Formnext 2017

Nichts für Nerds: 3D-Druck in der Medizintechnik

| Autor: Peter Reinhardt

Nicole Clement, 3D Systems „Jeder neue Player belebt das Geschäft.“
Nicole Clement, 3D Systems „Jeder neue Player belebt das Geschäft.“ (Bild: Reinhardt / Devicemed)

Wer sich als Medizintechnik-Hersteller für 3D-Druck – genauer gesagt Additive Manufacturing – interessiert, der erlebt am Beispiel der Messe Formnext, mit welcher Dynamik sich diese Branche aktuell entwickelt.

  • Potente Quereinsteiger drängen mit Macht in den Markt
  • Etablierte Additive Manufacturer behaupten ihre Position
  • Kleine Auftragsfertiger haben weiter viel zu tun

Seit drei Jahren gibt es die Formnext in Frankfurt. Verglichen mit dem Alter anderer deutscher Messen befindet sich die Formnext damit quasi an der Schwelle vom Baby zum Kleinkind. Und wie ein Kleinkind übt sie eine unglaubliche Anziehungskraft aus. 471 Aussteller und gut gefüllte Hallen vermeldet der Veranstalter nach drei von vier Messetagen. Wenn es gut läuft, könnten bis zum Ende der Messe über 20.000 Besucher zu Buche stehen. Das sucht hierzulande seinesgleichen.

Große Firmen mit großen Ständen dominieren das Geschehen

Wer derweil wie ich eine Messe für Nerds – und im Zweifel auch Trophäensammler – erwartet, der wird enttäuscht. Nach drei Tagen Medica/Compamed – Weltleitmesse für Medizintechnik mit rund 5.000 Ausstellern und fast 130.000 Besuchern freue ich mich auf einen überschaubaren Event: Kleine Boxen, statt großer Stände, Fokus auf Technologie statt auf Marketing. Doch weit gefehlt.

Es geht ab, wie man so schön sagt. Große Firmen mit großen Ständen dominieren das Geschehen. Obwohl der Messeveranstalter eine zweite Halle dazugenommen hat, genügt einigen Ausstellern die verfügbare Fläche nicht. Unternehmen wie GE Additive und Trumpf fallen mit zweigeschossigen Standbauten auf. Mit der Präsenz dieser Firmen wird einer der Trends deutlich. Die Platzhirsche 3D Systems, EOS, SLM, Stratasys etc. bekommen Konkurrenz aus allen Richtungen: Der Werkzeugmaschinenhersteller DMG/Mori ist mit seinem hybriden Lasertec-Portfolio vertreten, der Spritzgießmaschinenhersteller Arburg mit seinem Freeformer – und eben der Blechbearbeitungs- und Laserspezialist Trumpf mit Komplettlösungen aus Digitalisierung, Maschinen und Services zum 3D-Drucken von Metallen (Laser Metal Fusion) und zum Laserauftragschweißen (Laser Metal Deposition). Häufig haben diese Unternehmen bereits Kompetenzen in Bereichen, die unerlässlich fürs Additive Manufacturing sind.

Kurzer Weg zur additiven Fertigung

So ist das auch bei Renishaw – eigentlich Anbieter von Fertigungsmesstechnik. Präzise Positionierung, Optik, Laser und Mechatronik, damit kennt sich das Unternehmen aus Pliezhausen aus. Da ist der Weg zur Additiven Fertigung nicht mehr weit gewesen. Bereits im Jahr 2011 wurde das britische Unternehmen MTT Technologies Limited übernommen. Mittelfristig soll die Hälfte des Umsatzes mit generativer Fertigung generiert werden. Geschäftsführer Rainer Lotz ist heute Vorsitzender des Ausstellerbeirats der Formnext. In Großbritannien wurde speziell für Kunden aus der Medizintechnik eine eigene Abteilung geschaffen. Ed Littlewood bündelt dort die Branchenkompetenz. Er kann Maschinen, Lohnfertigung und Know-how anbieten.

