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„Innovation Forum Medizintechnik“

„Es braucht Schwerelosigkeit, um einen Schritt voranzukommen“

| Redakteur: Peter Reinhardt

Im Kosmos der Medizintechnik setzen Keynotes aus der Raumfahrt Glanzlichter beim „Innovation Forum Medizintechnik“ in Tuttlingen.

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1997 hatte Prof. Dr. Reinhold Ewald rund vier Wochen an Bord der russischen Raumstation MIR verbracht. Er kennt die Schwerelosigkeit daher aus eigener Erfahrung und fesselt die beinahe 300 Zuhörer mit seinem Vortrag.
1997 hatte Prof. Dr. Reinhold Ewald rund vier Wochen an Bord der russischen Raumstation MIR verbracht. Er kennt die Schwerelosigkeit daher aus eigener Erfahrung und fesselt die beinahe 300 Zuhörer mit seinem Vortrag.
(Bild: Michael Kienzler / Technology Mountains)
  • Akteure der Medizintechnik vernetzen
  • Um auf der Erde voranzukommen, braucht es Erkenntnisse aus der Schwerelosigkeit
  • Raumfahrt und Medizintechnik wirken interdisziplinär

Zehn Jahre „Innovation Forum Medizintechnik“ bedeuteten für Yvonne Glienke, Geschäftsführerin von Technology Mountains, zehn Jahre „zündende Ideen“ – und in der Tuttlinger Stadthalle sprang der Funke auch bei der Jubiläumsveranstaltung am 11. Oktober 2018 über. Hochkarätige Keynotes, Fachvorträge und Aussteller boten unzählige Impulse, die Branche in die Zukunft zu tragen.

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Vernetzung ist das Zauberwort für die Zukunft

Yvonne Glienke blickte bei der Begrüßung mit dem Vorstandsvorsitzenden von Technology Mountains Dr. Harald Stallforth auf eine Dekade „Innovation Forum Medizintechnik“ zurück. „Von Anfang an ist es das große Ziel gewesen, die Akteure innerhalb der Branche stärker zu vernetzen“, erinnerte Dr. Stallforth. Dies sei gelungen und auch künftig die Prämisse: „Vernetzung ist das Wort der Zukunft. Keiner kann mehr allein die Technologien von morgen beherrschen.“

Diese Einschätzung konnte Prof. Dr. Reinhold Ewald in seiner Keynote nur bestätigen. „Die Arbeit im All und die Arbeit am Boden gehören zusammen“, daher sei die Raumfahrt ein gutes Beispiel für erfolgreiches interdisziplinäres Wirken. Wie dies geschieht, vermittelte der Professor für Astronautik und Raumstationen an der Universität Stuttgart anschaulich und unterhaltsam. Für Bereiche, die auf der Erde „ausgeforscht“ seien, „braucht es die Schwerelosigkeit, um einen Schritt voranzukommen“, so Ewald. Er hatte 1997 rund vier Wochen an Bord der russischen Raumstation MIR verbracht. Lärm, Enge, Eintönigkeit und 16 Erdumrundungen in 24 Stunden sorgten zwar für Stress und einen überforderten Biorhythmus. Dennoch wirke ein Raumflug wie eine „Jungkur“, verdeutlichte Ewald: Fältchen füllen sich wie durch Zauberhand; Astronauten wachsen bis zu fünf Zentimeter, da sich die Bandscheibenzwischenräume mit Wasser füllen. „Der Mensch ist fürs All geschaffen“, bilanzierte er. Herz, Nieren und Lunge bräuchten zwar eine gewisse Zeit der Anpassung, „laufen aber nicht aus dem Ruder“.

