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ETH Zürich

Vom Skirennfahrer zum Knochenreparateur

| Autor/ Redakteur: Astrid Tomczak* / Julia Engelke

Er war Junioren-Schweizermeister im Super-G (Super-Riesenslalom) und wollte Ski-Profi werden. Dem geplatzten Traum trauert er heute nicht mehr nach: Thomas Zumbrunn entwickelt als ETH Pioneer Fellow eine neue Methode, um Knochenbrüche zu fixieren.

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Der gescheiterte Skiprofi Thomas Zumbrunn erforscht heute Knochenplatten.
Der gescheiterte Skiprofi Thomas Zumbrunn erforscht heute Knochenplatten.
(Bild: Peter Rüegg / ETH Zürich)
  • Von der gescheiterten Skirenn-Profikarriere zum Knochenreparateur
  • ETH-Silbermedaille für die Doktorarbeit
  • 18 Monate als ETH Pioneer Fellow: der Traum vom eigenen Start-up

So stellt man sich den geborenen Skirennfahrer vor: Ein Bergler, quasi mit den Skiern aus dem Mutterleib geschlüpft, einer, der die ersten Gehversuche zeitgleich mit den ersten Schwüngen auf der Piste unternimmt, der Vater Skilehrer, die Mutter Skilehrerin. So wuchs Thomas Zumbrunn in Meiringen (BE) auf. „Die Skischule war meine Kindertagesstätte“, sagt er lachend. Im Jahr 2003 der Höhepunkt: Zumbrunn wurde Junioren-Schweizermeister im Super-G. Das war kurz nachdem er die Matura gemacht und nur ein Ziel hatte: Ski-Profi. Also konzentrierte er sich ein Jahr lang auf den Sport, trainierte täglich und arbeitete bei seinem Vater, hauptberuflich als Hauswart tätig. Doch trotz aller Anstrengungen schaffte er den Sprung in den B-Kader nicht. „Für mich brach damals eine Welt zusammen“, sagt er.

Auf der Piste und im Hörsaal unterwegs

Doch der Berner Oberländer ist keiner, der lange mit dem Schicksal hadert. Hinfallen, aufstehen, weiterfahren: Die Profikarriere mochte zwar gestorben sein, aber Rennen fahren konnte er ja trotzdem noch. Er fing an der ETH sein Bachelorstudium in Bewegungswissenschaften an, stieß auf den Akademischen Skiclub, trainierte weiter und nahm vier Mal an der Universiade teil.

Mit einem Sportstipendium kam Zumbrunn an die University of Utah, verbrachte die Vormittage an der Uni, die Nachmittage auf der Piste und schloss sein Bachelorstudium ab. Danach setzte er seine akademische Laufbahn mit dem Masterstudium für biomedizinische Ingenieurwissenschaften (Biomedical Engineering) in Salt Lake City fort.

Es war ein Leben nach seinem Gusto. „Diese Kombination aus Studium und Sport hat mir so gut gefallen“, sagt er – und es liegt fast etwas Schwärmerisches darin, wenn dieser boden- (oder berg-)verhaftete Mann dies sagt.

Nach der Winter-Universiade in der Türkei 2011 wurde ihm klar, dass seine Sportkarriere zu Ende war, und Zumbrunn lancierte seine Berufslaufbahn. Zunächst war dies nicht ganz einfach. Doch dann fand er am Massachusetts General Hospital in Boston, dem Spital der renommierten Harvard-Universität, seinen Traumjob. „Es war toll, mit Klinikern und Wissenschaftlern neue orthopädische Implantate zu entwickeln“, erzählt er.

