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Handwerk International Baden-Württemberg Brexit: konkrete Empfehlungen für das Medizintechnikhandwerk

| Redakteur: Peter Reinhardt

Ab morgen ist das Vereinigte Königreich nicht mehr Mitglied der Europäischen Union. Was das für das Medizintechnikhandwerk bedeutet, darauf liefert die Interessensvertretung Handwerk International Baden-Württemberg Antworten.

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Wohin führt der Brexit das deutsche Medizintechnikhandwerk? Auch wenn es erste Antworten gibt, bleiben viele Fragen vorerst ungeklärt.
Wohin führt der Brexit das deutsche Medizintechnikhandwerk? Auch wenn es erste Antworten gibt, bleiben viele Fragen vorerst ungeklärt.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )
  • Noch längst kein vollständiges Handelsabkommen
  • Verlängerung der Brexit-Übergangsphase bis Ende 2022?
  • Kommen eigene Zulassungsbestimmungen für den britischen Markt?

Aline Theurer, Leiterin Europapolitik: „Sollte Johnson mit dem Stand der Verhandlungen bis 31.12.2020 aus der EU aussteigen, kann es bis dahin kein vollständiges Handelsabkommen geben, sodass ab da zumindest teilweise WHO-Regeln zum Tragen kämen.“
Aline Theurer, Leiterin Europapolitik: „Sollte Johnson mit dem Stand der Verhandlungen bis 31.12.2020 aus der EU aussteigen, kann es bis dahin kein vollständiges Handelsabkommen geben, sodass ab da zumindest teilweise WHO-Regeln zum Tragen kämen.“
(Bild: Steffen Mueller Fotografie )

Aktuell gibt es nur noch zwei mögliche Brexit Szenarien: „Die bisher bis Ende 2020 geltende Übergangsphase könnte im Herbst um weitere zwei Jahre bis Ende 2022 verlängert werden“, benennt Aline Theurer, Leiterin Europapolitik bei Handwerk International Baden-Württemberg, Szenario Nummer 1. Zumindest die EU sei dazu bereit, UK müsste noch zustimmen. In diesem Falle blieben bis Ende 2022 alle EU-Regeln unverändert und es könnte in Ruhe ein Handelsabkommen mit der EU geschlossen werden. „Oder Johnson steigt mit dem Stand der Verhandlungen bis 31.12.2020 aus der EU aus. Klar ist, dass es bis dahin noch kein vollständiges Handelsabkommen geben kann und ab da zumindest teilweise WHO-Regeln zum Tragen kämen“, so Theurer zu Szenario Nummer 2.

Große Unsicherheit bei der Zulassung für UK

Michael Rössler, Teamleiter Betriebsberatung: „Ob zusätzliche Kosten an die Kunden weitergegeben werden können, hängt sicher auch davon ab, ob es durch den Brexit im Vereinigten Königreich zu einem größeren Konjunktureinbruch oder nur zu einer Wachstumsdelle kommt.“
Michael Rössler, Teamleiter Betriebsberatung: „Ob zusätzliche Kosten an die Kunden weitergegeben werden können, hängt sicher auch davon ab, ob es durch den Brexit im Vereinigten Königreich zu einem größeren Konjunktureinbruch oder nur zu einer Wachstumsdelle kommt.“
(Bild: Steffen Mueller Fotografie )

„Im Handwerk sind viele kleine Medizintechnikbetriebe betroffen“, erklärt Michael Rössler, Teamleiter Betriebsberatung bei Handwerk International Baden-Württemberg. „Wer nur in der EU tätig ist, steht vor bisher noch nicht klaren zollrechtlichen Anforderungen und vor der Unsicherheit, ob bei der Zulassung der Produkte noch dieselben Regeln wie in der EU gelten oder ob für den britischen Markt eigene Zulassungen erforderlich sind“, macht Rössler die Unsicherheit für die Betriebe deutlich. Wer in den USA tätig ist, weiß bereits heute, wie aufwendig und kostenintensiv solche Zulassungsverfahren sein können. Das könne im Extremfall dazu führen, dass sich vor allem kleine Medizintechnikfirmen aus dem britischen Markt zurückziehen, da sich die anfallenden Kosten der Zulassung nur bei einem großen Umsatz lohnen oder die Unsicherheit in der Übergangsphase auch aus haftungsrechtlichen Gründen nicht mehr tragbar ist.

Top-3-Handlungsempfehlungen für kleine Betriebe

Aber Rössler benennt nicht nur die Probleme, er hat auch klare Handlungsempfehlungen parat:

  • 1. Bei Lieferungen sollten Unternehmen berücksichtigen, ob deren deutsche Kunden diese Produkte nach Großbritannien weiter liefern, da auch indirekte Exporte vom Brexit betroffen sein können und sich auch schnell in direkte Exporte verwandeln können, wenn vom Kunden eine Direktlieferung gewünscht wird.
  • 2. Aufgrund der Unsicherheit, wie die Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich nach der Übergangsphase ab dem 01. Januar 2021 aussehen werden, sollten betroffene Betriebe die Auswirkungen beider Szenarien für sich untersuchen: Im Vordergrund sollte dabei stehen, ob Zusatzkosten entstehen, ob diese vom Kunden übernommen werden können (z.B. bei der Verzollun) und welche rechtlichen Hürden und Kosten bei künftigen Aufträgen auftreten könnten (z.B. bei der Entsendung von Mitarbeitern). Die betroffenen Betriebe sollten zudem abklären, ob im Unternehmen bereits Erfahrung bei der Lieferung und Auftragsabwicklung für Kunden in Nicht-EU-Ländern bestehen und falls nötig die Mitarbeiter schulen.
  • 3. Zudem sollten Unternehmer prüfen, ob die Auftragsabwicklung noch im Übergangszeitraum abgewickelt werden kann oder ob bei längerfristigen Verträgen Zusatzklauseln im Vertrag nötig und möglich sind. Es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass auch bei schneller Auftragsabwicklung nach Ablauf der Übergangsfrist noch Wartungen oder Reklamationen nötig werden.

Großer Konjunktureinbruch oder nur eine Wachstumsdelle?

Rösslers Fazit: „Generell ist zu sagen, dass viele Handwerksbetriebe bereits lange und erfolgreich Aufträge in Nicht-EU-Ländern durchführen. Die entstehenden Kosten für Großbritannien sind allerdings immer noch nur schwer kalkulierbar. Ob diese Kosten dann an die Kunden weitergegeben werden können, hängt sicher auch davon ab, ob es Brexit-bedingt im Vereinigten Königreich zu einem größeren Konjunktureinbruch oder nur zu einer Wachstumsdelle kommt.“

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