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Adipositasdiagnostik Taillenumfang trennt mindestens so gut wie das Lancet-Modell

Von Guido Deußing 4 min Lesedauer

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Der BMI bildet Körperzusammensetzung und Fettverteilung nur unvollständig ab. Eine internationale Fachkommission hat daher vorgeschlagen, für die Adipositasdiagnostik weitere Körpermaße wie Taillen- und Hüftumfang einzubeziehen. Eine US-Studie zeigt nun: Die einfache Regel „BMI oder Taillenumfang“ schnitt insgesamt besser ab als das erweiterte Modell. Sie erkannte zwar weniger Menschen mit erhöhtem Körperfettanteil, stufte Personen ohne Adipositas aber deutlich zuverlässiger korrekt ein. Damit rücken standardisierte, leicht integrierbare Messverfahren in den Fokus.

Der Taillenumfang erfasste in der Studie einen Großteil der diagnostischen Information. Grundlage war eine Sekundäranalyse von NHANES-Daten aus den Jahren 2017/2018 mit 1.900 nicht schwangeren US-Erwachsenen im Alter von 20 bis 59 Jahren. Fünf Adipositasdefinitionen wurden mit DEXA-Grenzwerten für den Körperfettanteil verglichen. Die Regel „BMI oder Taillenumfang“ erreichte eine höhere Trennschärfe als das vollständige Lancet-Modell; der Taillenumfang allein lag nahezu gleichauf.(Bild:  Guido Deußing, nach Visaria et al., JAMA Network Open 2026;9(8))
Der Taillenumfang erfasste in der Studie einen Großteil der diagnostischen Information. Grundlage war eine Sekundäranalyse von NHANES-Daten aus den Jahren 2017/2018 mit 1.900 nicht schwangeren US-Erwachsenen im Alter von 20 bis 59 Jahren. Fünf Adipositasdefinitionen wurden mit DEXA-Grenzwerten für den Körperfettanteil verglichen. Die Regel „BMI oder Taillenumfang“ erreichte eine höhere Trennschärfe als das vollständige Lancet-Modell; der Taillenumfang allein lag nahezu gleichauf.
(Bild: Guido Deußing, nach Visaria et al., JAMA Network Open 2026;9(8))

Der Taillenumfang allein erfasste in der Studie den größten Teil der diagnostischen Information. Das Team von Rutgers Health, dem akademischen Gesundheitszentrum und Dachverband für die medizinischen und gesundheitsbezogenen Einrichtungen der Rutgers University in New Jersey (USA) verglich in „JAMA Network Open“ fünf Definitionen mit der Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DEXA) als Referenz. Grundlage waren NHANES-Daten von 1.900 nicht schwangeren US-Erwachsenen im Alter von 20 bis 59 Jahren aus 2017/2018. NHANES steht für National Health and Nutrition Examination Survey. Es ist ein großes Forschungsprogramm in den USA, das den Gesundheits- und Ernährungszustand der Bevölkerung untersucht. Das Programm wird von den Centers for Disease Controll and Prevention (CDC) geleitet. 

Komplexes Modell trifft mehr Fälle – aber auch häufiger falsch

Die 2025 vorgeschlagene Lancet-Definition ergänzt den Body-Mass-Index (BMI) um Taillenumfang, Taille-Größe- und Taille-Hüfte-Verhältnis. Das vollständige Modell erkannte 87,7 % der nach DEXA adipösen Personen; DEXA (Dual-Röntgen-Absorptiometrie) ist ein Röntgenverfahren zur Bestimmung der Körperzusammensetzung und diente in der Studie als Referenz für den Körperfettanteil. Die Spezifität betrug jedoch nur 70,7 %: Knapp drei von zehn Personen ohne Adipositas nach Referenzmaß wurden fälschlich positiv eingestuft. 

Die einfache Regel „BMI oder erhöhter Taillenumfang“ erkannte 74,0 % der Personen, deren Körperfettanteil nach der DEXA-Messung als adipös galt. Das vollständige Lancet-Modell fand mit 87,7 Prozent zwar mehr Betroffene. Umgekehrt stufte die einfache Regel 89,5 % der Personen ohne erhöhten Körperfettanteil korrekt ein; beim Lancet-Modell waren es nur 70,7 %. In der Gesamtbewertung schnitt die einfache Regel deshalb etwas besser ab. Gemessen wurde dies mit der AUROC, einem Wert für die diagnostische Trennschärfe: 0,5 entspricht einer zufälligen, 1,0 einer perfekten Unterscheidung. Die einfache Regel erreichte 0,818 gegenüber 0,790 beim Lancet-Modell; der Unterschied war statistisch signifikant. Der Taillenumfang allein lag mit 0,815 nahezu gleichauf. Der BMI allein erkannte dagegen nur 51,3 % der Fälle. Auch bei viszeraler Adipositas, also übermäßigem Fett um die inneren Organe, lag die einfache Regel vorn: Ihre AUROC betrug 0,785 gegenüber 0,717 beim Lancet-Modell. 

Mehr erkannte Fälle, mehr falsche Einstufungen

Die Forschenden übertrugen ihre Ergebnisse auf die US-Bevölkerung im Alter von 20 bis 59 Jahren. Nach dieser Hochrechnung würde das vollständige Lancet-Modell rund 15,5 Mil. Menschen fälschlich als adipös einstufen und zugleich 14,3 Mil. Betroffene übersehen. Mit der einfachen Regel „BMI oder Taillenumfang“ gäbe es deutlich weniger falsche Diagnosen – etwa 5,5 Mil. –, dafür würden jedoch rund 30,3 Mil. Betroffene nicht erkannt. 

Welche Methode geeigneter ist, hängt deshalb vom Einsatzzweck ab: Bei Untersuchungen großer Bevölkerungsgruppen kann das Lancet-Modell sinnvoll sein, weil es weniger Fälle übersieht und die Häufigkeit von Adipositas insgesamt genauer abbildet. Bei Entscheidungen über einzelne Patienten spricht dagegen mehr für die einfache Regel, da sie deutlich weniger Menschen fälschlich als adipös einstuft und damit unnötige Folgeuntersuchungen vermeiden kann. Ohne den Hüftumfang verlor das Lancet-Modell allerdings seinen Vorteil bei der Schätzung der Gesamthäufigkeit.

Standardisierung wird zum Medizintechnik-Thema

Für Hersteller und Anwender folgt daraus nicht, dass ein Maßband die DEXA ersetzt. DEXA diente als Referenz zur Bestimmung der Körperzusammensetzung. Die Ergebnisse sprechen vielmehr für bessere vorgelagerte Messungen in Praxis und Screening. Messhilfen mit definierter Zugspannung, Positionierungsvorgaben, digitaler Dokumentation und Plausibilitätskontrollen könnten Übertragungsfehler senken und Werte direkt in die Patientenakte überführen.

Beim Taillenumfang ist das relevant, weil Messstelle, Körperhaltung, Atmung und Bandspannung das Ergebnis beeinflussen können. Die Studie prüfte jedoch weder einzelne Messgeräte noch digitale Verfahren. Aussagen zu Produktleistung, klinischem Nutzen oder regulatorischer Eignung lassen sich daraus nicht ableiten.

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Grenzen der Aussagekraft

Die US-Sekundäranalyse umfasst weder Menschen über 59 Jahre noch Kinder. Die einfachen Verfahren waren bei Frauen treffsicherer als bei Männern. Grenzwerte müssten laut Autoren besonders für Männer neu kalibriert und möglicherweise nach ethnischer Zugehörigkeit validiert werden. Auch die Unterscheidung zwischen präklinischer und klinischer Adipositas wurde nicht untersucht.

Entscheidend für die Einordnung: Gemessen wurde die Übereinstimmung mit festgelegten DEXA-Grenzen für Gesamt- und viszerales Fett. Ob eine Methode Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Folgen besser vorhersagt, war nicht Gegenstand der Studie. Für die Medizintechnik ist das Ergebnis daher vor allem ein Impuls für robuste, standardisierte und niedrigschwellige Messketten – kein Nachweis, dass eine einfache Umfangsmessung eine umfassende Risikodiagnostik ersetzt.

Referenz

Visaria A, et al. Lancet Definition vs Other Criteria for Obesity Diagnosis in Adults. JAMA Netw Open. 2026;9(8). doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.27738