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Letzte Medtec Europe in Stuttgart: viel Neues, viele Veränderungen

| Autor: Peter Reinhardt, Kathrin Schäfer

Die neue Halle 10 auf der Messe Stuttgart bot der Medtec Europe einen ansprechenden Rahmen. Modern und Lichtdurchflutet ist sie bei Ausstellern wie Besuchern gut angekommen.
Die neue Halle 10 auf der Messe Stuttgart bot der Medtec Europe einen ansprechenden Rahmen. Modern und Lichtdurchflutet ist sie bei Ausstellern wie Besuchern gut angekommen. (Bild: Reinhardt / Devicemed)

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Nicht nur die Medtec Europe in Stuttgart ist als Messe stark in Veränderung. Auch bei den Ausstellern waren viele Veränderungen und Neuheiten zu bestaunen. Wenn Sie die Messe verpasst haben, lesen Sie hier, was Devicemed für Sie entdeckt hat.

Es war natürlich das Gesprächsthema auf der Medtec Europe 2018 vergangene Woche in Stuttgart: der bevorstehende Umzug nach Nürnberg und der zugleich angekündigte Neustart in Kooperation mit der Nürnberg Messe als neue Messe Medtec Live ab 2019 (Devicemed berichtete: Überraschungscoup: MT-Connect und Medtec Europe sollen 2019 zur „Medtec Live“ verschmelzen). Doch abseits dessen lieferten die Aussteller als Hauptakteure wieder viel Gesprächsstoff.

Not macht erfinderisch – Devicemed-Kommentar zur Ankündigung der neuen Messe Medtec Live

Devicemed-Kommentar

Not macht erfinderisch – Devicemed-Kommentar zur Ankündigung der neuen Messe Medtec Live

12.04.18 - Wohl kaum ein Kenner der Medtech-Szene hat mit der gestern angekündigten Kooperation zwischen dem britischen Messeveranstalter UBM und der Nürnberg Messe gerechnet. Und doch soll 2019 von allen denkbaren Möglichkeiten, wie die Wettbewerbssituation zwischen den Messen Medtec Europe und MT-Connect gelöst werden kann, die wahrscheinlich unwahrscheinlichste wahr werden. Aber es ist nun mal die Not, die erfinderisch macht, nicht der Erfolg. lesen

Auftragsfertiger auf der Suche nach OEM

Heraeus Medical Components arbeitet eigentlich strikt auftragsbezogen. Die Entwicklung von Materialien, Beschichtungen, Drähten und Elektroden bildet dabei nur einen Teil der umfangreichen Kernkompetenzen ab. Doch vor zwei Jahren wurde ein Projekt gestartet mit dem der Technologiekonzern erstmals einen anderen Weg geht. Dazu Projektmanager Alexander Syndikus: „Basierend auf den Erfahrungen früherer Kundenprojekte haben wir ein komplett neues Neuro-Lead designt. Dieses befindet sich nun in der Vermarktungsphase.“ Sprich, statt wie üblich auf der Medtec Europe nach neuen Auftraggebern zu suchen, geht es nun darum, OEM zu finden, die das Produkt in Verkehr bringen. „Hersteller können sich auf die Steuerung konzentrieren und sich darüber von Marktbegleitern differenzieren, während wir die Mechanik liefern“, bringt Syndikus die Vorteile auf den Punkt.

Halbzeuge-Lieferant nimmt Pulver für 3D-Druck ins Portfolio

Dass es anders auch geht, beweist auch der Werkstoffspezialist Zapp. Klassischerweise Lieferant von Halbzeugen, hat dieser im vergangenen Sommer sein Portfolio um Pulver erweitert. „Und zwar um Pulver für die additive Fertigung“, wie Moritz Krämer präzisiert. Er hat seither die neu geschaffene Stelle Sales Medical Additive Materials inne und kümmert sich um die Bereitstellung der Pulver für die Kunden. Somit stehen für die additive Fertigung nicht mehr ausschließlich die Pulver der 3D-Drucker-Hersteller zur Verfügung. Mit der Erweiterung des Lieferprogrammes bietet Zapp Titanlegierungen, CoCr-Legierungen und rostfreie Edelstähle als Pulver in verschiedenen Körnungen an:

