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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 10): M&A im 2. Halbjahr 2018

| Autor/ Redakteur: Dr. Christian Bridts* / Peter Reinhardt

Mergers & Acquisitions (M&A) sind für Medizintechnik-Unternehmen ein probates Mittel, die aktuellen Herausforderungen der Branche zu bewältigen. Eine Analyse der Transaktionen im 2. Halbjahr 2018.

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Der Einstieg von Gerresheimers bei Sensile Medical war der auffälligste deutsche Deal im zweiten Halbjahr 2018.
Der Einstieg von Gerresheimers bei Sensile Medical war der auffälligste deutsche Deal im zweiten Halbjahr 2018.
( Bild: Gerresheimer )
  • Auffälligster Deal in Deutschland ist Gerresheimers Einstieg bei Sensile Medical
  • Kann der Mittelstand seine gute Position behaupten?
  • Deutsche Medizintechnik-Unternehmen kämpfen mit Nachteilen

Das abgelaufene Jahr scheint mit Blick auf Anzahl und Volumen der Transaktionen in der D/A/CH-Zone eine Rückkehr zur Normalität anzuzeigen. Spannend zu beobachten ist dabei, wie der Mittelstand auf die aktuellen Herausforderungen reagiert. Im Transaktionsmarkt USA stellt sich die Situation indes differenzierter dar.

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Transaktionsmarkt Deutschland, Österreich, Schweiz (D/A/CH)

Eher von gebremster Erwerbsbegeisterung scheint der Markt für Medizintechnik-Deals in Deutschland, Österreich und der Schweiz (D/A/CH) geprägt. So ist, klammert man einmal die nach wie vor zahlreichen Finanzierungsrunden für Venture Capital (VC) aus, nicht nur die Anzahl der Transaktionen im 2. Halbjahr 2018 rückläufig, es finden sich auch nur wenige Deals, die mit Blick auf ihre Größenordnung und Relevanz herausragen.

Novartis-Augenmedizinsparte Alcon bereitet Börsengang vor

Ein solcher zeichnet sich immerhin mit dem in Vorbereitung befindlichen IPO der Novartis-Augenmedizinsparte Alcon ab. Über dessen Volumen und die erreichbare Bewertung kann derzeit nur spekuliert werden. Erwartet werden signifikante Abschläge auf den einstigen Einstiegspreis für Novartis von rund 50 Mrd. US-Dollar. Zwischenzeitlich wurde der IPO-Kandidat durch den Erwerb der amerikanischen Tear Film Innovations geschmückt.

Der Alcon-Zukauf ist eine von einer Reihe weiterer US-D/A/CH-Transaktionen des vergangenen Halbjahrs. Hierzu zählen, neben dem nun vollzogenen Einstieg von Bruker bei Hain Lifescience die mehrheitliche Übernahme der EIT durch Johnson & Johnson, aber auch der Erwerb der Ian Tech durch Carl Zeiss Meditec. Zielunternehmen waren hier überwiegend kleine, hochspezialisierte Adressen, die den jeweiligen Erwerber insbesondere technologisch voranbringen, so auch bei der Übernahme der Lisa Laser Products OHG durch die Omni Guide Holdings Inc.

So reagiert die Börse auf Gerresheimer-Aktivitäten

Als deutsch-schweizerische Transaktion, die mit einem Volumen von bis zu 350 Mio. Euro inklusive Earn-Out eine durchaus nennenswerte Größenordnung erreicht, ragt der Einstieg der Gerresheimer AG bei der Sensile Medical, einem Spezialisten für Drug-Delivery unter anderem durch Mikropumpen, heraus. Trotz einer mit den Folgeinvestitionen zunächst einhergehenden Margenverschlechterung hat die Börse diesen Erwerb aufgrund der strategischen Potenziale eher positiv aufgenommen, wohingegen das Basisgeschäft von Gerresheimer in den jüngsten Monaten eher zurückhaltend durch die Analysten besprochen wurde.

Ein grundsätzlich technologischer Schwerpunkt kennzeichnet auch überwiegend die erneut sehr zahlreichen Beteiligungsaktivitäten von Finanzinvestoren – und darunter insbesondere der VC-Investoren. Wegen ihrer Größe, aber auch thematisch ragt hier die erfolgreiche Finanzierungsrunde der Sophia Genetics über 77 Mio. US-Dollar heraus, die damit ihre datengestützte Diagnoseplattform zur Förderung personalisierter Therapieansätze vorantreibt.

Mittelständler blicken auf Zulieferer und Start-ups

Im reifen mittelständischen Umfeld fallen eher Transaktionen auf, die Zulieferer für Medizintechnikhersteller adressieren, so zum Beispiel der Erwerb von Klingel Medical Metal durch IK Investment, der Erwerb der Frank Plastic durch die Röchling-Gruppe oder die Übernahme der Sandvik-Sparte Sandvik Stainless Wire durch die Zapp-Gruppe.

Natürlich ist auch dieser Blick auf das zurückliegende Transaktionsgeschehen nur eine – etwas längere – Momentaufnahme. Gleichwohl scheinen die attraktiveren Zielunternehmen derzeit im Bereich technologischer Start-ups zu liegen, deren innovative Technologien schnelle Skalierungserfolge und/oder einen Schub in Richtung einer umfassenden Digitalisierung des Geschäftsmodells und damit Zukunftsfähigkeit versprechen.

Erwerber sind hier allerdings vorzugsweise Großunternehmen und Finanzinvestoren. Demgegenüber findet sich der deutsche Mittelstand auffallend selten auf der Käuferseite. Man kann darin ein Vertrauen auf die eigenen organischen Wachstumspotenziale sehen, aber auch die Scheu vor den Risiken, die mit dem Erwerb von kleinen, teuren Technologie-Spezialisten verbunden sind. Gleichzeitig sind im Mittelstand zuletzt nur wenige Transaktionen im reiferen Bereich vollzogen worden, denen Konsolidierungsstrategien zugrunde liegen und die Potenzial für die Optimierung von Wertschöpfungsstrukturen und Kostenpositionen eröffnen.

