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Vernetzte Welten Apps für Mobile Health bewegen die Menschen

| Autor: Peter Reinhardt

Fast ein Drittel der Deutschen ab 14 Jahren nutzt heute bereits Apps zur Aufzeichnung von Gesundheitswerten – oder sogar schon direkt zur Dia­gnose und Therapie von Erkrankungen. Doch allen Verlockungen zum Trotz darf nicht übersehen werden: Anbieter und Nutzer haben noch viele Herausforderungen zu bewältigen.

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Medical Apps bieten ein breites Einsatzspektrum und sind dem entsprechend populär, sodass der Markt schnell wächst.
Medical Apps bieten ein breites Einsatzspektrum und sind dem entsprechend populär, sodass der Markt schnell wächst.
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Sportbegeisterte nutzen sie zur Auswertung von Fitnessarmbändern, Diabetiker können mit ihnen den Insulinwert protokollieren, man kann mit ihnen sogar die eigenen Röntgenbilder anschauen und archivieren: Apps für Mobile Health bewegen die Menschen. Mobile Gesundheitsleistungen haben das Potenzial, die medizinische Versorgung von Patienten, die Arbeitsbedingungen von Ärzten und Klinikpersonal sowie die Qualität des Gesundheitswesens allgemein zu verbessern. „Bereits die Hälfte aller Patienten glaubt daran, dass Mobile Health dem Gesundheitssystem gut tun wird“, erklärt dazu der Bundesverband Medizintechnologie BVMed in Berlin.

Digitalisierung in der Medizin ist eine Kommunikations- und Führungsaufgabe

Während sich bereits viele Patienten auf diesen Trend eingelassen haben, hält sich die Bereitschaft von Ärzten noch in Grenzen. Angesichts der Fülle des Angebots, aber auch aufgrund rechtlicher Hürden und fehlender Abrechungsmodelle, sind Gesundheits-Apps in den Praxen noch nicht weit verbreitet. Dabei geben Ärzte mit der Nutzung mobiler digitaler Gesundheitsangebote die Deutungshoheit gar nicht aus der Hand. Mediziner können mit den neuen Angeboten vielmehr ihre veränderte Rolle als Chance akzeptieren und zur Kernkompetenz machen, die heißt: Mit allen verfügbaren Mitteln die Gesundheit der Patienten stärken.

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Veränderter Gesundheitsmarkt

Die Erbringung von Gesundheitsleistungen durch mobile Kommunikationsgeräte wird als Mobile Health bezeichnet. Besonders Gesundheits-Apps sind hier auf dem Vormarsch. Schon bald dürfte die Marke von einer halben Million Angebote in den wichtigsten App-Stores überschritten werden. Die Zahl der Downloads solcher Anwendungen belief sich im vergangenen Jahr auf drei Milliarden. In den engeren Bereich der Gesundheitsversorgung fallen alleine rund 100.000 Apps. Interessant ist, dass vermehrt auch Medizintechnikunternehmen Apps anbieten. Ihr Anteil am Gesamtmarkt stieg im Jahr 2015 von fünf auf sechs Prozent.

Die Digitalisierung der Medizin ist also nicht in erster Linie eine technologische Herausforderung, sondern offensichtlich eine Kommunikations- und Führungsaufgabe. „Für jede vierte medizinische Führungskraft werden Kenntnisse zum Thema Digitalisierung künftig Pflicht sein“, so das Ergebnis der Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“, für die die Per­sonalberatung Rochus Mummert Healthcare Consulting mehr als 300 Führungskräfte an deutschen Krankenhäusern befragt hat. Demnach sollen die Zielvereinbarungen medizinischer Führungskräfte in Zukunft den Punkt miteinbeziehen, die Digitalisierung im Tagesgeschäft tatsächlich umzusetzen.

Die Gesundheitskompetenz der Patienten stärken

Das Spektrum an Möglichkeiten ist hier sowohl für Ärzte und Anbieter als auch für Patienten nahezu unbegrenzt. Dabei geht es vor allem darum, die Gesundheitskompetenz der Patienten zu stärken und indirekte Interventionen durch die kontinuierliche Erfassung und Auswertung von gesundheitsbezogenen Informationen zu ermöglichen. Dafür ist es erforderlich, die Gesundheits- und Krankheitsgeschichten zu dokumentieren und Prozesse wie etwa den Einkauf und die Versorgung über Online-Apotheken zu organisieren. Und es sind mitnichten nur Start-ups, die sich hier versuchen. Längst haben auch Anbieter wie Apple und Google sowie etablierte Medizintechnik-Anbieter Gefallen an Mobile Health gefunden.

Das E-Health-Gesetz als Grundlage für digitalen Datenaustausch

Auch für die Politik sind Medical Apps ein Thema. So hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe unlängst mit dem „E-Health-Gesetz“ die Grundlage dafür geschaffen, dass Ärzte, Krankenhäuser und Kassen künftig digitale Daten austauschen können.