  • Ti6Al4VTitanium grade 23
  • 316L/1.4404
  • 17-4PH/1.4542
  • CoCr28Mo6

„Weitere Materialien sind auf Anfrage möglich“, ergänzt Krämer, der Zapp mit diesem Angebot im Pulverbereich durchaus als Vorreiter der Halbzeuge-Industrie sieht. Aber natürlich gibt es auf dem Zapp-Stand auch Klassiker wie dünne Stäbe aus Kobalt-Chrom zu sehen, die aufgrund ihrer Geradheit, Rundheit und Festigkeit zum Beispiel gerne als Ausgangsmaterial für Wirbelsäulenimplantate genommen werden.

Point-of-Care-Diagnostik für Boehringer Ingelheim

Anders als sonst ist es auch auf dem Stand von Bytec Medizintechnik. Der Prototyp eines Gerätes für die Point-of-Care-Diagnostik lädt die Besucher blinkend ein, genauer hinzuschauen. Nicole Kasischke, Leiterin Business Development, ist darüber sehr froh: „Endlich dürfen wir mal wieder über eine erfolgreiche Kundenlösung reden.“ Üblicherweise unterliegen Projekte, dieser Art einer strikten Geheimhaltung. Ein Problem, das neben Bytec viele andere auftragsbezogen agierende Aussteller der Medtec Europe und weiterer Fachmessen für Medizintechnik-Zulieferer kennen.

In enger Zusammenarbeit mit vielen Partnern sei Mobinostics, so der Name des Gerätes für die Veterinärmedizin von Boehringer Ingelheim entstanden. Kasischke sieht hierin durchaus einen Trend in der Auftragsfertigung umgesetzt. „Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit vielen spezialisierten Projektpartnern wird zunehmend zur unverzichtbaren Voraussetzung“, erklärt sie. Dass ein Partner allein für einen OEM tätig werde, sei immer seltener. Bytec habe bei Mobinostics vor allem seine Kompetenzen in der Entwicklung von Software und Elektronik eingebracht. Aktuell wird eine stattliche Anzahl an Prototypen von Feldtestern auf Herz und Nieren gecheckt.

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Pressekonferenz auf der Medtec Europe 2018

Wearables erobern die Medizintechnik

Der Umsatz von Wearables wird in den nächsten Jahren weiter steigen – das bestätigt auch die Zahlen von Statista.
Der Umsatz von Wearables wird in den nächsten Jahren weiter steigen – das bestätigt auch die Zahlen von Statista. (Bild: IDC / Statista)

Den Trend zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit vieler Akteure sieht auch Dr. Bernd Maisenhölder, Marketingleiter beim Schweizer Elektronikdienstleister Iftest. „Wearables erobern nach dem Consumer-Bereich nun die Medizintechnik“, so der promovierte Physiker. Oder kurz gesagt: Messbar hohes Potenzial – Wearables für den Markt der Medizintechnik. Interdisziplinäre Projektentwicklung sei dabei das Gebot der Stunde. Dafür müssen viele Menschen zusammenkommen. Als Netzwerker hat Maisenhölder genau dafür auf der Medtec Europe gesorgt. Bei seinem Vortrag im Smart Health Forum am ersten Messetag waren alle Stühle belegt. Viele der gut 50 Zuhörer hätten hinterher noch intensiv mit ihm und untereinander diskutiert.

