Medtec Live

So reagieren Branchenvertreter, Aussteller und Besucher auf die Ankündigung der Medtec Live

| Autor: Kathrin Schäfer, Peter Reinhardt

In Anwesenheit von Journalisten verkünden John van der Valk, Managing Director UBM EMEA Amsterdam, und Dr. Roland Fleck, CEO Nürnberg Messe Group, auf der Eröffnungspressekonferenz zur MT-Connect ihre Pläne für die neue Messe Medtec Live.
In Anwesenheit von Journalisten verkünden John van der Valk, Managing Director UBM EMEA Amsterdam, und Dr. Roland Fleck, CEO Nürnberg Messe Group, auf der Eröffnungspressekonferenz zur MT-Connect ihre Pläne für die neue Messe Medtec Live. (Bild: Thomas Geiger / NuernbergMesse)

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Diese Überraschung ist den Veranstaltern der beiden konkurrierenden Fachmessen MT-Connect und Medtec Europe gelungen: Beide Veranstaltungen sollen jetzt zusammengelegt werden. Wir haben Branchenvertreter, Aussteller und Besucher gefragt, was sie davon halten.

  • Zusammenschluss von MT-Connect und Medtec Europe
  • Stimmen und Stimmungsbilder von Ausstellern, Besuchern und Branchenexperten

Es ist die Nachricht am ersten Messetag: Nur knapp 90 Minuten, nachdem die MT-Connect in Nürnberg geöffnet hat, geben die Veranstalter via Pressemeldung bekannt: 2019 soll eine neue Messe in Nürnberg entstehen, ein Zusammenschluss aus Medtec Europe und MT-Connect. Sofern die Kartellbehörden zustimmen, wird vom 21. bis 23. Mai 2019 die erste „Medtec Live“ auf dem Gelände der Messe Nürnberg stattfinden.

Zwei Wettbewerber schließen sich zusammen

Zum Hintergrund: Seit 2001 findet die Medtec Europe als Gastveranstaltung auf dem Gelände der Messe Stuttgart statt. Sie wird vom britischen Messeveranstalter UBM ausgerichtet, der weltweit zirka 300 B2B-Veranstaltungen jährlich organisiert – unter anderem auch große Zuliefermessen für die Medizintechnik wie die bekannte MD&M West im kalifornischen Anaheim. Die nächste Medtec Europe findet mit zirka 500 Ausstellern vom 17. bis 19. April 2018 statt – und damit nur knapp eine Woche nach der MT-Connect. Diese direkte Wettbewerbssituation war von den Machern der MT-Connect von Anfang an gewollt: Schon einmal, nämlich während der Medtec Europe 2016, hatte die Messe Nürnberg verkündet, eine Konkurrenzveranstaltung mit dem Namen MT-Connect ins Leben zu rufen. Sie konnte im Juni 2017 mit zirka 200 Ausstellern Premiere feiern. In diesem Jahr konnten die Nürnberger jedoch nicht an diesen Erfolg anknüpfen: Nur rund 150 Aussteller haben sich für eine Teilnahme an der MT-Connect entschieden. Und auch wenn die Medtec Europe im Kern nicht allzu viele Aussteller und Besucher eingebüßt hat: Wirklich glücklich war es nicht, dass zwei Messen im Abstand von wenigen Tagen in Süddeutschland stattfinden.

Wie sehen also die Reaktionen aus bei Vertretern der einschlägigen Verbände, aber vor allem auch von Besuchern und Ausstellern?

Soziale Netzwerke bieten alternative Vertriebsmöglichkeiten

Ilse Widmann, Marketing-Direktorin bei der MST-Group, begrüßt die geplante Zusammenlegung. „Ich find’s gut“, sagt sie spontan, nachdem sich MST als Erstaussteller auf der MT-Connect 2017 in diesem Jahr gegen eine erneute Präsenz in Nürnberg entschieden hatte. Auf der Medtec Europe zählt MST seit vielen Jahren zu den Ausstellern. Nicht ganz so vorteilhaft findet sie allerdings den Termin im Mai gelegt, da dieser Monat mit Feiertagen bereits sehr wenige Werktage bietet.

Jörg Warrelmann, Sales Director Medical Europe der Business Unit Lighting and Imaging von Schott, ist als Besucher auf der MT-Connect unterwegs und hat hier vor allem den Kongress im Visier. „Der ist leider eher kleiner geworden.“ Warrelmann setzt daher seit geraumer Zeit verstärkt auf soziale Netzwerke. Vor allem mit Linked In habe er gute Erfahrungen gemacht. „Anders als auf Messen oder Kongressen kann ich da anstelle des Vertriebs ganz gezielt Entwickler und Produktmanager ansprechen.“ Ein Besuch der neuen Messe Medtec Live ist für ihn daher eher unwahrscheinlich.

