France

Interview: Start-ups in der Medizintechnik „Wir adressieren ein Gesundheitsproblem, das häufig mit Scham behaftet ist“

Das Gespräch führte Bayern Innovativ 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das Netzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH verbindet viele Unternehmen, darunter auch innovative Start-ups, die die Gesundheitsbranche mit neuen Ideen voranbringen. Eines davon ist die inContAlert GmbH. Was genau das junge Unternehmen macht, erzählt Dr. Jannik Lockl, Mitbegründer und CEO des Start-ups, im Interview.

Dr. Jannik Lockl, Mitbegründer und CEO von inContAlert(Bild:  inContAlert)
Dr. Jannik Lockl, Mitbegründer und CEO von inContAlert
(Bild: inContAlert)

Was genau macht inContAlert? Was ist das Besondere an inContAlert?

Dr. Jannik Lockl: Ich hole hier mal ein wenig aus. Man muss sich überlegen, dass wir in Deutschland rund 11 Millionen Hörgeschädigte haben. Im Bereich der Hörschädigung gibt es zahlreiche, ausgefeilte Hörgeräte. Im Vergleich dazu haben wir etwa 9 Millionen Inkontinenz-Betroffene, doch hier dominieren immer noch klassische Hilfsmittel wie Windeln und Katheter die Versorgung. So entstand unsere Idee vom „Hörgerät der Inkontinenz“. Ein Gerät, das den Harnblasenfüllstand ermittelt und so Menschen mit Blasenproblemen das verlorene Empfinden „zurückgibt“. Wir haben dafür einen Sensor entwickelt, der über der Blase, also etwa ein bis zwei Finger oberhalb des Schambeins, getragen wird. Dieser verfügt über zwei Klettstreifen und kann damit einfach am Unterhosenbund befestigt werden. Alternativ gibt es ein Textilband, an dem der Sensor direkt am Körper getragen werden kann. Unsere Technologie nutzt Nahinfrarot, das heißt, der Sensor scannt – ähnlich wie bei der Pulsmessung durch eine Smartwatch – mit einem kleinen Licht den unteren Bauchraum und kann dadurch erkennen, wenn sich die Blase füllt und den Füllstand erfassen. Die erfassten Daten werden an die dazugehörige App übertragen und ich kann sie mir über Smartphone, Smartwatch oder Tablet anzeigen lassen. Natürlich kommt es darauf an, ob ich selbst in der Lage bin, die Daten abzulesen. Gerade im Pflegebereich oder im klinischen Einsatz, wo betroffene Personen eventuell auf die Hilfe von Pflegepersonal angewiesen sind, bedeutet es für die Pflegekräfte eine enorme Erleichterung, wenn sie die Daten der Patientinnen oder Patienten über ein zentrales Stations-Tablet einsehen können.

Was ist Ihre Mission? Was treibt Sie an?

Lockl: Wir adressieren ein Gesundheitsproblem, das häufig mit Scham behaftet ist. Wir beschäftigen uns aktuell v. a. mit Menschen, die eine sehr starke Beeinträchtigung haben. Das sind zum Start in erster Linie Menschen mit einer Querschnittverletzung. Eine Querschnittverletzung bedeutet einen extremen Einschnitt ins Leben. Es sind nicht nur die sichtbaren Einschränkungen in der Mobilität; meist leiden querschnittgelähmte Personen auch unter Blasen- und Darmfunktionsstörungen, weil die Nervenverbindungen zwischen Gehirn, Rückenmark und den Organen beeinträchtigt sind. Aufgrund der eingeschränkten oder fehlenden Wahrnehmung der Blasenfüllung müssen sich Betroffene regelmäßig einen Katheter einführen, um die Blase zu entleeren. Das passiert nicht nach Bedarf, sondern nach Zeit. Das heißt, mal werden 50 ml Urin abgelassen, mal werden 800 ml abgelassen. Mit anderen Worten, mal war das Einführen des Katheders eigentlich nicht notwendig, mal wurde die Blase maßgeblich überdehnt. Hier kommt unser Sensor ins Spiel: Damit können wir querschnittgelähmten Menschen den Alltag ein Stück weit angenehmer machen. Das ist es, was uns antreibt.

Natürlich werden wir uns in naher Zukunft auch anderen Krankheitsbildern widmen. Wir sprechen hier z. B. von Multipler Sklerose, Parkinson oder einer Blasenlähmung in Folge eines Schlaganfalls. Auch Kinder und Jugendliche mit Störungen des vegetativen Nervensystems gehören zur Zielgruppe, denn gerade in diesem Alter kann es sehr belastend sein, wenn ich beispielsweise als Bettnässer nicht mit ins Schullandheim fahren möchte. Unsere Mission ist, dass unsere Lösung hilft, bevor etwas „daneben“ geht.

Und wie geht es jetzt gerade weiter mit inContAlert?

Lockl: Seit Februar ist unser System bei den ersten Patienten im Einsatz. Das heißt, nach Phase 1, der Entwicklungsphase, und nach Phase 2, der Zulassungsphase, befinden wir uns jetzt in Phase 3, bei der die Anwenderfreundlichkeit im Fokus steht. Wir möchten herausfinden, was eventuell noch verbessert werden muss, damit Patientinnen und Patienten unsere Lösung als Mehrwert sehen und gerne tragen. Derzeit führen wir eine Feldstudie in dem sehr renommierten Querschnittzentrum Rummelsberg mit Chefarzt Dr. Matthias Ponfick durch, an die sich 2027 eine multizentrische Studie anschließen wird. Wenn alles gut verläuft und wir die ersten Ergebnisse aus den Feldstudien veröffentlichen können, wollen wir den Markteintritt angehen.

Gibt es einen Fun Fact über Ihr Unternehmen?

Lockl: Für Außenstehende klingt das jetzt vermutlich ein wenig skurril (lacht). Damit der Sensor zuverlässig lernen kann, braucht er eine möglichst präzise Referenz. Dafür verwendet man in der Entwicklung beispielsweise ein Ultraschallgerät, um erhobene Messdaten abzugleichen und mögliche Messfehler herauszubekommen. Doch bei so einem Ultraschallgerät können auch Messfehler vorkommen. Deswegen haben wir damit angefangen, im Büro Messbecher und Küchenwaagen zu verteilen, um die von uns selbst erhobenen Messdaten zu validieren. Wer also bei inContAlert arbeitet, bekommt einen Sensor, einen Messbecher und eine eigene kleine Küchenwaage, um die Urinmenge nach einem Toilettengang zu erfassen.

Vielen Dank!

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung