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Molekulare Bildgebung PET/CT könnte Zielmolekül für Leberkrebs-Therapie erfassen

Von Guido Deußing 6 min Lesedauer

Der Tracer RAYZ-8009 soll in der PET/CT sichtbar machen, ob Leberkrebsherde das Zielmolekül GPC3 tragen. In einer kleinen Studie folgte das PET-Signal der GPC3-Färbung im Gewebe. Das könnte die Auswahl für eine gezielte Behandlung mit einem radioaktiven Wirkstoff vorbereiten – vorausgesetzt, Scanner und Software liefern vergleichbare Werte.

Der Gallium-68-markierte Tracer bindet an das Zielmolekül GPC3. Das PET/CT erfasst seine Verteilung im Körper, die Software berechnet daraus standardisierte Aufnahmewerte. Soll ein solcher Wert später die Therapieauswahl unterstützen, müssen Scanner, Aufnahmeprotokoll und Auswertung reproduzierbare Ergebnisse liefern.(Bild:  Guido Deußing, nach Scholtissek et al. [1], Poot et al. [2], Lin et al. [3] und SNMMI [7].)
Der Gallium-68-markierte Tracer bindet an das Zielmolekül GPC3. Das PET/CT erfasst seine Verteilung im Körper, die Software berechnet daraus standardisierte Aufnahmewerte. Soll ein solcher Wert später die Therapieauswahl unterstützen, müssen Scanner, Aufnahmeprotokoll und Auswertung reproduzierbare Ergebnisse liefern.
(Bild: Guido Deußing, nach Scholtissek et al. [1], Poot et al. [2], Lin et al. [3] und SNMMI [7].)

Eine zielgerichtete Krebstherapie kann nur wirken, wenn die Tumorzellen das Molekül tragen, an das der Wirkstoff binden soll. Bislang wird das meist an einer Gewebeprobe geprüft. Eine Biopsie erfasst jedoch nur eine einzelne Stelle. PET/CT könnte das Zielmolekül GPC3 dagegen in allen sichtbaren Tumorherden untersuchen.

Wie PET/CT das Zielmolekül erfasst

Der mit Gallium-68 markierte Peptidtracer RAYZ-8009 (s. unten) bindet an Glypican-3 (GPC3). Dieses Oberflächenprotein kommt bei den meisten hepatozellulären Karzinomen (HCC), der häufigsten Form von primärem Leberkrebs, verstärkt vor. In gesunder und zirrhotischer Leber ist es dagegen kaum nachweisbar. Nach der Injektion verteilt sich der Tracer im Körper und reichert sich dort an, wo er GPC3 findet. Die PET-Detektoren erfassen dieses Signal, die CT liefert die anatomische Zuordnung. Aus den PET-Daten berechnet die Software den standardisierten Aufnahmewert SUV. Das Bild soll den Tumor zeigen, der SUV soll zusätzlich Hinweise darauf geben, wie stark das Zielmolekül dort ausgeprägt ist [1,2]. Damit aus dem SUV mehr als ein Helligkeitswert wird, muss er mit der tatsächlichen GPC3-Expression im Tumorgewebe zusammenhängen. Genau diesen biologischen Bezug untersuchte die neue Studie.

PET-Signal und Gewebefärbung folgen einander

Ob der SUV das leistet, hat das Team um Helen Scholtissek und Constantin Lapa von der Universität Augsburg in einer am 27. August 2026 online im „Journal of Nuclear Medicine“ erschienenen Arbeit geprüft. Die Forschenden verglichen bei 14 Patienten jeweils einen HCC-Herd in der PET/CT mit einer immunhistochemisch auf GPC3 gefärbten Gewebeprobe.In der PET/CT waren 13 der 14 Herde sichtbar. Der mittlere und der maximale SUV korrelierten mit der Stärke der GPC3-Färbung; die Korrelationskoeffizienten lagen bei 0,72 bzw. 0,71. Der einzige Herd ohne PET-Signal, eine Metastase außerhalb der Leber, war auch in der Gewebeuntersuchung GPC3-negativ [1].

Damit ergänzt die Arbeit die Erstanwendung am Menschen von 2024, die bei 24 Patienten vor allem zeigen konnte, dass sich Tumorherde kontrastreich darstellen lassen. Allerdings nahmen damals auch einige biopsierte, als GPC3-negativ eingestufte Läsionen etwas Tracer auf [2]. Ein PET-Signal allein ist deshalb noch kein sicherer Nachweis von GPC3. Die neue Studie quantifiziert den Zusammenhang nun systematisch [1].Für die weitere Entwicklung ist diese Verbindung entscheidend. RAYZ-8009 wurde nämlich nicht nur als bildgebender Tracer, sondern als Teil eines diagnostisch-therapeutischen Paares entwickelt.

