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Interview: Start-ups in der Medizintechnik „Unser Ziel ist es, kranken, übergewichtigen Menschen zu helfen“

Das Gespräch führte Bayern Innovativ 4 min Lesedauer

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Das Netzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH verbindet viele Unternehmen, darunter auch innovative Start-ups, die die Gesundheitsbranche mit neuen Ideen voranbringen. Eines davon ist die Sedivention GmbH. Was genau das junge Unternehmen macht, erzählt Dr.-Ing. Andreas Bröcker, Mitbegründer und CEO des Start-ups, im Interview.

Dr.-Ing. Andreas Bröcker, Mitbegründer und CEO von Sedivention(Bild:  Sedivention)
Dr.-Ing. Andreas Bröcker, Mitbegründer und CEO von Sedivention
(Bild: Sedivention)

Was genau macht Sedivention? Was ist das Besondere an Sedivention?

Dr.-Ing. Andreas Bröcker: Wir entwickeln ein medizintechnisches Gerät, einen Kryokatheter um genauer zu sein, mit welchem sich Adipositas durch einen einmaligen und minimalinvasiven Eingriff gezielt behandeln lässt. Kryo leitet sich vom griechischen Wort kryos ab und bedeutet Kälte. Mit unserem Kryokatheter wird der Vagusnerv im Magenbereich durch punktuelle Kälteeinwirkung verödet. Dafür gehen wir mit dem Katheter über die Speiseröhre in den Magen. Am Katheter selbst befinden sich zwei Ballone: Einer schützt den Übergang zwischen Speiseröhre und Magen, der andere wird auf unter -80 °C gekühlt. Die Kälte wird in abgemilderter Form auf die Magenwand übertragen und führt dort zu einer lokalen Verödung der kleinen Äste des Vagusnervs. Man muss dazu wissen, dass der Vagusnerv ein langer, durchgehender Hauptnerv ist, der vom Hirnstamm über Hals und Brustkorb bis tief in den Magen-Darm-Trakt verläuft. Als wichtige Verbindung zwischen Magen und Gehirn übermittelt der Vagusnerv Signale, die Hunger und Sättigung regulieren. Bei Menschen mit Adipositas können diese Signale verändert sein. Durch die gezielte Verödung der kleinen Nervenäste in der Magenwand werden die über den Vagusnerv übertragenen Hungersignale abgeschwächt. Infolgedessen verspüren Patientinnen und Patienten weniger Hunger. Während Medikamente zur Gewichtsabnahme in der Regel dauerhaft eingenommen werden müssen und mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein können, ist unser Verfahren – ähnlich wie eine Magenverkleinerung – auf eine einmalige Behandlung ausgelegt. Doch im Gegensatz zu einer Magenverkleinerung kommt der kathetergestützte Eingriff ohne eine chirurgische Veränderung des Magens aus, was ihn besonders schonend macht. Es verbleibt auch nichts im Körper. Die Prozedur ist in ihrem Ablauf in etwa mit einer Magenspiegelung vergleichbar.

Was ist Ihre Mission? Was treibt Sie an?

Bröcker: Wir sehen die erheblichen Auswirkungen von Adipositas auf die Gesundheit der Bevölkerung. Nach Angaben der WHO lebte im Jahr 2022 weltweit bereits jeder achte Mensch mit Adipositas. Studien gehen davon aus, dass in wenigen Jahren weltweit jeder fünfte Mensch betroffen sein könnte. Doch aus verschiedenen Gründen können nicht alle von ihnen mit den verfügbaren Medikamenten behandelt werden. Das kann beispielsweise an Unverträglichkeiten, Nebenwirkungen oder auch daran liegen, dass die Medikamente nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Wir möchten, dass unsere Therapie genau solchen Leuten hilft. Unser Ziel ist es, kranken, übergewichtigen Menschen zu helfen und ihnen wieder ein normales Leben zu ermöglichen. Sobald Menschen wieder normal essen und gesünder leben, eröffnen sich ihnen viele neue Möglichkeiten. Sie gehen wieder mehr raus, bewegen sich mehr – und auch die sozialen Effekte spielen dabei eine wichtige Rolle. Adipositas wird mit mehr als 200 Komplikationen und Begleiterkrankungen in Verbindung gebracht. Angefangen von Typ-2-Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu mehr als ein Dutzend Krebsarten. Durch die Verringerung von Begleit- und Folgeerkrankungen könnte die Therapie langfristig auch das Gesundheitssystem entlasten.

Und wie geht es jetzt gerade weiter mit Sedivention?

Bröcker: Wir haben in Zusammenarbeit mit renommierten Universitäten, Instituten und Experten in Europa und den USA nachgewiesen, dass die Methode zu einer effektiven Deaktivierung der Nerven führt. Gutachten haben bestätigt, dass die Äste des Vagusnervs durch unser Verfahren wie beabsichtigt verödet wurden. Die neue Seed-Finanzierungsrunde ermöglicht es uns, First-in-Human-Studien durchzuführen. Das ist der nächste größere Schritt, den wir vor Augen haben. Wir rechnen damit, innerhalb der nächsten ein bis eineinhalb Jahre mit den First-in-Human-Studien beginnen zu können. Das heißt, wir schließen jetzt die Produktentwicklung ab – dazu gehören zum einen der Katheter als Einmalprodukt und zum anderen die Konsole, die die Kryoablation halbautomatisch steuert. Daran anschließend wird es noch einige präklinische Studien geben, ehe wir dann die ersten Anwendungen am Menschen erproben. Der Zuspruch für unsere Therapie ist heute bereits sehr groß. Uns erreichen viele Nachrichten von Menschen, die auf unsere Therapie warten und an den geplanten klinischen Studien teilnehmen möchten. Die Ergebnisse einer aktuellen globalen Umfrage unter Adipositas-Patienten und Experten sind eindeutig: Über 90 Prozent favorisieren eine einmalige Therapie. Das bestätigt die Relevanz unseres Ansatzes und bestärkt uns, diese Innovation konsequent voranzutreiben.

Gibt es einen Fun Fact über Ihr Unternehmen?

Bröcker: Ein Fun Fact über unser Unternehmen ist tatsächlich, dass wir mit Lachgas arbeiten. Wenn wir das erzählen, hören wir oft den scherzhaften Kommentar: „Dann habt ihr ja bestimmt viel Spaß bei der Arbeit.“ Natürlich hat Lachgas bei uns aber einen rein medizinischen Zweck. Es erzeugt die Kälte, mit der wir den Vagusnerv gezielt behandeln.Übrigens steckt das sogar in unserem Unternehmensnamen: Das „Sedi“ steht für die Sedierung, während „Vention“ auf die Intervention anspielt, also die gegenüber Operationen deutlich schonendere Behandlung. Hinter dem vermeintlichen Fun Fact verbirgt sich also ein zentraler Bestandteil unserer Technologie.

Vielen Dank!

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