Wärmefluss-Sensor fürs All und für die Erde

„Diese Dynamik des Lebens ist faszinierend“, unterstrich Prof. Hanns-Christian Gunga in seinem Vortrag. Er beschäftigt sich an der Charité Berlin mit den Auswirkungen der Schwerelosigkeit – die immer wieder neue Fragen aufwerfen. Beispielsweise steigt bei Astronauten die Körperkerntemperatur regelmäßig auf ein Niveau, das normalerweise hohem Fieber entspräche. Dennoch fühlen sich die Raumfahrer gesund und fit. Um dies genauer zu erforschen, wurde in Zusammenarbeit mit einem Medizintechnik-Unternehmen ein auf der Haut platzierter Wärmefluss-Sensor entwickelt, der die ebenso unpraktischen wie unangenehmen Rektalsonden ersetzt. Der Temperaturmesser kommt nun unter anderem bei Feuerwehrleuten und Neugeborenen zum Einsatz – auch auf diese Weise wirkt „Weltraumtechnologie“ auf der Erde.

Die kurzweiligen Keynotes fanden im Eröffnungstalk ihre Fortsetzung. Thomas Albiez, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg, beleuchtete den Grundgedanken des „Innovation Forum Medizintechnik“. Die Idee sei gewesen, „sich aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsgebieten Inspirationen zu holen“, Wissen in die Unternehmen zu transferieren – ein Ansatz, der heute aktueller sei denn je: „Es wird interdisziplinär, wohin man schaut.“ Damit einher geht ein Wandel in der Arbeitswelt. Von Yvonne Glienke gefragt, welche Fähigkeiten zur Bewältigung der Zukunftsthemen aufgebaut werden müssten, antwortete Dr. Katrin Sternberg, Vorstand der Aesculap AG: „Wir brauchen Mitarbeiter und Menschen, die Innovations- und Veränderungskompetenz haben.“

Ergänzendes zum Thema
Technology Mountains
Wachstum geht weiter: Mitgliederversammlung von Technology Mountains

Bereits gut zwei Wochen vor dem „Innovation Forum Medizintechnik“ fand am 27. September 2018 die Mitgliederversammlung von Technology Mountains in der Stadthalle Tuttlingen statt. „Mit einer Erfolgsbilanz schloss die Clusterinitiative Technology Mountains e.V. ihr Geschäftsjahr 2017/2018 ab“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung:

  • Starker Mitgliederzuwachs
  • rund 150 Veranstaltungen
  • über 20 Innovationsprojekte
  • und das neue Projekt „Digital Mountains“
  • waren die markanten Eckpunkte der Mitgliederversammlung am 11. Oktober in Tuttlingen.

    Die Teilnehmer der Mitgliederversammlung von Technology Mountains am 11. Oktober 2018 in der Stadthalle Tuttlingen.
    Die Teilnehmer der Mitgliederversammlung von Technology Mountains am 11. Oktober 2018 in der Stadthalle Tuttlingen.
    ( Bild: Ralph Gravenstein / Technology Mountains )

    Technology-Mountains-Vorstandsvorsitzender Dr. Harald Stallforth ging nach der Begrüßung der 110 anwesenden Mitgliedsvertreter nicht ohne Stolz auf die wichtigsten Kennzahlen ein: Rund 150 Seminare, Gesprächsrunden und Tagungen mit etwa 4.000 Teilnehmern seien es im vergangenen Wirtschaftsjahr gewesen, vom Arbeitskreis bis hin zu groß aufgezogenen Innovation Foren mit mehreren hundert Teilnehmern. Entsprechend umfangreich sei auch der Pressespiegel ausgefallen: Exakt 258 Beiträge über TechnologyMountains waren im Berichtszeitraum 2017/2018 erschienen – die Aufmerksamkeitswerte stimmen also.

    Kein Wunder also, dass die Clusterinitiative unvermindert wächst: So sei die im Geschäftsbericht zum Ende des Wirtschaftsjahrs benannte Zahl von 260 schon wieder überholt, wie Dr. Harald Stallforth erklärte: „Wir haben aktuell beinahe die 300-Mitglieder-Marke geknackt“, so seine Sachstandsmeldung.

