Quo vadis, PFAS? Um diese Frage ging es bei der Panel-Diskussion, die von Medical Mountains gemeinsam mit der Medtec Live auf der Messe in Stuttgart veranstaltet wurde. Verschiedene Akteure aus der Branche und Politik vertraten ihre Positionen und gaben Perspektiven für die Medizintechnik. Sie alle waren sich einig: So kann es nicht funktionieren.
Die Diskussionsteilnehmer v. l.: Meinrad Kempf Medical Mountains GmbH, Giuseppe Fiandaca (Polyneers GmbH), Lukas Derad (Bentley Innomed GmbH), Dr. Ulrich Hutschek (TIM Consulting), Michael Kleiner (Ministerialdirektor im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg) und Yvonne Glienke (Medical Mountains GmbH)
(Bild: Breunig – VCG)
Der Beschränkungsvorschlag zu per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) bringt Wallung in die Medizintechnik-Branche. Bereits jetzt müssen Unternehmen strategische Entscheidungen zum Verbleib bzw. zum Ersatz von PFAS in ihren Produkten treffen. Da die Stoffe wasser-, fett- und schmutzabweisend sowie chemisch und thermisch stabil sind und somit über eine einmalige Kombination an Eigenschaften verfügen, sind sie schwer bis unmöglich zu ersetzen.
Eine Panel-Diskussion auf der Medizintechnik-Messe Medtec Live beleuchtete den aktuellen Stand des Verfahrens, den Einsatz von PFAS in der Medizintechnik, die Suche nach Alternativen und mögliche Szenarien bei einer Beschränkung. Meinrad Kempf (Public Relations & Projektmanager Medical Mountains GmbH), Giuseppe Fiandaca (Geschäftsführer Polyneers GmbH), Lukas Derad (Materialwissenschaftler Bentley Innomed GmbH), Dr. Ulrich Hutschek (Senior Project Manager TIM Consulting) und Michael Kleiner (Ministerialdirektor im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg) machten auf dem Podium ihre Positionen klar. Moderiert wurde die Diskussion von Yvonne Glienke (Geschäftsführerin Medical Mountains GmbH).
PFAS-Vorhaben stellt Industrie vor Herausforderungen
Yvonne Glienke und Meinrad Kempf eröffneten die Veranstaltung. Kempf führte in das Thema PFAS ein und gab den Zuschauern ein kurzes Update zu Hintergründen und Stand des Beschränkungsverfahrens. Er machte deutlich, wie wichtig die Stoffe für die Medizintechnik-Industrie sind. Vergleichbare Stoffe gäbe es nicht.
Dass PFAS nicht nur in der Medizintechnik eine bedeutende Rolle spielen, zeigen die vielen Eingaben, die bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) eingingen. Mehr als 5.600 Eingaben – zehnmal mehr als der bisherige Höchstwert zu Mikroplastik – erhielt die Behörde bis zum Ablauf der Frist Ende September 2023. „Schätzungsweise 80 Prozent waren mit dem Vorschlag nicht zufrieden. Und das über alle Branchen und Länder hinweg“, sagte Kempf. Auch für die ECHA ist das geplante Vorhaben eines der umfangreichsten Verbote. „Da eine ganze Stoffgruppe in das Verbot einbezogen ist, ist das Neuland für die Chemikalienagentur“, erklärte Kempf. Er gehe davon aus, dass das Jahr 2025 auf jeden Fall noch ins Land gehen werde, bis das Konsultationsverfahren abgeschlossen sei.
Die Auswirkungen auf die Patienten wären immens
Auch die übrigen Vertreter aus Industrie, Forschung und Politik waren einer Meinung: Das pauschale Verbot geht zu weit. Auch Dr. Ulrich Hutschek sagte:„Man muss es nicht übertreiben.“ Laut Giuseppe Fiandaca gäbe es Anwendungen in bestimmten Industrien, in denen es Alternativen für PFAS gibt. Das ist jedoch nicht überall der Fall. Gerade in der Medizintechnik-Industrie werden PFAS, dank ihrer Widerstandsfähigkeit und Langlebigkeit als Hochleistungswerkstoffe eingesetzt. Katheter, Stents oder chirurgische Instrumente sind nur einige Beispiele für Medizintechnikprodukte, die die Stoffe enthalten. Eine entsprechende Gesundheitsversorgung ohne diese Produkte ist unmöglich.
Doch gerade die Langlebigkeit der Stoffgruppe führte u. a. zum Vorschlag des Verbots. Denn die Stoffe reichern sich in der Natur an und bauen sich nicht von selbst ab. „Es ist ein Umweltschaden da, ganz klar,“ sagte Fiandaca. Er gab allerdings zu Bedenken, wie viele Patienten durch das drohende PFAS-Verbot nicht behandelt werden könnten. „Am Ende wiegt man Tote mit Toten ab – Menschenschaden durch Umweltverschmutzung und Menschenschaden durch Nichtbehandlung.“
Lukas Derad alarmierte: „Der wirtschaftliche Schaden ist immens groß und übersteigt den Nutzen.“ Es gibt momentan kein Ersatzmaterial, das man adäquat einsetzen kann und laut Derad gäbe es auch keinen Platz und Geld für zusätzliche Materialentwicklung.
Die Politik muss aufgerüttelt werden
Ministerialdirektor Kleiner berichtete, dass überall die gleiche aufgebrachte Stimmung herrsche. Auch er sagte: „Die Planung kann so nicht funktionieren.“ Er denke, dass das Problem in Brüssel noch nicht angekommen sei, anders könne er sich den Vorschlag nicht erklären. Doch er versicherte, dass die Themen dort adressiert würden. „Wir müssen dort in die Diskussion gehen, wo es wehtut.“
Kempf gab zu Bedenken: „Der Schaden ist jetzt da. Denn der Vorschlag ist gemacht und es wird nicht mehr so sein wie davor.“ Im gleichen Zug sagte Kempf: „Das ist keine Blaupause für weitere Verbote.“ Und forderte die Branche auf ein Signal zu senden, dass das Verbot nicht einfach hingenommen wird.
Bis die endgültige Bewertung der ECHA vorliegt, wird es noch viele Monate dauern. „Das Ziel muss es sein, dass Umweltschutz und Patientensicherheit gemeinsam möglichst gut umgesetzt werden“, sagte Kleiner abschließend.
Stand: 08.12.2025
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