Die Medizintechnik erscheint derzeit wie eine Perle in der deutschen Industrielandschaft. Sie wird zuverlässig angetrieben von der demografischen Entwicklung sowie einer steigenden Nachfrage etwa nach minimalinvasiven chirurgischen Instrumenten, Implantaten oder künstlichen Knie- und Hüftgelenken. Geht es um Qualität und Funktionalität, Oberflächengüte oder perfekte Passgenauigkeit, fällt den Schleifprozessen in der Fertigung dieser Produkte eine besondere Bedeutung zu. Da trifft es sich gut, dass die Fachmesse Grinding Hub (5. bis 8. Mai) in diesem Jahr parallel zur Medtec Live (5. bis 7. Mai) auf dem Stuttgarter Messegelände stattfindet.
Vom Präzisionsschleifen von Titan-Stiften und Knochenbohrern bis hin zu optischen Geräten und der Herstellung von Dentalbohrern bietet die Medizintechnik ein weites Feld. Ein aufeinander abgestimmtes Gesamtsystem anstelle von Einzelkomponenten sei dabei oft der Schlüssel zu mehr Effizienz, heißt es bei Dr. Kaiser Diamantwerkzeuge.
(Bild: Dr. Kaiser Diamantwerkzeuge)
Allein in Deutschland legt die Medtech-Branche zuverlässig jedes Jahr um rund 5 Prozent zu. Rund 68 Prozent des Umsatzes geht nach jüngsten Branchenangaben in den Export. So mag es nicht verwundern, dass sich Produktionsunternehmen von diesen Erfolgen angezogen fühlen, insbesondere wenn es darum geht, Rückgänge in anderen Bereichen zu kompensieren. Allerdings sind die Markteintrittshürden hoch, v. a. durch die sehr komplexen Anforderungen der europäischen Medizinprodukteverordnung MDR (Medical Device Regulation). Dessen ungeachtet, rückt auch der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), Veranstalter der Grinding Hub, die Medizintechnik als wichtigen Wachstumsmarkt in den Fokus. Zuletzt wurde auf dem EMO Economic Forum im vergangenen Jahr in Hannover gemeinsam mit Kundenbranchen über aktuelle Trends in der Medizintechnik diskutiert. Dabei wurden v. a. die hohe Präzision für komplexe, patientenspezifische Geräte, die Flexibilität in der Produktion für individuelle Anpassungen sowie die vollständige Rückverfolgbarkeit über globale Lieferketten thematisiert.
Glatte Oberflächen essenziell
Innovative Schleiftechnik ist v. a. bei den Geräten für Diagnostik, Chirurgie und Intensivmedizin oder Implantaten und Endoprothetik gefragt. Sollen kranke Gelenke wieder zu schmerzfreien Bewegungen befähigt werden, dürfen an Oberflächen von Prothesen keine Keime anhaften. Bei künstlichen Hüftgelenkskugeln reden Fachleute von einem Oberflächenfinish im Rauheitsbereich von Ra ˂ 0,005 µm. Um schmerzfreie Injektionen zu gewährleisten, sind die Spitzen von Mikro-Injektionsnadeln gratfrei zu schleifen, die einen Durchmesser von vielleicht gerade einmal 0,18 mm aufweisen. Bei metallischen und bioresorbierbaren Stents sorgen glatt geschliffene Oberflächen dafür, Turbulenzen im Blutfluss zu reduzieren.
Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums gibt es derzeit rund eine halbe Million unterschiedlicher medizinischer Produkte. Auch für die Schleiftechnik stellt die Vielfalt eine Herausforderung dar. Neben hohen Anforderungen an die Präzision, geht es dabei auch um die Bandbreite der eingesetzten Werkstoffe, die von Titan- und Cobaltchrom- über Edelstahllegierungen bis zu Keramiken reicht.
Von der Entwicklung bis zur Zulassung
Der Treffpunkt Medizintechnik bringt die Branche zusammen
Die Medizintechnik entwickelt sich rasant – bedingt durch Digitalisierung, neue Materialien, KI, Robotik und mehr. Damit steigen nicht nur die Chancen für eine bessere Versorgung, sondern auch die Anforderungen an Forschung, Entwicklung und Hersteller. Der Treffpunkt Medizintechnik am 17. September 2026 in Frankfurt/Main fördert den Austausch und vernetzt Entscheider der Branche. Auf der neuen Veranstaltung, ausgerichtet von DeviceMed, erwartet die Teilnehmer eine Ausstellung mit einem begleitenden Vortragsprogramm. Im Fokus stehen aktuelle Marktübersichten, Marktentwicklungen und Marktchancen sowie Fachvorträge zu Entwicklung, Konstruktion, Produktion, Qualitätssicherung und Zulassung. Finden Sie neue Partner für Ihre Medizinprodukte-Entwicklung (OEM, QM-Experten, Dienstleister). Freuen Sie sich auf Best-Practice-Beispiele von Medizintechnik-Herstellern und den Austausch mit anderen Branchen-Experten.
