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Interview: Start-ups in der Medizintechnik „Unser Ziel ist es, Schmerzen gezielt zu reduzieren“

Das Gespräch führte Bayern Innovativ 5 min Lesedauer

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Im Partnernetzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH sind viele Start-ups, die die Gesundheitsbranche mit neuen Ideen voranbringen. Eines davon ist die Magic Horizons GmbH. Was genau das junge Unternehmen macht, erzählt Martin Koppehele, Co-Founder des Start-ups im Interview.

Martin Koppehele ist Co-Founder des Start-ups Magic Horizons.(Bild:  Magic Horizons)
Martin Koppehele ist Co-Founder des Start-ups Magic Horizons.
(Bild: Magic Horizons)

Was macht Magic Horizons? Was ist das Besondere an Magic Horizons?

Martin Koppehele: Wir entwickeln Software zur Reduktion von Angst, Stress und Schmerz. Unsere Lösung ist als CE-zertifiziertes Medizinprodukt nach MDR zugelassen und entspricht damit den geltenden EU-Vorschriften. Dabei nutzen wir Virtual Reality (VR), also die starke Immersion, die Virtual Reality bieten kann. Die Effekte von VR wirken intensiv auf unser Gehirn, und dadurch auf die Vitalparameter in unserem Körper, womit sich gezielt Stress und Ängste abbauen und die mentale Gesundheit unterstützen lassen. Neben der reinen Software bieten wir auch Komplettpakete aus Soft- und Hardware an – speziell für Kundinnen und Kunden, die keine eigene VR-Hardware besitzen. Die Anwendung selbst beginnt, sobald die Patientin oder der Patient die VR-Brille aufsetzt. Die Steuerung findet dabei durch medizinisches Fachpersonal am Tablet statt. Das bedeutet, die Pflegekraft kann für die Patientin oder den Patienten die Szenerie einspielen, die entweder gewünscht oder von der behandelnden Ärztin bzw. Arzt empfohlen wurde. Unser Gehirn ist ein sehr komplexer Apparat, aber in manchen Bereichen arbeitet es auch sehr einfach. Durch die 360-Grad-Welt in VR werden wir auf Knopfdruck aus der aktuellen Situation herausgeholt und unser Gehirn signalisiert dem Körper: „Du bist jetzt in dieser neuen Umgebung.“ Und dementsprechend verhält sich unser Körper. Wenn beispielsweise auf der VR-Brille eine Waldumgebung eingespielt wird, sagt das Gehirn dem Körper: „Du bist im Wald.“ Auch wenn mir bewusst ist, dass ich nicht wirklich dort bin, ist der Impuls stark genug, um automatisch Reflexe auszulösen. Wir wissen, dass die Luft, wenn wir uns in der Natur aufhalten, gut sein muss. Demzufolge atme ich tiefer ein und versorge somit mein Blut mit mehr Sauerstoff. Das verbessert die Durchblutung, senkt den Blutdruck und reduziert die Pulsfrequenz. Allein dadurch versetzt das System Menschen in einen entspannten Zustand. Je nach gewünschter Wirkung können wir die Tiefe der Entspannungszustände beeinflussen. Dementsprechend lässt auch das subjektive Schmerzempfinden nach.

Was uns auszeichnet, ist der intensive Austausch mit Universitäten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diesen Ansatz verfolgen wir bereits von Anfang an. Die andere Sache ist, dass die Pille auch schmecken muss, wie man so schön sagt. Das bedeutet, dass die Art und Gestaltung der Anwendung bei uns sehr besonders ist. Wir haben hierzu eine eigene Bild- und Formensprache entwickelt, sowohl in den naturgetreuen Umgebungen als auch in den künstlichen Welten. Somit kann sich jede Person innerhalb kürzester Zeit in der gezeigten Szenerie wiederfinden und ihren sicheren Rückzugsort finden.

Was ist Ihre Mission/Was treibt Sie an?

Koppehele: Uns treibt die Motivation an, möglichst vielen Menschen Wege aufzuzeigen, um Ängste, Stress und Schmerzen zu reduzieren – auch ohne chemische Medikamente. Gerade in Deutschland und Europa ist es in den letzten Jahren zu einem großen Problem geworden, dass immer mehr Menschen zu Medikamenten greifen. Diese sind zwar leicht verfügbar, können aber zu unerwünschten Nebenerscheinungen führen. Hier kommen Alternativen ins Spiel. Unser Ziel ist es, Schmerzen gezielt zu reduzieren, im Idealfall bis auf null. Besonders wichtig ist dies bei Kindern, aber auch bei Menschen, die ohnehin schon einen intensiven Behandlungsprozess durchlaufen, z. B. in der Onkologie, wo viele Medikamente unvermeidbar sind. Wir möchten aufzeigen, wo eine Reduktion möglich ist, um langfristige Schäden zu vermeiden, um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu minimieren und den Patientinnen und Patienten insgesamt zu einem gesünderen, vitaleren Leben zu verhelfen.