Hersteller brauchen einen Marktplatz zur Präsentation komplexer Technologien

Niklas Kuczaty von der Arbeitsgemeinschaft Medizintechnik im VDMA will indes spontan kein Statement geben. Nur so viel sei gesagt: Als Partner und Unterstützer der Medtec Europe war die Arbeitsgemeinschaft in die Überlegungen zur bevorstehenden Messekooperation einbezogen und ist auch steht auch für folgende Gespräche zur Verfügung.

Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbandes Elektromedizinische Technik und zugleich Mitglied im Expertenbeirat der MT-Connect, sieht in der geplanten Kooperation das Netzwerk-Konzept bestätigt. Insofern steht er der kommenden Medtec Live positiv gegenüber: „Die Technologien werden immer komplexer – und mit ihnen auch die Komponenten. Hersteller benötigen daher einen funktionierenden Marktplatz, auf dem sie sich über Entwicklungspartnerschaften austauschen können, um sich selbst auf die Kernkompetenzen konzentrieren zu können." Dafür sieht er mit Medtec Live gute Chancen.

Dr. Urs Schneider vom Fraunhofer IPA organisiert seit 2017 die Medical Device Manufacturing Conference, eine Begleitveranstaltung der Medtec Europe. Da die MT-Connect jedoch von der Konferenz Medtec Summit begleitet wird, stellt sich für Schneider die Frage, wie es weitergeht. Er versichert: „Wir wurden umgehend informiert und diskutieren derzeit das Standortvorgehen in Stuttgart und Nürnberg. Es gibt mehrere Optionen, um als Fraunhofer Gesellschaft in den Formaten für die Medizintechnik Mehrwerte zu schaffen. Die Situation ist jedoch zu neu und wichtige Gespräche sind noch nicht geführt.“ Dem Fraunhofer IPA sei jedoch „am Standort Baden-Württemberg als Nummer Eins für Medizintechnik“ in Deutschland sehr gelegen.

„Wenn sich zwei Kranke ins Bett legen, kann dabei niemand gesund werden“

Manfred Beeres, Pressesprecher des BV-Med, findet vor allem an der Vernetzung von Messe und Kongress Gefallen – und der starken Vernetzung über die verschiedenen Cluster in Nürnberg/Erlangen und Bayern. Das hat den Verband dazu bewogen, sich in diesem Jahr erstmals als ideeller Träger zu engagieren. „Das Konzept ist gut – und das gilt auch für die neue Konstellation ab 2019.“ Insofern kann er sich sehr gut vorstellen, dass sich der BV-Med hier weiter engagiert.

Dagegen ist Thomas Oestereich, Vertriebsleiter beim MT-Connect-Aussteller BGS Beta-Gamma-Service (BGS), eher skeptisch, was die bevorstehende Kooperation angeht. „Wir hatten zwar als Aussteller auf der MT-Connect 2017 vergleichsweise gute Kontakte, sind aber von der diesjährigen Messe enttäuscht.“ Mangels guter Kontakte hat BGS schon seit zwei Jahren nicht mehr auf der Medtec Europe in Stuttgart ausgestellt. „Wenn sich nun zwei Kranke ins Bett legen, kann dabei niemand gesund werden“, so Oestereichs bildlicher Vergleich.

Gut, wenn sich die Besucher auf einen Event konzentrieren

Jonas Frey ist Project Manager beim schweizerischen Branchenverband Swiss Medtech. Er sagt: „Als Organisator des Swiss Pavilion verfolgt Swiss Medtech die Entwicklungen der Medtech-Zuliefermessen in Europa sehr aufmerksam. Als größter Aussteller der Medtec Europe stehen wir in engem Kontakt mit UBM. Mit dem Zusammenschluss der Medtec Europe und MT-Connect entsteht nun eine neue Ausgangslage. Der Verband wird für die 27 Aussteller des Swiss Pavilion die bestmögliche Option wählen und zuvor die Firmen in die Entscheidung mit einzubeziehen.“

Frey begrüßt, dass es zwischen den Messeveranstaltern nun eine Einigung gab. „Für uns ist es grundsätzlich gut, wenn sich die Zahl der relevanten Medizintechnikmessen reduziert. Auf allen Hochzeiten lässt sich bekanntlich schwer tanzen. Außerdem ist so zu erwarten, dass sich die Besucher auf ein Event konzentrieren und wir mehr qualifizierte Kontakte knüpfen können.“

Stuttgart hat als Messestandort einige Vorteile

Zu den etwas größeren Ausstellern der Medtec Europe gehört auch der Kunststoffspezialist Raumedic. Tina Lück, zuständig für das Marketing bei Raumedic, gibt sich zurückhalten: „Bei der Medtec beobachteten wir in den letzten Jahren rückläufige Besucherzahlen, was aus Ausstellersicht natürlich bedauerlich ist. Nichtsdestotrotz hat Stuttgart als Messestandort einige Vorteile, weshalb wir auch in diesem Jahr wieder dabei sind. Die gute Anbindung durch den großen internationalen Flughafen ermöglicht insbesondere Branchenpartnern aus den westeuropäischen Ländern einen unkomplizierten Besuch der Medtec. Das ist uns wichtig.“