Vom Bild zur möglichen Behandlung

Das für die Bildgebung bestimmte, mit Gallium-68 markierte Prüfpräparat heißt RYZ811. Für die Behandlung wird derselbe Binder mit Actinium-225 kombiniert. Die dabei entstehende Alphastrahlung soll GPC3-positive Tumorzellen gezielt schädigen. Diese therapeutische Variante trägt die Bezeichnung RYZ801 [3,4]. Die PET/CT soll dabei vor der Behandlung zeigen, ob und in welchen Herden genügend Zielmolekül vorhanden ist. Die zugehörige klinische Studie ist laut US-Register als randomisierte, kontrollierte Phase-1/2-Studie mit bis zu 590 Teilnehmern angelegt [5]. Mancini et al. nennen als weiteres Studienziel den Zusammenhang zwischen RYZ811-Aufnahme und RYZ801-Wirksamkeit [6]. PET/CT würde die Biopsie damit nicht ersetzen. Die Gewebeprobe untersucht einzelne Zellen im Detail; die Bildgebung könnte ergänzend zeigen, wie stark GPC3 in den verschiedenen sichtbaren Tumorherden ausgeprägt ist. Bevor ein PET-Wert jedoch über eine Behandlung mitentscheiden kann, muss er unabhängig vom verwendeten Gerät zuverlässig sein.

Der Messwert muss übertragbar sein

Bereits in der Erstanwendung von 2024 kamen an drei Zentren unterschiedliche Scanner und Rekonstruktionsprotokolle zum Einsatz. Zudem stieg die Tumoraufnahme bis zu vier Stunden nach der Injektion weiter an [2]. Der gemessene SUV hängt deshalb nicht nur vom Tumor ab. Auch Aufnahmezeitpunkt, Scannerkalibrierung, Bildrekonstruktion und Auswertesoftware können ihn beeinflussen. Soll später ein Grenzwert über die Therapieauswahl mitentscheiden, darf derselbe Herd nicht je nach Gerät oder Auswertung unterschiedlich eingestuft werden. Die aktuelle Studie belegt den biologischen Zusammenhang, beantwortet diese technische Vergleichsfrage aber noch nicht [1].
 
Für dieses allgemeine Problem der quantitativen PET haben SNMMI-CTN, EARL und das Studiennetzwerk ARTnet aus Australien und Neuseeland am 6. Oktober 2025 eine Vereinbarung über ein gemeinsames Akkreditierungsmodell für PET/CT und PET/MR unterzeichnet. Einheitliche Prüfverfahren sollen Messwerte aus verschiedenen Zentren besser vergleichbar machen [7]. Eine standardisierte Messkette wäre damit eine notwendige Voraussetzung. Sie ersetzt jedoch nicht den noch fehlenden klinischen Nachweis.

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Vom Machbarkeitsnachweis zum Auswahltest

Die Proof-of-Target-Studie war retrospektiv und umfasste 14 Patienten mit jeweils einem ausgewerteten Herd. Eine prospektive Validierung an einem unabhängigen Kollektiv fehlt. Aus den Daten lassen sich weder eine belastbare diagnostische Trefferquote noch ein Grenzwert für die Therapieauswahl ableiten. Ebenso wenig ist bisher belegt, dass eine hohe Traceraufnahme ein späteres Ansprechen auf RYZ801 vorhersagt [1,6].
 
Hinzu kommt die Industriebindung des Entwicklungsprogramms: Die Erstanwendung von 2024 wurde von RayzeBio finanziell unterstützt. Das Unternehmen stellte den Peptidvorläufer bereit und sponsert die laufende Studie. RayzeBio gehört seit 2024 zu Bristol Myers Squibb. Eine unabhängige klinische Bestätigung steht noch aus [2,5,8]. 
 
Das theranostische Prinzip, also die  Verbindung von Diagnostik und Therapie in einem einzigen medizinischen Konzept, ist nicht neu. Der Fortschritt dieser Studie liegt in der quantifizierten Verbindung zwischen PET-Signal und GPC3-Färbung. Ob daraus ein verlässlicher Auswahltest entsteht, entscheidet sich nun an zwei Punkten: an der klinischen Validierung und an einer Messkette, in der Radiopharmakon, PET/CT-Hardware und Software reproduzierbare Ergebnisse liefern.