„Vor allem bei sehr anspruchsvollen Prozessen, komplexen Formgebungen, hochfesten, schwierig zu bearbeitenden Werkstoffen sowie bei Toleranzen im µ-Bereich sind unsere Lösungen im Einsatz“, erläutert Christoph Müller, Head of Sales bei Dr. Kaiser Diamantwerkzeuge. „Vom Präzisionsschleifen von Titan-Stiften und Knochenbohrern bis hin zu optischen Geräten und der Herstellung von Dentalbohrern bietet die Medizintechnik ein weites Feld“, so der Experte.
Als Hersteller von hochpräzisen Schleif- und Abrichtwerkzeugen erkennt das Unternehmen aus dem niedersächsischen Celle aber auch wachsende Potenziale im Bereich der Medizintechnik. „Im aktuellen Spannungsfeld zwischen Kostendruck einerseits und gestiegenen Anforderungen an Qualität, Prozessstabilität oder auch Nachhaltigkeit andererseits, setzen unsere Kunden immer mehr auf maßgeschneiderte Entwicklungen und Prozessoptimierungen“, sagt Müller.
Ein aufeinander abgestimmtes Gesamtsystem anstelle von Einzelkomponenten sei dabei der Schlüssel zu mehr Effizienz. Ergänzend zu den Produkten gewinne daher der Bereich der Anwendungstechnik immer stärkere Bedeutung, sei es im Know-how Transfer in Seminaren, digitaler Unterstützung per App oder im hauseigenen Versuchsfeld sowie Prozessauslegungen und -optimierungen beim Kunden vor Ort.
Kontinuierliche Forschungs- und Entwicklungsarbeit
Den stärkeren Fokus auf Prozessoptimierung bestätigt auch Marie-Sophie Maier, Geschäftsführerin des Schleifmaschinenherstellers Adelbert Haas in Trossingen. Sie sieht in der Medizintechnik derzeit vor allem drei zentrale Herausforderungen. Dazu gehörten der Wunsch nach höherer Prozesssicherheit, steigende Anforderungen an Präzision und Reproduzierbarkeit sowie eine zunehmende Variantenvielfalt. Dazu seien automatisierte oder zumindest teilautomatisierte Umgebungen Voraussetzung. „Entscheidend ist aus unserer Sicht das durchgängige Zusammenspiel von Maschine, Software, Spann- und Messtechnik“, betont die Geschäftsführerin.
Jährlich werden auf Schleifmaschinen von Adelbert Haas nach eigenen Berechnungen des Unternehmens allein rund 2,4 Millionen Knie-Endoprothesen hergestellt. Mit der erheblichen Rüstzeit-Ersparnis, schneller Programmierung, dem kombinierten Schleifen und Fräsen sowie dem Abrichten im Prozess rechneten sich Investitionen in entsprechende Maschinen sehr schnell, so das Unternehmen.
Stand: 08.12.2025
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Beim Schleifmaschinenhersteller Adelbert Haas hat die Medizintechnik einen hohen Stellenwert. Auf Multigrind Schleifmaschinen werden allein jedes Jahr 2,4 Millionen Knie-Endoprothesen gefertigt, heißt es.
(Bild: Adelbert Haas GmbH)
Maier betont, dass die Medizintechnik zu den anspruchsvollsten Anwendungsfeldern überhaupt gehört. „Wir sind kontinuierlich in anwendungsnahen Entwicklungs- und Forschungsprojekten eingebunden, vor allem an der Schnittstelle zwischen Schleifprozess, Software und Messtechnik“, so die Geschäftsführerin. Neben der weiteren Steigerung der Prozessstabilität liege der Fokus auf der datenbasierten Optimierung von Schleifprozessen sowie der Integration von Closed-Loop-Lösungen. Ein Closed-Loop-System ermöglicht die nahtlose Integration von Bearbeitungs- und Messmaschinen. Die Software sorgt dafür, dass Daten aus der Bearbeitungsmaschine direkt an die Messmaschine übertragen werden. Das Messprotokoll kommt zur Maschine zurück, die notwendige Korrekturen dann selbstständig vornimmt. Die Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit Industriepartnern sowie wissenschaftlichen Einrichtungen, heißt es bei Adelbert Haas.
Trend zu flexiblen Maschinen- und Softwarekonzepten
Für die Zukunft sieht Maier einen klaren Trend: „Wir erleben die zunehmende Funktionsintegration bei medizinischen Bauteilen bei gleichzeitig strengeren regulatorischen Anforderungen.“ Für Schleifexperten bedeute dies, dass Prozesse nicht nur hochpräzise, sondern auch transparent, reproduzierbar und dokumentierbar sein müssen. Zusätzlich gewinnen laut Maier flexible Maschinen- und Softwarekonzepte an Bedeutung, um neue Werkstoffe, komplexe Geometrien und wechselnde Anforderungen effizient abbilden zu können.
Dieser Trend dürfte auch in Stuttgart Thema werden. Für die Schleifexperten sind die parallel stattfindenden Messen ein Gewinn. „Als Aussteller auf der Grinding Hub freuen wir uns darüber und hoffen auf Synergieeffekte mit der Medtec Live“, sagt Christoph Müller. Besucherinnen und Besucher haben übrigens mit nur einem Ticket Zugang zu beiden Veranstaltungen.