Lück ist gespannt: „Nürnberg liegt für uns als fränkisches Unternehmen aus logistischer Sicht natürlich hervorragend. Ob sich die Medtec Live an diesem Standort allerdings als eine zentrale Plattform für die europäische Medizintechnikindustrie positionieren kann, bleibt abzuwarten. Wir sind gespannt auf die künftige Entwicklung!“

„Gewinnen wird, wer kontinuierlich und seriös agiert“

Ein schweizerisches Unternehmen, das dieses Jahr sowohl auf der MT-Connect als auch auf der Medtec Europe vertreten ist, ist Maxon Motor. Günter Brunner gehört zur Geschäftsleitung Vertrieb von Maxon Motor und ist in der deutschen Maxon-Niederlassung in München ansässig. Er gibt sich entsprechend positiv: „Wir begrüßen diese Entwicklung. Die Zusammenlegung der beiden Messen macht Sinn, da die Spezialisierung und Bündelung heutzutage sehr wichtig sind. Wir würden jedoch den Standort Stuttgart bevorzugen, da der Schwerpunkt Medizintechnik in dieser Region und Umgebung liegt.“

Rene Ziswiler von der Messe Luzern, seines Zeichens selbst Messemacher der Swiss Medtech Expo, hat in dieser Funktion eine besondere Perspektive auf das aktuelle Geschehen und fragt nach dem Mehrwert für die Industrie. Eine Industrie-Fachmesse zu machen sei ganz grundsätzlich eine Herausforderung. Diese könne man nur noch toppen, indem man eine Industrie-Fachmesse für Zulieferer macht, und dies obendrein speziell für die Medizintechnikindustrie. „Gewinnen wird in dieser Gemengelage, wer kontinuierlich und seriös agiert“, so Ziswilers Überzeugung.

Eine süddeutsche Messe bildet ein wichtiges Gegengewicht zur Compamed

Gernot Eder von „Human Technology Styra“, dem Medtech-Cluster der Steiermark, und zugleich Organisator des Gemeinschaftsstandes von LISA Life Science Austria auf der MT-Connect: „Ich bewerte den angekündigten Zusammenschluss sehr, sehr positiv – vor allem auch in Hinblick auf die enge Verknüpfung von Messe und Kongress. Denn Süddeutschland ist für unsere österreichischen Unternehmen sehr wichtig als Gegengewicht zur Compamed im Düsseldorf. Dafür fehlte der MT-Connect jedoch die kritische Masse an Ausstellern und Besuchern. In der neuen Konstellation würde ich mich über 600 Aussteller im nächsten Jahr in Nürnberg freuen.“ Eders Kollege Roland Fuchs von der Standortagentur Tirol sieht die Parallelität von Messe und Kongress derweil eher kritisch: „Die Kongresssäle sind voll, die Messehallen leer. Es ist dem Veranstalter nicht gelungen, Kongress und Messe über kurze Wege miteinander zu verknüpfen.“

Messen sind mit erheblichem Zeit- und Kostenaufwand verbunden

In eine ähnliche Richtung geht auch der Kommentar von Holger Frank, Vorstand der Mechatronic AG aus Darmstadt: „Bereits im Vorfeld haben wir eine erfolgreiche Etablierung einer zweiten Messe neben der Compamed und Medtec Europe als kritisch eingestuft. Uns war klar, dass sich viele Unternehmen für eines der Formate entscheiden würden, da ein Messebesuch schließlich mit einem erheblichem Zeit- und Kostenaufwand für die ausstellenden Unternehmen verbunden ist.“ Sein Fazit: „Wir finden daher eine Kooperation beider Messen sinnvoll, da die Unternehmen keine Entweder-Oder-Entscheidung treffen müssen. Ich glaube, dass sich mit der Fusion der beiden Messen neben der Compamed so ein zweiten Forum für den Ausbau und die Pflege unseres geschäftlichen Netzwerkes etablieren kann.“

So unterschiedlich die Reaktionen also ausfallen – sicher ist: Auch in Zeiten von Social Media brauchen Hightech-Branchen wie die Medizintechnik mit immer komplexer werdenden Produkten Treffpunkte, auf denen diese Produkte erklärt werden können. Für manch einen Aussteller erscheint Stuttgart, für den anderen Nürnberg logistisch besser gelegen. Gut ist in jedem Fall, wenn beide Messen ihre Kräfte bündeln und eine starke Messe im Frühjahr die Düsseldorfer Compamed im November ergänzt.

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