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Metaproteomik Fünf Wege, das Darmmikrobiom bei der Arbeit zu beobachten

Von Guido Deußing 8 min Lesedauer

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Unser Darm ist von einer kaum fassbaren Zahl an Mikroorganismen besiedelt. Häufig zählt weniger die einzelne Art als das Zusammenspiel der Gemeinschaft. DNA-Analysen zeigen, welche Mikroben vorhanden sind und was sie leisten könnten. Mikrobielle und körpereigene Proteine geben Hinweise darauf, welche Werkzeuge tatsächlich bereitstehen und wie der Körper reagiert. Für die massenspektrometrische Erfassung solcher Proteingemische hat ein Team aus Wien und Freising fünf Messstrategien auf den Prüfstand gestellt.

Das Darmmikrobiom arbeitet als Gemeinschaft: Seine Mikroorganismen bilden Proteine, die unter anderem Stoffwechsel, Transport und Kommunikation ermöglichen. Metaproteomische Verfahren erfassen diese molekularen Werkzeuge gemeinsam mit körpereigenen Proteinen durch Massenspektrometrie.(Bild:  Guido Deußing, KI-generierte redaktionelle Illustration; symbolische Darstellung nach Xian F, Mitulovic G, Ravi Kumar RK et al. Nat Commun. 2026;17:7406. doi: 10.1038/s41467-026-75845-5)
Das Darmmikrobiom arbeitet als Gemeinschaft: Seine Mikroorganismen bilden Proteine, die unter anderem Stoffwechsel, Transport und Kommunikation ermöglichen. Metaproteomische Verfahren erfassen diese molekularen Werkzeuge gemeinsam mit körpereigenen Proteinen durch Massenspektrometrie.
(Bild: Guido Deußing, KI-generierte redaktionelle Illustration; symbolische Darstellung nach Xian F, Mitulovic G, Ravi Kumar RK et al. Nat Commun. 2026;17:7406. doi: 10.1038/s41467-026-75845-5)

Wie Arbeitsteilung im Darmmikrobiom aussehen kann, zeigt der Abbau von Ballaststoffen. Viele dieser Nahrungsbestandteile kann der Mensch mit seinen eigenen Verdauungsenzymen nicht vollständig zerlegen. Im Dickdarm übernehmen Mikroorganismen diese Aufgabe: Eine Art spaltet lange Kohlenhydratketten in kleinere Bausteine, eine zweite verarbeitet sie weiter, eine dritte bildet daraus etwa Butyrat. Diese kurzkettige Fettsäure kann den Zellen der Darmwand als Energiequelle dienen. Das Beispiel verdeutlicht: Die physiologische Wirkung geht nicht auf eine einzelne Mikrobe zurück, sondern auf das Zusammenwirken verschiedener Arten in einer Kette aufeinander aufbauender Stoffwechselschritte.

Von der DNA zu den Proteinen

Welche Fähigkeiten eine Mikrobe mitbringt, ist in ihrem Erbgut angelegt. Es besteht aus DNA, deren einzelne Abschnitte als Gene bezeichnet werden. Viele dieser Gene enthalten die Bauanleitung für ein bestimmtes Protein. Aus einer Erbgutanalyse lässt sich deshalb ableiten, welche Mikroorganismen vorhanden sind und über welche möglichen Werkzeuge sie verfügen. Sie zeigt aber nur, was grundsätzlich möglich wäre. Ein Gen kann vorhanden sein, ohne zum Zeitpunkt der Probenahme abgelesen zu werden. Erst wenn die Zelle die darin gespeicherte Anleitung nutzt, stellt sie das entsprechende Protein her. Wer wissen will, welche molekularen Werkzeuge tatsächlich bereitstehen, muss daher die Proteine untersuchen.

