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BGS Corona-Pandemie und die Medizintechnik-Branche

| Redakteur: Julia Engelke

Die Wirtschaft leider unter den beispiellosen Einschnitten, die die Corona-Pandemie verursacht. In der Krise offenbaren sich die Schwächen bestehender Strukturen und Geschäftsmodelle – Veränderungsprozesse und Neuausrichtungen sind in vollem Gang. Dr. Andreas Ostrowicki, dessen Unternehmen BGS auf die Sterilisation von Medizinprodukten mit Beta- und Gammastrahlen spezialisiert ist, beschreibt im Interview, was das für die Medizintechnik bedeutet.

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Dr. Andreas Ostrowicki ist seit 2008 geschäftsführender Gesellschafter der BGS Beta-Gamma-Service GmbH & Co. KG.
Dr. Andreas Ostrowicki ist seit 2008 geschäftsführender Gesellschafter der BGS Beta-Gamma-Service GmbH & Co. KG.
(Bild: BGS)
  • Stockende Versorgung mit Medizinprodukten und Medizingeräten
  • Prognose: Verlagerung von Produktionen zurück nach Europa
  • Anstreben einer strategischen Versorgungsautonomie in der Europäischen Union

Mit welchen Herausforderungen kämpft die Medizintechnik-Branche durch die Krise aktuell?

Bestehende Lieferketten sind durch geschlossene Grenzen verlangsamt, unterbrochen oder gänzlich zum Erliegen gekommen. Die Versorgung mit wichtigen medizinischen Verbrauchsmaterialien stockt, ebenso wie zum Teil auch die Fertigung komplexerer Medizingeräte. Bestehende Abhängigkeiten von Lieferanten sind überdeutlich sichtbar, vor allem in Form von enorm langen Reaktionszeiten aufgrund der großen Distanz zum Fertigungsland und leider immer wieder auch in Form fragwürdiger Qualitätsstandards. Es zeigt sich jetzt auch, dass die Verlagerung der Produktionen nach Fernost mit dem Verlust von Fertigungskompetenzen im eigenen Land einhergeht – die Branche ist dadurch weniger handlungsfähig als sie es gerne wäre. Und: Durch die Verknappung der Produkte kamen in den letzten Wochen teilweise extreme Preissteigerungen hinzu – diese wiederrum stellen die Einsparungen durch die ausgelagerte Fertigung in Frage.

Welche Trends erwarten Sie durch die Corona-Pandemie für Ihre Branche?

Die Corona-Pandemie verändert unseren Umgang mit kritischen Lieferanten nachhaltig: Versorgungssicherheit und Qualität werden wieder wichtiger als der Preis. Aus meiner Sicht ist eine grundsätzliche strukturelle Änderung der industriellen Fertigungsprozesse als Learning aus der Corona-Krise sehr wahrscheinlich. Perspektivisch erwarte ich eine Verlagerung zahlreicher Produktionen – nicht nur für das Gesundheitswesen – von Fernost zurück nach Europa bzw. zurück in das eigene Land. Hier ist auch die Politik gefordert, Verantwortung zu übernehmen, den Ausbau der Produktionskapazitäten der betroffenen Hersteller zu unterstützen und die Fertigung im eigenen Land attraktiver zu gestalten. Insgesamt denke ich, wird der Trend in Richtung einer breiteren Anbieterstruktur gehen – nicht das nur in Bezug auf Medizinprodukte.

Stichwort Versorgungssicherheit: Welche Erwartungen haben Sie an die Politik?

Meiner Meinung nach sollte es perspektivisch Aufgabe der Europäischen Union sein, eine strategische Versorgungsautonomie mit kritischen Produkten anzustreben. Dies würde neben einem Verbleib der Fertigungskompetenzen auch die Möglichkeit einer weitergehenden, technologischen Optimierung dieser Produkte bieten. Ein weiterer Vorteil einer solchen „Selbstversorgung“ wäre, die Wertschöpfung innerhalb der EU zu behalten. Auch hier gibt es durchaus Länder mit niedrigen Herstellkosten, die von solchen Industrien profitieren könnten. Vorteile wären mit Sicherheit schnellere Lieferzeiten und ein gesicherter Qualitätsstandard. Der Aspekt der Versorgungssicherheit sollte jedoch nicht nur aus dem Blickwinkel der „reichen“ bzw. großen EU-Mitglieder betrachtet werden, die vielleicht bevorzugt versorgt werden, sondern auch aus dem Blickwinkel der kleineren und weniger industrialisierten Länder. Diese haben vermutlich deutlich größere Schwierigkeiten in der Beschaffung kritischer Produkte.

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