Box Building eines optischen Trackingsystem

Aber auch bei der Schweizer Cicor Group, einem Fertigungspartner in der Elektronik und im Bereich Kunststoff, gibt es ein neues Gerät zu bestaunen: das optische Trackingsystem Fusion Track 250 des ebenfalls Schweizer Unternehmens Atracsys für die hochpräzise Positionsbestimmung bei Roboter-Operationen. Dank seines breiten Fertigungsspektrums und seiner globalen Aufstellung nutzt Cicor hierfür viele Synergien und fertigt Komponenten des Gerätes gemäß ISO 13485 an verschiedenen Standorten. Vom Layout über die Leiterplattenbestückung und die Reinraummontage sowie den Werkzeugbau und den Kunststoffspritzguss des Gehäuses wird für Atracsys das komplette Box Building übernommen. Der Fusion Track ist ein optisches Trackingsystem, das speziell entwickelt wurde, um reflektierende Kugeln, Platten und IR-LEDs in Echtzeit per Video-Streams zu erfassen und Chirurgen damit die Präzisionsarbeit bei Roboter-Operationen zu erleichtern.

Verpackungsmaschinen auf dem Weg zu Industrie 4.0

Hauptattraktion auf dem Stand von Multivac ist dagegen die R081, eine Tiefziehverpackungsmaschine für Einsteiger in die voll- oder halbautomatisierte Verpackung von Medizintechnik. Fokus: https://www.devicemed.de/kleine-und-mittlere-chargen-automatisiert-verpacken-und-kennzeichnen-a-547713/. Doch auf dem Messestand kommt das Gespräch schnell aufs Thema Industrie 4.0. Der Allgäuer Maschinenbauer Multivac ist hier „voll dabei“, wie man so schön sagt. Erst vor wenigen Wochen hat Dr. Markus Söder, seinerzeit noch bayerischer Finanz- und Heimatminister, an einer Podiumsdiskussion bei Multivac im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Silicon Allgäu“ teilgenommen.

Schon vor gut einem Jahr wurde mit der neuen Generation X-Line eine Maschine präsentiert, „die sich selbst kontrolliert und optimiert“, wie Verena Vetter, Produktmanagerin der Medical & Pharmaceutical Division, erklärt. Stichwort: Digitalisiert und vernetzt: Tiefziehverpacken im 21. Jahrhundert. Noch sei die Maschine zwar für den Lebensmittelbereich vorgesehen, doch die Erfahrungen auf dem Food-Bereich würden nun gesammelt und bereits im nächsten Jahr in eine Industrie-4.0-taugliche Verpackungsmaschine für die Medizintechnik übertragen.

Features wie Smart Services in der Cloud dürften dann auf großes Interesse stoßen. Parameter wie Siegel-Druck, Temperatur oder die verwendeten Folien (Materialien, Hersteller etc.) werden dann in der Cloud hinterlegt. Anders als noch in diesem Jahr, dürfte dann auch der große Touchscreen auf dem Messestand nicht mehr offline der Vorstellung weiterer Maschinentypen dienen, sondern die Vorteile des Internet of Things live demonstrieren.

Materialprüfung und Analytik

Den aktuellen Zwei-Jahres-Report gab es derweil am Stand von RMS zu sehen, einem Dienstleistungs-Labor für Materialprüfung und Analytik. Neben Berichten über vergangene Veranstaltungen, neue Geräte und Verbindungen in die Lehre sind es vor allem konkrete Kundenprojekte, auf die Abteilungsleiter Dr. Lukas Eschbach verweist. So wird zum Beispiel mittels Kratztest nachgewiesen, dass TiN-beschichtete Titanproben eine deutlich höhere Abriebsfestigkeit besitzen als unbeschichtete. Das zu wissen, ist wichtig bei der Zahnhygiene, wenn es unter Einsatz von Wasserstrahl und Ultraschall bei der Zahnsteinentfernung darum geht, das Risiko der Verletzung von Implantaten durch spitze Dental-Instrumente einzuschätzen.

Am Stand von Phillips-Medisize dreht sich alles um medizinische, diagnostische und medikamentenverabreichende Anwendungen. Doch auch hier ist einiges im Wandel begriffen: Die Integration von Phillips-Medisize in die Molex Corporation im Oktober 2016 hat das Know-how des Auftragsfertigers in Sachen Elektronik- und Konnektivität enorm erweitert.

