KIS, Krebsregister, digitale Aufnahme und PC-Wagen: Digitale Innovationen im Krankenhaus sollen das Personal entlasten, Patienten den stationären Aufenthalt erleichtern und zum Behandlungserfolg beitragen. Klappt das? Dieser Frage ging die Tagung „The Future of Healthcare“ nach. Auch wenn diese sich nicht direkt an Medizintechnikhersteller richtete, ist E-Health für die Branche ein wichtiges Zukunftsthema.
Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Customer Experience im Krankenhaus
Einsatz mobiler Endgeräte als Erleichterung für Krankenhauspersonal und Patienten
Elektronische Patientenakte und Krankenhausinformationssystem müssen zusammen mit Herstellern weiterentwickelt werden
Die vierte Auflage der Tagungsreihe trug den sperrigen Titel „The Future of Healthcare IV – Customer Experience und User Centered Design: Erfolgsfaktoren der Digitalisierung im Krankenhaus“, zielte jedoch auf die einfache Frage, wie sich der Aufenthalt im Krankenhaus angenehmer gestalten lässt – für Patienten und die medizinischen und pflegerischen Fachkräfte.
Personalisierte Medizin
Hinsichtlich digitaler Medizintechnik sieht Dr. Christian Golling, Oberarzt an der Uniklinik Augsburg, Licht und Schatten. Künstliche Intelligenz (KI) erkenne beispielsweise mehr Polypen bei Darmspiegelungen, so dass das Untersuchungsintervall von derzeit fünf Jahren erhöht werden könnte. Und ein Register bei Dickdarm- und Enddarmkrebs mache eine personalisierte Medizin möglich. Dies führe jedoch parallel zu einem erhöhten Beratungsbedarf.
Gesundheits-Apps erkennt Dr. Golling als „Riesenmarkt“, viele Produkte hätten ein großes Potenzial, die Patienten zu motivieren (zum Beispiel Diabetes-Tagebuch). Nötig seien hier aber eine Anbindung zum Arzt sowie die Möglichkeit der Abrechnung. Dies dürfte bald umgesetzt werden, Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, hierfür den Weg freizumachen.
„Zeitfresser“
Schlechte Noten stellt Dr. Golling der Digitalisierung im Krankenhaus aus. Die Ärzte hätten dadurch weniger Interaktion mit dem Patienten, die Usability sei schlecht und die Technik sei ein Zeitfresser. „Das führt zu mehr Burn-out bei Ärzten“, resümiert Dr. Golling. Seine Vorschläge: bessere Schulungen sowie die Einbindung „weniger technologieaffiner Ärzte“ in die Entwicklung.
Das Problem dabei: Schulungen sind nötig, seien aber selten in der nötigen Genauigkeit durchführbar. Die Krankenhausverwaltung schraube dann schon mal eine für drei Tage angesetzte PC-Schulung für Krankenschwestern auf nur drei Stunden herunter. Die Folge: Die PCs können nicht entsprechend genutzt werden und werden irgendwann komplett abgeschaltet.
Aufnahme und Anamnese
Dies konnte Alexander Wahl von der Thieme Compliance GmbH bestätigen: „Für den Einzelnen geht es schneller, eine Notiz oder einen Befund auf ein Stück Papier oder in einer Papierakte einzutragen, als irgendwo einen Desktop-Rechner zu suchen und die Daten einzugeben.“ Und größere PC-Wagen passten meist gar nicht ins Krankenzimmer. Wahl sieht die Lösung im Einsatz mobiler Endgeräte – auch aufseiten der Patienten.
So könnten Patienten bereits bei der Aufnahme ihre Daten digital eingeben und parallel Informationen erhalten (Aufklärung). Oder die Anamnese könne von zuhause erfolgen, indem zum Beispiel der künftige stationäre Patient per App dem Krankenhaus mitteilt, ob er seine Schlafposition selbstständig verändern kann oder nicht.
Bei diesen Veränderungsprozessen ist laut Wahl ein begleitendes Change Management in der Klinik dringend erforderlich – inklusive Schulungen und der Abstimmung zwischen Stakeholdern, Technologiepartner und Krankenhaus.
„Das Change Management hört mit dem Rollout nicht auf“, ergänzt Dr. Tobias Müller, Leiter der Stabsstelle „Digitale Transformation“ der Rhön-Klinikum AG. Dr. Müller erkennt in der digitalen Anamnese ebenfalls Potenzial. So könne man die Wartezeit sinnvoll nutzen, zudem komme der Patient in Kontakt mit der Digitalisierung als Vorstufe für komplexere Technologien.
KIS
Schnell und umfassend an notwendige Patientendaten zu kommen, ist für Dr. Müller essenziell. Für die elektronische Patientenakte (PA) sei daher eine semantische Suche sinnvoll. Noch besser wäre nach seiner Meinung ein Dashboard mit der gesamten Patientenhistorie („Medical Cockpit“). Und: Das Krankenhausinformationssystem (KIS) braucht laut Dr. Müller eine Volltextsuche. Die gebe es noch kaum, müsse aber zügig implementiert werden. Sein Vorschlag: Das entsprechende KIS einsetzen und dann mit dem Hersteller weiterentwickeln, denn „Software wird durch Benutzung besser“.
Stand: 08.12.2025
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„Digital gestützte Produkte und Dienstleistungen haben nur dann eine hohe Gebrauchstauglichkeit, wenn ein digitales Monopol existiert“, ergänzt Dr. Manfred Criegee-Rieck, IT-Leiter am Klinikum Nürnberg. Einen solchen digitalen Standard gebe es im Krankenhaus nicht, hier herrsche eine „hochgradige Diversifikation im KIS“ mit über 300 verschiedenen Digitalprodukten. „Aber einen Großteil der Systeme nutzen wir gar nicht“, macht Dr. Criegee-Rieck die Problematik deutlich.
Deshalb sei es wichtig, Redundanzen durch verzichtbare Produkte und Lösungen abzubauen – und zwar über Kundenzentrierung. „User Centered Design ist Einstellungssache und geht nur zusammen mit den Anwendern und einem Projektteam, das konsequent deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt“, so Dr. Criegee-Rieck.
Arzt-Patient-Beziehung
Was die Arzt-Patient-Beziehung betrifft, herrscht laut Dr. Golling Nachholbedarf. Dieser Aspekt sei den Patienten sogar wichtiger als die Kompetenz des Arztes. Hier gehe es um Zeit, um Zuwendung und um die Würde des Patienten. „Die meisten Beschwerden betreffen die Patienteninformation“, ergänzt Dr. Golling. Durch die straffen Abläufe im Krankenhaus komme es zu Kommunikationsproblemen zwischen Arzt und Patient – einer der Gründe, weshalb Heilpraktiker oder integrative Medizin solchen Zulauf hätten. „Wir werden in der Ausbildung nicht genug geschult, wie man Informationen patientengerecht vermittelt“, meint Dr. Golling.
Patienten wollen laut Dr. Golling
eine hochwertige Behandlung,
keine Wartezeit,
Wahlfreiheit,
keine Zwei-Klassen-Medizin und
Soft Skills, also Zeit und Zuwendung.
Der Patient wolle aktiv mitgestalten, und auch hier sei der Arzt gefragt: „Wir als Ärzte haben die Pflicht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Patient eine bessere Gesundheitskompetenz entwickelt.“
Diese und weitere Redner der Tagung sehen Sie hier: