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DGBMT / MITI Chirurgie-Kurs für Ingenieure – Einladung zum Dialog

Autor / Redakteur: Autorin | Kathrin Schäfer / Kathrin Schäfer

Als Patienten erwarten wir, dass Kliniken auf dem neuesten Stand der Technik sind. Von Ärzten verlangen wir, dass sie diese Technik nicht nur bedienen können, sondern sicher beherrschen. Doch was erwarten Ärzte – und speziell Chirurgen – von denjenigen, die die Technik für sie bereitstellen?

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Gruppenbild vom Chirurgiekurs für Ingenieure an der TU München: „Die Chirurgie ist mehr denn je auf innovative Technologien angewiesen“, sagt Prof. Hubertus Feußner, Chirurg und stellvertretender Direktor der Chirurgischen Klinik am Klinikum rechts der Isar (vordere Reihe, vierter von rechts).
Gruppenbild vom Chirurgiekurs für Ingenieure an der TU München: „Die Chirurgie ist mehr denn je auf innovative Technologien angewiesen“, sagt Prof. Hubertus Feußner, Chirurg und stellvertretender Direktor der Chirurgischen Klinik am Klinikum rechts der Isar (vordere Reihe, vierter von rechts).
(Bild: Michael-Stobrawe / MRI-TUM)

Hubertus Feußner ist Chirurg und stellvertretender Direktor der Chirurgischen Klinik am Klinikum rechts der Isar in München. Und er weiß: „Die Chirurgie ist mehr denn je auf innovative Technologien angewiesen.“ Armin Schneider ist Ingenieur für biomedizinische Technik. Für ihn „ist die enge Zusammenarbeit zwischen Ingenieur und Anwender Voraussetzung, um klinisch taugliche Systeme entwickeln zu können.“ Gemeinsam mit Feußner leitet er deshalb die Forschungsgruppe MITI am Klinikum rechts der Isar an der TU München. In der Arbeitsgruppe entwickeln Mediziner und Ingenieure diagnostische Verfahren und therapeutische Lösungen für die minimal-invasive Chirurgie. MITI steht für minimal-invasive interdisziplinäre therapeutische Intervention.

Medizintechnik live im Klinikalltag erleben

Weil Feußner und Schneider nicht nur überzeugt sind von dem, was sie tun, sondern ihr Wissen auch weitergeben möchten, bieten sie einen Kurs an, in dem Ingenieure erfahren, wie Ärzte mit ihren Produkten arbeiten. Mehr noch – „Hands-on“ – selbst Hand anlegen dürfen Ingenieure beim Intensivkurs Chirurgie in der Praxis. Konkret bedeutet dies beispielsweise: die Speiseröhre einer Anatomie-Puppe endoskopisch untersuchen, eine Galle am OP-Simulator entfernen oder chirurgisches Nähen üben – wohlgemerkt aber unter simulierten Bedingungen und mit den Instrumenten minimal-invasiver Operationen. Außerdem Führungen durch die Chirurgie des Klinikums und das Beobachten von Live-OPs. So auch beim mittlerweile fünften Kurs Anfang Mai in München.

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Dieser beginnt mit einem Vortrag von Feußner, der sein Team aus „Klinikern und Vollblutchirurgen“, aber eben auch Ingenieurwissenschaftlern vorstellt. Veranstaltungsort ist der sogenannte Pavillon, ein modern ausgestatteter, in Grau gehaltener Hörsaal direkt über der Mensa. Es könnte jeder andere Fachbereich der TU München sein, wären da neben Studenten nicht Ärzte in weißen Kitteln, der Klinikgeruch, den die Handdesinfektionsmittel in den Waschräumen der Toiletten verbreiten, und das Klinikgebäude selbst, das in Sichtweite gegenüber, nur wenige Schritte entfernt ist. Feußner trägt seinen Kittel, denn wie alle Ärzte in seinem Team ist er auch während des Kurses für den Notfall erreichbar. Wenn sein Mobiltelefon klingelt, verlässt er den Hörsaal, um Patienten in der Klinik nebenan zu behandeln. Hier bereits zeichnet sich ab, was Feußner in seinem Vortrag einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Arbeitsweise von Ingenieuren und Medizinern – und damit einen Hemmschuh für die erfolgreiche Zusammenarbeit – nennt: das Zeitmanagement.

