Suchen

Technology Mountains Innovation Forum Medizintechnik oder: Wie Innovationen entstehen

| Autor: Kathrin Schäfer

Es brodelt im Süden Deutschlands. Es brodeln die Ideen, aber auch der Unmut über die neue EU-Medizinprodukteverordnung. Beides war Thema auf dem Innovationsforum Medizintechnik in Tuttlingen. Innovationen indes – sie standen im Vordergrund der Veranstaltung. Ein spannender Tag.

Firmen zum Thema

Die Eröffnungsrunde des Forums: Am Tisch sitzen (v.l.n.r.): Dieter Teufel, Präsident der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, Prof. Dr. Holger Reinecke, Geschäftsführer der Schölly Fiberoptic GmbH, Prof. Dr. Ulrich Mescheder, Prorektor der Hochschule Furtwangen, Dr. Harald Stallforth, einst Vorstand der Aesculap AG und jetzt Vorstandsvorsitzender des Vereins Technology Mountains und die Moderatorin Yvonne Glienke, Vorstand von Medical Mountains. Sie alle bewegt die Frage, wie sich Ideen in marktfähige Produkte umsetzen lassen.
Die Eröffnungsrunde des Forums: Am Tisch sitzen (v.l.n.r.): Dieter Teufel, Präsident der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, Prof. Dr. Holger Reinecke, Geschäftsführer der Schölly Fiberoptic GmbH, Prof. Dr. Ulrich Mescheder, Prorektor der Hochschule Furtwangen, Dr. Harald Stallforth, einst Vorstand der Aesculap AG und jetzt Vorstandsvorsitzender des Vereins Technology Mountains und die Moderatorin Yvonne Glienke, Vorstand von Medical Mountains. Sie alle bewegt die Frage, wie sich Ideen in marktfähige Produkte umsetzen lassen.
(Bild: Medical Mountains)

Tuttlingen, Weltzentrum der Medizintechnik, am 11. Oktober ist es Austragungsort für das 8. Innovationsforum Medizintechnik des Technologieverbunds Technology Mountains. Wer den Weg in die Stadthalle auf sich nimmt, trifft dort unter anderem Dirk L. Brunner, den Vorstandsvorsitzenden der Carl Zeiss Meditec AG, Dr. Harald Stallforth, einst Vorstand der Aesculap AG und jetzt Vorstandsvorsitzender des Vereins Technology Mountains, oder auch Professor Eberhart Zrenner, Seniorprofessor am Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften, Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen. Er war maßgeblich an der Entwicklung des Netzhaut-Chips von Retina Implantat beteiligt.

„Medizintechnik leben und erleben“

Neben diesen vergleichsweise bekannten Persönlichkeiten der Medtech-Branche sind zirka 300 Teilnehmer anwesend, darunter Vertreter von Forschungsinstituten wie dem Fraunhofer IPA, der Hochschule Furtwangen, dem Naturwissenschaftliche und Medizinische Institut NMI sowie von vielen kleinen, mittleren oder auch Start-up-Unternehmen. Ihr gemeinsames Ziel: Sich kennenlernen, voneinander lernen, Wissen miteinander teilen, herausfinden, wie man Innovationen in den Markt bringt. Einen Markt, der nicht einfach ist, der neben technischen Herausforderungen hohe regulatorische Hürden hat. Dennoch, es überwiegt die Begeisterung für die Produkte, die Technologien, das, was man mit Medizintechnik erreichen kann, wenn Gastgeberin Yvonne Glienke, Vorstand von Medical Mountains, die Teilnehmer an diesem Morgen begrüßt: „Heute wollen wir Medizintechnik leben und erleben. Und natürlich wollen wir uns inspirieren lassen“, so das Motto des heutigen Tages. Und: „Wir wollen zeigen, wie sich Forschungsprojekte erfolgreich als Produkte in den Markt bringen lassen.“

