Medizinische Hochschule Hannover

Porträt eines Medizinprodukts: das künstliche Herz

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Dr. Jan Schmitto, Patient Uwe S., Professor Dr. Axel Haverich und Professor Dr. Martin Strüber von der Medizinischen Hochschule Hannover mit unterschiedlichen Modellen des Heartmate.
Dr. Jan Schmitto, Patient Uwe S., Professor Dr. Axel Haverich und Professor Dr. Martin Strüber von der Medizinischen Hochschule Hannover mit unterschiedlichen Modellen des Heartmate. (Bild: MHH/Kaiser)

30 Jahre ist es her, dass in Berlin die deutschlandweit erste Implantation eines Kunstherzens gelingt. Welche Systeme werden heute eingesetzt? Und wie läuft diese Prozedur ab?

Westend-Krankenhaus, Berlin-Charlottenburg, 7. März 1986. Dem Herzchirurgen Emil Sebastian Bücherl gelingt die deutschlandweit erste Implantation eines Kunstherzens. Der Patient, dem es implantiert wird, ein 39-jähriger Handwerker aus Berlin, hat dennoch nur mehr sechs Tage zu leben. Nicht, weil das Kunstherz versagt hätte, sondern weil es bereits nach drei Tagen wieder herausgenommen wird, damit ein Spenderherz eingepflanzt werden kann.

Medizinische Hochschule Hannover, 12. November 2005. Professor Dr. Martin Strüber setzt Uwe S. ein Kunstherz des Typs Heartmate II ein. Auch dieses Kunstherz ist eigentlich nur als Überbrückung bis zu einer Herztransplantation gedacht. Ausgelegt ist es jedenfalls auf 180 Tage. Heute allerdings, im Frühjahr 2016, trägt Uwe S. „diese Pumpe“ bereits seit zehn Jahren – ein Rekord.

Eine mechanische Pumpe

Doch der Reihe nach: Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten Erkrankungen in der westlichen Welt. Ist sie fortgeschritten, stellt eine Herztransplantation oft die einzige Überlebenschance dar. Die Wartezeit auf ein Spenderorgan kann mit einem Herz- unterstützungssystem überbrückt werden – auch Kunstherz genannt. Das ist eine mechanische Pumpe, die das eigene Herz dabei unterstützt, Blut in den Körper zu pumpen und so die Organe mit dem nötigen Sauerstoff zu versorgen. Die Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist eines der Zentren Europas, die Herzunterstützungssysteme einsetzen. Dort werden jedes Jahr rund 100 Patienten mit einem Kunstherz versorgt. Wie Uwe S. aus Sachsen-Anhalt, der jetzt bereits seit zehn Jahren damit lebt.

Wie das Kunstherz funktioniert

Mit jedem Schlag pumpt ein gesundes Herz etwa 70 Prozent seiner Füllung in den Körperkreislauf. Ist das Herz stark geschwächt, kann es häufig nur noch 20 Prozent auswerfen. „Dadurch wird das Herz überlastet und der Körper nicht mit genügend Sauerstoff versorgt. Die Betroffenen leiden dadurch beispielsweise unter Leistungsschwäche, Kurzatmigkeit, Schwindel und Wassereinlagerungen in den Beinen und der Lunge“, erklärt Privatdozent Dr. Jan Schmitto, Bereichsleiter Herzunterstützungssysteme und Herztransplantation der Klinik. In so einem Fall kann ein Kunstherz helfen. Es wird in die linke Herzkammer des Patienten eingesetzt und pumpt von dort aus das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge in den Körper. Betrieben wird das Gerät mittels Strom. Ein Kabel verbindet das Kunstherz mit der Steuerelektronik und den Batterien, die der Patient außerhalb des Körpers in einer Tasche trägt.