Quellen

[1] Scholtissek H, Reitsam NG, Märkl B, Patt M, Dreher N, Liebich A, et al. Correlation of [68Ga]Ga-RAYZ-8009 PET/CT uptake with immunohistochemical glypican-3 expression in hepatocellular carcinoma: a proof-of-target study. J Nucl Med. Published online August 27, 2026. doi:10.2967/jnumed.126.272757. PMID: 42660634. Originalarbeit
 
[2] Poot AJ, Lapa C, Weber WA, Lam MGEH, Eiber M, Dierks A, et al. [68Ga]Ga-RAYZ-8009: a glypican-3-targeted diagnostic radiopharmaceutical for hepatocellular carcinoma molecular imaging – a first-in-human case series. J Nucl Med. 2024;65(10):1597–1603. doi:10.2967/jnumed.124.268147. PMID: 39266293. Originalarbeit
 
[3] Lin F, Clift R, Ehara T, et al. Peptide binder to glypican-3 as a theranostic agent for hepatocellular carcinoma. J Nucl Med. 2024;65(4):586–592. doi:10.2967/jnumed.123.266766. PMID: 38423788. PubMedRayzeBio. Hepatocellular carcinoma: RYZ801 targeting GPC3 for hepatocellular carcinoma [Internet]. Abgerufen am 31. August 2026. Unternehmensseite
 
[4] National Library of Medicine. Study of the Theranostic Pair RYZ811 (Diagnostic) and RYZ801 (Therapeutic) to Identify and Treat Subjects With GPC3+ (Glypican-3) Unresectable HCC (GPC3). ClinicalTrials.gov Identifier: NCT06726161. Aktualisiert am 13. April 2026. Studienregister
 
[5] Mancini BR, Osman M, Reilley M, et al. A phase 1/1b study of the theranostic pair RYZ811 (diagnostic) and RYZ801 (therapeutic) in patients with glypican-3-positive (GPC3+) previously treated unresectable hepatocellular carcinoma. J Clin Oncol. 2026;44(2 Suppl):TDS611. Doi:10.1200/JCO.2026.44.2_suppl.TPS611. Abstract
 
[6] Society of Nuclear Medicine and Molecular Imaging. SNMMI, EANM, and ARTnet launch unified PET accreditation to improve clinical trials and patient care. Pressemitteilung vom 16. Dezember 2025; Vereinbarung unterzeichnet am 6. Oktober 2025. SNMMI
 
[7] Bristol Myers Squibb. Bristol Myers Squibb completes acquisition of RayzeBio, adding differentiated actinium-based radiopharmaceutical platform. Pressemitteilung vom 26. Februar 2024. Bristol Myers Squibb 

Medizintechnik leicht erklärt

Passend zum Thema: Was ist ein "Tracer" und was hat das mit der Positronen-Emissions-Tomographie /PET) zu tun? 
Ein Tracer (von englisch „to trace“, aufspüren) ist eine Spürsubstanz bzw. ein Molekül, das mit einer winzigen Menge eines radioaktiven Isotops markiert wird und dessen Weg im Körper sich dadurch von außen verfolgen lässt. Das Prinzip beruht auf zwei Bausteinen:

1. Das Trägermolekül bestimmt, wohin der Tracer wandert. Das Trägermolekül ist so gebaut, dass es an einer bestimmten Struktur andockt oder an einem bestimmten Stoffwechselweg teilnimmt – in unserem Fall oben ist es das Peptid RAYZ-8009, das an das Oberflächenprotein GPC3 auf Leberkrebszellen bindet. Der bekannteste PET-Tracer ist Fluordesoxyglucose (FDG). Das ist ein radioaktiv markierter Zucker, der sich in stoffwechselaktiven, Glucose-hungrigen Zellen anreichert. Dazu gehören auch Krebszellen.
 
2. Das Radionuklid macht den Weg sichtbar. Es zerfällt und sendet dabei Strahlung aus, die die PET-Detektoren registrieren. In unserem Fall oben handelt es sich um Gallium-68, ein Positronenstrahler mit rund 68 Minuten Halbwertszeit. Das bedeutet, der Stoff zerfällt und verlässt den Körper sehr schnell.
 
Entscheidend ist die Dosis-Logik: Ein Tracer wird in so geringer Menge verabreicht (typisch Mikrogramm), dass er den Stoffwechsel nicht beeinflusst und keine pharmakologische Wirkung hat. Er soll nichts behandeln, nur anzeigen. Das unterscheidet ihn vom Therapeutikum RYZ801: gleicher Binder, aber mit Actinium-225 beladen, dessen Alphastrahlung Zellen gezielt schädigen soll. Deshalb spricht man vom theranostischen Paar – erst aufspüren, dann behandeln.