Schott

Geschichten mit Glas für die Medizintechnik – ein Porträt

| Autor: Peter Reinhardt

Die Firmenzentrale von Schott in Mainz: natürlich mit einer Fassade aus Glas.
Die Firmenzentrale von Schott in Mainz: natürlich mit einer Fassade aus Glas. (Bild: Reinhardt / Devicemed)

Glas ist einer der ältesten Werkstoffe der Welt. Es überrascht also nicht, dass sich unter den weniger als ein Prozent aller deutschen Industrieunternehmen, die älter als 100 Jahre sind, auch ein Hersteller von Spezialgläsern findet. 133 Jahre alt ist die Schott AG in Mainz, um genau zu sein.

  • Wannenreise“ wird Glasschmelzen im Branchenjargon genannt
  • Schott ist Innovationstreiber
  • Schon ganz weit vorne in der Produktentwicklung Lösungen aus Glas anbieten

Ernst Abbe, Otto Schott sowie Carl Zeiss waren es, die 1884 das Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen in Jena gründeten. Auf die drei Visionäre geht der erste reproduzierbare Glasherstellungsprozess zurück. „Wannenreise“ wird das Glasschmelzen im Branchenjargon genannt. Und es sind unzählige Wannen, die seit den frühen Jenaer Tagen bei Schott auf die Reise gingen. Aber ob die Altvorderen auch voraussehen konnten, welche Entwicklung ihr gemeinsamer Betrieb nehmen sollte, darf bezweifelt werden. An Hochpräzisionsanwendungen in Weltraumteleskopen haben sie sicher noch nicht gedacht. Und an Kochfelder aus Glaskeramik schon gar nicht. Aber genau dafür ist Schott heute gemeinhin bekannt. Der Markenname Ceran ist in Küchen so dominant wie Tempo bei Papiertaschentüchern und zählt zu den 100 wertvollsten Markennamen weltweit.

Falsche Förderpolitik bedeutet das Aus für Solar-Panels

Ähnlich erfolgreich sollten Solar-Panels von Schott werden. „Aber sie sind gescheitert an der falschen Förderpolitik“, heißt es dazu heute. Obwohl Schott die Herstellungskosten binnen 18 Monaten um 50 Prozent senken konnte, waren die Panels noch immer teurer als Billigware aus China. Der Ausstieg aus diesem Geschäftsfeld war nicht zu vermeiden.

Ultradünnes Weltrekordglas mit 25 µm Stärke

Was all das mit Medizintechnik zu tun hat? Zunächst einmal nichts. Aber es macht deutlich: Schott ist ein breit aufgestellter Industriekonzern. Und Schott ist Innovationstreiber. Beispielsweise gibt es ultradünnes Weltrekordglas mit einer Stärke von gerade Mal 25 µm von Schott. Dafür wurde das Unternehmen im vergangenen Jahr mit dem Innovationspreis der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Einsatzmöglichkeiten dafür gibt es unter anderem bei Wearables, deren Glasdisplays sich um Finger oder Handgelenke legen. Nicht zuletzt deshalb wurde Schott anlässlich der Compamed 2016 mit dem Devicemed-Award als Medtech Pioneer ausgezeichnet. Es geht also doch auch um Medizintechnik.

Einer, der sich damit auskennt, ist Fredrik Prince. „Wir müssen uns tief in medizintechnische Applikationen hineindenken, um schon ganz weit vorne in der Produktentwicklung Lösungen anbieten zu können“, macht der Director fürs Produktmanagement von Dünnglas und Wafern deutlich. So entstehen zum Beispiel gleichermaßen dünne wie stabile Gläser fürs Camera Imaging von Puls und Blutdruck oder isolierende Zwischenschichten aus Glas für ICs oder Dünnfilmbatterien. Es gehe aber auch darum, die internen Kompetenzen der Schottianer, wie sich die Mitarbeiter selbst nennen, bereichsübergreifend zu nutzen.

