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Interview: Start-ups in der Medizintechnik „Wir werden im Kampf gegen Krebs nicht nur ein Werkzeug, sondern einen ganzen Werkzeugkasten brauchen“

Das Gespräch führte Bayern Innovativ 3 min Lesedauer

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Das Netzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH verbindet viele Unternehmen, darunter auch innovative Start-ups, die die Gesundheitsbranche mit neuen Ideen voranbringen. Eines davon ist die Collimate Health GmbH. Was genau das junge Unternehmen macht, erzählt Dr. Hans Maria Heÿn, Mitbegründer und CEO des Start-ups, im Interview.

Dr. Hans Maria Heÿn, Mitbegründer und CEO des Start-ups (2. v. l.), und das Team von Collimate Health.(Bild:  Collimate Health)
Dr. Hans Maria Heÿn, Mitbegründer und CEO des Start-ups (2. v. l.), und das Team von Collimate Health.
(Bild: Collimate Health)

Was genau macht Collimate Health? Was ist das Besondere an Collimate Health?

Dr. Hans Maria Heÿn: Unserem Team um Prof. Stefan Bartzsch (CSO) und Dr. Johanna Winter (CTO) ist es in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München (TUM) und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie weiteren Forschungs- und Klinikeinrichtungen gelungen, eine sehr kompakte Microbeam Strahlenquelle zu bauen. Die Erzeugung eines derartigen Strahles war bisher nur an bestimmten Teilchenbeschleunigern, auch Synchrotron genannt, möglich. Durch unsere sehr kompakte Bauform lässt sich diese Technologie jetzt auch klinisch einsetzen. Der Kreisumfang einer Synchrotron-Strahlenquelle kann durchaus einen Umfang von einem Kilometer haben – wir reden hier von großen Forschungsanlagen, die dafür ausgelegt sind, Struktur von Materie oder Nanotechnologie zu erforschen. Und unserem Team ist es gelungen, ein Gerät, welches alle für uns relevanten Leistungsparameter abbildet, auf eineinhalb Metern Länge zu konstruieren.

In der Forschung am Synchrotron hat man über die letzten 30 Jahre festgestellt, dass sogenannte Microbeams faszinierende biologische Effekte hervorrufen. Anders als die vergleichsweise breiten Strahlenfelder der konventionellen Strahlentherapie sind Microbeams stark gebündelte Strahlen im Mikrometerbereich. Die Technologie von Collimate Health kann etwa 50 µm breite Mikrostrahlen mit sehr hoher Strahlendosis erzeugen. Charakteristisch ist dabei das Peak-Valley-Dosisprofil, das bedeutet auf Bereiche mit hoher Dosis („Peaks“) folgen Bereiche mit deutlich niedrigerer Dosis („Valleys“). Die Hochdosisbereiche führen zum „chaotischen Tumorzelltod“ und können die Freisetzung beziehungsweise Präsentation von Tumorantigenen begünstigen. Gleichzeitig werden in den Niedrigdosisbereichen gesundes Gewebe und Immunzellen weitgehend geschont. Dadurch kann eine gezielte Immunreaktion gegen den Tumor angeregt werden – ein Prinzip, das in gewisser Weise einer Impfung ähnelt. Ziel ist es, den Tumor wirksam zu schädigen und gleichzeitig gesundes Gewebe zu schonen. So lässt sich das therapeutische Fenster – also der Bereich zwischen einer wirksamen Schädigung des Tumors und einer möglichst geringen Belastung des gesunden Gewebes – deutlich gegenüber bisherigen Bestrahlungsverfahren erweitern.

Was ist Ihre Mission? Was treibt sie an?

Heÿn: Unser Leitspruch lautet: „Cancer sucks, we fight it“. Krebs zählt zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen für unsere Gesellschaft. Eine Herausforderung, die aufgrund der steigenden Lebenserwartung, unseres Lebenswandels und vieler anderer Faktoren bleiben und leider sogar eher zunehmen wird. Wir werden im Kampf gegen Krebs nicht nur ein Werkzeug, sondern einen ganzen Werkzeugkasten brauchen. Im besten Fall haben wir Werkzeuge zur Verfügung, die sich miteinander verbinden lassen und so einen großen Hebel haben. Die Technologie von Collimate Health ist so ein Werkzeug. Sie lässt sich hervorragend mit anderen Therapieformen wie der Immuntherapie, Chemotherapie oder Small-Molecule-Therapie kombinieren.

Und wie geht es jetzt gerade weiter mit Collimate Health?

Heÿn: Es besteht großes Interesse von verschiedenen führenden Kliniken weltweit. Es wurde über viele Jahre hinweg versucht, Patientinnen und Patienten an den Teilchenbeschleuniger zu bekommen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, unsere Technologie krebserkrankten Menschen so schnell wie möglich zugänglich zu machen. Unser Ziel ist es, Ende 2028 erste Patienten zu bestrahlen und das in Deutschland, wo bis zur klinischen Anwendung bekanntlich ein anspruchsvoller Zulassungsweg zu durchlaufen ist.

Wir bewegen uns in einem hochkomplexen biologischen und technologischen Umfeld, in dem es immer auch unvorhergesehene Entwicklungen geben kann. Unsere Technologie ist äußerst komplex und muss am Ende in einer Maschine münden, die sich möglichst einfach bedienen lässt. Daran arbeitet ein großes Team mit viel Engagement. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TUM und von Kooperationspartnern haben die Entwicklung in der Vergangenheit vorangetrieben und begleiten sie bis heute – von der biologischen Forschung über die Präklinik bis hin zur klinischen Anwendung. Gemeinsam tun wir alles dafür, diese Technologie erfolgreich zu den Patientinnen und Patienten zu bringen.

Gibt es einen Fun Fact über Ihr Unternehmen?

Heÿn: Ich würde es vielleicht nicht als Fun Fact bezeichnen, aber ich bin oft fassungslos - fassungslos im positiven Sinne. Wenn man die Ergebnisse unserer Arbeit sieht, steht man manchmal davor und denkt: Das liegt wirklich außerhalb dessen, was wir bisher für möglich gehalten haben. Dieses Überwinden von Dimensionen lässt mich immer wieder mit Gänsehaut zurück – und mit großer Demut und Freude darüber, was Wissenschaft erreichen kann. Besonders faszinieren mich dabei die Menschen, die solche Entwicklungen möglich machen. Das sind nicht immer diejenigen, die am lautesten auftreten. In Deutschland gibt es herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ich finde, das kann man gar nicht oft genug sagen.

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