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Interview: Start-ups in der Medizintechnik „Als Elektroingenieurin und Informatikerin liebe ich es, komplexe Probleme zu lösen“

Das Gespräch führte Bayern Innovativ 5 min Lesedauer

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Im Partnernetzwerk Gesundheit der Bayern Innovativ GmbH sind viele Start-ups, welche die Gesundheitsbranche mit neuen Ideen voranbringen. Eines davon ist die PGXperts GmbH. Was genau das junge Unternehmen macht, erzählt Herna Munoz-Galeano, Gründerin und Geschäftsführerin des Start-ups im Interview.

Herna Munoz-Galeano ist Gründerin und Geschäftsführerin von PGXperts.(Bild:  PGXperts)
Herna Munoz-Galeano ist Gründerin und Geschäftsführerin von PGXperts.
(Bild: PGXperts)

Was macht PGXperts und was ist das Besondere an PGXperts?

Herna Munoz-Galeano: PGXperts revolutioniert die Arzneimitteltherapie, indem es personalisierte Medikation direkt am Ort der Verordnung möglich macht. PGXperts ermöglicht eine personalisierte Medikation. Durch die Berücksichtigung genetischer, klinischer und demografischer Faktoren erhalten Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, für jede Patientin und jeden Patienten das passende Medikament in der richtigen Dosierung zu verschreiben – und verändern damit grundlegend, wie Therapien geplant, verabreicht und überwacht werden. Individuelle Genetik, individueller Stoffwechsel – kein Medikament wirkt bei allen gleich. Genau hier setzt PGXperts mit drei zentralen Funktionen an, die entscheidend sind: Erstens die Interpretation pharmakogenetischer Daten im Labor. Dabei wird ermittelt, wie ein bestimmter Patient Wirkstoffe metabolisiert. Das Ergebnis ist ein präzises pharmakogenetisches Profil. Zweitens unterstützen wir Ärztinnen und Ärzte bei der personalisierten Anpassung von Therapien. Mithilfe des Moduls PGXperts PRiM werden die genetischen Informationen – das PGxProfil – direkt bei der Verordnung berücksichtigt. Und drittens ermöglichen wir die automatische Prüfung auf relevante Wechselwirkungen zwischen Medikamenten, genetischen Merkmalen und, bei Bedarf, weiteren Einflussfaktoren wie Ernährung und klinische und demographische Parameter. So wird die Arzneimitteltherapie individuell angepasst – evidenzbasiert, praxisrelevant und mit deutlich erhöhter Therapiesicherheit.

Was ist Ihre Mission? Was treibt Sie an?

Munoz-Galeano: Das Problem der Mehrfachmedikation beobachte ich seit etwa zehn Jahren. Insbesondere bei älteren, aber zunehmend auch bei jüngeren Patientinnen und Patienten ist zu erkennen, dass mit jeder neuen Diagnose oder Symptomatik häufig ein zusätzliches Medikament verordnet wird, ohne die bestehende Medikation umfassend zu überprüfen. Ich habe festgestellt, dass viele Ärztinnen und Ärzte bei ihren Therapieentscheidungen mit hoher Komplexität und gleichzeitig sehr begrenzter Zeit konfrontiert sind. Ein Hausarzt hat durchschnittlich etwa 13 Minuten pro Patient – inklusive Gespräch, Untersuchung, Diagnostik und Verordnung. In dieser kurzen Zeit die gesamte Medikation systematisch zu überprüfen, ist kaum realistisch. Dabei nehmen viele Patientinnen und Patienten neun, 13 oder sogar 20 Medikamente täglich ein. Die Wahrscheinlichkeit für Wechselwirkungen, Über- oder Fehlmedikation steigt dadurch erheblich. Das hat direkte Auswirkungen auf die Versorgungsqualität: Unerwünschte Arzneimittelwirkungen gehören zu den häufigsten Gründen für Krankenhausaufenthalte, viele davon wären vermeidbar.

Ich stellte mir die Frage: Wie kann man Ärztinnen und Ärzte in ihrer täglichen Arbeit gezielt unterstützen und gleichzeitig das Wohl der Patientinnen und Patienten, die viele Medikamente zu sich nehmen, verbessern? Auf der Suche nach Antworten stieß ich auf die Pharmakogenetik und erkannte darin ein enormes Potenzial für die Individualisierung der Arzneimitteltherapie. Im Jahr 2013 traf ich Professor Dr. Ingolf Cascorbi, einen der führenden Köpfe im Bereich Pharmakogenetik. Im Gespräch mit ihm wurde mir bewusst: Die wissenschaftlichen Grundlagen für eine personalisierte Medikation sind längst bekannt und es geht weiter – doch die eigentliche Herausforderung liege in der Komplexität und Menge der relevanten Daten und ihre klinische Evidenz. Darüber hinaus müssten die Informationen im klinischen Alltag direkt anwendbar sein.

