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Tracoe Luft zum Leben: 60 Jahre flexible Tracheostomiekanülen aus PVC

| Redakteur: Peter Reinhardt

Der Wunsch, helfen zu wollen, hat vor mehr als 60 Jahren zur Gründung von Tracoe Medical geführt. Heute ist das Unternehmen einer der erfolgreichsten Komplettanbieter im Bereich der Tracheostomie und Laryngektomie. Doch der Weg dorthin war alles andere als einfach. Gerade deshalb lohnt es, diesen zu betrachten.

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Seit 20 Jahren ist Tracoe Medical im rheinhessischen Nieder-Olm Zuhause.
Seit 20 Jahren ist Tracoe Medical im rheinhessischen Nieder-Olm Zuhause.
(Bild: Achim Keiper)
  • Über 40.000 Luftröhrenschnitte und Kehlkopfentfernungen pro Jahr in Deutschland
  • 1958: Erfindung der ersten flexiblen Tracheostomiekanüle aus PVC
  • Plötzlicher Tod des Gründers führt Kaltstart mit Komplikationen

Wenn Patienten nicht mehr über die natürlichen Atemwege Luft bekommen, wird ihnen über eine kleine Öffnung im Halsbereich (Tracheostoma) eine Tracheostomiekanüle eingesetzt. Darüber findet dann die Atmung oder auch die Beatmung statt. Mehr als 40.000 Menschen pro Jahr sind alleine in Deutschland nach einer Tracheostomie (Luftröhrenschnitt) oder einer Kehlkopfentfernung (Laryngektomie) auf eine solche Kanüle angewiesen.

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Zum Wohle der Patienten: Kanülen aus Kunststoff statt Metall

Bis vor etwa 60 Jahren waren diese medizinischen Hilfsmittel ausschließlich aus Metall – und damit starr und äußerst unangenehm für die Patienten. Zudem kam es immer wieder zu Druckstellen und Verletzungen der Luftröhre (Trachea). Mit einer medizinischen Revolution beendete Rudolf Köhler im Jahr 1958 diese Probleme. Die Entwicklung der ersten flexiblen Tracheostomiekanüle aus PVC verbesserte den Komfort für Tracheostomiepatienten von da an erheblich. Sie war zugleich der Grundstein des Familienunternehmens Tracoe Medical, das aus den Anfangszeiten als kleine Spezialfirma bis heute zu einem führenden Entwickler und Hersteller von Medizinprodukten und Hilfsmitteln für Patienten mit Luftröhrenschnitt und Kehlkopfoperationen gewachsen ist. Aktuell in dritter Generation von Stephan Köhler und seinem Schwager Dr. Thomas Jurisch geführt, exportiert Tracoe Medical seine Produkte heute in rund 90 Länder weltweit.

Alles fing mit Rudolf Köhlers Wunsch an, helfen zu wollen. Dem Ingenieur und damaligen Leiter der Messwerkstatt des Physiologischen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz kam die Geschichte eines Patienten zu Ohren, der nach einer Kehlkopfentfernung eine Metallkanüle aus Silber zum Atmen benötigte. Diese schwere und starre Kanüle verursachte aufgrund ihrer harten Kanten nicht nur große Schmerzen, sondern schränkte den Patienten auch stark in seiner Bewegungsfreiheit ein. Auf der Suche nach einer Alternative gelang Rudolf Köhler schließlich der Durchbruch. Dank des weichen, flexiblen und dabei knickstabilen PVCs erhöhte er nicht nur den Tragekomfort erheblich, sondern verringerte zugleich auch die Infektions- und Verletzungsrisiken signifikant.

Gründer nimmt Betriebsgeheimnis mit ins Grab

Doch im Jahr 1972 verstarb Rudolf Köhler und nahm das Rezept für den entwickelten Spezialkleber, der Kanüle und Schild zuverlässig zusammenhielt, mit ins Grab. Gemeinsam mit Prof. Dr. Franz Waldeck, einem langjährigen und guten Freund Köhlers, mit dem er die PVC-Kanüle gemeinsam vertrieb, gelang es Köhlers ältestem Sohn Wolfgang, das Produkt weiterhin herzustellen. Zusammen gründeten sie die Tracoe Gesellschaft für medizinische Bedarfsgegenstände mbH – die Geburtsstunde der späteren Tracoe Medical GmbH. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten konnten sie die Kanülen auf dem Markt etablieren.