Zwei Berufswelten prallen aufeinander

Was auf den ersten Blick banal daherkommt, birgt in der Praxis eine Menge Konfliktpotenzial. Denn immer wieder passiert es, dass Ärzte Termine wegen eines Notfalls nicht einhalten können. An Nacht- und Wochenenddienste gewöhnt, sind Ärzte wiederum irritiert, wenn Ingenieure für Termine außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten nicht zugänglich sind. Das kann für beide Seiten frustrierend sein, wie Feußner überspitzt und mit einem Augenzwinkern formuliert: „Ärzte halten Ingenieure für Freizeitapostel; Ingenieure halten Ärzte oft für Chaoten.“ Verständnis für die Situation, das heißt die Arbeitswelt des jeweils anderen, ist gefragt. Feußners Appell an die anwesenden Ingenieure: Zeitpläne für Projekte realistischer gestalten. Seiner Ansicht nach prallen bei Ärzten und Ingenieuren zwei Kulturen, zwei Berufswelten aufeinander. Bereits nach Studienende tritt dieser Unterschied zu Tage: Während Ingenieure direkt einsatzfähig sind, fängt die Ausbildung von Ärzten gerade erst an, denn es braucht ein hohes Maß an Empirie, an Praxiserfahrung.

Eigene Denkmuster und Begrifflichkeiten

Dies spiegelt sich in der Arbeitsweise wider: „Deklaratives Wissen reicht nicht aus“, so Feußner. Will meinen: Mit Bildern, Texten, Videos und ähnlichem erfasse man das Wesen der Chirurgie nicht. Auch dies ein Grund für diesen Kurs. Wo Ingenieure sich an Zahlen und Fakten halten, folgt die Methodik von Ärzten Erfahrungen aus der Praxis und der Lehrmeinung einer bestimmten Schule. Die damit verbundene Relativierbarkeit, der Mangel an objektiv, in Zahlen Ausdrück- und Messbarem, macht sich auch in der Terminologie bemerkbar und kann Ingenieure schon mal in den Wahnsinn treiben: So werden Tumore beispielsweise als hühnerei-, pflaumen- oder frauenhandgroß bezeichnet. Hinzu kommt: Jeder Mensch, jeder Patient ist ein Unikat. Deshalb ist jeder Fall, jede Behandlung, jeder chirurgische Eingriff anders. Apropos: Ob Routineeingriff oder Notoperation, Ärzte wünschen sich, dass Patientendaten auf den Geräten im OP gut aufbereitet sind und sie diese schnell abrufen können; Geräte müssen – auch unter Stress – leicht bedienbar sein. Was Medizintechnik leisten muss, bringt Feußner so auf den Punkt: „Sie können die physikalische Leistungsfähigkeit eines Individuums nicht weiter vermehren. Hilfsmittel brauchen wir deshalb von Ihnen, den Ingenieuren.“

Ärzte und Ingenieure brauchen einander …

Soweit der Mediziner. Was sagt der Ingenieur? Vieles von dem, was Feußner angerissen hat, bestätigt Schneider in seinem Vortrag. Das Besondere für ihn an der Medizintechnik: „In anderen Branchen, wie der Automobilindustrie, entwickeln wir Produkte, die wir selbst testen können. Wir können das Auto auch fahren. In der Medizintechnik können wir die Geräte jedoch nie selbst anwenden. Zwar können wir sie an Tieren testen, aber das ist letztlich nie so real wie am Menschen.“ Sein Fazit: „Wir brauchen Mediziner, die sagen, was notwendig und letztlich auch klinisch möglich ist.“

… und profitieren beide vom Dialog

Klare, konkrete und detaillierte Problemstellungen, wie Schneider sie fordert, konnten Kursteilnehmer in München bei mehreren Gelegenheiten erhalten. Wie zufrieden die Ärzte mit der Bedienung chirurgischer Instrumente wären, fragte ein Teilnehmer, während er im Darm einer Puppe mit dem Endoskop hantierte. Und bekam prompt eine Antwort. Dass und wo Verbesserungsbedarf besteht, konnte er mit dem Instrument in der Hand leicht nachvollziehen. Wie beispielsweise Röntgengeräte im OP beansprucht werden und unter welchen Bedingungen Ärzte und Klinikpersonal sie bedienen müssen, wurde spätestens beim Beobachten einer Sprunggelenks-OP klar. Dass Ärzte neuer Technik meist neugierig und aufgeschlossen gegenüberstehen, machten die zwei Tage deutlich. Und dass sie offen für den Dialog mit Ingenieuren sind, auch.

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