Ich entwickelte eine Vision von einem grundlegenden Wandel in der Medizin: einer Zukunft, in der personalisierte Medikation auf Basis genetischer Erkenntnisse jeden Menschen erreicht, der davon profitieren kann. Als Elektroingenieurin und Informatikerin liebe ich es, komplexe Probleme zu lösen. Damals leitete ich bereits meine eigene Technologie-Beratungsfirma. Ich stellte einen Antrag bei der Bayerischen Forschungsförderung, erhielt gezielt Fördermittel und ergänzte diese durch eigenes Investment. So konnte ich ein interdisziplinäres Team mit Expertise aus 13 Fachrichtungen aufbauen. Zusätzlich wurden über 23 Hausärztinnen und -ärzte aus dem Ärztenetzwerk Nürnberg-Süd aktiv eingebunden – denn ohne klinische Anwendbarkeit ist alles nichts. Gemeinsam führten wir angewandte Entwicklungsforschung durch. Nach dem erfolgreichen Proof of Concept im Jahr 2017 hat die HMG Systems Engineering GmbH PGXperts innerhalb von sieben Jahren zu einem marktreifen Produkt weiterentwickelt. Selbst die Zeit der Pandemie haben wir aktiv für die Zertifizierung nach ISO-13485 genutzt. PGXperts wurde mit Wirkung zum 01. Januar 2024 in eine eigene Gesellschaft, die PGXperts GmbH, ausgegliedert. Die Gründe für die Ausgliederung waren einerseits die rasche Entwicklung des weltweiten Pharmakogenetik-Marktes und andererseits die hervorragenden Ergebnisse der von PGXperts beschlossenen Vertriebsstrategie. Wir haben mit PGXperts die Vision umgesetzt – eine digitale Softwarelösung, die Ärztinnen und Ärzte entlastet, fundierte Therapieentscheidungen ermöglicht und damit die Patientensicherheit auf ein neues Niveau hebt. Heute sind wir ein zertifizierter Hersteller von medizinischer Software für Pharmakologie und Pharmakogenetik – „Software as a Medical Device“, made in Fürth. Wir verfügen über ein europäisches Patent, und unsere Zulassung als Medizinprodukt der Klasse IIb ist für Anfang 2026 geplant.

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Wie geht es denn jetzt weiter?

Munoz-Galeano: Als innovatives KMU folgen wir einem klaren Prinzip: Fokus und Scale-up. Unsere Weiterentwicklung erfolgt dabei auf zwei Ebenen – strategisch und inhaltlich. Die strategische Weiterentwicklung ist gegeben durch Skalierung auf nationaler und internationaler Ebene. Ziel ist es, immer mehr Kliniken und medizinische Einrichtungen dabei zu unterstützen, personalisierte Medikation mithilfe von Pharmakogenetik sicherer, präziser und individueller zu gestalten. Parallel dazu treiben wir unsere internationale Expansion systematisch voran.

Das PGXperts-System ist bereits auf Deutsch, Englisch und Spanisch verfügbar – Französisch und Italienisch folgen in Kürze. Ein zentraler Meilenstein war das MedeA-Projekt: 2023 gewannen wir – gemeinsam mit Illumina – eine internationale Ausschreibung in Spanien. Erstmals wurde weltweit ein flächendeckendes System zur pharmakogenetischen Genotypisierung und Interpretation für die gesamte Bevölkerung aufgebaut – in der autonomen Region Extremadura. Aktuell sind wir in folgenden Märkten besonders aktiv: UK, Spanien, Österreich und der Schweiz. Weitere europäische Märkte sind bereits in Vorbereitung. Die inhaltliche Weiterentwicklung konzentriert sich darauf, unser evidenzbasiertes Wissen stets auf dem neuesten Stand zu halten. Das Herzstück unserer Lösung ist die PGx-Wissensdatenbank, die kontinuierlich kuratiert und erweitert wird.

Gibt es einen Funfact über PGXperts?

Munoz-Galeano: Ein Patient mit Polypharmazie aus unserem ersten Pilotprojekt fühlte sich nach der Anpassung seiner Medikation mithilfe von PGXperts an seine genetischen Voraussetzungen plötzlich richtig gut – und schickte mir mehrere Monate lang Blumen. Ich kannte ihn gar nicht persönlich, aber das war wirklich schön und hat mich sehr gefreut!

Vielen Dank für das Interview!

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