Als Anfang 1973 jedoch der Vertriebspartner Pfau-Wanfried die Zusammenarbeit beendete und stattdessen eigene Kanülen zu produzieren begann, wurde die noch junge Firma an den Rand des Ruins gedrängt. Als erstes Unternehmen seiner Branche entschied sich Tracoe deshalb, umfassend in Marketing zu investieren – und wurde belohnt. Dabei handelte es sich u. a. um Fachartikel für Fachzeitschriften, erste Prospekte und Produktverpackungen, Werbeanzeigen sowie um Veränderungen der Vertriebsstrukturen – der Direktvertrieb in Deutschland und die Zusammenarbeit mit exklusiven Händlern im Ausland. In den kommenden Jahren konnte sich das Unternehmen weitestgehend erholen und weiterentwickeln. 1987 wurde mit der ersten PVC-Kanüle für Kinder ein weiteres bisher nie dagewesenes Produkt auf den Markt gebracht.

Drei Jahre später erlitt Tracoe jedoch einen weiteren tiefen Einschnitt: Der Tod von Firmengründer Wolfgang Köhler traf das Unternehmen vollkommen unerwartet. In dieser schwierigen Zeit übernahm Stephan Köhler, der erst 22 Jahre alte Sohn, die Geschäftsführung und stand vor der gewaltigen Aufgabe, das Unternehmen im hart umkämpften und strauchelnden Gesundheitsmarkt für die Zukunft aufzustellen. Trotz anfänglicher Skepsis von vielen Seiten ließ sich der 22-Jährige nicht beirren und trieb gemeinsam mit Prof. Waldeck die Professionalisierung und Internationalisierung des Unternehmens voran.

Komplettanbieter im Bereich der Tracheostomie und Laryngektomie

Vertrieb und Marketingaktivitäten wurden erneut verstärkt und auch in puncto Produktion wurde mit dem Erwerb der ersten „richtigen Produktionsstätte“ 1994 in Mainz-Hechtsheim ein entscheidender Schritt gemacht. Mit Produktneuheiten wie der extra für die Anwendung im Krankenhaus konzipierten Kanüle „Tracoe Twist“ baute das Unternehmen in den kommenden Jahren sein Portfolio immer weiter aus und entwickelte sich so zu einem der erfolgreichsten Komplettanbieter im Bereich der Tracheostomie und Laryngektomie.

Das rasante Wachstum setzte sich auch in den folgenden Jahren nahezu nahtlos fort, sodass Tracoe im Jahr 1999 einen größeren Standort beziehen musste – und zwar im nahegelegenen Nieder-Olm. Doch schon 2008 stieß das Unternehmen erneut an die Grenzen der Kapazität, sodass es die Zentrale um ein größeres Produktions- und Verwaltungsgebäude erweiterte bzw. aufstockte. Seitdem hat der Medizintechnikhersteller als Teil der Muttergesellschaft XTR Group (seit 2013) mittlerweile 19 Patente erteilt bekommen, sein Produktportfolio auf zehn Produktgruppen ausgeweitet, einen der führenden Medizinproduktehersteller in Großbritannien – Kapitex Healthcare Ltd. – übernommen und selbst zwei Tochterunternehmen etabliert: MC Europe (Niederlande) für den Markt in Benelux und Tracoe Medical Österreich.

Innovationen für Kinder und Neugeborene

Doch auch damit ist das Wachstumsziel noch nicht erreicht und der Forschungs- und Innovationsdurst noch lange nicht gestillt. Die im Jahr 2018 neu entwickelte Produktserie „Tracoe Silcosoft“ markiert einen weiteren Meilenstein in der Geschichte von Tracoe Medical: Die aus weichem Silikon gefertigten Tracheostomiekanülen sind perfekt auf die sensiblen Bedürfnisse von Neugeborenen und Kindern abgestimmt und in dieser Form einzigartig. Für die Materialfertigung errichtete das Unternehmen eine eigene Produktionsumgebung, in dem die Kanülen Tracoe Silcosoft produziert werden. Anfang 2019 konnte das mittlerweile bereits dreimal in die Top 100 des Deutschen Mittelstands gewählte Unternehmen sein 60-jähriges Firmenjubiläum sowie gleichzeitig 20 Jahre Standorttreue in Nieder-Olm feiern.

Doch es stehen schon wieder große Meilensteine ins Haus: Weil das Unternehmen mit inzwischen 220 Mitarbeitern an seinem jetzigen Standort erneut an Kapazitätsgrenzen stößt, wurden im November die Pläne für einen Neubau auf einem benachbarten Gelände beschlossen. Tracoe Medical geht also noch lange nicht die Luft aus.

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