Bildergalerie

Wissenschaft und Wirtschaft brauchen Räume der Begegnung

Ein hoher Anspruch für einen Konferenz- und Netzwerktag wie diesen. Doch die Voraussetzungen könnten kaum besser sein: 12.000 Menschen sind in der Region in und um Tuttlingen in der Medizintechnik beschäftigt. Natürlich ist man auch hier immer auf der Suche nach Fachkräften, doch „kluge Unternehmer bilden selbst aus“, weiß Dieter Teufel, Präsident der ortsansässigen IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Gerade hier in der Region seien Medizintechnikunternehmen in Sachen Ausbildung sehr aktiv. Nicht nur in Sachen Fachkräfterekrutierung übrigens, sondern auch im Hinblick auf Forschungsprojekte: Im Rahmen des Projekts Cohmed (Connected Health in Medical Mountains) entsteht in Tuttlingen zurzeit ein Innovations- und Forschungszentrum, das Raum für Industrie und Wissenschaft bieten wird. Eine Netzwerkstruktur soll dieses Gebäude bieten und Innovationspartnerschaften begünstigen. „Es geht darum, über Projekte Kompetenzen aufzubauen für Zukunftsaufgaben wie die Digitalisierung, die Miniaturisierung, neue Materialien und ähnliches“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Mescheder, Prorektor der Hochschule Furtwangen, die in Tuttlingen einen Außenstandort unterhält. „Im Rahmen von Cohmed gibt es Pilotprojekte, an denen sich Firmen beteiligen können. Sie können aber auch neue Projekte einreichen“, ergänzt Dr. Harald Stallforth. Er sieht Tuttlingen als einen führenden Produktionsstandort in Deutschland. Sein Ziel: Das örtliche Netzwerk erweitern zum Wohle der ansässigen Wirtschaft. Das Innovationsforum ist ein Baustein, ein Schritt in diese Richtung. Das Projekt Cohmed auch. „Es gibt da Fördermöglichkeiten für KMU“, verspricht Prof. Ulrich Mescheder von der Hochschule Furtwangen.

Was hemmt Innovationen, was fördert sie?

Wie also können Innovationen entstehen? Mit diesem Projekt haben die Teilnehmer des Eröffnungstalks bereits eine Möglichkeit vorgestellt. Für Prof. Dr. Holger Reinecke, Geschäftsführer der Schölly Fiberoptic GmbH und ebenfalls Teil der Eröffnungsrunde, ist diese Frage eng verknüpft mit der Frage: „Wie bekomme ich Forschung in den Markt?“ Als jemand, der aus der Forschung kommt und jetzt ein Unternehmen leitet, setzen Innovationen für Reinecke „die Erkenntnis voraus, dass neue Technologien für mein Unternehmen einen Mehrwert bieten.“ Hemmnisse für innovationsfördernde Kooperationen zwischen Forschung und Industrie sieht er in der Angst vieler Unternehmen vor dem Wettbewerb sowie der Angst, eigenes Know-how an andere zu verlieren. Auf Hochschulseite wiederum fehle das Wissen, was man mit den Ergebnissen der Forschung auf Produktebene anfangen kann.

Doch welches sind die aktuellen Medizintechnik-Trends, also die Bereiche, in denen Innovationen derzeit entstehen? Stallforth nennt neben Miniaturisierung und Biologisierung den 3D-Druck als Technologie-Beispiel. Im 3D-Druck sieht er eine Basistechnologie, um neue Produkte, unter anderem chirurgische Instrumente und Implantate, zu generieren.

Digitalisierung ist der Trend unserer Zeit – auch in der Medizintechnik

Ein weiterer, vielzitierter Trend unserer Zeit: Digitalisierung. Für die Medizintechnik definiert Holger Reinecke ihn auf drei Ebenen: „Erstens: Die Produkte selbst werden digitaler. Ein Mikroskop basiert beispielsweise noch immer auf mechanischen und optischen Komponenten, aber die Software macht dieses Mikroskop besser und macht es sogar zu einem entscheidenden Teil aus. Zweites unterstützt die Digitalisierung die Produktion und Logistik von Unternehmen. Und drittens lassen sich mit der Digitalisierung neue Geschäftskonzepte entwickeln, will meinen: Die Frage lautet nicht mehr: Wie verdiene ich Geld mit dem Mikroskop, sondern mit digitalen Geschäftsmodellen um das Produkt herum.“

Themenwechsel: Nicht auf struktureller oder technologischer Ebene können Innovationen gehemmt oder begünstigt werden, auch die regulatorischen Umstände sind entscheidend. Die Clusterorganisation Medical Mountains hat sich mehrfach gegen schärfere regulatorische Vorgaben, gegen die erwarteten Auflagen der anstehenden EU-Medizinprodukteverordnung ausgesprochen. Zu hoch seien die Anforderungen an Medizintechnikfirmen. Nicht von ungefähr kommt daher die Frage Glienkes zu den anstehenden regulatorischen Änderungen auf EU-Ebene sowie den damit verbundenen Kosten. „Hemmt das Innovationen oder sind nicht etwa Innovationen hierauf die Antwort?“, fragt sie beim Eröffnungstalk. Es ist Schölly-Geschäftsführer Reinecke, der hierauf antwortet: „Ich wage es nicht, hier Prognosen auszusprechen. Doch in der Pharmazie ist genau das vor zwanzig Jahren passiert, was wir in der Medizintechnik jetzt erleben. Will heißen: In Sachen Regulationsflut ist uns die Pharmaindustrie um 10 bis 20 Jahre voraus. Es gibt seither weniger Innovationen in Deutschland. Branchenakteure konzentrieren sich im Wesentlichen auf Produkte, die am meisten Geld versprechen.“ Gut möglich, dass ein solches Szenario auch der Medizintechnik droht.