Was Proteine erkennen lassen

Proteine übernehmen in einer Zelle einen großen Teil der praktischen Arbeit. Als Enzyme setzen sie Stoffe um, als Transporter schleusen sie Moleküle durch die Zellhülle, andere Proteine empfangen Signale oder schützen die Zelle vor Stress. Werden in einer Probe die Proteine für einen bestimmten Abbauprozess gefunden, spricht das dafür, dass die Mikroorganismen die dafür benötigten Werkzeuge hergestellt haben. Wie schnell oder in welchem Umfang der betreffende Prozess tatsächlich abläuft, lässt sich daraus noch nicht sicher ablesen. Das Proteinmuster vermittelt aber ein aktuelleres Bild vom Zustand der mikrobiellen Gemeinschaft als die DNA allein.

Auch der Körper hinterlässt Spuren

In einer Darmprobe finden sich nicht nur Proteine der Mikroorganismen, sondern auch solche des Körpers. Sie können etwa aus abgestoßenen Zellen der Darmwand, aus Schleim oder aus Bestandteilen der Immunabwehr stammen. Manche dieser Proteine sind an Entzündungen beteiligt, andere an der Abwehr von Krankheitserregern oder an der Reparatur geschädigten Gewebes. Werden mikrobielle und körpereigene Proteine gleichzeitig gemessen, lässt sich verfolgen, wie sich beide Seiten gemeinsam verändern. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit noch nicht bewiesen; die parallelen Veränderungen können aber wichtige Hinweise auf das Zusammenspiel zwischen Mikrobiom und Körper liefern.

Was Metaproteomik bedeutet

Der Ansatz, ein solches Proteingemisch systematisch zu untersuchen, wird als Metaproteomik bezeichnet. Der Begriff „Proteom“ steht für die Gesamtheit der Proteine, die in einer Probe vorhanden sind. Die Vorsilbe „Meta“ macht deutlich, dass die Proteine nicht von einer einzelnen Art, sondern von einer ganzen Gemeinschaft unterschiedlicher Organismen stammen. Ziel ist es, die gemessenen Proteine, soweit möglich, ihren mikrobiellen Urhebern und biologischen Aufgaben zuzuordnen. Werden zusätzlich körpereigene Proteine erfasst, entsteht ein gemeinsames Bild der mikrobiellen Prozesse und der Reaktion des Körpers.

Die Frage hinter der Studie

An diesem Punkt setzt die eingangs erwähnte Studie an. Das Forschungsteam wollte nicht in erster Linie neue Darmbakterien oder Krankheitsmarker finden, sondern eine technische Grundfrage beantworten: Welche Messstrategie bildet ein derart komplexes Proteingemisch möglichst vollständig und zuverlässig ab? Die untersuchten Verfahren unterscheiden sich darin, welche Signale das Massenspektrometer auswählt und fragmentiert und wie die entstehenden Daten anschließend ausgewertet werden. Verglichen wurde, wie viele Peptide und Proteine die Verfahren erkennen, wie gut sie schwache Signale erfassen und wie genau sich die Ergebnisse wiederholen lassen. Die Studie ist damit vor allem ein systematischer Härtetest für die Messung komplexer Metaproteome.

Was alle Verfahren gemeinsam haben

Alle fünf untersuchten Messstrategien beruhen auf demselben technischen Grundprinzip, das als PASEF bezeichnet wird. Die Abkürzung steht für „Parallel Accumulation – Serial Fragmentation“, also paralleles Sammeln und sequenzielles Fragmentieren. Dabei werden elektrisch geladene Peptide zunächst danach getrennt, wie sie sich durch ein Gas bewegen. Während eine Gruppe dieser Peptide bereits in kleinere Fragmente zerlegt und gemessen wird, sammelt das Gerät schon die nächste. So entstehen weniger Wartezeiten, und ein größerer Anteil der vorhandenen Peptidsignale kann für die Analyse genutzt werden. Die fünf Varianten unterscheiden sich vor allem darin, welche Peptide sie für die Fragmentierung auswählen und welche sie gemeinsam fragmentieren. Alle fünf sind zudem Betriebsmodi desselben Massenspektrometers. Der Vergleich beantwortet daher, welcher Modus sich auf dieser Plattform bewährt – nicht, welches Gerät das beste ist.

