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Forum Medtech Pharma/Medical Valley „Wir sehen derzeit ein ambivalentes Bild in der Medizintechnik-Branche“

Redakteur: Julia Engelke

Was erwartet Medizintechnikhersteller 2021? Devicemed hat mit Jörg Trinkwalter, Mitglied der Geschäftsführung Medical Valley, und Dr. Jörg Traub, Geschäftsführer Forum Medtech Pharma, über neue Trends und Herausforderungen in der Medizintechnik sowie das Netzwerken von morgen gesprochen.

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Im Gespräch mit Devicemed: Jörg Trinkwalter (l.), Mitglied der Geschäftsführung Medical Valley, und Dr. Jörg Traub, Geschäftsführer Forum Medtech Pharma.
Im Gespräch mit Devicemed: Jörg Trinkwalter (l.), Mitglied der Geschäftsführung Medical Valley, und Dr. Jörg Traub, Geschäftsführer Forum Medtech Pharma.
(Bild: Karen Köhler/Klinikum der Universität München)

Welche Trends erleben derzeit in der Medizintechnik-Branche einen Aufschwung? Welche Innovationen drängen ins Feld?

Trinkwalter: Ich denke, dass wir in vielen Feldern eine immer stärkere Konvergenz von Technologie und Gesundheitsversorgung erleben. Im Kern ist diese natürlich getrieben durch Digitalisierung und immer personalisiertere Therapieansätze auf Basis von Genomsequenzierungen. Weitere Beispiele sind Produkte/Ansätze aus den Bereichen Robotik, Sensorsysteme, AI und IoT, die in immer effizienteren und effektiveren Produkten und Dienstleistungen die gesamte Gesundheitsversorgungskette adressieren. Das beginnt bei der Prävention über die Diagnostik und Therapie bis hin zur Reha und Pflege. Gleichzeitig sehen wir immer mehr bürger- und patientenzentrierte Ansätze, die mit den digitalen Gesundheitsanwendungen in Deutschland auf Basis des Digitale-Versorgung-Gesetzes sogar erstattet werden. Die schon vor Jahren propagierte P4-Medizin als „Medizin der Zukunft“ – also eine Medizin, die prädiktiv, präventiv, personalisiert und partizipativ ist – rückt in immer greifbarere Nähe und wird für die Bürgerinnen und Bürger zunehmend erlebbar.

Traub: Insgesamt gewinnt die individualisierte Medizintechnik immer mehr an Bedeutung. Digitale Lösungen spielen dabei eine wichtige Rolle, um Medizinprodukte individuell und passgenau herzustellen. Die 2020 veröffentlichte Marktstudie „Medizintechnik 2020“ von Luther und Clairfield in Zusammenarbeit mit dem BV-Med und dem VDMA bestätigt, wie wichtig digitale Geschäftsmodelle für den langfristigen Erfolg von Medizintechnik-Unternehmen sind. So prognostizieren 40 Prozent der befragten deutschen Unternehmen einen Umsatzanstieg von 5 Prozent durch erfolgreiche Umsetzung der Digitalisierung in ihrem Unternehmen. Als eine der innovationsstärksten Branchen der deutschen Wirtschaft ist ein weiterer Trend der Medizintechnik erkennbar: der Einsatz von Automatisierung, Robotik, KI und Datenverarbeitung. Die Anwendungsfelder sind dabei vielfältig: von der effizienten Produktion medizintechnischer Geräte über Automation von Prozessen bis hin zum Einsatz von hochspezialisierten Robotern im OP. Meine Zukunftsvision ist die Transformation des Gesundheitssystems von einem „Sick Care“ hin zu einem präventiven, datenbasierten System „Health & Care“ – eine individualisierte, patientenzentrierte und präventionsorientierte Gesundheitsversorgung und Vorsorge, die unsere Beweglichkeit in jeder Phase des Lebens erhält und auch dafür sorgt, dass wir Krankheitssituationen gut bewältigen können. Für manche Krankheitsbilder, wie die Früherkennung von Tumoren, der Diagnose von Gefäßrupturen, bevor diese eigentlich entstehen, funktioniert das präventive System aufgrund einer hochspezialisierten, innovativen Medizintechnik bereits sehr gut.

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Welche Herausforderungen gehen damit einher und wie sind sie zu bewältigen?

Trinkwalter: Ganz grundsätzlich glaube ich, dass neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle auch Struktur- und Prozessinnovationen brauchen. Konkretes Beispiel ist die Aufbruchstimmung, welche das Digitale-Versorgung-Gesetz ausgelöst hat. Der gerade in der Abstimmung befindliche „Entwurf eines Gesetzes zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege“ ist ein weiteres Beispiel, insbesondere mit seinen Bestimmungen zur Modernisierung des Pflegesektors. Auch das Krankenhauszukunftsgesetz liefert einen wichtigen Impuls: Hier werden wir 2021 bereits die Umsetzung und Implementierung von Lösungen erleben und somit insgesamt eine neue, spannende Perspektive erhalten.

Natürlich sehen wir derzeit ein ambivalentes Bild in der Medizintechnik-Branche, da viele Betriebe von der Corona-Pandemie stark betroffen sind. So hat unter anderem die Aussetzung der elektiven Eingriffe in den Lockdown-Phasen zu erheblichen Umsatzeinbußen in der Industrie geführt. An dieser Stelle ist meine Hoffnung, dass mit den Impfstoffen Normalität einkehrt und diese Umsatzeinbußen ausgeglichen werden können. Alles in allem ist festzuhalten, dass die Folgen der Corona-Pandemie in Kombination mit der Einführung der MDR und den daraus entstehenden Konsequenzen schon eine große Herausforderung sind – insbesondere für KMUs.

