn die Medizintechnikindustrie hier mehr Unterstützung durch die Politik erfahren könnte – auch wenn Bundesgesundheitsminister Spahn derzeit bereits einiges auf den Weg bringt. Bursig bringt seine Forderungen an die Politik in Sachen Digitalisierung so auf den Punkt: „Länder, die besser sind als wir, besitzen erstens eine klare Zielvorstellung, wie die Digitalisierung ihres Gesundheitswesens aussehen soll, und zweitens eine zentrale Stelle, die daran arbeitet.“ In Deutschland könnte die Gematik gegebenenfalls zu solch einer zentralen Stelle werden. Die Medica indes und mit ihr die Compamed ist als weltgrößte Medizinmesse der Ort, wo sich das, was heute bereits möglich ist, live inspizieren lässt. Besucher können sich auch in diesem Jahr wieder auf zahlreiche Highlights freuen.

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