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Gezielte Auswahl oder systematische Erfassung

Der grundlegende Unterschied verläuft zwischen DDA- und DIA-PASEF. DDA steht für „Data-Dependent Acquisition“, also datenabhängige Messwerterfassung. Das Gerät prüft zunächst, welche Peptidsignale gerade besonders stark sind, wählt bevorzugt diese aus und zerlegt sie einzeln. Dadurch entstehen vergleichsweise übersichtliche Messdaten; schwächere Signale können jedoch übergangen werden. DIA bedeutet „Data-Independent Acquisition“, also datenunabhängige Messwerterfassung. Hier wird der gesamte Messbereich nach einem vorgegebenen Raster in Abschnitte unterteilt. Alle darin erfassten Peptide werden gemeinsam fragmentiert – unabhängig davon, wie stark ihr Signal ist. Das verringert die Gefahr, wenig vorhandene Peptide zu übersehen, erzeugt aber komplexere Datensätze. Eine Auswertungssoftware muss anschließend zuordnen, welche Fragmente zu welchem ursprünglichen Peptid gehören.

Drei Weiterentwicklungen des DIA-Prinzips

Auf dem DIA-Prinzip bauen drei weitere Messstrategien auf. Slice-PASEF teilt den Raum der Vorläuferionen in flexibel gestaltete Abschnitte und nutzt so einen besonders großen Anteil der Ionen für die Fragmentierung. Synchro-PASEF stimmt die Auswahl der Ionen genauer auf deren Bewegung im Gerät ab, damit sich die entstehenden Fragmente besser ihren ursprünglichen Peptiden zuordnen lassen. midia-PASEF arbeitet dagegen mit überlappenden Messfenstern, deren Muster zusätzliche Informationen für die spätere computergestützte Zuordnung liefert. Alle drei Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: möglichst wenige Peptidsignale zu übersehen und zugleich das Gemisch der entstehenden Fragmente zuverlässig zu entwirren.

Ein kontrollierter Härtetest

Um beurteilen zu können, welches Verfahren schwach vertretene Proteine am zuverlässigsten erfasst, benötigte das Team eine Probe mit bekannten Zusätzen. Als komplexer Hintergrund diente ein Peptidgemisch aus menschlichen Stuhlproben. Diesem setzte das Team genau festgelegte Mengen von Peptiden zweier Referenzbakterien zu. Da deren Mengenverhältnis bekannt war, ließ sich prüfen, ob die Verfahren auch geringe Mengen wiederfinden und die vorgegebenen Mengenverhältnisse korrekt abbilden. Drei Zugabestufen, drei chromatographische Trennzeiten von fünf, 22 und 45 Minuten sowie zahlreiche Wiederholungs- und Kontrollmessungen ergaben insgesamt 540 LC-MS-Analysen. Die zugesetzten Peptide zweier Referenzarten bilden allerdings einen kontrollierten Prüfstand und kein Abbild eines vollständigen Mikrobioms; die Autoren lesen ihre Ergebnisse ausdrücklich als relative Leistungsvergleiche, nicht als absolute Nachweisgrenzen. Hinzu kommt eine methodische Einschränkung bei der Auswertung: Die DDA-Daten wurden mit einer anderen Software bearbeitet als die vier datenunabhängigen Verfahren. Eine nachträgliche Kreuzprüfung veränderte die absoluten Identifizierungszahlen, nicht aber die wesentlichen methodischen Trends.

Zwei Verfahren setzen sich ab

Die datenunabhängigen Strategien erreichten insgesamt eine größere Abdeckung als DDA-PASEF, allen voran DIA- und Slice-PASEF. Diese beiden fanden die zugesetzten Peptide auch dann noch, wenn sie in geringsten Mengen vorlagen.. Die Mehrzahl der quantifizierten Peptide wies bei den Wiederholmessungen Variationskoeffizienten unter 20 Prozent auf. Auf der niedrigsten Zugabestufe – 0,5 beziehungsweise 1,5 Pikogramm, also Billionstel Gramm – nahm die Streuung jedoch bei allen Verfahren deutlich zu. Bemerkenswert für den Probendurchsatz: Nach 22 Minuten wurden nahezu so viele Arten und Stoffwechselwege erfasst wie nach einer 45-minütigen Trennung.

