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A.T. Kearney-Studie Nicht auf der Höhe der Zeit: SCM in der Medizintechnik

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Medizintechnikunternehmen müssen ihre Supply Chain radikal umbauen, um für den Umbruch in ihrer Branche gerüstet zu sein, so das Fazit einer Untersuchung der Managementberatung A.T. Kearney.

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Die schwache Performance der Medizintechnik ofenbar sich im Vergleich mit anderen Industrien.
Die schwache Performance der Medizintechnik ofenbar sich im Vergleich mit anderen Industrien.
(Bild: A.T. Kearney)
  • Unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit der Supply Chain
  • Zukunft gehört agilen, effizienten Lieferketten
    Bei Medizintechnikunternehmen haperst es an der Umsetzung
  • Wenige Medtech-Top-Performer erreichen Spitzenwerte
  • Dienstleistungen wie „Just-in-time“-Anlieferungen auf die Stationen werden zu Wettbewerbsfaktoren

„Im Vergleich zu Branchen wie der Konsumgüterindustrie ist die Leistungsfähigkeit der Supply Chain der meisten Medizintechnikunternehmen schlicht unterdurchschnittlich“, sagt Dr. Oliver Scheel, der bei der Managementberatung A.T. Kearney für die Gesundheitsindustrie zuständig ist. „Die Digitalisierung, steigender Bedarf an Dienstleistungen weit über das Produkt hinaus, wachsender Preisdruck und Machtverschiebung hin zu den Kostenträgern machen in Zukunft jedoch agile, effiziente und rund um den Kunden organisierte Lieferketten notwendig. Wie die Konsumgüterindustrie vor einigen Jahren, müssen Medizintechnik-Unternehmen jetzt ihre Supply Chain radikal umbauen, wenn sie für den Umbruch in ihrer Branche gerüstet sein wollen“, resümiert Scheel die Ergebnisse einer aktuellen A.T. Kearney-Untersuchung zur Zukunft des Supply Chain Managements in der Medizintechnik.

Es hapert vor allem in der Umsetzung

Für ihre aktuelle Studie „What’s next for Medical Device Supply Chains“ hat A.T. Kearney eine weltweite Befragung unter Entscheidern 34 führender Medizintechnikunternehmen zu zentralen Supply-Chain-Leistungskennzahlen und strategischen Zielen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Medizintechnik-Firmen strategisch zwar die richtigen Weichen stellen, sich in der Umsetzung aber nur mit kontinuierlichen Verbesserungen zufriedengeben. Entscheidendes Potential zur Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit durch optimales Supply Chain Management bleibt ungenutzt.

Im Vergleich zur Konsumgüter-Industrie sieht die Medizintechnik alt aus

Bezüglich Lieferzuverlässigkeit, Lagerbeständen und Supply-Chain-Kosten schneiden Medizintechnik-Unternehmen deutlich schlechter ab als Konsumgüterhersteller. Nur wenige Top-Performer unter den Medizintechnik-Unternehmen erreichen die Spitzenwerte der Konsumgüterhersteller. So stehen bei Lagerzeiten für Fertigwaren 17 Tage als Spitzenwert in der Konsumgüterindustrie 60 Tagen bei den diesbezüglich führenden Medizintechnikherstellern gegenüber (durchschnittlich 124 Tage).

Wir können den Performance-Rückstand der Medizintechnik-Firmen nicht alleine mit ihren höheren regulatorischen Hürden erklären“, kommentiert Dr. Christian Weitert, Supply-Chain-Experte bei A.T. Kearney: „Ansätze wie “Postponement“ (späte Ausdifferenzierung) oder „pull“-basierte Produktionsplanung, mit denen sie ihre Supply Chain agiler und effizienter machen könnten, kommen noch zu selten zur Anwendung.“

Dabei messen 75 Prozent der befragten Manager der Agilität ihrer Supply Chain hohe strategische Priorität bei, schöpfen aber die Möglichkeiten von Segmentierung, Szenario-basierter Planung und „End-to-End“-Visibilität nicht vollständig aus. So basiert ihre Segmentierung auf traditionellen Geschäftseinheiten (bei 64 Prozent); weniger als 40 Prozent haben gar keine Strategie zur Segmentierung ihrer Supply Chain. 85 Prozent der Befragten haben darüber hinaus laut eigener Auskunft keine effizienten Entscheidungsprozesse und nur 46 Prozent greifen auf „Postponement“ (späte Ausdifferenzierung) zurück, was in den agilen Lieferketten der Konsumgüterindustrie gang und gäbe ist. Fast so wichtig wie Agilität ist den Befragten kurz- bis mittelfristig eine Verbesserung ihrer Prognose-Methoden. Die Hälfte will zudem Lieferzeiten und den Produkteinführungsprozess verbessern.

Noch scheint kein Medizintechnik-Unternehmen gerüstet

„Die meisten Medizintechnik-Unternehmen konzentrieren sich zurzeit auf Effizienz. Unterlassen sie eine echte Transformation ihres Geschäftsmodells und ihrer Lieferketten, werden sie langfristig im Wettbewerb zurückfallen“, kommentiert Scheel mit Verweis auf die steigende Bedeutung des „Direct-to-Hospital“-Vertriebskanals.

Dienstleistungen wie „Just-in-time“-Anlieferungen auf die Stationen und Produktspender am Verbrauchsort werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren – und setzen massive Eingriffe in die Supply-Chain voraus. Bislang ist das Angebot der „Just-in-time“-Lieferung auf die Krankenstation und in den OP-Raum nur für 8 Prozent des Gesamtvolumens möglich.

Medizintechnikhersteller dürften sich laut der Studienautoren nicht auf rein produktbezogenen Innovationen und der Effizienz ihrer Supply Chain ausruhen. Mit rasant wachsendem Bedarf nach zusätzlichen Dienstleistungen werde Agilität und Kundenfokus zur zentralen Herausforderung an die Supply Chain. Scheel: „Wer es schafft, die hohen Anforderungen – neue Lieferorte und kürzere Reaktionszeiten, komplett gebündelte „End-to-End“-Lösungen und neue Services – zu erfüllen, und die erhöhte Komplexität sehr effizient zu steuern, hat gewonnen. Noch scheint kein Medizintechnik-Unternehmen dafür gerüstet.

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