Kann der Mittelstand seine gute Position behaupten?

Insgesamt bleibt abzuwarten, ob der Mittelstand in der Medizintechnik seine Position in den Zeiten dynamischer und hochkonvergenter technologischer Entwicklung auf diese Weise verteidigen kann. Die Digitalisierung ist derweil dauerhaft neben die Herausforderungen durch zu regelnde Unternehmernachfolgen getreten und erzeugt zusätzlichen Transaktionsdruck. Hinzu kommt, dass rein abwartende Haltungen in den vergangenen Jahren durch überwiegend sehr freundliche konjunkturelle Rahmenbedingungen begünstigt wurden. Augenblicklich zeichnen sich diesbezüglich jedoch Eintrübungen ab, die das reine Zuwarten erschweren und Impulse für strategisches Handeln setzen dürften.

Der Transaktionsmarkt USA

Die M&A-Aktivitäten im mittleren und kleineren Transaktionsmarkt USA sind dagegen signifikant – auch wenn es im 2. Halbjahr 2018 keinen wirklichen Mega-Merger gab. Es bleibt abzuwarten, ob führende Adressen wie Medtronic, Abbott, Becton Dickinson etc. nur pausieren oder mittelfristig andere Schwerpunkte sehen. Eine erste Ausnahme hiervon stellt die zum Jahresende erfolgte Übernahme des führenden Orthopädietechnik-Unternehmens DJO Global Inc. (u.a. Donjoy), CA, aus dem Blackstone-Portfolio durch die Technologie-Gruppe Colfax, Annapolis, dar. Diese hat sich der Erwerber nicht weniger als 3,15 Mrd. US-Dollar in bar kosten lassen. Bei einem Umsatz von 1,2 Mrd. US-Dollar erwirtschaftete DJO einen adjust. EBITDA in Höhe von 269 Mio. Euro und wurde mit dem 11,7-fachen dieses EBITDA bewertet.

Boston Scientific weiter sehr aktiv in Sachen M&A

Eine weitere sehr grundsätzliche Ausnahme bildet Boston Scientific (BS), das seine aggressive Expansion weiter fortsetzte. Zuletzt hatte BS angekündigt, mit der britischen BTG einen Spezialisten unter anderem für die minimal-invasive Behandlung bestimmter Krebsarten zu übernehmen. Auf 100 Prozent des Eigenkapitals hochgerechnet beträgt der Kaufpreis nicht weniger als 4,2 Mrd. US-Dollar in bar.

Diese Transaktionsnotiz folgte nur wenige Wochen auf die Bekanntmachung, dass BS sich mit der Augmenix, Inc. für bis zu 600 Mio. US-Dollar einen Innovator im Bereich der Prostatakrebsbehandlung gesichert habe. Erst im August hatte BS für 160 Mio. US-Dollar die Veniti Inc., Fremont, übernommen, die insbesondere im Bereich der Stent-Technologie aktiv ist. Im Juli gelang mit einem Doppelschlag der Zukauf der Claret Medical Inc. (Prävention von Hirnembolien) für bis zu 270 Mio. US-Dollar und der gänzlichen Cryterion Medical, Inc. (Plattform für Cryo-Ablationen), an der man schon beteiligt war. Die Handvoll Akquisitionen des 1. Halbjahres eingerechnet, unterhält BS derzeit mit die schlagkräftigste Akquisitionsmaschine im Medtech-Sektor.

Die Börse hatte diese Einkaufstour in den ersten drei Quartalen durchaus mit erheblichen Kurszuwächsen der BS-Aktie begleitet. Zuletzt nahm der Markt aber auch hier Abschläge vor. Inwieweit investiertes Kapital hier profitabel angelegt ist, bleibt abzuwarten.

Die Lage am globalen Aktienmarkt

Teilweise merkliche Kursrückgänge musste indes fast der gesamte Aktienmarkt hinnehmen, nicht nur die Medizintechnikbranche beziehungsweise einzelne ihrer Akteure. Unabhängig von diesen allgemeinen Bremsspuren scheinen die führenden US-amerikanischen Medtech-Aktien ihren signifikanten Bewertungsvorsprung gegenüber den europäischen Konkurrenten halten zu können, was unmittelbar auch den Spielraum für Akquisitionen vergrößert und deren Preisbildung beeinflusst. Auch die US-Transaktionsmultiples liegen nicht zuletzt wegen dieses Zusammenhangs sowohl bei Großtransaktionen als auch im Mittel des Medtech-Segments weiterhin merklich über europäischen Bewertungsniveaus. Für mittlere und größere Transaktionen erreichen sie je nach Beobachter Bereiche um das 15-fache des EBITDA und mehr (unter anderem Stout).

Deutsche Medtech-Unternehmen kämpfen mit Nachteilen

Diesem langjährig feststellbaren Wert gegenüber deutschen Peers sowohl an der Börse wie auch im Transaktionsmarkt liegt ein Mix von Ursachen zugrunde. Ein wesentlicher die Medtech-Branche betreffender Unterschied ist sicher darin zu sehen, dass die deutschen Unternehmen aufgrund ihres deutlich kleineren Binnenmarktes sehr viel stärker von ihrem Exporterfolg abhängig sind und ihren Erträgen insofern komparativ geringere Stabilität zugeschrieben wird.

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* Der Autor: Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er exklusiv zwei Mal pro Jahr deutschlandrelevante M&A auf dem Medtech-Markt.

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