Empfindlichkeit hat ihren Preis

Einen eindeutigen Sieger für alle Anwendungen gibt es dennoch nicht. DIA-PASEF bot das ausgewogenste Verhältnis aus Zahl der erfassten Proteine, Wiederholbarkeit und Datenaufwand. Das Verfahren eignet sich damit besonders für Studien mit vielen Proben. Slice-PASEF erreichte die größte Empfindlichkeit und erfasste schwach vertretene Stoffwechselfunktionen besonders umfassend. Zugleich gab dieses Verfahren die vorgegebenen Mengenverhältnisse der zugesetzten Peptide beider Referenzbakterien am genauesten wiede. Die dichtere Messung erzeugte allerdings größere Rohdateien und erforderte mehr Rechenzeit. DDA-PASEF schnitt im Gesamtvergleich schwächer ab, kann aber weiterhin beim Aufbau von Proteindatenbanken und bei der Suche nach bislang unbekannten Peptidsequenzen nützlich sein. Synchro- und midia-PASEF zeigten stärker vom Anwendungsszenario abhängige Leistungen. Das vergleichsweise schwache Abschneiden von midia-PASEF gilt ausdrücklich nur für die hier geprüfte Anwendung mit geringen Probenmengen; andere Messfenster und Auswertestrategien könnten das Ergebnis verändern.

Noch keine Diagnostik

Ob DIA- und Slice-PASEF auch biologische Veränderungen vergleichbar wiedergeben, untersuchte das Team an einem Mausmodell einer Freisinger Arbeitsgruppe mit entzündlicher Schädigung des Dickdarms. Beide Verfahren zeichneten weitgehend dieselben Veränderungen bei mikrobiellen und körpereigenen Proteinen nach. Die stärksten Veränderungen der Wirtsproteine fielen mit dem zuvor histologisch beschriebenen Höhepunkt der Gewebeschädigung zusammen. Daraus entsteht jedoch noch keine Diagnostik für Patienten: Das menschliche Probenmaterial diente lediglich dem technischen Methodenvergleich, die biologische Prüfung beschränkte sich auf ein einziges Mausmodell. Der unmittelbare Nutzen der Studie liegt daher in einer Entscheidungshilfe für künftige Mikrobiomstudien – zwischen hohem Probendurchsatz mit DIA-PASEF und größtmöglicher analytischer Tiefe mit Slice-PASEF.

Perspektive – vom Forschungsinstrument zur Diagnostik

Für die Medizin liegt das Potenzial der Metaproteomik in funktionellen Mikrobiomprofilen. Sie könnten künftig zeigen, welche mikrobiellen Stoffwechselwege bei einem Patienten ausgeprägt sind, wie der Körper darauf reagiert und ob sich beide Seiten unter einer Therapie verändern. Die Massenspektrometrie ist dafür die Schlüsseltechnik, weil sie Tausende mikrobielle und körpereigene Proteine gleichzeitig erfassen kann. Bis zu einer klinischen Anwendung ist es jedoch noch ein weiter Weg: Probenaufbereitung, Datenbanken und Auswertung müssen standardisiert, Ergebnisse zwischen Laboren vergleichbar und mögliche Marker in großen Patientengruppen bestätigt werden. Metaproteomik ist daher derzeit eine Forschungsplattform – noch kein diagnostisches Verfahren.

Referenz

Xian F, Mitulovic G, Ravi Kumar RK, et al. Systematic evaluation of PASEF acquisition strategies in complex metaproteomes. Nat Commun. 2026;17:7406. doi:10.1038/s41467-026-75845-5.

 Transparenzhinweis: Gemessen wurde auf einer Bruker-Plattform; alle fünf verglichenen Strategien sind Akquisitionsmodi dieser Plattform. Das Center of Excellence für Metaproteomik ist eine Kooperation der Universität Wien mit Bruker; Erst- und Letztautor sind dort angesiedelt. Der Zweitautor, an Versuchsplanung und Messungen beteiligt, ist Angestellter von Bruker Austria. Der Letztautor und die vorletzte Autorin unterhalten eine laufende wissenschaftliche Kooperation mit dem Unternehmen.