ETH-Silbermedaille statt Skisportmedaillen

Und trotzdem: Nach sechs Jahren in den USA wuchs in Zumbrunn der Wunsch, in die Schweiz zurückzukehren. Also streckte er seine Fühler wieder Richtung ETH aus, doktorierte bei Stephen Ferguson mit einer Arbeit zu neuartigen Knie-Implantaten. Die ersten beiden Jahre seiner Dissertation verbrachte Zumbrunn weiterhin in Boston - „eine optimale Konstellation für mich“, wie er sagt. Für seine Doktorarbeit erhielt er schließlich auch die Silbermedaille der ETH Zürich – ein Höhepunkt, der sein aufregendes „Rennen“ über den Atlantik abrundete.

Schrauben verursachen bei der Behandlung von Knochenbrüchen immer wieder Probleme, etwa weil sie nicht genügend Stabilität verleihen oder sogar angrenzende Gelenke verletzen. Die Lösung: maßgeschneiderte Knochenplatten. „Heute werden Standard-Platten oft noch während des chirurgischen Eingriffs zurechtgebogen, damit sie dem Patienten angepasst werden können“, erklärt Zumbrunn. „Man kann sich vorstellen, dass die Resultate mitunter suboptimal sind.“

Zumbrunns Idee besteht nun darin, mittels Computertomographie und 3D-Druck die Knochenplatten auf die Anatomie jedes einzelnen Patienten abzustimmen und dadurch mehr Stabilität zu erzielen. Zudem kann so festgelegt werden, wie die einzelnen Knochensplitter vor dem Eingriff möglichst optimal verschraubt werden. Vor allem aber soll die neue Methode die OP-Zeit verkürzen. Somit könnte die „fracture specific bone plate“ langfristig einen Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitswesen leisten.

Traum vom eigenen Start-up

Seit Mai 2019 widmet sich Zumbrunn ganz diesem Projekt und hat seinen (gut bezahlten) Job in der Industrie aufgegeben, um den Traum eines eigenen Start-ups zu verwirklichen. Er will die 18 Monate als Pioneer Fellow dazu nutzen, die Idee so weit voranzutreiben, dass Investoren aufspringen. In einigen Jahren, so schätzt Zumbrunn, könnte sie marktreif sein. „Das Neue reizt mich immer“, sagt er. „In meiner Doktorarbeit ging es darum, wie Gelenke bewegungsoptimiert funktionieren. Bei der Knochenplatte ist hingegen die Stabilität und Belastung die Herausforderung.“

Auch sein eigenes Leben ist vom Wechsel von Bewegung und Stabilität geprägt. Er pendelt zwischen seinen beiden Wohnsitzen Hasliberg und Zürich, die Distanz ist für ihn dabei kein Problem. „Für mich ist Zürich und Hasliberg am gleichen Ort“, sagt er – und spielt dabei auf die amerikanischen Verhältnisse an. Zumbrunns „Homebase“ in Hasliberg, ein 300-jähriges Bauernhaus, ist auch der Ort, wo er die Sonne sucht, wenn ihm der Hochnebel aufs Gemüt schlägt. Er ist frisch verheiratet, die Hochzeit mit seiner Frau Aleksandra – einer polnischen Zahnärztin – fand in Sri Lanka statt. „Daran sieht man, dass ich eine nicht sehr traditionelle Seite habe“, sagt er. „Und auch, dass wir beide gerne reisen.“

Kürzlich hat er mit seiner Frau den ersten Triathlon bestritten, da er auch in sportlicher Hinsicht gerne Neues ausprobiert. Ob er langfristig im Berner Oberland gemeinsam mit seiner Frau (wieder) Wurzeln schlagen wird? Er will sich da nicht festlegen: „Ich mag beides, die Berge und die Stadt“, sagt er. Trauert er heute noch der verpassten Sportlerkarriere nach? „Im Nachhinein muss ich sagen: Es ist perfekt gelaufen“, sagt er ohne zu zögern. „Der Sport hat mir geholfen, die Karriereleiter hochzukommen.“

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* Die Autorin Astrid Tomczak schreibt als selbstständige Journalistin für die ETH Zürich.

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