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ISO 13485 Compliance braucht durchgängige Prozesse

Ein Gastbeitrag von René Zölfl, Global Advisor Medtech bei PTC 5 min Lesedauer

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Qualitätsmanagement entscheidet darüber, ob Unternehmen sichere und wirksame Medizinprodukte entwickeln und in internationale Märkte bringen können. Die ISO 13485 spielt dabei eine zentrale Rolle. Doch ihre praktische Umsetzung ist anspruchsvoll und macht digitale Prozesse zunehmend unverzichtbar.

Compliance ist in der Medizintechnik nicht mehr nur eine Aufgabe der Qualitätsabteilung, sondern betrifft die Entwicklung, Software, Regulatory Affairs, Produktion, Service und Management gleichermaßen. (Bild:  PTC)
Compliance ist in der Medizintechnik nicht mehr nur eine Aufgabe der Qualitätsabteilung, sondern betrifft die Entwicklung, Software, Regulatory Affairs, Produktion, Service und Management gleichermaßen.
(Bild: PTC)

Die ISO 13485 gilt weltweit als der führende Standard für Qualitätsmanagementsysteme (QMS) in der Medizintechnik. Sie richtet sich an alle Organisationen, die am Lebenszyklus eines Medizinproduktes beteiligt sind – von Herstellern über Zulieferer und Dienstleister entlang der Lieferkette bis hin zu Anbietern QMS-bezogener Dienstleistungen. Zahlreiche Regulierungsbehörden weltweit erkennen die Norm als Nachweis eines konformen QMS an. Daneben sprechen weitere gute Gründe für ihre Anwendung.

Wettbewerbsvorteil: Viele Unternehmen arbeiten bevorzugt mit zertifizierten Anbietern und Lieferanten zusammen, weil sie dadurch bestimmte Anforderungen nicht selbst prüfen müssen. Seit der Aktualisierung 2016 müssen Hersteller ihre Zulieferer und ausgelagerten Prozesse risikobasiert bewerten und überwachen. Eine ISO-13485-Zertifizierung des Lieferanten vereinfacht diesen Nachweis erheblich.

Zugang zu neuen Märkten: Die Norm gilt in den 175 Mitgliedstaaten der ISO als international harmonisierter Bezugspunkt. In vielen Regionen, darunter die EU (MDR/IVDR), Kanada, Australien und Japan, ist die ISO 13485 faktisch Voraussetzung für die Marktzulassung. Seit Februar 2026 hat auch die US-amerikanische FDA mit der neuen QMSR (21 CFR Part 820) ISO 13485:2016 per Verweis in ihre Regulierung übernommen, sodass US- und internationale Anforderungen nun weitgehend über ein einheitliches QMS abgedeckt werden können.

Unternehmens-Image: Die Zertifizierung ist ein Zeichen an Kunden und Aufsichtsbehörden, dass das Unternehmen Produktsicherheit, Qualität und die Einhaltung regulatorischer Anforderungen konsequent priorisiert.

Kompatibilität mit ISO-9001: Viele Medtech-Hersteller lassen sich zusätzlich zur ISO 13485 auch nach ISO 9001 zertifizieren, sei es freiwillig oder aufgrund von Kundenanforderungen. Da die ISO 13485 strukturell auf der ISO 9001:2008 aufbaut, lassen sich beide Systeme wirtschaftlich in einem integrierten QMS führen.

Dokumentation ist häufig die Schwachstelle

Im Vergleich zu ähnlichen Normen zeichnet sich die ISO 13485 durch klar definierte Anforderungen an Produkte, Prozesse und den Nachweis der QMS-Wirksamkeit aus, zudem legt sie einen Schwerpunkt auf das Risikomanagement (i. V. m ISO 14971) und die Dokumentationsverfahren. Genau hier liegt die Herausforderung: Viele Organisationen scheitern im Audit an einer lückenhaften Dokumentation. Denn die regulatorischen Nachweise müssen nicht nur vorhanden sein, sondern auch vollständig, aktuell, rückverfolgbar und auditierbar. Die dokumentierten Prozesse müssen dabei auch die tatsächliche Praxis widerspiegeln. Das betrifft u. a. Design-Inputs und -Outputs, Risikoanalysen, Verifikation und Validierung, Freigaben, Änderungssteuerung, CAPA, Reklamationen, Post-Market Surveillance und Schulungsnachweise. In der ISO 13485 sind diese Aspekte über verschiedene Abschnitte verteilt.

Besonders relevant für den operativen Betrieb sind das Kapitel „Qualitätsmanagementsystem“ mit den Dokumentationsanforderungen und Grundlagen der Änderungssteuerung sowie das Kapitel „Produktrealisierung“, das den gesamten Weg von Design und Entwicklung über die Beschaffung bis zur Produktion und Freigabe abdeckt.

Werden diese Informationen in getrennten Systemen oder Dateien gepflegt, kostet das viel Zeit für den Abgleich von Dokumenten, Statusinformationen und Freigaben. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass Änderungen nicht konsistent umgesetzt oder dass Nachweise im Auditfall nur mit hohem Aufwand erbracht werden können.

Komplexere Produkte, höhere Anforderungen

Die Digitalisierung der Medizintechnik verschärft diese Situation. Medizinprodukte enthalten immer mehr Software, sind stärker vernetzt und müssen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg aktualisiert, überwacht und dokumentiert werden. Damit rücken neben klassischen Qualitätsmanagementprozessen auch das Application Lifecycle Management sowie das Management von Risiken, Anforderungen, Tests und Änderungen in den Fokus. Das bedeutet: Compliance ist nicht mehr nur eine Aufgabe der Qualitätsabteilung, sondern betrifft die Entwicklung, Software, Regulatory Affairs, Produktion, Service und Management gleichermaßen.

Auch die Frage, wie Unternehmen die Wirksamkeit ihres QMS belegen und normative Anforderungen der ISO 13485 praktisch umsetzen können, gewinnt an Bedeutung. Damit steigt der Bedarf an durchgängigen, belastbaren und digital nachvollziehbaren Prozessen.

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Vom dokumentenbasierten QMS zum digitalen Prozess

Ein modernes QMS muss deshalb mehr leisten, als Dokumente zu verwalten. Entscheidend ist, dass Prozesse digital abgebildet, Rollen klar definiert, Workflows verbindlich gesteuert und Nachweise automatisch erzeugt werden. Elektronische QMS-Plattformen können die Qualitätsdokumentation unterstützen, verbinden diese jedoch selten mit verbindlichen Qualitätsregeln in Form durchsetzbarer Workflows.

Diese Lücke zwischen dokumentierten Vorgaben und gelebten Prozessen lässt sich mithilfe von Application Lifecycle Management (ALM) schließen. In sicherheitskritischen Branchen wie der Medizintechnik ermöglichen ALM-Systeme wie Codebeamer von PTC, Anforderungen, Risiken, Tests, Änderungen und Freigaben über den Digital Thread miteinander zu verknüpfen. Sie automatisieren zudem die Prozessdokumentation, indem sie alle Änderungen protokollieren, Zugriffskontrollen ermöglichen, mit Zeitstempeln versehene elektronische Signaturen für Genehmigungen erfassen und vieles mehr. Das verbessert die Auditierbarkeit und reduziert den manuellen Pflegeaufwand.

Rückverfolgbarkeit als Schlüssel

Ein wesentlicher Vorteil digital integrierter Prozesse liegt in der durchgängigen Rückverfolgbarkeit. Für Hersteller von Medizinprodukten ist es entscheidend, jederzeit nachvollziehen zu können, welche Anforderung zu welcher Designentscheidung geführt hat, welches Risiko daraus abgeleitet wurde, welche Tests durchgeführt und welche Freigabe erteilt wurden. Bei softwareintensiven Medizinprodukten gewinnt dieser Aspekt zusätzlich an Bedeutung: Häufigere Updates, Cybersecurity-Patches und komplexe Kompatibilitätsanforderungen erhöhen die Änderungsfrequenz erheblich und machen die manuelle Pflege der Verknüpfungen praktisch unmöglich.

Anforderungen ändern sich, Risiken müssen neu bewertet, Tests aktualisiert und Nachweise angepasst werden. Ohne digitale Verknüpfung lässt sich dies kaum noch – oder nur mit hohem manuellem Aufwand – realisieren. Mit einem integrierten ALM-Ansatz hingegen lassen sich Änderungen systematisch bewerten und deren Auswirkungen auf Anforderungen, Tests, Risiken und Dokumentation nachvollziehen.

Automatisierte Workflows ermöglichen zudem, Entwicklungsprozesse zu straffen, regulatorische Dokumentation zu vereinfachen, Entwicklungs- und Compliance-Kosten zu reduzieren und die Time-to-Market zu verkürzen. Zugleich unterstützen sie Unternehmen dabei, regulatorische Anforderungen nicht erst am Ende eines Projekts nachzuweisen, sondern kontinuierlich im Entwicklungsprozess mitzudenken. Und sie vereinfachen nicht nur die Einhaltung der ISO 13485, sondern auch die Einhaltung anderer, wie der IEC 82304-1, der ISO 14971, der IEC 60812, der IEC 62304, der ISO 60601, der EU-MDR, der FDA Title 21 CFR und mehr.

Fazit: Compliance braucht den Digital Thread

Die ISO 13485 bleibt der zentrale Rahmen für Qualitätsmanagement in der Medizintechnik. Mit der Übernahme in die US-QMSR sogar mit weltweit noch größerer Bedeutung.  Doch manuelle Dokumentation und isolierte Systeme werden der wachsenden Produkt- und Prozesskomplexität nicht mehr gerecht. Medizintechnikunternehmen benötigen einen durchgängigen Digital Thread, der Anforderungen, Entwicklung, Risikomanagement, Änderungen und regulatorische Nachweise miteinander verbindet. Moderne Lösungen für Application Lifecycle Management, idealerweise verzahnt mit PLM und Qualitätsmanagement, machen Prozesse steuerbar, Nachweise rückverfolgbar und Compliance effizienter.