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Porträt

Forscherin aus Leidenschaft – oder: Expertin für kleinste medizinische Helferlein

| Autor/ Redakteur: Inken De Wit* / Kathrin Schäfer

Simone Schürle möchte den Dingen auf den Grund gehen: Seit August entwickelt die Expertin für Mikro-und Nanotechnologie und Stipendiatin der Society in Science als Assistenzprofessorin für Reaktionsfähige Biomedizinische Systeme an der ETH Zürich winzige Maschinen für die medizinische Anwendung im menschlichen Körper.

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Simone Schürle hat im Sommer eine Stelle als Assistenzprofesserin an der ETH Zürich angetreten.
Simone Schürle hat im Sommer eine Stelle als Assistenzprofesserin an der ETH Zürich angetreten.
( Bild: ETH Zürich / Peter Rüegg )

Es ist früh am Morgen an Schürles letztem Arbeitstag am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. Am nächsten Tag schon bricht sie nach Europa auf, um zum Herbstsemester ihre Tätigkeit als Tenure-Track-Assistenzprofessorin für Reaktionsfähige Biomedizinische Systeme an der ETH Zürich aufzunehmen. Noch vor dem Interview, das wir über Skype führen, hat sie ein letztes Experiment gestartet. „Das ist ganz typisch für mich“, sagt sie, während sie in die Laptop-Kamera lächelt, „ich arbeite immer bis zum letzten Moment“.

Was sie Arbeit nennt, ist aber wohl eher ihre Leidenschaft. Denn dass sie für ihre Forschung brennt, ist bei jedem Satz zu spüren. Eine Stunde lang erzählt die 32-Jährige, wie sie sich ihren Weg von der technikbegeisterten Schülerin zur Expertin für medizinische Werkzeuge in unvorstellbar kleiner Dimension gesucht hat. Dabei ließ sie sich auf ihrem Weg genauso wenig beirren wie beim Skype-Interview.

Unterbrechungen durch andere Wissenschaftler, die während des Interviews den Raum betreten, bringen sie nicht aus dem Konzept. Ohne zu zögern nimmt sie den Gesprächsfaden stets wieder auf. Ihre Forschung – das ist Schürles Welt, in die sie gerne andere mitnehmen möchte. Daher freut sie sich sehr darauf, künftig als Professorin am Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie (D-HEST) Studierenden das Design und die Herstellung kleinster diagnostischer und therapeutischer Systeme zu erklären, die beispielsweise Wirkstoffe präzise an erkrankte Stellen im Körper bringen oder Erkrankungen früher erkennen können sollen.

Mit dem Roboter durchs menschliche Gewebe

Schon als Assistentin während ihrer Studienzeit in Karlsruhe sowie auch als Postdoc am MIT hat sie unterrichtet. Vorbilder mit medizinischen oder technischen Berufen gibt es in Schürles Familie nicht. „Ich habe einfach schon als kleines Kind Autos für meine Puppen gebaut und später zur Verwunderung meiner Familie Mathematik und Physik als Leistungsfächer am Gymnasium gewählt“, sagt Schürle, die in Deutschland bei Ulm aufgewachsen ist. Mit knapp 18 Jahren begann sie dann das Studium an Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wo sie sich damals noch gegen einen stark dominanten Männeranteil behaupten musste. „Frauen wird leider immer noch weniger zugetraut“, sagt sie. Eine Fehleinschätzung, der Schürle in den männlich dominierten Fächern wie Maschinenbau und Ingenieurwissenschaften immer wieder begegnete: „Als Frau muss man sich mehr Hindernissen stellen, obwohl ich auch Förderer hatte, die Frauen stärken.“

Einer davon war Professor Volker Saile, der ihre Diplomarbeit am KIT betreute. Er bemerkte ihre Stärke in Mikrosystemtechnik und bestärkte sie darin, 2008 nach Japan an die Universität von Kyoto ans Labor für Nano- und Mikrosysteme zu gehen. In der Nanotechnologie fand Schürle die wissenschaftliche Tiefe, die sie suchte. Anschließend war sie von 2009 bis 2014 als Doktorandin an der ETH Zürich am Multi Scale Robotics Laboratory am Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik tätig. Im Team von ETH-Professor Bradley Nelson war sie an der Entwicklung und Steuerung von Nano-und Mikrorobotern beteiligt.

Ihre berufliche Motivation: die Grundlagen des Lebens erforschen

In den USA beschäftigte sie sich dann damit, wie sich solche Roboter im menschlichen Körper bewegen und orientieren können und wie sie helfen können, Wirkstoffe spezifischer und tiefer in erkranktes Gewebe zu transportieren. Der niedrigere pH-Wert von Tumorgewebe und die Festigkeit seien beispielsweise Indikatoren, an denen sich die winzigen Roboter bei ihrer Reise durch den Körper orientieren könnten, um Wirkstoffe an die richtige Stelle zu bringen. „Nach den Grundlagen im Ingenieurwesen wollte ich mehr über Biologie und Physiologie wissen, um so bessere Designentscheidungen für medizinische Systeme zu treffen. Die Fluiddynamik des menschlichen Körpers ist faszinierend, und es gibt noch viel zu lernen, wie man unter solch komplexen Bedingungen effektiv und minimal invasiv therapeutisch eingreifen kann.“

Über ihre Motivation sagt Schürle: „Ich wollte immer die Grundlagen des Lebens erforschen.“ Wobei ihr die Naturwissenschaften allein nicht ausreichen. Ihr Vorbild sind die großen Denker der Antike, die Mathematik mit Philosophie verbanden. So liegen ihr auch philosophische Fragen zum Umgang mit dem Wissen sehr am Herzen. Seit 2016 ist sie Fellow beim Council for Human Enhancement des World Economic Forums. „Es geht mir darum, Verantwortung für das wissenschaftliche Gesamtergebnis zu übernehmen.“ Wissenschaftler dürften sich nicht auf ihren Forschungszweig zurückziehen, ohne zu beachten, was ihre Forschung im Zusammenspiel mit den Ergebnissen anderer Forschender für die Gesellschaft bedeute.

Simone Schürle wurde als Assistenzprofesserin Tenure-Track an die ETH Zürich berufen und wird nun eine von fünf Gruppen am Institut für Translationale Medizin leiten. Das Institut wurde formal am 1. Januar 2017 gegründet und ist seit diesem Sommer operativ tätig. Es deckt ein breites Spektrum der medizinischen Forschung ab, von Biomechanik über Energiestoffwechsel bis hin zur biomedizinischen Mikro- und Nanorobotik.

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* Dr. Inken De Wit ist freie Autorin der Hochschulkommunikation der ETH Zürich.

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