15 bis 20 Jahre braucht eine Idee bis zum marktfähigen Medizinprodukt

Doch auch heute schon ist der Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt sehr lange. 15, 20 Jahre können ins Land gehen, bis eine Innovation den Markt und damit den Patienten erreicht. Da kann ein solches Produkt schon einmal zum Lebenswerk werden. Dies zeigt das Fallbeispiel von Prof. Eberhart Zrenner. Sein Name dürfte all jenen ein Begriff sein, die sich mit dem Netzhaut-Chip der Firma Retina Implant beschäftigt haben. An dessen Entwicklung war er beteiligt – und das über einen Zeitraum von 1995 bis heute. 2016 erst wurde der Chip als Medizinprodukt zugelassen. 21 Jahre hat es also gedauert, bis aus dieser Idee ein innovatives, marktfähiges Produkt wurde. Gut, wenn man da einen langen Atem hat. Auf dem Weg dahin gab es zahlreiche Hürden zu überwinden. Nicht unerheblich: die Finanzierung. Forschungsgelder zu akquirieren ist das eine. In späteren Phasen Sponsoren aus der Industrie zu finden das andere. „Die Wissenschaft kann Ideen nur umsetzen, wenn die Industrie in sie investiert“, weiß Zrenner. Und: „Meiner Erfahrung nach steigen große Firmen erst in Projekte ein, wenn die Produkte marktreif sind.“ Der Weg dahin ist also steinig und lang. Hierfür gibt es ganz unterschiedliche Gründe, meint Zrenner, zumindest für Deutschland. Einer davon ist, dass hinter jedem Medizinprodukt zwar das Ziel „gesunder Patient“ stehe, doch die Gruppen, die an diesem Ziel arbeiten, verfolgen unterschiedliche Interessen.

Schon innerhalb der Forschung gebe es unterschiedliche Akteure, die einen betrieben Grundlagenforschung, andere industrielle Grundlagenforschung, Dritte wiederum krankheitsbedingte Forschung. Im Klartext heißt das: An jedem Projekt sind ganz unterschiedliche Stakeholder beteiligt. Im Hinblick auf das Verhältnis von Forschung und Wirtschaft verweist Zrenner auf die gegensätzliche Kultur beider Bereiche: Forscher leben von der Publikation, das ist ihre Währung, ihr Gold. Die Industrie jedoch ist auf Vertraulichkeit aus, auf Exklusivität, um ihren Wissensvorsprung nicht gegenüber dem Wettbewerb zu verlieren. Auch das Beamtenrecht, das Tarifrecht oder der deutsche Genehmigungsdschungel steht Innovationen vielfach im Wege.

Die vielbeschworenen Start-ups, die ein Ausweg sein können aus hinderlichen Strukturen, sie werden in Deutschland im Schnitt gerade einmal 2,8 Jahre alt. Wenn innovative Ideen dort oder anderswo scheitern, kann das daran liegen, dass die Forscher zu wenig Erfahrung haben, dass das Team nicht stimmt, dass das Geld knapp wird oder dass das Start-up an einem gewissen Punkt veräußerbar sein muss – eben nach jenen 2,8 Jahren.

Trotz all dieser Hindernisse hat Zrenner selbst einen langen Atem bewiesen – und den Netzhaut-Chip zur Marktreife gebracht. Denn Deutschland hält für Forschungsprojekte auch einige Chancen bereit: 35 Universitätskliniken gibt es hier, das bedeutet eine Vielzahl potenzieller Forschungspartner. Fraunhofer-Gesellschaften, Max-Planck-Institute und ähnliche Einrichtungen noch nicht mitgerechnet. Voraussetzung für die Translation von Ideen in innovative Produkte ist nach Meinung von Zrenner die Schaffung von Konvergenzen, beispielsweise zwischen Biologie und Medizintechnik oder zwischen Big Data und Medizin. Dass dies Zukunftsfelder sind, zeigt die Biologisierung der Medizintechnik, aber auch die personalisierte Medizin.

(ID:44305691)

Über den Autor

 Kathrin Schäfer

Kathrin Schäfer

Redakteurin