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Durchstarten 2021 „Agile und innovative KMU haben jetzt die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen“

Redakteur: Julia Engelke

Wie hat sich die Arbeit in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie verändert? Patricia Mattis, Business Development Manager, und Alexander Clement, Doktorand im Bereich Translationale Medizintechnik, am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) geben Antworten.

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Patricia Mattis ist Business Development Manager und Alexander Clement ist Doktorand im Bereich Translationale Medizintechnik am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM).
Patricia Mattis ist Business Development Manager und Alexander Clement ist Doktorand im Bereich Translationale Medizintechnik am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM).
(Bild: Fraunhofer ITEM)

Frau Mattis, Herr Clement, beschreiben Sie das allgemeine Stimmungsbild in Ihrem Unternehmen.

Mattis: Unsere Stimmung ist grundsätzlich positiv, denn die Krisensituation hat einige wichtige Veränderungsprozesse katalysiert, wie die digitale Transformation, aber auch die Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitmodellen. Ich muss sagen, wir haben die Krise vornehmlich als Chance erkannt und genutzt.

Clement: Im Allgemeinen besteht im Fraunhofer ITEM eine geschäftige, gute Stimmung. Die vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, sich auf irgendeine Weise in einem Projekt mit Bezug auf die Pandemie zu beteiligen und damit gesellschaftlich beizutragen, haben viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert, sich trotz der schwierigeren Umstände einzubringen.

Welche Probleme/Herausforderungen treten in Ihrem Unternehmen während der Covid-19-Krise auf?

Mattis: Da wir Atemwegserkrankungen im Fokus haben, konnten wir viele neue Projekte starten. Das befeuerte auch die Weiterentwicklung unseres wissenschaftlichen Spektrums. Unser Team-Spirit bleibt bis heute ungebrochen, wenn auch die Dynamik und Motivation naturgemäß zuweilen darunter leiden. Das Lesen von E-Mails oder Dokumenten hat stark zugenommen und die Konzentrationsspannen in den zahlreichen, täglichen Online-Meetings werden ausgereizt.

Clement: Tatsächlich sehe ich nur wenige Probleme und einige Herausforderungen. Genau wie für viele andere Eltern, ist das Homeoffice mit Kindern natürlich schwierig, aber viele meistern diese Herausforderung bewundernswert gut. Daneben gilt es, die Arbeiten in Laboren so zu koordinieren, dass möglichst geringe Risiken für alle dort Arbeitenden in Hinsicht auf eine SARS-CoV-2-Infektion bleiben. Insbesondere, wenn Aufgaben nur gut zu zweit bewältigt werden können, ist dies herausfordernd.

Wie wirken sich diese Probleme auf Ihre eigene Arbeit aus?

Mattis: Als Business Development Manager konnte ich beobachten, wie sich der Markt verändert und sich der Fokus auf nationale Interessen, Stichwort De-Globalisierung, verlagert hat. Doch ich durfte auch neue Chancen anpacken und umsetzen, da neue Projekte und Entwicklungen möglich wurden. Mir fehlt der persönliche Kontakt zu unseren Kunden. Digitale Lösungen haben sich zwar als sehr effektiv und effizient erwiesen, aber Vertrauen baut sich – beiderseits – nicht so gut virtuell auf.

Clement: Nur wenig. Glücklicherweise lässt sich ein Großteil meiner Aufgaben gut unter Beachtung des Infektionsschutzes bewältigen und auch flexibel planen.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren oder werden sich Prozesse und Abläufe künftig dauerhaft ändern? Wenn ja, mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Mattis: Es wurde ein unumkehrbarer Prozess in Gang gesetzt. Aus meiner aktuellen Perspektive wird der Überlebenskampf kleiner Unternehmen zu einer deutlichen Konsolidierung im Markt führen. Andererseits haben gerade agile und innovative KMU jetzt die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Der weitere Ausbau digitaler Vertriebswege und Servicelösungen wird in Zukunft von großer Bedeutung sein. Einführungen wie Telemedizin, digitale ambulante Pflege und präventive Diagnostik durch Warn-Apps sowie Lifestyle-Gadgets werden stark in den Vordergrund rücken. Noch nie war es so klar, wie unverzichtbar Pflegeberufe sind und dass sie zu wenig Anerkennung erhalten. Hier hoffe ich, dass diesen Menschen endlich die Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie verdienen.

Clement: Meines Erachtens wird sich vor allem die Arbeitsweise dauerhaft ändern, also dass die jetzige Flexibilität hinsichtlich Orten und Zeiten, an denen gearbeitet wird, bleiben wird.

