KassettenkonzeptAutomatisierte Zelltherapie in modularen Minifabriken
Ein Gastbeitrag von
Dr. Michael Sinsbeck, Festo SE & Co. KG, Dr. Andrea Gaißler, Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, und M. Sc. Julen Schmelzle Elorriaga, Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung
5 min Lesedauer
CAR-T-Zelltherapien gelten als vielversprechender Ansatz in der Krebsbehandlung, sind aber bislang aufwendig und teuer. Ein automatisiertes Kassettenkonzept soll zentrale Prozessschritte dezentral, reproduzierbar und mit weniger Fachpersonal ermöglichen.
Abb. 1: Das aus Ultem hergestellte Diffusion-Bonded-Manifold: Mehrkanalige Strukturen und integrierte Ventile ermöglichen kompakten Flüssigkeits- und Gastransport.
(Bild: Festo)
Krebs bleibt eine der großen medizinischen Herausforderungen. Ein Grund dafür ist die biologische Vielfalt von Tumorerkrankungen: Eine Behandlung, die bei einem Patienten gut wirkt, kann bei einem anderen nur begrenzten Erfolg zeigen. Genau hier setzen individualisierte Zelltherapien an. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden dem Patienten körpereigene T-Zellen entnommen, außerhalb des Körpers genetisch verändert, vermehrt und anschließend zurückgegeben. Die modifizierten Immunzellen erhalten einen sogenannten CAR (Chimären Antigen Rezeptor). Damit können sie nun für die Krebsart spezifische Oberflächenstrukturen erkennen und so den Krebs bekämpfen.
Der therapeutische Ansatz ist hochspezifisch und kann für bestimmte Krankheitsbilder (z. B. Leukämie oder Lymphome) erhebliche Vorteile bieten. Gleichzeitig stellt er die Herstellung vor besondere Anforderungen. Jede Therapie ist patientenindividuell, die Prozesskette muss steril, sicher und nachvollziehbar bleiben, und viele Arbeitsschritte sind heute noch stark manuell geprägt. Das begrenzt die Verfügbarkeit, erhöht die Kosten und erschwert eine breite Anwendung in der klinischen Praxis.
Vom zentralen Speziallabor zur dezentralen Minifabrik
Ein möglicher Weg, CAR-T-Zelltherapien schneller und zugänglicher zu machen, sind kleine, modulare Produktionssysteme in der Nähe der klinischen Anwendung. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA hat ein Automatisierungskonzept für die modulare Produktion von Zell- und Gentherapien erarbeitet, einen ersten Prototyp zur genetischen Modifikation von Zellen umgesetzt und diesen mit den Technologien von Festo weiterentwickelt. Solche Systeme könnten beispielsweise an Universitätskliniken betrieben werden und zentrale Prozessschritte weitgehend automatisiert ausführen.
Im Mittelpunkt steht eine Kassette, die pro Patient und Prozessschritt eingesetzt wird. Die Zellen durchlaufen darin die erforderlichen Behandlungen in einem geschlossenen Fluidsystem. Die Kassette selbst enthält passive Elemente, die erst durch das jeweilige Modul der Minifabrik von außen betrieben werden. Damit lassen sich sterile Einweg-Bereiche und wiederverwendbare Automatisierungstechnik funktional trennen.
Die Kassette für die Zellmodifikation
Der hier betrachtete Prozessschritt ist die Modifikation der T-Zellen. In einer Zellkulturkammer werden die T-Zellen kultiviert und das genetische Material für den chimären Antigenrezeptor mithilfe von Viren in die Zellen eingebracht. Dadurch entstehen CAR-T-Zellen, die später spezifische Zielstrukturen auf Krebszellen erkennen sollen.
Für diesen Schritt müssen mehrere Medien kontrolliert zugeführt, gemischt und temperiert werden. Die Kassette umfasst u. a. eine Zellkulturkammer, einen Inkubator zur Erwärmung auf Zieltemperatur, einen Kühl- und Gefrierbereich für benötigte Medien wie Viren oder Pufferlösungen sowie einen Port zur Probennahme. Entscheidend ist, dass alle Medienwege innerhalb der Kassette präzise geführt werden und kontaminationskritische Bereiche geschlossen bleiben.
Abb. 2: Schematische Darstellung der Kassette für den Prozessschritt der Zellmodifikation: Das geschlossene Fluidsystem führt Medien aus dem Kühl- und Gefrierbereich über das Manifold präzise zur Zellkulturkammer.
(Bild: Festo/Fraunhofer IPA)
Präziser Flüssigkeitstransport auf engem Raum
Die Fluidführung übernimmt ein Diffusion-Bonded-Manifold von Festo (siehe Abb. 1 und Abb. 2). Dabei handelt es sich um eine kompakte Verteilerplatte mit mehrkanaligen Strukturen, die alle relevanten Bereiche der Kassette miteinander verbindet. In das Manifold sind Ventile integriert, die von außen über Steuerluft geschaltet werden. So können Verbindungen zwischen einzelnen Funktionsbereichen hergestellt oder getrennt werden, ohne dass die sterile Prozessumgebung geöffnet werden muss.