Doch es gibt noch mehr Brands, die der geneigte Besucher nicht unbedingt erwartet hätte. Oder doch? Wer zum Beispiel wie HP Drucker herstellt, der ist naheliegenderweise auch Pionier in der 3D-Druck-Technologie. Weit gefehlt. Erst im Mai des vergangenen Jahres hat HP mit dem Jet Fusion 4200 ein entsprechendes Produkt vorgestellt. „Ein Industriegerät für Kleinserien und darüber hinaus, nicht für Prototypen“, erklärt dazu Maximilian Loth, Business Developer 3D-Printing. Mit vier Werkstoffen, davon einer als biokompatibles PA 12 auch für die Medizintechnik geeignet, ist das Angebot noch überschaubar. Jedoch sei die Zertifizierung weiterer Materialien in Arbeit. Immerhin werden mit dem verfügbaren Angebot bereits Hand- und Unterarmorthesen sowie Schnittmodelle und Schablonen für Operationen gefertigt. Zukünftig sollen auch Single-Use-Produkte auf Druckern von HP entstehen. Anfragen aus der Medizintechnik gäbe es bereits, auch auf der Formnext.

Bedeutung additiver Fertigungstechnologien wächst rasant

Wenn man vom Aufwand von HP und Co. für die Messestände auf die Bedeutung der additiven Fertigungstechnologie schließen darf, wird deutlich, welches Potenzial hier schlummert. Aktuell schätzen Analysten den Weltmarkt auf 8 Mrd. US-Dollar. Bis zum Jahr 2020 sollen es schon 20 Mrd. US-Dollar sein. Zum Vergleich: Die deutsche Medizintechnikindustrie dürfte dieses Jahr erstmals ein Umsatzvolumen von 30 Mrd. Euro erreichen – mit 12.500 Unternehmen und über 200.000 Mitarbeitern, wie der Bundesverband Medizintechnologien BV-Med aktuell vermeldet.

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Bleiben wir bei großen Zahlen, kehren aber zurück zu GE. Rund 600 Mio. US-Dollar haben sich die Amerikaner kurz nach dem Scheitern der Übernahme von SLM Solutions die 75-prozentige Beteiligung an Concept Laser kosten lassen – nicht gerade wenig für ein Unternehmen, dass erst im Jahr 2000 gegründet wurde und heute rund 200 Mitarbeiter beschäftigt. „Additive Fertigung wird erwachsen“, erklärt Stephan Zeidler, Branchenmanager Medizin, die Akquisition im Interview mit Devicemed.

Für den Markt der additiven Fertigung ist diese Akquisition symptomatisch. Oerlikon hat Citim übernommen, Materialise hat AC-Tech gekauft. Die Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern. Wie gesagt: Es geht ab. Und als Industriefachmesse ist die Formnext mittendrin statt nur dabei.

Etablierte Additive Manufacturer bleiben ruhig

Doch die etablierten Additive Manufacturer nehmen's gelassen: Nicole Clement, Vice President Marketing Europe beim 3D-Druck-Pionier 3D Systems, erklärt: „Der Markt bietet genügend Potenzial.“ Und jeder neue Player treibe die Technologie voran. „Je mehr, desto besser“, sieht sie Quereinsteiger eher als Belebung denn als Gefahr. Die Vielzahl an Akquisitionen macht deutlich: Der Markt steht vor einer Konsolidierung.

Und eine weitere Veränderung ist nicht nur auf der Messe festzustellen. „Wir sehen uns zunehmend auf der Produktionsebene funktionaler Endprodukte“, erklärt Clement. Technologietreiber seien die Software und die Werkstoffe. Die Maschine sei nur sekundär. So verfügt 3D Systems inzwischen über ein Portfolio von mehr als 100 Materialien.

Besonders wichtig nehme 3D Systems Kunden aus den Bereichen Medizintechnik und Healthcare. Mehr als 30 Metalldrucker sind alleine im Werk in Brüssel für diese Branchen im Einsatz und fertigen für namhafte Unternehmen beispielsweise Knie- und Hüftimplantate sowie Komponenten für Herzschrittmacher. Ein weiteres Medizintechnik-Center befindet sich in Denver, USA. Anfang des kommenden Jahres soll ein Customer Center in Darmstadt eröffnet werden. Klar ist, über Auftragsfertiger können Medizintechnik-Hersteller mit überschaubarem Risiko in die noch vergleichsweise neuen Technologien einsteigen.

