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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 7): M&A im 1. Halbjahr 2017

| Autor / Redakteur: Dr. Christian Bridts * / Peter Reinhardt

Mit Spannung wird der angekündigte Börsengang von Siemens Healthineers erwartet.
Mit Spannung wird der angekündigte Börsengang von Siemens Healthineers erwartet. (Bild: Siemens)

Seit Beginn des Jahres haben wieder zahlreiche Mergers & Acquisitions im Umfeld der Medizintechnik Schlagzeilen gemacht. Die spektakulärsten Unternehmenskäufe und -verkäufe im Überblick.

  • Digitalisierung und Technologien treiben Medtech-M&As im ersten Halbjahr 2017 voran
  • Markteintritte von Apple, Google & Co. prägen das M&A-Geschehen
  • Siemens Healthineers plant Börsengang

Die spektakulärste Transaktion mit Ausstrahlung auf den globalen Medtech-Markt war sicher die Übernahme von C R Bard durch Beckton Dickinson für 24 Mrd. US-Dollar. Sie steht allein für rund 40 Prozent des gesamten M&A-Volumens im ersten Halbjahr 2017, das laut der Wirtschaftsprüfungs- und Beratunggesellschaft KPMG bei rund 60 Mrd.US-Dollar liegt. Während der Erwerber, der vor gut zwei Jahren bereits für 12,2 Mrd. US-Dollar Care Fusion übernommen hatte, die strategische Sinnhaftigkeit insbesondere mit der Komplementarität der Geschäftsfelder und regionalen Stärken begründet, folgt dieser Deal wohl auch einer klassischen Konsolidierungslogik und mag insoweit als Reaktion auf den wachsenden Druck durch Einkaufsverbände und Kostenerstatter in den USA und anderen Kernmärkten gesehen werden. Angesichts der ambitionierten Bewertung von mehr als dem sechsfachen des Umsatzes wurde insgesamt wohl ein erhebliches Ergebnispotenzial gesehen.

Die Grenzen zur Medtech-Branche verschwimmen zusehends

Schon das M&A-Geschehen des Vorjahres unterstrich die verschwimmenden Grenzen der ehedem noch gut abgrenzbaren Medtech-Branche sowie die konsequent betriebenen Markteintritte neuer Wettbewerber, die ursprünglich anderen Herkunftsindustrien zuzurechnen waren. Sie besetzen mittlerweile immer häufiger technologische Schnittstellen zu Medtech-Segmenten. Auf Grundlage ihrer Kernkompetenzen finden sie heute Eingangstore vor, wo bislang strikte Barrieren waren. Dieser Trend spiegelt sich auch ausgeprägt im Medtech-Transaktionsgeschehen des ersten Halbjahres 2017 wider.

Apple definiert Gesundheitssektor als Wachstumsbereich

So hat beispielsweise Apple den Gesundheitssektor als künftigen Wachstumsbereich definiert und erregt mit einigen Aktivitäten in den Segmenten E-Health und Wearables Aufsehen. Mit dem finnischen Start-up Beddit übernimmt Apple einen Spezialisten für die sensorgesteuerte Schlafdatenerfassung, mit Lattice einen KI-Spezialisten (Krankenhaus-Informationssysteme) für die Auswertung unstrukturierter Daten in Patientenakten. Gerüchten zufolge erwägt Apple nun die Übernahme von Athenahealth, einem Spezialisten für Cloud-Lösungen im Health-Bereich, um das -iPhone zum zentralen Verwalter für Patientendaten zu machen. Fast parallel wird vermeldet, dass man sich in klinischen Tests für die Entwicklung von Sensoren für die nicht-invasive Blutzuckerbestimmung befindet, die beispielsweise auch in Wearables integriert werden könnten. Konkurrent Alphabet / Google versucht das gleiche diagnostische Ziel durch optische Diagnostik via Augenlinse zu erreichen.

Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 6): M&A im zweiten Halbjahr 2016

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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 6): M&A im zweiten Halbjahr 2016

19.01.17 - Mergers & Acquisitions (M&A) im beobachteten Medtech-Bereich sind mehr und mehr durch verschwimmende Grenzen zu vormals noch recht deutlich abgrenzbaren Nachbarbranchen gekennzeichnet. Immer weniger lässt sich Medizintechnik schlüssig von Branchen und Technologien wie Pharma, Gentechnologie/Präzisionsmedizin, Big Data & Digital Health, Bioelektronik, Robotik oder medizinischen Dienstleistungen trennen. lesen

Medtech-Transaktionen in der D/A/CH-Region

Auch in der D/A/CH-Region, dem in Europa mit Abstand führenden Medizintechnikmarkt, erreichen die technologiegetriebenen Transaktionen einen erheblichen Anteil am gesamten Transaktionsgeschehen. Etwa ein Drittel der gelisteten Transaktionen fanden unter Mitwirkung von Venture-Capital-Investoren in unterschiedlichen Frühphasen statt. Zu nennen ist hier unter anderem das Investment von Asklepios-Gründer Dr. Bernhard große Broermann in die Cemet GmbH, einen Spezialisten für Mikrobiom-Analysen, das Broermanns Ankündigung folgt, sich verstärkt im Zukunftsfeld der Präzisionsmedizin engagieren zu wollen.

Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 5): M&A im 1. Halbjahr 2016

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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 5): M&A im 1. Halbjahr 2016

03.08.16 - M&As sind derzeit vom Bestreben vieler mittelständischer Akteure geprägt, ihre weitere strategische Entwicklung abzusichern und an technologischen Innovationen zu partizipieren. Dabei werden ungebremst alle Register gezogen: China, Private Equity, Fokussierung. Devicemed beleuchtet die Hintergründe und fasst alle Aktivitäten in einer Übersicht zusammen. lesen

Philips macht derweil über sein Investment in Onelife Health und seine digitale Patientenakte Femisphere weitere Schritte in Richtung E-Health. Und der Münchner Breath Therapeutics ist es in einer Serie-A-Finanzierung gelungen, von verschiedenen Finanzinvestoren stolze 43,5 Mio Euro einzuwerben, um in der Entwicklung inhalativer Systeme für die Aerosol-Therapeutik voranzukommen. In gleicher Größenordnung sammelte das Stuttgarter Start-up Impulse Dynamics in einer Serie-B-Runde Mittel zur Fortentwicklung ihrer Therapiesysteme für Patienten mit Herzinsuffizienz ein.

Strategische Allianzen führender Adressen

Während der Start-up- und Frühphasenbereich also einen wichtigen Platz in der Entwicklung innovativer Systeme einnimmt, setzt sich am oberen Ende des Marktes auch die Serie strategischer Allianzen führender Adressen zur Bündelung ihrer Innovationsaktivitäten fort. So kooperieren B. Braun und Philips im Bereich ultraschallgestützter Anästhesie und vaskulärer Gefäßzugänge. Siemens und Biogen arbeiten gemeinsam an neuen Magnetresonanz-Tools die unter anderem die Therapie von Patienten mit Multipler Sklerose verbessern sollen.

Unterdessen bereiten drei namhafte deutsche Mittelstandsadressen weitere Wachstumsschritte und Akquisitionen vor, beziehungsweise sie haben bereits zugegriffen. Ottobock Healthcare hat den auf Buy-&-Build ausgerichteten Finanzinvestor EQT aufgenommen, der 20 Prozent der bislang von der Gründerfamilie gehaltenen Geschäftsanteile übernimmt. Mit dem so gewonnenen Kapital soll das weitere Wachstum unter anderem über Zukäufe beschleunigt werden, um perspektivisch eine Börsennotiz von bis zu einem Viertel der Anteile anzusteuern. Zwei Zukäufe fanden bereits im Vorfeld dieser Beteiligung statt: Bionx und Steeper. Ergänzend dazu hat Ottobock aus Gründen der Fokussierung Mitte Juli die Sparte Kunststofftechnik an die Schweizer Unternehmensgruppe Conzzeta veräußert – vorbehaltlich der Zustimmung der Kartellbehören.

Sartorius verfügt über Spielraum für weitere Zukäufe

Auch Carl Zeiss Meditec will nach einer Kapitalerhöhung im März nun gezielt weitere Akquisitionen ansteuern. Sartorius hat in kurzer Folge zweimal zugegriffen und sowohl den US-Zellanalytik-Spezialisten Essen Bioscience als auch den schwedischen Datenanalytiker Umetrics übernommen. Gleichzeitig wird betont, noch über Spielraum für weitere Zukäufe in Höhe von 1,5 Mrd. Euro zu verfügen.

Nach einem Übernahmekampf um die börsennotierte Lifewatch AG (Schweiz) konnte sich der US-amerikanische Telemetriespezialist Biotelemetry in diesem Bereich auch in Europa deutlich verstärken. Dies allerdings zu Konditionen, die große Zukunftserwartungen einpreisen.

MDR beflügelt Kooperationen und Zusammenschlüsse

Mit der nunmehr verabschiedeten, lang diskutierten EU-Medizinprodukte-Verordnung (Medical Device Regulation, kurz: MDR) soll die Patientensicherheit nachhaltig verbessert werden. Diesem angestrebten Nutzen stehen nicht unerhebliche zusätzliche administrative Belastungen und Kosten für die Branche gegenüber, die gerade für kleine und mittlere Unternehmen und für Start-ups spürbar durchschlagende Wirkung haben werden. Welche mittelfristigen Auswirkungen die MDR für die Innovationstätigkeit in diesem Segment mit sich bringen wird, bleibt abzuwarten. Der investive Spielraum des einzelnen mittelständischen Innovators jedenfalls wird durch die Erhöhung der Zulassungskosten und weitere Aufwendungen wie für die Unique Device Identification (UDI) geringer.

Viele Einzelheiten der Umsetzung sind noch zu klären, die Übergangsfrist läuft bis Mitte 2020. Spätestens jetzt aber sind gerade kleinere Unternehmen gefordert, nach intelligenten Wegen zum Umgang mit den neuen Anforderungen zu suchen. Dass da-bei vermehrt auch über Kooperationen und Zusammenschlüsse nachgedacht werden dürfte, liegt nahe. Zumal die Umsetzung der MDR mit der einhergehenden zeitlichen Beanspruchung des Managements und den erforderlichen Ausgaben und Investitionen gleichzeitig zwei im Mittelstand oft knappe Ressourcen beansprucht.

M&As entschlossen und professionell umsetzen

Schon bisher weisen die Margen der in der Medizintechnik und im Medizinproduktemarkt aktiven Unternehmen trotz insgesamt attraktiver Wachstumsraten eine erhebliche Streuung und im kleineren Mittelstand teilweise wenig Spielraum auf. Zu den stabilen Treibern des Medtech-Transaktionsmarktes wie etwa den umfassenden Einflüssen der Digitalisierungswelle auf ehedem vielfach Geräte- beziehungsweise Hardware-orientierte Hersteller gesellt sich mit der MDR für die nächsten Jahre somit ein neuer Impuls, der speziell Small-Cap- und Start-up-Transaktionen befördern dürfte.

M&A und Beteiligungsfinanzierungen können dabei je nach individueller Situation auf vielfältige Weise als Mittel der Unternehmensentwicklung eingesetzt werden. Wo sich im einen Fall die Aufnahme von Wachstumskapital oder ausnahmsweise auch ein IPO als Erstes öffentliches Aktienangebot für den nächsten Entwicklungsschritt anbietet, kann unter anderen Umständen eine Kooperation in Teilbereichen, ein Zusammenschluss auf Augenhöhe oder schließlich die mehrheitliche Hereinnahme eines strategischen Partners oder unternehmerischen Finanzinvestors naheliegen.

Die richtige Entscheidung setzt eine umsichtige Bestimmung der eigenen Position und einen fundierten Vergleich der vorhandenen Alternativen voraus. Aber selbst, wenn dies beides sorgfältig erledigt wird, sind entsprechende Entscheidungen stets nur so gut, wie sie in der Folge entschlossen und professionell umgesetzt werden. Der aktuelle Transaktionsmix zeigt, dass alle genannten Optionen zum Einsatz kommen.

Ausblick auf die M&As im zweiten Halbjahr 2017

Zum Abschluss ein kurzer Ausblick: Noch präsentiert sich der M&A- und Beteiligungsmarkt insgesamt stabil und aufnahmefähig, Verkäufer finden auch im kleineren Segment ein attraktives Preisniveau vor. Das Transaktionsgeschehen in der Medizintechnik sollte sich daher im laufenden Jahr weiterhin rege präsentieren. Für Spannung sorgt der angekündigte Börsengang von Siemens Healthineers, der noch im laufenden Jahr erwartet wird. Bisher gibt es jedoch nur Spekulationen über alternative technische Wege zur Börsennotiz und eine mögliche Listung in den USA.

Medizintechnik-M&A des ersten Halbjahres 2017 als PDF-Datei zum Download

Medizintechnik-M&A des zweiten Halbjahres 2016 als PDF-Datei zum Download

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20.01.16 - Der Blick auf das Transaktionsgeschehen sollte fest verankerter Bestandteil der strategischen Umfeldanalyse sein. Auffallend viele Aktivitäten gab es im zweiten Halbjahr 2015 zu beobachten. Wer hat wen oder was wann warum gekauft beziehungsweise verkauft? lesen

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03.08.15 - Gemeinsam mit Bridts Corporate Finance betrachtet Devicemed halbjährlich das M&A-Geschehen in den Bereichen Medizintechnik und Medizinprodukte mit Bezug zum deutschen Markt. lesen

Weitere Meldungen über Medizintechnikunternehmen finden Sie in unserem Themenkanal Szene.

* Der Autor: Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er regelmäßig deutschland-relevante M&As auf dem Medtech-Markt.

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