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Interview „Medizintechnikhersteller können mehr Nachhaltigkeit umsetzen“

Redakteur: Julia Engelke

Der Sondermaschinenbauer Koch Pac-Systeme beschäftigt sich bereits seit mehr als drei Jahrzehnten mit der Nachhaltigkeit von Verpackungslösungen. Im Interview berichtet Markus Böhringer, Anwendungsfeldleiter Medizintechnik bei Koch, wie Verpackungen trotz strenger Regularien und komplexer Prozesse nachhaltiger werden können.

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Schon die Verwendung von sortenreinen Verpackungen ist ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit: Wenn Form- und Deckfolie aus demselben Material bestehen (Monoblister), verbessert das die Recyclingfähigkeit.
Schon die Verwendung von sortenreinen Verpackungen ist ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit: Wenn Form- und Deckfolie aus demselben Material bestehen (Monoblister), verbessert das die Recyclingfähigkeit.
(Bild: Koch Pac-Systeme)

Herr Böhringer, in welchem Spannungsfeld bewegen sich Medizintechnikhersteller, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht?

Viele Firmen wollen nachhaltiger werden – und zwar nicht nur börsennotierte Unternehmen, bei denen Investoren zunehmend Wert auf Nachhaltigkeit legen. Allerdings sind die Anforderungen in der Medizintechnik hoch, was die Möglichkeiten einschränkt. Einen Ansatzpunkt bieten die Verpackungen. Mit unseren Lösungen zeigen wir Wege auf, wie auch Medizintechnikhersteller mehr Nachhaltigkeit in ihren Verpackungsprozessen umsetzen können.

Welche konkreten Anforderungen sind das?

Die Produkte und Verpackungen unserer Kunden unterliegen der Medical Device Regulation. Jede Modifizierung, auch bei der Verpackung, muss von den Behörden geprüft und neu validiert werden. Deshalb haben viele Hersteller von Medizinprodukten bislang vor allem dann Veränderungen umgesetzt, wenn damit deutliche Vorteile verbunden waren. Zudem gibt es viele Produkte, die steril verpackt werden müssen, zum Beispiel Kniegelenke, Infusionssets, medizinische Nadeln oder Katheter. Dadurch sind manche Kombinationen von Verpackungsmaterialien mehr oder weniger vorgegeben, was die Auswahl an nachhaltigen Materialien für Primärverpackungen stark einschränkt.

Das klingt, als bleibe Herstellern kaum Spielraum, umweltfreundlich zu verpacken?

Es gibt tatsächlich einige Möglichkeiten entlang der Prinzipien Ersetzen, Wiederverwenden und Reduzieren. Vor allem im Bereich von Sekundärverpackungen sehen wir großes Potential. Ein Beispiel, wie nicht nachhaltige Verpackungen ersetzt werden können, ist Cyclepac. Diese Einstoffverpackung auf Zellstoffbasis ist zu 100 Prozent wiederverwertbar. Aktuell kommt Cyclepac in der Verpackung von Spritzen, aber auch von medizinischen Tropfen und Fläschchen zum Einsatz. Zudem entwickeln und testen wir kontinuierlich neue Materialien, weshalb in Zukunft weitere umweltfreundliche Optionen hinzukommen werden.

Welche Lösungen gibt es für Produkte, die erhöhten Schutz benötigen?

Schon die Verwendung von sortenreinen Verpackungen ist ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit – Prinzip Wiederverwenden. Wenn Form- und Deckfolie aus demselben Material bestehen (Monoblister), verbessert das die Recyclingfähigkeit. Speziell für den Medizinbereich haben wir die neue Blistermaschine KBS-C Medplus entwickelt, die nachhaltige Verpackungslösungen, z. B. mit PP-Monoblistern, ermöglicht. Anlagen mit dem Qualitätszeichen „Medplus“ erfüllen die höheren Anforderungen der Medizintechnik in Sachen Reinigungsfreundlichkeit, Reinraumtauglichkeit, Prozesssicherheit und weitere Ausstattungsmerkmale.

Zum Thema „reduzieren“: Ab 2025 tritt die neue EU-Verpackungsrichtlinie in Kraft. Sie verpflichtet Hersteller, Abfälle in der Produktion zu vermeiden. Welche Möglichkeiten gibt es hier?

Der nachhaltige Verpackungsprozess kann nur gesamtheitlich gelöst werden und beginnt bereits bei der Konzeptionierung und Konstruktion der Maschine. Im Zusammenspiel mit dem richtigen Verpackungskonzept und den optimierten Formatteilen lässt sich somit der Anteil von Abfall und Ausschuss deutlich reduzieren und es wird weniger Material verbraucht. Zum Beispiel haben wir 2020 eine Blistermaschine konfiguriert, mit der ein Kunde aus der Medizintechnik 17 Prozent Material einspart – allein durch die optimale Platzierung der Blister auf der Folie. Zudem helfen innovative Verfahren unseren Kunden, die Verpackungsprozesse effektiver zu machen und weiteres Material zu reduzieren. Beispielsweise ist es mit unseren patentierten Smart-Heating- und Smart-Forming-Verfahren möglich, mit einer geringeren Folienstärke eine hohe Stabilität von Blistern zu erreichen.

Eine Frage zum Schluss: Wie geht die Reise von Koch in Sachen Nachhaltigkeit weiter?

Für uns spielt Nachhaltigkeit bereits seit den 1990ern eine große Rolle, lange bevor sich das Thema zum Trend entwickelte. Inzwischen haben wir ein Nachhaltigkeitsteam etabliert, das unsere Kunden bei der Entwicklung neuer, umweltfreundlicher Verpackungslösungen unterstützt. Nach dem Motto „heute für morgen“ testen wir kontinuierlich neue Materialien und bringen innovative Technologien zur Marktreife. Als Anbieter von Verpackungslösungen wollen wir auch im Hinblick auf die folgenden Generationen Verantwortung übernehmen – und das auch in einer Branche, die Nachhaltigkeit bislang noch weniger im Fokus hatte.

Weitere Artikel über Auftragsfertigung und Fertigungseinrichtungen finden Sie in unserem Themenkanal Fertigung.

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