Die Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der MHH implantiert bereits seit mehr als 20 Jahren Kunstherzen. „Einen großen Fortschritt auf dem Gebiet stellte die Markteinführung des Typs Heartmate II dar“, sagt Dr. Schmitto. An der MHH wurde das Modell der Firma Thoratec 2005 erstmals eingesetzt. Einer der ersten Patienten war Uwe S., der in einer stressigen Lebensphase zwei Herzinfarkte innerhalb einer Woche erlitten hatte. Am 12. November 2005 nahm Professor Dr. Martin Strüber den Eingriff vor, zu der Zeit war er Bereichsleiter Herzunterstützungssysteme und Herztransplantation der MHH-Klinik. Die Klinik nahm damals an einer Pilotstudie teil. In der Untersuchung sollte das Heartmate II – neu an dem Modell war das Konzept der „pulslosen“ Blutpumpe – als Überbrückung bis zu einer Herztransplantation getestet werden.

Heute minimal-invasiv einsetzbar

Schon kurze Zeit nach der Operation ging es Uwe S. deutlich besser. Trotzdem hat er einige Zeit gebraucht, die neue Situation zu akzeptieren. Denn die Patienten müssen Medikamente einnehmen, besondere Hygieneregeln beachten und sich an den Umgang mit den Batterien gewöhnen.

In den vergangenen zehn Jahren entwickelten sich die Herzunterstützungssysteme ständig weiter. Gleichzeitig erfanden die Herzchirurgen in Hannover Operationsmethoden, die es erlauben, Kunstherzen minimal-invasiv einzusetzen. Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie, erklärt: „Die OP-Zugänge sind kleiner, und die Patienten verlieren weniger Blut. Nach der Operation gibt es weniger Komplikationen, und der Aufenthalt im Krankenhaus ist kürzer.“

Auch das Nachfolge-Modell von Heartmate II wird minimal-invasiv eingesetzt. Das weltweit erste Heartmate III implantierten die Herzchirurgen der MHH im Juni 2014 einem 56-jährigen Mann aus Hessen. Das Gerät ist kleiner und technisch versierter als sein Vorgänger. Es kann beispielsweise einen künstlichen Puls erzeugen, wodurch das Thrombose-Risiko vermindert wird. Heartmate III erbringt eine Pumpleistung von bis zu zehn Litern Blut pro Minute, was der vollen Leistung eines gesunden Herzens entspricht.

Kunstherzen als Dauertherapie

Dienten die Herzunterstützungssysteme ursprünglich dazu, die Wartezeit der Patienten bis zu einer Transplantation zu überbrücken, werden sie inzwischen immer mehr zur Dauertherapie und als Alternative zur Herztransplantation eingesetzt. Das beste Beispiel dafür ist Uwe S., der – zumindest zurzeit – nicht an eine Transplantation denkt.

Angesichts fehlender Spenderorgane gewinnen die Unterstützungssysteme immer mehr an Bedeutung. Denn der tatsächliche Bedarf an Spenderherzen kann bei weitem nicht gedeckt werden. So standen 2014 in der MHH mehr als 50 Patienten auf der Warteliste. Es konnten allerdings nur etwa 25 Herz- und Herz-Lungen-Transplantationen vorgenommen werden. Im Gegensatz dazu setzten die Chirurgen der MHH mehr als 100 Kunstherzsysteme ein.

Kommentare werden geladen....

Diesen Artikel kommentieren
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Whitepaper & Videos

Dossier

Roboter in der Industrie 4.0

Roboter sind weltweit auf dem Vormarsch und vielseitig einsetzbar. Das Dossier bietet Ihnen einen interessanten Einblick. lesen

PLM in der Medizintechnik

Verbesserung des Risikomanagements für Medizinprodukte

Dieses Whitepaper untersucht einige der klassischen Herausforderungen des Risikomanagements für Medizinprodukte und zeigt, wie der Prozess mit einer PLM-Lösung erheblich verbessert werden kann. lesen

Software für Medizintechnikhersteller

Handbuch zur Auswahl von Software

Angesichts der vielfältigen Herausforderungen an Medizintechnikhersteller, spielt der Einsatz von Technologien eine entscheidende Rolle. Dieses Handbuch dient als Entscheidungshilfe bei der Auswahl der richtigen Technologie. lesen

DER COMMUNITY-NEWSLETTER Newsletter abonnieren.
* Ich bin mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung und AGB einverstanden.
Spamschutz:
Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein.
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43865366 / Szene)