Für Einkaufs‑ und Supply‑Chain‑Verantwortliche in der Medizintechnik sind Zuverlässigkeit und Compliance keine Option, sondern die Grundlage im ganzen Prozess. Doch eines der kritischsten Bestandteile des Designs – die Leiterplatte – befindet sich oft mehrere Ebenen tief in der Lieferkette, verborgen hinter dem Auftragsfertiger.
Im Rahmen der Produktionskontrollen in den Hauptfabriken führt NCAB jedes Jahr vollständige Qualitätsaudits durch, die sich auf den Produktionsprozess und weitere relevante Aspekte konzentrieren.
(Bild: NCAB Group)
Die meisten Auftragsfertiger (EMS) sind hervorragend in dem, was sie tun: Sie managen Komponenten, Logistik und Montage mit großer Präzision. Doch Leiterplatten sind anders. Sie sind keine Katalogteile. Jede Platine ist einzigartig, und kleine Prozessvariationen können enorme Auswirkungen haben. Wenn Beschaffungsentscheidungen vollständig in den Händen anderer liegen, kann sich das eigene Risikoprofil still und leise verändern – oft unbemerkbar.
Warum man die Leiterplattenbeschaffung differenziert betrachten sollte
Für die Zuverlässigkeit einer Leiterplatte zählt jedes einzelne Detail. FR4-Materialwahl, Lagenaufbau, Designregeln, Kupferstärken, Via‑Architektur, Galvanikprozesse und Qualitätssicherung wirken direkt auf die Lebensdauer und Betriebssicherheit ein. Das sind keine nebensächlichen Fertigungsparameter – sie bestimmen maßgeblich Performance und schließlich das Compliance-Tracking.
Schon geringe Abweichungen, etwa beim verpressen des Lagenaufbaus, der Kupferhaftung oder der Aufkupferungsintegrität, können schleichende Fehler verursachen, die erst Monate oder Jahre später im Feld auftreten. Diese Risiken im Griff zu behalten, erfordert ein klares Verständnis sowohl der Designanforderungen als auch der tatsächlichen Fertigungsbedingungen.
Bequemlichkeit kann blinde Flecken erzeugen
Sich darauf zu verlassen, dass der EMS-Dienstleister den Leiterplattenhersteller auswählt, erscheint logisch – ein Lieferant, eine Rechnung, weniger administrativer Aufwand. Doch diese Bequemlichkeit kann täuschen:
Qualifikationstiefe: EMS qualifizieren Leiterplattenfabriken möglicherweise nicht in der Tiefe, die ein OEM in einem regulierten Umfeld erwarten würde.
Kommerzielle Zwänge: Lieferzeiten oder bestehende Beziehungen können Beschaffungsentscheidungen beeinflussen.
Begrenzte Transparenz: Leiterplatten befinden sich oft zwei oder drei Stufen vom OEM entfernt, was die Rückverfolgbarkeit erschwert.
Das Ergebnis? Eine Leiterplatte, die korrekt aussieht und frühe Tests besteht, aber möglicherweise nicht die strengen Anforderungen des Produkts oder der regulatorischen Umgebung erfüllt.
Risiken beginnen mit den Daten
NCAB beginnt damit, die Gerber‑Daten des Kunden zu prüfen, um sicherzustellen, dass sie vollständig sind. Dazu gehört die Bestätigung, dass alle notwendigen Dateien vorhanden sind und dass die Bohrdaten mit den Zeichnungen übereinstimmen.
(Bild: NCAB Group)
Risiko entsteht nicht erst in der Fabrik – es beginnt viel früher, bei den Daten, mit denen das PCB gefertigt wird. In der gesamten Branche kommen rund 40 Prozent der PCB‑Datenpakete unvollständig oder unklar an. Fehlende Materialangaben, unvollständige Stack‑ups oder undefinierte Testkriterien lassen Raum für Annahmen – und Annahmen führen zu Abweichungen.
Wenn Hersteller „Lücken füllen“ müssen, selbst mit bester Absicht, können kleine Abweichungen von der Designintention unbemerkt bleiben. Diese Lücken zeigen sich oft erst spät im Prozess – oder schlimmer noch, wenn das Produkt bereits im Feld ist. In einem Medizinprodukt ist das ein Risiko, das sich niemand leisten kann.
Kleine Dokumentationsfehler können schnell zu Zeitverlust, Nacharbeit oder Compliance‑Problemen führen. Diese Verwundbarkeit früh zu erkennen, ist der erste Schritt zu echter Kontrolle.
Design‑Diskrepanzen: die Herausforderung externer Dienstleister
Eine weitere oft übersehene Risikoquelle liegt in der Art und Weise, wie Designs entstehen. Viele Medtech‑Unternehmen vergeben das PCB‑Layout an externe Designhäuser. Diese Designer sind kompetent, kennen jedoch möglicherweise nicht die Fertigungsmöglichkeiten der Fabriken, die die Platinen später herstellen.
Das Ergebnis? Datensätze mit Merkmalen, die mit Standardprozessen nicht produzierbar sind. Das können Leiterbahnen und Abstände von unter 40 µm sein oder Via‑Strukturen, die schlicht nicht herstellbar sind. In solchen Fällen müssen die Daten zur Korrektur zurück an den Designer – was zu einer Verzögerung in der Lieferkette führt, und Fehlerpotenzial schafft.
Eine frühe Zusammenarbeit zwischen dem Designteam und einem PCB‑Partner, der die Fähigkeiten der freigegebenen Fabriken kennt, schließt diese Lücke und verhindert kostspielige Überraschungen.