Traub: Die Medizintechnik ist eine schnell wachsende Branche mit stetigem Bedarf an Fortschritt und Innovationen. Dieses enorme Innovationspotential lässt die Medizintechnik zu einem höchst lukrativen Markt sowohl für Forschung als auch Industrie werden. Gleichzeitig aber steigt der regulatorische Druck an, die Komplexität der Wertschöpfung nimmt zu. In diesem Jahr beschäftigt die Hersteller und Zulieferer insbesondere die MDR/IVDR. Die Erfüllung der grundlegenden Sicherheits- und Leistungsanforderungen der Europäischen Verordnung gestaltet sich sehr anspruchsvoll: Die Harmonisierung dauert zu lange, es fehlen gegenseitig anerkannte Verfahren, es gibt einen Engpass bei der Beauftragung Benannter Stellen, Fristen sind zu kurz gefasst. Zudem erschwert der Preisdruck die Inverkehrbringung von Produkten und Services. Aufwendige Prozesse, wie komplizierte und teure Abrechnungs- und Erstattungsverfahren, sowie zusätzlicher Personalaufwand sind die Konsequenzen aktueller regulatorischer Auflagen. Von strikterem Datenschutz über klinische Studien bis hin zur Kassenzulassung – die Hürden sind hoch und guter Rat oft teuer. Gleichzeitig werden höchste Qualität sowie Sicherheit der Medizinprodukte gefordert. Insbesondere KMU und Start-ups sind hier gefordert und müssen sich fortwährend neuen Gegebenheiten anpassen, um das zentrale langfristige Ziel zu erreichen, nämlich die Lebensqualität aller Patientinnen und Patienten individuell zu verbessern.

Wie wirken sich diese Aspekte auf Ihr Netzwerk aus, Herr Trinkwalter? An welcher Stelle kann hierauf besonders eingegangen werden?

Trinkwalter: Diese Aspekte wirken sich massiv auf unser Netzwerk und unsere Netzwerkangebote aus. So haben wir z.B. rund um das Thema „DiGA“-Support ein komplettes Team namens Medical Valley Digital Medical Application Center (DMAC) aufgebaut. Das DMAC begleitet Hersteller von digitalen Gesundheitsanwendungen von der Zulassung über die BfArM-Antragstellung bis hin zur Studienimplementierung und -evaluation im Fast-Track-Verfahren. Zudem tragen wir der Konvergenz von Technologien verstärkt Rechnung und werden 2021 verschiedenste Cross-industry-Formate durchführen wie beispielsweise einen Makeathon für robotische Assistenzsysteme oder unseren 10X Health Investment Club. Dieser wird im nächsten Jahr operativ starten und bietet dann dem Mittelstand Möglichkeiten für Smart Money Investments in interessante Healthtech-Start-ups. Wir glauben nämlich fest an die große Chancen der strategischen Partnerschaft zwischen Mittelstand und Start-up.

Ein weiterer Aspekt ist sicherlich die Erkenntnis, dass viele Projekte und Events auch remote stattfinden können und man insofern auch ein Stück Freiheit hinzugewonnen hat, die auch in Zukunft beibehalten werden sollte. Darüber hinaus wurde uns aber sehr deutlich bewusst, dass Netzwerken ohne persönlichen Kontakt auch Grenzen hat und wir uns dementsprechend extrem darauf freuen Partner, Besucherinnen und Besucher und alle anderen hoffentlich bald wieder face-to-face treffen zu können. Idealerweise können diese Treffen dann mit der neu gewonnenen Lockerheit aus Homeoffice-Zeiten kombiniert werden – eigentlich eine unschlagbare Kombination, auf die wir uns sehr freuen.

Herr Traub, wie wirken sich diese Aspekte auf Ihr Netzwerk aus? Was denken Sie, wie sich das Netzwerken zukünftig gestaltet?

Traub: Ein wesentlicher Grundpfeiler für die Medizintechnik-Branche sind gezielte Kooperationen und ein anwendungsnaher Austausch von Industrie, Wissenschaft und Klinik. Als Netzwerkorganisation Forum Medtech Pharma ist es uns ein besonderes Anliegen, hierfür vielfältige, interdisziplinäre Angebote zu schaffen. Mit Fachtagungen, Kongressen, Workshops, Kontaktvermittlungen und Projektbeteiligungen unterstützen wir die transdisziplinäre Vernetzung nationaler und internationaler Akteure der Gesundheitswirtschaft, spezifisch auch im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen der Branche. Als einer der größten Vernetzungstreiber und Katalysatoren für Innovation gelten nach wie vor Fachmessen und Kongresse. So haben wir gemeinsam mit unserem Partner Medtec Live im letzten Jahr trotz der COVID-19-Pandemie den ersten virtuellen Medtec Summit verwirklicht.

Der digitale Kongress hat gezeigt, dass dieser fachliche Austausch der Branche gerade in schwierigen Zeiten unschätzbar wichtig ist. Nichtsdestotrotz ersetzen virtuelle Begegnungen keine persönlichen Gespräche. Unser Ziel für 2021 ist es, allen Netzwerkakteuren sowohl digitale als auch Präsenzveranstaltungen anzubieten. Hoffen wir, dass es die Zeiten zulassen und wir uns bald wieder face-to-face austauschen können.

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