Der Flüssigkeitstransport erfolgt über Schieben und Ziehen mit Druckluft beziehungsweise Vakuum. Anschaulich lässt sich das Prinzip mit einer Rohrpost vergleichen: Nicht ein mechanischer Förderer bewegt das Medium, sondern gezielt aufgebaute Druck- und Unterdruckverhältnisse treiben es durch definierte Kanäle. Anders als bei der klassischen Rohrpost werden hier jedoch keine Kapseln transportiert, sondern kleinste Flüssigkeitsvolumina kontrolliert dosiert, verteilt und wieder zurückgeführt. Durch intelligente Regelungsalgorithmen lassen sich auch kleine Flüssigkeitsmengen dosieren und innerhalb der Kassette bewegen. Für die Anwendung ist das besonders relevant, weil die verfügbare Baugröße begrenzt ist und gleichzeitig hohe Anforderungen an Präzision, Sterilität und Prozesssicherheit gelten.
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Modularität als Schlüssel zur klinischen Anwendung
Das Konzept verbindet zwei Anforderungen, die in der Zelltherapie häufig im Spannungsfeld stehen: Einerseits muss der patientenindividuelle Prozess flexibel bleiben, andererseits braucht die Herstellung robuste, reproduzierbare Abläufe. Die Kassette bündelt die kontaminationskritischen Flüssigkeitswege, während die Minifabrik die notwendigen Aktoren, Steuerungen und Umgebungsfunktionen bereitstellt. Nach dem Prozess müssen nur die Elemente ausgetauscht werden, die mit Zellen oder Viren in Kontakt waren.
Damit wird ein Produktionsansatz möglich, der nicht auf große zentrale Anlagen beschränkt ist. Dezentrale Systeme könnten perspektivisch Herstellungszeiten verkürzen, Transportwege reduzieren und den Bedarf an hochspezialisiertem Personal senken. Für Kliniken wäre das ein wichtiger Schritt, um personalisierte Therapien näher an den Behandlungsort zu bringen und kostengünstiger umsetzen zu können.
Experimentelle Untersuchungen
Um dieses System zur genetischen Modifikation zu testen, wurde es mit Jurkat-Zellen, einer humanen T-Zelllinie getestet. Die Zellen wurden dazu in der Biokammer ausgesät und mit AAV6 (Adeno-assoziierter Virus - 6) transduziert, d. h. mit dem Virus genetisch modifiziert. Dieser Virus enthält das genetische Material für die Expression von grün-fluoreszierendem Protein (GFP), dadurch kann dann mittels Durchflusszytometrie die Anzahl transduzierter Zellen ermittelt werden. Die Anzahl der GFP-positiven Zellen entspricht der Anzahl der erfolgreich transduzierten Zellen. Als Kontrollen wurden Zellen manuell in der für die Minifabriken entwickelten Biokammer kultiviert und transduziert, sowie in 24-Well-Platten, einem Standardkultivierungsformat. Des Weiteren wurde eine unbehandelte Probe (Negativkontrolle) im 24-Well-Format mitgeführt, um die Kultivierungsbedingungen zu überwachen.
Abb. 3a: Darstellung der Anzahl der GFP-positiven Zellen in Prozent sowie der Viabilität der Zellen, ebenfalls in Prozent.
(Bild: Fraunhofer IPA)
Die Abbildungen 3a und b zeigen die Ergebnisse. Die Transduktionseffizienzen sind sowohl im automatisierten Prozess als auch im manuellen Prozess mit den Standardgefäßen vergleichbar. Jedoch wurde im automatisierten Ansatz eine deutlich geringere Anzahl viabler (lebendiger) Zellen beobachtet. Daraus lässt sich schließen, dass eine Transduktion von Zellen mit den modularen Minifabriken mit dem Diffusion-Bonded-Manifold technisch und biologisch realisierbar ist, der Prozess jedoch zukünftig weiter verfeinert werden muss, um die Viabilität und potenziell die Transduktionseffizienz zu steigern.
Abb. 3b: Histogramme der Durchflusszytometriedaten. Von links nach rechts: Negativkontrolle (unbehandelt), Positivkontrolle, Biokammer manuell und Biokammer im Modul. Die vier Histogramme zeigen den Anteil GFP-positiver Zellen nach Transduktion. Der rote Bereich markiert jeweils die als erfolgreich transduziert geltenden Zellen. Je weiter die Verteilung (grau) nach rechts verschoben ist, desto höher die Effizienz
(Bild: Fraunhofer IPA)
Ausblick
Die Automatisierung patientenindividueller Zelltherapien zeigt exemplarisch, wie Life-Science-Automation medizinische Innovationen in Richtung praktischer Anwendbarkeit verschieben kann. Entscheidend ist nicht allein ein einzelnes Bauteil, sondern das Zusammenspiel aus fluidischer Präzision, modularer Systemarchitektur und einfacher Bedienbarkeit. Wenn solche Konzepte weiterentwickelt, ausgebaut und experimentell validiert werden, können sie dazu beitragen, komplexe Zell- und Gentherapien reproduzierbarer, wirtschaftlicher und für mehr Patienten zugänglich zu machen. Um das zu erreichen, wird das Fraunhofer IPA seine modularen Minifabriken weiter aus- und aufbauen, tiefgehend testen und die Prozesse optimieren.
Was ist eine CAR-T-Zelltherapie?
Bei einer CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen eines Patienten außerhalb des Körpers so verändert, dass sie bestimmte Krebszellen besser erkennen können. Dazu erhalten sie den Bauplan für chimäre Antigenrezeptoren, sogenannte CAR-Rezeptoren, und werden damit zu CAR-T-Zellen. Nach der Vermehrung werden die Zellen zurückgegeben und das patienteneigene Immunsystem kann dann die Tumorzellen gezielt angreifen. Verläuft die Therapie erfolgreich, kann der Patient krebsfrei werden. Der Ansatz ist personalisiert und stellt deshalb hohe Anforderungen an eine sichere und reproduzierbare Herstellung.