Kleine Dienstleister sind weiter gefragt

Aber neben den wenigen ganz Großen gibt es auch noch die eher kleinen Anbieter von Additive-Manufacturing-Technologien im Markt und auf der Messe. Einer davon ist 3D-Laser. Ich treffe Geschäftsführer Oliver Wagner auf seinem kleinen Messestand im Schatten von GE. „Die Großen können uns nicht erdrücken“, gibt sich Wagner kämpferisch. „Wir sind zwar klein, haben aber viel Erfahrung.“ Über Auftragsmangel kann der Lohnfertiger jedenfalls nicht klagen. Im Gegenteil. Im Grunde fehlen ihm die nötigen Kapazitäten, um bei Anfragen aus der Medizintechnik die regulativen Anforderungen abzuarbeiten. Ab Januar soll deshalb ein Investor weiteres Wachstum unterstützen.

Auch den Aussteller Steinbach muss ich gezielt suchen. Das mache ich. Denn ich will mehr über die Möglichkeiten von 3D-gedruckter Keramik erfahren. Filigrane Teile wie Mikroschrauben mit weniger als 0,5 mm Durchmesser lassen sich so herstellen. Das interessiert die Messebesucher offensichtlich. Jedenfalls hat Geschäftsführer Michael Steinbach als Erstaussteller sein Standpersonal nach dem ersten Messetag kurzerhand von zwei auf vier Mitarbeiter verdoppelt. Auch Vertreter aus der Medtech-Branche seien an den guten Materialeigenschaften gedruckter Keramik interessiert. „Das Thema Sterilisierbarkeit hat beispielsweise einen Hersteller von Endoskopen zu uns geführt. Er überlegt, künftig die Schutzkappen seiner Schläuche aus Keramik zu fertigen“, erklärt Steinbach.

Formnext-Besucher sind gut informiert

Damit kommt man zu der Frage, wer die Formnext besucht. Gut informiert sind die Besucher, darin sind sich die Aussteller einig. Es geht ihnen um Technik, nicht um Trophäen. Sie fragen sehr konkret, und sie kommen aus vieler Herren Länder. Wie zum Beweis begegnet mir eine gut 20-köpfige Delegation aus Japan, als ich die Messe später verlasse.

„Die Besucher kommen zur Formnext, weil sie sich natürlich für neue, innovative Produktionsmöglichkeiten interessieren. Ein Teil verwendet additive Technologien bereits. Andere interessieren sich dafür und möchten die Möglichkeiten für ihre eigene Produktion erkunden“, charakterisiert Bereichsleiter Sascha F. Wenzler vom Formnext-Veranstalter Mesago die Motivation der Messebesucher. „Mit additiver Fertigung einen Mehrwert schaffen“, darum gehe es auf der Formnext.

„Mit additiver Fertigung einen Mehrwert schaffen“

Mesago / Formnext 2017

„Mit additiver Fertigung einen Mehrwert schaffen“

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Der Anteil von Vertretern aus Medizintechnik-Unternehmen ist indes durchaus ausbaufähig, wobei es vereinzelt auch Aussteller gibt, die sehr wohl viele Besucher aus dieser Branche haben. Einer davon ist Proto Labs, was vielleicht daran liegt, dass dieser Auftragsfertiger auch mit anderen Fertigungsverfahren sehr gut in dieser Branche etabliert ist.

„Wirbelsäulenimplantate mit hochkomplexen Strukturen fertigen wir in 1.000er-Chargen“, ist auch Christoph Erhardt, Head of 3D Printing, längst in die additive Serienfertigung eingestiegen. Mehrere hundert Hüftgelenke verlassen zudem jährlich das Proto-Labs-Werk in Eschenlohe – mass customized. Die Besonderheit dabei: Randomisierte Strukturen mit einer Strebendicke von gerade mal 0,15 mm und 300 bis 700 µm Porengröße liegen als CAD-File für die Eingabe bei der Benannten Stelle bereit. Das sorgt für wiederholgenaue, zertifizierbare Prozesse. Medizintechnik-Hersteller, was willst du mehr!?

Die nächste Formnext findet statt vom 13. bis 16. November 2018.

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