Mehrere gesetzliche Krankenkassen bereiten Zusammenschlüsse vor. Die Konsolidierung soll die Organisationen wirtschaftlich stabilisieren und Investitionen erleichtern. Kurzfristig kann sie jedoch erheblichen Aufwand für Datenmigration, Systemharmonisierung und digitale Prozesse erzeugen. Ob größere Kassen generell niedrigere Verwaltungskosten haben, ist offen.
Bei Krankenkassenfusionen müssen getrennte Datenbestände und Fachverfahren migriert, harmonisiert und auf einer gemeinsamen, abgesicherten IT-Plattform zusammengeführt werden.
Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ist seit 1993 von rund 1.200 auf derzeit 93 gesunken. Nun zeichnet sich eine weitere Konsolidierungsrunde ab. Wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet, gibt es insbesondere bei Betriebs- und Innungskrankenkassen mehrere Fusionsvorhaben [1].
Den frühesten Fusionstermin haben die IKK Brandenburg und Berlin (IKK BB) und die IKK gesund plus angekündigt: Die Verwaltungsräte haben dem Zusammenschluss zum 1. Oktober 2026 zugestimmt. Die vereinigte Kasse käme auf rund 600.000 Versicherte; die Genehmigung des Bundesamts für Soziale Sicherung (BAS) steht noch aus [2]. Die BKK firmus strebt nach eigenen Angaben außerdem einen Zusammenschluss mit der BKK Rieker·RICOSTA·Weisser zum 1. Januar 2027 an [3].
Zum möglichen Zusammenschluss von BKK firmus und BKK PFAFF liegen dagegen widersprüchliche Angaben vor: Während die BKK firmus am 6. Juli eine Fusion zum 1. Januar 2027 ankündigte und von grünem Licht der Verwaltungsräte sprach, erklärte die BKK PFAFF lediglich, es würden Gespräche geführt. Ein Fusionsbeschluss liege noch nicht vor [4,5], wie auch Kai Deutschler, der Stellvertreter des Vorstand der BKK PFAFF auf Nachfrage bestätige.
Weiter sind die mkk – meine krankenkasse und die BKK Pfalz: Ihre Verwaltungsräte haben die Fusion zum Jahresbeginn 2027 beschlossen. Vorbehaltlich der BAS-Genehmigung soll die gemeinsame Kasse rund 660.000 Versicherte betreuen [6]. Auch die vivida bkk und die BKK Scheufelen planen eine Fusion zum 1. Januar 2027
IT-Infrastruktur als Fusionstreiber
Nach Angaben des Deutschen Ärzteblatts nennen Kasseninsider neben dem finanziellen Druck die benötigte IT-Infrastruktur und eine alternde Belegschaft als wichtige Gründe für Fusionsgespräche. Die mkk und die BKK Pfalz verweisen zudem auf den demografischen Wandel, wachsende Anforderungen der Digitalisierung und den Fachkräftemangel. Größere Organisationen sollen notwendige Investitionen leichter stemmen können [1,6].
Die technische Zusammenführung kann zunächst zusätzliche Kosten verursachen. Versichertendaten und Fachverfahren müssen migriert, digitale Dienste zusammengeführt sowie Abrechnungs- und Kommunikationsprozesse harmonisiert werden. Hinzu kommen Anforderungen an Datenschutz, Informationssicherheit und den möglichst unterbrechungsfreien Betrieb während der Umstellung. Der BKK-Dachverband verweist darauf, dass Fusionen zunächst Geld kosten, u. a. durch die Umstellung der IT-Systeme, Standortfragen und arbeitsrechtliche Folgen [1].
Für IT-Dienstleister können aus den angekündigten Zusammenschlüssen zusätzliche Integrationsprojekte entstehen. Welche Größenordnung bereits ein reiner Systemwechsel erreichen kann, zeigt das Beispiel der KKH: Die Umstellung auf eine neue Kernsoftware dauerte nach Angaben von BITMARCK mehr als drei Jahre und umfasste über 1.100 interne und externe Beteiligte in 19 Fach-, Technik- und Querschnittsprojekten. Dabei handelte es sich allerdings nicht um eine Kassenfusion [8].
Größere Kassen sparen nicht automatisch
Die verfügbaren Daten liefern keinen Beleg dafür, dass größere Krankenkassen generell niedrigere Verwaltungskosten je versicherter Person aufweisen. Eine aktuelle Analyse von Forschenden des ZEW Mannheim und der FAU Erlangen-Nürnberg findet weder in deutschen Quer- und Längsschnittanalysen noch im internationalen Vergleich einen eindeutigen negativen Zusammenhang zwischen Kassengröße und Verwaltungskosten. Die Untersuchung ermittelt allerdings nicht die kausalen Langzeitwirkungen einzelner Fusionen [9].
Stand: 08.12.2025
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Nach den ausgewerteten Jahresrechnungsergebnissen lagen die Verwaltungskosten 2024 zwischen 83,93 und 277,20 Euro je versicherter Person. Die Extremwerte entfielen auf zwei Kassen, die einen Zusammenschluss anstreben: die BKK firmus und die BKK Rieker·RICOSTA·Weisser. Die Versichertenzahl allein erklärt diese Unterschiede nicht. Auch eine wachsende Versichertenzahl führte im Untersuchungszeitraum nicht systematisch zu sinkenden Verwaltungskosten [9].
Die Forschenden des ZEW Mannheim und der FAU Erlangen-Nürnberg warnen daher vor Strukturreformen , die die Zahl der Krankenkassen allein in der Erwartung niedrigerer Verwaltungskosten reduzieren: Einen systematischen Kostenvorteil größerer Kassen weise ihre Analyse nicht nach [9]. Das schließt wirtschaftliche Vorteile einzelner freiwilliger Fusionen jedoch nicht aus. Solche Vorteile können entstehen, wenn Doppelstrukturen tatsächlich abgebaut und Prozesse vereinheitlicht werden. Gleichzeitig verursacht die Zusammenführung von Organisation und IT zunächst zusätzlichen Aufwand und Kosten [1]. Für die wirtschaftliche Bilanz dürfte deshalb entscheidend sein, ob die erwarteten Effizienzgewinne den Integrationsaufwand langfristig übersteigen