Vom undurchschaubaren Konglomerat zur Connected Company

Denn lange Zeit war Schott selbst für Insider ein schwer durchschaubares Konglomerat an Firmen und Kompetenzen. Doch heute sind die verschiedenen Geschäftsbereiche sehr gut miteinander vernetzt. „Connected Company“ nennt das der Vorstandsvorsitzende Dr. Frank Heinricht, der diesen Wandel bewirkt hat. Und so arbeitet heute zum Beispiel die Business Unit Adanced Optics, in der auch Prince tätig ist, eng mit den BUs und Home Tech sowie Lighting and Imaging zusammen.

Das spüren auch die Kunden. „Wir ticken anders als der klassische Vertrieb. Es gibt im Bereich Lichtlösungen für die Medizintechnik quasi keinen Katalog, keine Standardprodukte. Mehr als 90 Prozent ist customized“, macht Jörg Warrelmann als Sales Director Medical Europe der letztgenannten BU deutlich, wie wichtig dieser Austausch ist, und betont dabei die Rolle der BU Advanced Optics als Kernzelle und interner Lieferant.

Glas-Geschäft mit der Medizintechnik

Eben jenes Geschäft mit der Medizintechnik erfolgt derweil häufig unter erschwerten Bedingungen. Gab es bei Glasfasern für Endoskope früher eine Bedarfsnivellierung ist das in Zeiten großer Klinik-Ketten und Einkaufsgemeinschaften heute nicht mehr der Fall. Die Kunden haben entweder Bedarfsspitzen oder gar keinen Bedarf. Beides verträgt sich nicht unbedingt mit Schotts kontinuierlichen Prozessen. Aber dafür sei man schließlich Hersteller von Glas und nutze eine ebensolche Kugel plus jahrelanger Markterfahrung für die Produktionssteuerung, nimmt Medical-Experte Warrelmann diese Herausforderung von heute augenzwinkernd an.

Einzigartig in der deutschen Industriegeschichte: der Zug der 41 Glasmacher

Eine Herausforderung ungleich größerer Tragweite ist Teil der Schott’schen Unternehmensgeschichte: Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben die amerikanischen Besatzungstruppen in einer Nacht- und Nebelaktion wesentliche Know-how-Träger aus dem russisch besetzten Jena in den Westen gebracht. Der „Zug der 41 Glasmacher“ – darunter auch Erich Schott, der Sohn von Gründer Otto Schott – sucht seinesgleichen in der deutschen Industriegeschichte. Nach dem Mauerfall hat der Konzern die Chance zur Wiedervereinigung genutzt und mit dem Volkseigenen Betrieb in Jena Verantwortung für den historisch bedeutsamen Standort übernommen.

Chemisch funktional beschichtetes Glas für miniaturisierte Bio-Chips

Dort arbeitet heute Marcel Fischer. Der gebürtige Thüringer ist Verkaufsleiter für Nexterion in der BU Hometech. „Stark vereinfacht bringen wir chemisch funktionale Beschichtungen für die Verwendung von Glas als miniaturisierte Bio-Chips auf“, fasst er das hoch innovative Verfahren in einem Satz zusammen. Die Gläser dafür bezieht er, wie sollte es in einer Connected Company anders sein, natürlich von Schott.

Seit ungefähr vier Jahren macht sich die jahrelange Grundlagenarbeit auf diesem Gebiet bezahlt. Bis dahin fanden die Substrate fast ausschließlich in der Forschung Verwendung, doch seither werden es immer mehr Start-ups und etablierte Unternehmen der Diagnostik, die diese Technologie nutzen. „Ein globaler Wachstumsmarkt ist am Entstehen“, freut sich Fischer. Klar, dass sich das bei Schott längst herumgesprochen hat. Als (noch) kleines, aber aufstrebendes Geschäftsfeld genießt die Jenenser Technologie Präsenz bis in die Vorstandsebene. Und so überrascht es nicht, dass Schott eine Corporate-Initiative mit Fokus Diagnostik gestartet hat. Zu sehen gibt es diese unter anderem auf der diesjährigen Compamed in Düsseldorf.

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