Die Anforderungen der neuen EU-Medizinprodukteverordnung meistern

Der Messeauftritt von Senetics steht unter dem bestechenden Motto: „Keep calm and stop Bacteria.“ Das kommt nicht von ungefähr: Die Test-und Prüflaboratorien von Senetics prüfen Medizinprodukte beispielsweise auf Biokompatibilität, mikrobielle Belastung, antimikrobielle Wirkung oder auch die Kratz-, Schweiß- und Speichelechtheit von Materialien. Das Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen berät außerdem zu Fragen der neuen europäischen Medizinprodukteverordnung, die zahlreiche Medizintechnik-Unternehmen mit enormen Herausforderungen konfrontiert.

Und auch die CAQ AG hat Lösungen im Angebot, die dabei helfen, die sich verändernden gesetzlichen Vorgaben der neuen MDR zu erfüllen: Das rheinland-pfälzische Unternehmen bietet mit seiner vollständig validierbaren CAQ.Net Software Suite eine ganzheitliche Managementlösung, welche Unternehmen aus dem medizintechnischen Bereich vom Produktentstehungsprozess bis hin zum Reklamationsmanagement bei sämtlichen qualitätsrelevanten Aspekten unterstützt. Dies greift insbesondere beim Thema Rückverfolgbarkeit, das mit der neuen Medizinprodukteverordnung beziehungsweise Unique Device Indentification an Brisanz gewonnen hat. Durch seine flexible Struktur ermöglicht CAQ.Net die konsequente Umsetzung von Vorgaben bezüglich Compliance und Traceability sowie die Einhaltung gängiger internationaler Medizintechnikregelwerke und Normen wie beispielsweise:

  • ISO 13485,
  • 21 CFR 820,
  • DIN EN ISO 14971,
  • GMP,
  • GLP,
  • GCP und
  • 21 CFR Part 11

„Die Zukunft der Medizintechnik ist datengetrieben“

Eine Inspiration für zukunftsweisende Veränderungen war Brainlab-Gründer und -CEO Stefan Vilsmeier beim 1. Treffen der Young Professionals im VDI, das am zweiten Tag der Medtec Europe in den Konferenzräumen der Messe Stuttgart stattfand. Vilsmeier, der sein Unternehmen vor knapp 30 Jahren als kleines Start-up gegründet hatte, konnte im Sommer vergangenen Jahres Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Einweihung der neuen Firmenzentrale in München begrüßen – und ist das beste Beispiel dafür, wie man innovative Ideen in der Medizintechnik zum Erfolg führen kann: Heute sind bei Brainlab zirka 1.300 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, darunter 430 Ingenieure im Bereich Forschung und Entwicklung. Sein Geld verdient Vilsmeier mit Softwaresystemen für die Medizintechnik, beispielsweise für die chirurgische Navigation. Den Teilnehmern des VDI-Expertenforums prophezeite er: „Die Zukunft der Medizintechnik ist datengetrieben.“ Die Optimierung von Abläufen im Operationssaals mittels Big Data, Software und Mixed Reality ist für Brainlab ein Kernthema der Zukunft.

Die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und sich zu vernetzen bot am zweiten Messetag auch die Messelounge der Xing Ambassador Group Medizintechnik in Halle 10. Rund 30 Teilnehmer haben sich hier zusammengefunden, um sich über die neue Messesituation, aber auch die EU-Medizinprodukteverordnung und vieles mehr auszutauschen. Spannend waren hier vor allem die unterschiedlichen Perspektiven der jeweiligen Akteure: Neben Medizintechnikfirmen sowie Zulieferern waren diesmal beispielsweise auch Vertreter der Nürnberg Messe, des Wirtschaftsministeriums Rheinland-Pfalz, aber auch Agenturen sowie Dienstleistungs- und Beratungsfirmen auf dem Treffen vertreten. Sie alle brachten ihre eigene Sicht auf die jetzt anstehenden Veränderungen ein.

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Weitere Meldungen über Medizintechnik-Messen, die Medizintechnik-Branche und Medizintechnik-Unternehmen finden Sie in unserem Themenkanal Szene.

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