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Nobelpreisträger Werner Forßmann Späte Würdigung eines Rebellen

| Autor: Peter Reinhardt

Es gibt Geschichten, die glaubt man kaum – und doch haben sie sich tatsächlich so zugetragen. Die des deutschen Medizin-Nobelpreisträgers Werner Forßmann ist so eine. Spektakulär war, was er im Mai 1929 anstellte, erst spät wurde seine visionäre Leistung gewürdigt.

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Er galt als der Rebell unter den jungen Ärzten: Werner Forßmann experimentierte auch schon mal mit Zigarre im Mund.
Er galt als der Rebell unter den jungen Ärzten: Werner Forßmann experimentierte auch schon mal mit Zigarre im Mund.
(Bild: GLG-Archiv)

Vor 60 Jahren hat der deutsche Mediziner Werner Forßmann den Nobelpreis erhalten. Die Auszeichnung im Jahr 1956 war eine späte Würdigung seiner Verdienste um die Kardiologie. Den Anlass dafür schuf er bereits am 12. Mai 1929, als sich der damals 25-Jährige in einem spektakulären Selbstversuch einen Katheter in die rechte Herzkammer einführte. Ein Unterfangen, das von Vorgesetzten und Kollegen zunächst verboten, dann scharf verurteilt und später vergessen wurde.

Pionieren dieser Zeit praktizierten immer wieder Selbstversuche

Waren es „die Zeiten“, die Forßmann dazu verleiteten, an sich selbst zu experimentieren? An Computer und Simulationsprogramme jedenfalls war noch lange nicht zu denken. Und so blieb vielen kühnen Köpfen dieser Zeit nichts anderes, als ihre Visionen wagemutig im Selbstversuch zu verfolgen. Man denke nur an all die Flugpioniere, die sich nur wenige Jahre zuvor mit ihren waghalsigen Konstruktionen in die Luft begeben haben – oder auch nicht. Wie sagte doch Albert Einstein? „Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts.“ Doch was sich einst im Auguste-Victoria-Heim in Eberswalde abspielte, war fast schon filmreif.

Ein Holzschnitt soll Forßmann inspiriert haben

Aber der Reihe nach: Ein Holzschnitt soll Forßmann inspiriert haben. In einem Buch des französischen Chirurgen und Physiologen Claude Bernard von 1879 entdeckte er, wie einem Tier durch die Halsvene ein dünnes Rohr bis ins Herz geschoben wurde. Konnte man bei lebenden Menschen ähnlich verfahren? Forßmann schlussfolgerte völlig richtig, dass dies viele neue Möglichkeiten eröffnen würde.

29. Mai 1929: Spektakulärer Selbstversuch

Selbst Verbote seines Chefs konnten Forßmanns Forscherdrang nicht stoppen. In seiner Autobiografie ist zu lesen, dass er an besagtem Tag im Mai 1929 zunächst eine Chirurgieschwester überredete, medizinische Geräte für eine Blutentnahme sowie einen Blasenkatheter vorzubereiten. Damit diese ihn nicht aufhalten konnte, schnallte er sie kurzerhand auf einem OP-Tisch fest. Erst dann führte er sich den Gummischlauch in die rechte Armvene. Unter der Bedingung, dass sie ihm bei der Dokumentation seines Experiments helfen würde, ließ er die Schwester daraufhin wieder frei und marschierte – den Katheter noch im Herzen – mit ihr in den Krankenhauskeller, um dort zum Beweis eine Röntgenaufnahme zu machen.

„Mit solchen Kunststückchen habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik!“

Der Ausgang des Eingriffs war ungewiss. Aber alles ging gut aus. Selbst Forßmanns Chef, Sanitätsrat Dr. Richard Schneider, sicherte ihm nach einem Donnerwetter Unterstützung zu. Doch andere reagierten kritisch. „Mit so etwas kommt man leicht ins Zuchthaus“, äußerte etwa Prof. Georg Klemperer von der 4. Medizinischen Universitätsklinik in Berlin. Ein Volontariat an der Berliner Charité musste Forßmann nach nur wenigen Monaten abbrechen. Prof. Ferdinand Sauerbruch entließ ihn mit den Worten: „Mit solchen Kunststückchen habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik!“

Zurück in Eberswalde experimentierte Forßmann zunächst weiter, wendete sich jedoch nur wenige Jahre später von der Kardiologie ab und praktizierte unter anderem als Urologe, bis der Nobelpreis im Jahr 1956 für die verdiente Anerkennung sorgte. Von Wissenschaftlern kritisiert wird vor allem, dass Forßmann 1929 keinerlei tierexperimentelle Erfahrungen besaß und ein Forschungsprogramm nicht einmal in Ansätzen existierte.

„Dafür kriegst du noch mal den Nobelpreis“

Allein Forßmanns Onkel und Mentor, der Medizinalrat Hindenburg, erkannte gleich das Potenzial der ersten Herzkatheterisierung. „Dafür kriegst du noch mal den Nobelpreis“, soll er Forßmann im Jahre 1931 aufgemuntert haben, nachdem dessen Auftritt auf dem 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie unbeachtet blieb, schreibt der Spiegel in seiner Titelgeschichte kurz nach der Nobelpreisverleihung. War Forßmann also ein Revolutionär oder ein Rebell? Sicher ist, ein Konformist war er nicht. Auch sein späteres Wirken ist von Konflikten geprägt. So stand er schon kurz nach seiner Berufung als Chefarzt der Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf im Jahre 1958 wieder vor dem Rauswurf, nachdem er scharf mangelnde Hygiene kritisiert hatte. Ein Schlichtungsverfahren der Landesärztekammer konnte jedoch im Jahr 1959 das endgültige Zerwürfnis abwenden. Im selben Jahr verlieh Bundespräsident Theodor Heuss dem Nobelpreisträger Forßmann das Bundesverdienstkreuz. Letztlich blieb er bis zu seiner Pensionierung 1969 Chefarzt der Chirurgie.

Forßmann zu Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur

Wenig bekannt ist indes Forßmanns Rolle zu Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur. Bereits 1932 tritt er der NSDAP bei und schließt sich später auch der SA sowie dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund an. Kurz vor Ende des 2. Weltkriegs wurde er als Sanitätsoffizier von US-Soldaten gefangen genommen und bis zum Oktober 1945 inhaftiert. 1950 nahm er seine ärztliche Tätigkeit als Facharzt für Urologie an den Diakonie-Anstalten in Bad Kreuznach wieder auf. An seinen Herzkatheter-Versuch erinnert in dieser Zeit wenig. Und so dürfte Forßmann selbst nicht schlecht gestaunt haben, als er im Jahr 1956 ein Schreiben der königlichen Akademie in Schweden erhielt, das ihn über die Verleihung des Nobelpreises informierte.

Herzkatheter auf dem Weg in die Gegenwart

In den USA war die Katheterisierung zwischenzeitlich zu einem klinischen Standardverfahren weiterentwickelt worden. Die maßgeblichen Mediziner, Andre Frederic Cournand und Dickinson William Richards, bestanden ausdrücklich darauf, auch Forßmann als Pionier dieses Verfahrens den Medizin-Nobelpreis zu verleihen. Spätestens jetzt wurde seine Geschichte zur Legende.

Seit 1991 trägt das Krankenhaus des spektakulären Selbstversuchs in Eberswalde den Namen des revolutionären Kardiologen. Etwa 1.800 Herzkatheteruntersuchungen und -behandlungen werden dort pro Jahr durchgeführt. pr

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Über den Autor

 Peter Reinhardt

Peter Reinhardt

Chefredakteur, DeviceMed - Für Profis der Medtech-Branche