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Apps und mobile Geräte gemäß Medizinproduktegesetz

Als Geschäftsführer des Fachverbands Elektromedizinische Technik im ZVEI kennt sich Hans-Peter Bursig wie kaum ein anderer in der Branche mit dem Medizinproduktegesetz aus.

 ?  Wann ist eine App ein Medizinprodukt?

 Hans-Peter Bursig:  Wenn eine App eine eindeutige medizinische Zweckbestimmung hat, also beispielsweise der Dia­gnose oder Therapie einer Erkrankung dient. Dafür gelten in Europa strenge gesetzliche Anforderungen, sodass nur Produkte in Verkehr gebracht werden, deren Anwendung für Patienten, Anwender und Dritte sicher ist. Nach außen wird dies durch eine dokumentierte Zweckbestimmung gemäß Medizinproduktegesetz und die CE-Kennzeichnung sichtbar.

 ?  Wird das Handy dann zum Medizin­produkt?

 Hans-Peter Bursig:  Handelsübliche Mobiltelefone haben keine originäre medizinische Zweckbestimmung und werden auch nicht durch die Nutzung einer App zum Medizinprodukt. Es kann allerdings andere mobile Geräte geben, wie einen mobilen Blutzuckersensor, die entweder selbst Medizinprodukte sind oder als Zubehör zu einer App wie solche behandelt werden.

 ?  Woran erkennen Anwender Apps, die als Medizinprodukte zugelassen sind?

 Hans-Peter Bursig:  Das ist an der CE-Kennzeichnung nach dem Medizinproduktegesetz und der Zweckbestimmung, die in der Beschreibung der App beziehungsweise der Bedienungsanleitung dargestellt wird, klar erkennbar. Ist beides nicht zu finden, ist eine App nicht für Diagnose oder Therapie geeignet. Im Zweifelsfall sollte man direkt den Hersteller kontaktieren und die EU-Konformitätserklärung sowie die offizielle Zweckbestimmung zum Produkt anfordern, bevor man eine entsprechende App verwendet. Umgekehrt sollten Anbieter auch klar darauf hinweisen, wenn ihre App kein Medizinprodukt ist.

Ein Schritt in diese Richtung ist mit einer Medical App gelungen, die in jüngster Zeit von sich reden gemacht hat: Tinnitracks trainiert das Gehirn durch aufbereitete Musik neurophysiologisch und filtert die individuellen Tinnitus- Frequenzen aus den Smartphone-Musik­dateien der Nutzer heraus. Zwei klinische Studien belegen, dass die App wissenschaftliche Parameter erfüllt und Tinnitus tatsächlich lindern kann. Jörg Land, Gründer und Chef des Anbieters Sonormed: „Die Zertifizierung als Medizinprodukt war als Ziel von Anfang an in die DNA unseres Unternehmens eingeschrieben. Die Unterstützung durch eine gesetzliche Krankenkasse hat unsere App sozusagen institutionalisiert.“ Noch ist das Medizinprodukt keine Kassenleistung, doch schon heute übernimmt die Techniker Krankenkasse für ihre Versicherten die Kosten für eine Jahreslizenz inklusive präziser Frequenzbestimmung und Kon­trolltermine durch einen HNO-Arzt oder Hörgeräte-Akustiker.

Produkthaftung für Hersteller von Medical Apps

Für Programmierer entsprechender Apps stellen sich aber auch rechtliche Fragen, zum Beispiel beim Thema Produkthaftung. „Hersteller von Medical Apps, die den Bestimmungen des Medizinproduktrechts unterliegen, haften für durch den Einsatz von fehlerhaften Apps hervorgerufene Schäden nach den Bestimmungen des Produkthaftungsgesetzes“, so Rechtsanwalt Wolfgang Rehmann von der Kanzlei Taylor Wessing, die sich unter anderem auf strategische Themen der Gesundheitsbranche spezialisiert hat.

Und natürlich stehen speziell hier in Deutschland auch Sicherheit und Datenschutz im Fokus. Nicht zu Unrecht, wie der Report „State of Application Security“ zeigt, den Arxan Technologies als Anbieter von Sicherheitstechnologien für die Apps mobiler Geräte Anfang des Jahres publiziert hat. 61 von 71 der beliebtesten Gesundheits-Apps aus Deutschland, den USA, Großbritannien und Japan wiesen demnach mindestens zwei kritische Schwachstellen auf. Damit war es Hackern bei gut 85 Prozent der untersuchten Objekte möglich, sensible Daten zu stehlen. Es liegt also vorerst in der Verantwortung der Nutzer, abzuwägen, was technologisch möglich, medizinisch sinnvoll und dabei auch noch sicher ist.

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* Peter Reinhardt ist Chefredakteur der Medienmarke DeviceMed

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