    Für das inzwischen angelaufene Wirtschaftsjahr erhielt der Wirtschaftsplan einstimmige Zustimmung. Als Ergänzung zum Tätigkeitsbericht der Vereinsführung rundete die Vorstellung von vier Projekten aus dem Portfolio von Technology Mountains die Versammlung ab:

  • Martin Friedrich vom Technologiezentrum St. Georgen präsentierte die Grundlagen des neu gestarteten „Digital Hub“ Digital Mountains, der die Vernetzung von Ressourcen zu Themen wie erweiterte oder virtuelle Realität, cyberphysische Systeme sowie 3D-Druck für Kooperationsprojekte in der Region, aber auch die Gründerszene vor Ort stärken soll. Dr. Harald Stallforth zeigte sich überzeugt, dass Digital Mountains in Zukunft ein weiteres wichtiges Standbein von Technology Mountains sein werde.
  • Technology-Mountains-Geschäftsführerin Yvonne Glienke beleuchtete die Eckdaten des Projekts „Clean Med“ zur Optimierung der Teile- und Produktereinigung in der Medizintechnik: Ergebnis sei unter vielen anderen Aspekten ein praxisgerechter Leitfaden rund um das Thema. Trotz Ende des Förderzeitraums haben sich 26 Projektteilnehmer dazu entschlossen, die Runde mit eigenen Mitteln und als Arbeitskreis der Medical Mountains GmbH fortzuführen.
  • • Simon Herrlich von der Hahn-Schickard-Gesellschaft präsentierte eine klinische Anwendung von Mikrotechnologie: Durch besondere Fertigungsverfahren sei es durch die Entwicklungsarbeit des Projekts möglich, einen qualitativen und quantitativen Schnelltest für multiresistente Keime durchzuführen: Die mikrometergenaue Herstellung kleiner Vertiefungen und dazu passender Optikelemente macht diesen Test um ein vielfaches schneller als bisherige Verfahren – wichtiger Zeitvorteil im Klinikalltag.
  • • Marius Fedler, neuer Geschäftsführer des Kunststoff-Instituts Südwest, verwies auf gleich sieben aktuelle Projekte aus dem Kunststoffbereich. Zentrales Thema sei derzeit das zuverlässig dichte Umspritzen von Bauteilen und Elektronik mit Duroplasten. Exemplarisch stellte er ein Forschungsvorhaben vor, bei dem die Tauglichkeit von 3D-gedruckten Kunststoffteilen für den Automobilsektor erprobt wird.
  • Zum Ende der Versammlung hieß es dann noch Abschiednehmen: Dr. Harald Stallforth verabschiedete im Namen von Technology Mountains nicht nur den bald scheidenden Villingen-Schwenninger Oberbürgermeister Rubert Kubon aus dem Vorstand von Technology Mountains, sondern auch Sigfried Kaiser vom Kunststoff-Institut Südwest, der als Gründungsmitglied die Entwicklung von Technology Mountains mitgeprägt habe.

    Wie erfolgreich der Verbund ist, konnte Technology-Mountains-Geschäftsführer Thomas Wolf mit einer neuerlichen Auszeichnung verdeutlichen: Der Anfang Juli an Technology Mountains vergebene Innovationspreis „Top100“ sei ein weiterer Beleg für die Exzellenz des Clusters.

    Innovative Technologien, Produkte und Dienstleistungen

    Innovationen und Veränderungen waren dann auch die beherrschenden Themen des weiteren Tages. In sechs Vortragssessions ging es unter anderem um:

    • 3D-Druck in der Medizintechnik
    • Kunststoffe
    • Oberflächentechnologien
    • Mensch-Maschine-Interaktion im digitalen Gesundheitsnetzwerk

    Rund 50 Aussteller präsentierten zudem in einer begleitenden Ausstellung neue Produkte und Dienstleistungen. Darunter auch Forschungseinrichtungen aus ganz Baden-Württemberg, die ihre aktuellen Arbeiten vorstellten. An den Ständen und in den Pausen nutzten die rund 300 Teilnehmer die Zeit für Dialoge und Diskussionen. Daher verhielt es sich angesichts der eingangs erwähnten „zündenden Ideen“ bei dem Innovation Forum wie mit einem Raketenantrieb: Finden sich Unternehmer und Wissenschaftler im richtigen Mischungsverhältnis und in der richtigen Atmosphäre zusammen, genügt manchmal schon ein Geistesblitz, um Großes in Gang zu setzen.

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