Eine einmalige Auditierung einer Leiterplattenfabrik reicht nicht aus
Ein einzelnes Audit sichert keine langfristige Qualität. Um echte Kontrolle zu behalten, sind regelmäßige Audits über die Zeit notwendig – einschließlich Besuchen vor Ort, kontinuierlicher Leistungsüberwachung und vollständigem Zugang zu Qualitätsdaten und Rückverfolgbarkeitssystemen.
Das Modell von NCAB basiert auf kontinuierlichem Fabrikmanagement. Das Unternehmen hat lokale Production Quality Engineers (PQEs) und Quality‑Control‑Techniker (QCs), die vor Ort in freigegebenen Fabriken arbeiten. Die PQEs arbeiten proaktiv an Verbesserungen und sind verantwortlich für die Leistung der Fabriken sowie für den Aufbau von Beziehungen. Die QCs stellen sicher, dass die Leiterplatten gemäß den Spezifikationen gefertigt und geprüft werden.
Stand: 08.12.2025
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Die wahren Kosten eines verborgenen Fehlers
(Bild: NCAB Group)
Wenn PCB‑Probleme auftreten, zeigen sie sich selten in Prototypen. Sie tauchen Monate später als intermittierende Testfehler oder Feldausfälle auf – oft zurückzuführen auf subtile Prozessvariationen. Typische Ursachen wie Galvanisierungfehler, Leiterbahnreparaturen, nicht genehmigte Materialsubstitutionen oder Schwächen in der Qualitätssicherung. Wenn das Problem entdeckt wird, können die Kosten für Untersuchung, Re‑Qualifizierung und verlorenes Vertrauen den ursprünglichen Preisunterschied zwischen Lieferanten bei Weitem übersteigen – ganz zu schweigen von möglichen Rückrufen oder Haftungsrisiken.
Um diese Fehler zu minimieren, verwendet NCAB eine eigene PCB‑Spezifikation. Sie ist ein umfassendes Dokument mit über 100 Anforderungen, die bei der Herstellung von Leiterplatten für Kunden erfüllt werden müssen. Die Spezifikation ergänzt oder übertrifft den etablierten Industriestandard der IPC-Klasse 2 und teilweise Bereiche die nicht von der IPC abgedeckt werden.
Ein Teil davon ist der Qualifikations‑ und Freigabeprozess, bei dem das Unternehmen strenge Prüfstandards in Bezug auf Compliance, Materialien, Abmessungen, Zuverlässigkeitstests und mehr anwendet. Das Endprodukt wird gemäß den Standard geprüft und mit einem Erstmusterprüfbericht, einschließlich Mikrosektion, ausgeliefert, um sicherzustellen, dass es den Anforderungen an eine zuverlässige und langlebige Leiterplatte entspricht.
Nachhaltigkeit: die nächste Dimension der Kontrolle
Nachhaltigkeit ist für die meisten Medtech‑Unternehmen zu einem Thema auf Vorstandsebene geworden – und das zu Recht. Die Herstellung von Leiterplatten ist energieintensiv, und der Umweltfußabdruck variiert erheblich von Fabrik zu Fabrik. NCAB möchte ein Katalysator für nachhaltigere Leiterplatten und Fertigungsprozesse sein und verfolgt das Ziel, dass die Leiterplatten so produziert werden, dass die gesamte Umweltbelastung minimiert wird.
Ein großes globales Medtech‑Unternehmen bat NCAB kürzlich, die CO2‑Emissionen auf die PCB-Ebene zu reduzieren. Durch die Analyse der Produktion innerhalb des freigegebenen Netzwerks verlagerte der Spezialist ihr Produkt in ein Werk, das zu über 80 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben wird – und reduzierte die CO2‑Emissionen pro Platine um 60 Prozent, ohne Kompromisse bei Design oder Qualität.
Zusammenarbeit statt Konfrontation
Es geht nicht darum, den EMS die Kontrolle zu entziehen. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Baugruppenfertigung, Logistik und Komponentenbeschaffung. Doch Leiterplatten benötigen einen anderen Ansatz – einen, der auf geteilter Verantwortung und Transparenz basiert.
Die besten Ergebnisse entstehen, wenn OEMs, EMS und PCB‑Partner zusammenarbeiten:
Der EMS managt Montage und Logistik.
Der OEM definiert klare Spezifikationen und behält die Kontrolle.
Der PCB‑Partner stellt sicher, dass diese Anforderungen von Anfang an in die Platine einfließen, indem er Standards in praktische Fertigungsschritte übersetzt, Dokumentation begleitet und vollständige Rückverfolgbarkeit über jede Produktionsphase hinweg sicherstellt.
So entsteht eine Lieferkette, die widerstandsfähig, transparent und auf Zuverlässigkeit ausgelegt ist – eine Lieferkette, die Überraschungen minimiert und Qualität vom ersten Muster bis zur Serienproduktion konstant hält.
Kontrolle dort übernehmen, wo es zählt
Versteckte Risiken entstehen dort, wo die Sichtbarkeit gering ist. In der heutigen regulierten und nachhaltigkeitsorientierten Umgebung liegt dieses Risiko zunehmend in der Leiterplatten‑Lieferkette. Durch präzisere Dokumentation, frühe Einbindung des PCB‑Partners ins Design, kontinuierliche Überwachung der Fabriken und die Integration von Nachhaltigkeit in Beschaffungsentscheidungen schaffen Medtech-Unternehmen eine Lieferkette, die stärker, sauberer und konformer ist – vom Design über den gesamten Produktionsprozess bis zum finalen Endprodukt.
* Der Autor: Samuel Thompson ist Global Sales Director Medtech bei der NCAB Group.