Wie geht es weiter mit Magic Horizons?

Koppehele: Wir haben noch viele Ideen und eine Menge vor uns. Wie gesagt, wir erschließen hier in Deutschland und Europa Schritt für Schritt neue Märkte. In Deutschland sind wir glücklicherweise bereits in vielen Kliniken und Praxen vertreten. Das Thema Virtual Reality wird dort immer stärker anerkannt. Ein nächster wichtiger Schritt ist die Erstattungsfähigkeit solcher Systeme durch die Krankenkassen. Auch daran arbeiten wir aktiv und stehen im Dialog mit den Kassen. Solche Prozesse dauern erfahrungsgemäß länger, Geduld ist hier auf beiden Seiten gefragt. Aber der Weg lohnt sich, denn die Studienlage zeigt eindeutig, dass Virtual-Reality-Anwendungen die Versorgung der Patientinnen und Patienten verbessern können. Langfristig spart das auch den Krankenkassen Geld, da Komplikationen und Nebenwirkungen reduziert werden. Wir haben auf der Produktseite unzählige Ideen. Natürlich arbeiten wir auch mit KI-Modulen. Dabei legen wir großen Wert auf Praxisorientierung, denn es nützt nichts, Kliniken Module anzubieten, die technisch zwar beeindruckend, aber im Alltag nicht praktikabel sind, weil z. B. extrem schnelle Internetverbindungen nötig sind. In der VR bewegen sich enorme Datenmengen, gerade beim Streaming oder bei Online-Funktionen. Auch wenn angenommen wird, dass die Netzwerke bestehen und funktionieren, zeigt sich spätestens z. B. in einer OP-Umgebung ein anderes Bild. Was tatsächlich möglich ist und was nicht, hängt stark vom jeweiligen Setting ab. Deshalb prüfen wir immer genau, wie die Situation bei unseren Kundinnen und Kunden aussieht: Wer kann experimentieren, und wer benötigt ein „rock-solid“-System, das im Alltag zuverlässig arbeitet? Darauf kommt es an und das ist der Grund, warum unser Produkt so erfolgreich ist – es ist barrierefrei und innerhalb von 30 Sekunden einsatzbereit und kann komplett offline arbeiten. Ein weiterer Fokus liegt auf der Reduktion von Ängsten und der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Seit dem vergangenen Jahr sind wir auch in den USA sehr aktiv und arbeiten dort mit großen Kunden, darunter den Mayo-Kliniken, zusammen. Wir sind außerdem als offizieller Lieferant für das Gesundheitssystem der Veteraninnen und Veteranen gelistet, beliefern also direkt die Veteranenkrankenkassen. In den USA forschen und entwickeln wir intensiv und sind im wissenschaftlichen Austausch mit der University of Southern California, der Cleveland Clinic und weiteren Universitäten. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit den Gesundheitszentren der Veterans Affairs zusammen.

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Gibt es einen Funfact über Magic Horizons?

Koppehele: Wir kommen aus dem Bereich immersive Media, also der Musikproduktion, Videoproduktion und der Produktion von Planetariumshows, und haben dabei erste Erfahrungen mit der VR-Technologie gewonnen. Wir haben uns bereits frühzeitig Gedanken gemacht, wie Virtual Reality sinnvoll genutzt werden kann und welche medizinische Wirkung diese starke Immersion auf das Gehirn erzeugen kann. Mein Co-Founder Giorgio war damals auf einem Symposium zum Thema „Einsatz immersiver Medien im Gesundheitsbereich“. Das war etwa 2018 in einer Phase, als wir die Firma noch nicht einmal richtig gegründet hatten. Er saß im Publikum und unterhielt sich mit seinem Sitznachbarn, der an der Humboldt-Universität arbeitete. Sie sprachen über Visionen und mögliche Entwicklungen im Bereich Virtual Reality. Der Sitznachbar meinte, dass man etwas visuell Einzigartiges machen müsse, um wirklich spannend zu sein. Er erzählte als Beispiel dafür von einer speziellen audiovisuellen Installation am Heinrich-Hertz-Institut in Berlin im „TiME Lab“. Giorgio grinste nur und sagte: „Kenn’ ich, die Installation haben wir gemacht“.

Vielen Dank!

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