Welche Lerneffekte haben Sie aus der Krisensituation mitgenommen und fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Mattis: Ein Kollege vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart sagte „Corona macht smart“. Dem kann ich mich nur anschließen. Mit neuen Tools erledigen wir heute unsere Arbeit – nicht selten sogar effizienter als zuvor. Die Zweifel an Homeoffice oder digitalen Events sind deutlich geschwunden. Am Ende profitiert auch die Umwelt davon, denn steht die Menschheit still, kommt das Klima in Bewegung.

Clement: Der für mich wichtigste Lerneffekt ist die Anpassbarkeit, die man an fast allen Thematiken/Aufgaben/Plänen findet und dementsprechend auch nutzen kann und sollte. Gut kommuniziert sind viele Anpassungen möglich und gut zu vertreten. Insbesondere mit den gemachten Erfahrungen fühle ich mich auf jeden Fall für die Zukunft gut gewappnet.

Gibt es positive Aspekte, die Sie für Ihren Arbeitsalltag aus der Covid-19-Krise mitnehmen?

Mattis: Wir sind ein fast schon familiäres Team am Institut. Die Corona-Krise hat uns noch stärker zusammengeführt. Ich erlebe mehr Hilfsbereitschaft und Solidarität. Und Not macht erfinderisch. Es ist eben keine soziale Distanz (social distancing) sondern „nur“ körperlicher Abstand – umso mehr haben wir die (Geschäfts-)beziehungen wertschätzen gelernt. Corona zeigt uns sehr deutlich, welche überkommenen Strukturen und Verhaltensweisen jetzt nicht mehr funktionieren und so kommen wir heute wieder in Kontakt mit unseren Werten.

Clement: Definitiv, die schon benannte Flexibilität zum einen, aber auch die Wertschätzung für das wirklich nette Umfeld, das wir in der Arbeitsgruppe haben und das durch den teilweisen Wegfall der täglichen Interaktion deutlich geworden ist.

Welchen Herausforderungen abseits von der Covid-19-Krise sehen Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag derzeit ausgesetzt?

Mattis: Wir alle sehen der neuen Medical Device Regulation (MDR) mit Neugier, aber auch mit Skepsis entgegen. In wenigen Monaten ist es soweit und sie tritt in Kraft. Ich bin gespannt. Andererseits möchte ich auch nicht in der Haut der Notified Bodies stecken.

Clement: Das Nebeneinander von Projektarbeit und meiner Promotion ist anspruchsvoll auszutarieren und die einzelnen Aufgaben zu priorisieren.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Mattis: Unser Umfeld verändert sich immer schneller durch die zunehmende Diversität und eine sich rasant weiterentwickelnde Wissensökonomie. Wer in der digitalen Welt erfolgreich sein will braucht Empathie, vorausschauende Sensibilität und kreative Ideen.

Wenn Sie einem/-r Einsteiger*in Ihr Arbeitsgebiet schmackhaft machen wollen, wie machen Sie das?

Mattis: Die Inspiration und herausragenden Entwicklungen der Fraunhofer-Forschungsteams basieren auf der aktiven Zusammenarbeit von Intellekt und Begeisterung. Das treibt uns an und ermöglicht es uns, das Leben so vieler Menschen positiv zu verändern.

Clement: Der Bereich der Medizintechnik genau wie auch die so praxisnahe Forschung und Entwicklung sind ein unglaublich spannendes Feld, weil es durchgehend darum geht sich mit neuen Ideen, Materialien und Geräten zu beschäftigen. Die Arbeit ist immer auf dem Weg, etwas Neues zu erschaffen, etwas auszuprobieren und so die Möglichkeiten und Grenzen des technisch (und medizinisch) Möglichen zu entdecken.

Welche persönlichen Worte möchten Sie Kolleg*innen in Ihrer Branche und Ihrem Unternehmen mit auf den Weg geben?

Mattis: Die exzellente Anwendungsforschung der Fraunhofer-Institute dient, dank des Einsatzes der Spitzenkräfte, dem Wohl vieler Menschen. Jährlich steigt die Anzahl an Beschäftigten in diesem Bereich, was die steigende Bedeutung von Forschung und Entwicklung für Deutschland widerspiegelt. Ich habe hier nicht nur neue Erfahrungen sammeln können, sondern auch fachliche und methodische Impulse für meine Arbeit gewonnen und dazu beitragen können, dass Forschungseinrichtungen und Fachkräfte noch besser kollaborieren. Und wenn Hürden unüberwindbar erscheinen, dann halte ich es gerne mit Marie Curie „Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr“.

Clement: Sich trotz der Widrigkeiten, beispielsweise mit den gestiegenen regulatorischen Anforderungen durch die MDR, die Freude am Forschen und Entwickeln für die Medizintechnik und damit auch für die Gesellschaft zu behalten.

Frau Mattis, Herr Clement, vielen Dank für Ihre Antworten.

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