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Portrait Es stehen die Menschen im Fokus, die Technologie wirkt nur unterstützend

Redakteur: Kristin Breunig

Auf einen Facharzttermin wartet man gut und gerne mal ein halbes Jahr. Doch akute Hautprobleme können nicht warten. Dieser Ansicht sind auch die drei Gründer von Onlinedoctor. Über die gleichnamige Online-Plattform können Patienten einen Hautarzt online kontaktieren und erhalten spätestens 48 Stunden später eine fachärztliche Einschätzung.

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In 2020 verzeichnete Onlinedoctor ein Wachstum von mehr als 250 Prozent gegenüber dem Vorjahr. (v.l.n.r.) Dr. Philipp S. F. Wustrow (Mitbegründer), Leonie Sommer-Eska (Geschäftsführerin Deutschland), Dr. Philipp Freitag (Business Development Manager & Geschäftsführer Österreich), Falko Burghausen (Chief Technology Officer), Dr. E. Paul Scheidegger (Mitbegründer und medizinischer Leiter), Dr. Tobias Wolf (Mitbegründer)
In 2020 verzeichnete Onlinedoctor ein Wachstum von mehr als 250 Prozent gegenüber dem Vorjahr. (v.l.n.r.) Dr. Philipp S. F. Wustrow (Mitbegründer), Leonie Sommer-Eska (Geschäftsführerin Deutschland), Dr. Philipp Freitag (Business Development Manager & Geschäftsführer Österreich), Falko Burghausen (Chief Technology Officer), Dr. E. Paul Scheidegger (Mitbegründer und medizinischer Leiter), Dr. Tobias Wolf (Mitbegründer)
(Bild: Onlinedoctor)

Dr. Paul Scheidegger ist Hautarzt und betreibt seit 2004 seine eigene Praxis. Täglich schickten Patienten ihm Fotos von Hautproblemen, die er diagnostizieren sollte. Der Schweizer Dermatologe wollte Ordnung in das Chaos der Zusendungen bringen und ein einheitliches Tool für (Fach-)Ärzte etablieren. Zusammen mit den beiden Wirtschaftsspezialisten Tobias Wolf und Philipp Wustrow feilte Scheidegger an seiner Idee zur Online-Plattform Onlinedoctor. Ende 2016 gründeten die drei das gleichnamige Start-up. Bereits im Oktober 2017 ging die Plattform in der Schweiz online.

Patienten können mithilfe von Onlinedoctor ihr Hautproblem online einem von ihnen ausgewählten Dermatologen darlegen. Die Anfrage dauert meist nicht mehr als fünf bis sieben Minuten und umfasst drei Fotos sowie die Schilderung der Symptome mithilfe eines Chat-Assistenten. Spätestens nach 48 Stunden erhalten die Patienten die Ersteinschätzung sowie eine Empfehlung ihres Hautarztes.

Der Bedarf des Online-Hautchecks war groß und Onlinedoctor wurde von Patienten und Hautärzten gut angenommen. Ein Jahr nach der Gründung hatten bereits 40 Dermatologen das Telemedizin-Tool täglich genutzt. Auch beim Best of Swiss Web Award konnte Onlinedoctor überzeugen und wurde in der Kategorie Mobile mit Gold und in der Kategorie Business mit Silber ausgezeichnet. Mit dem Award werden jährlich Projekte von Schweizer Unternehmen geehrt, in denen der Einsatz von Webtechnologien eine Hauptrolle spielt. Die erfolgreiche Seed-Finanzierungsrunde im Frühjahr 2018 und die Pre-Series-A-Finanzierungsrunde 2019 ermöglichten es dem Start-up, die Software weiterzuentwickeln und die Präsenz in weiteren Märkten aus- und aufzubauen. Im Dezember 2020 konnte Onlinedoctor eine weitere Finanzierungsrunde über 5,5 Millionen Schweizer Franken abschließen.

Expansion und die Zusammenarbeit mit Krankenkassen

Im Herbst 2019 entstand das Team in Deutschland um Geschäftsführerin Leonie Sommer-Eska. Ein Jahr später fasste Onlinedoctor mit Dr. Philipp Freitag auch in Österreich Fuß. Mittlerweile besteht das Netz aus Dermatologen in der gesamten DACH-Region aus mehr als 600 Hautärzten. Im deutschen Raum überzeugte das Unternehmen bereits mehr als zehn Prozent der niedergelassenen Dermatologen. Als strategischen Partner gewann Onlinedoctor außerdem den Berufsverband der Deutschen Dermatologen e. V. (BVDD).

Einen großen Erfolg verzeichnete Onlinedoctor im November 2020: Das Unternehmen überzeugte die Techniker Krankenkasse (TK) von sich und startete eine Kooperation. Durch diese Partnerschaft können TK-Versicherte die teledermatologische Beratung von Onlinedoctor kostenfrei in Anspruch nehmen. Im April 2021 folgte die Kooperation mit der HEK – Hanseatische Krankenkasse. Auch sie übernimmt die Kosten für die digitale Facharzt-­Konsultation auf onlinedoctor.de für ihre Versicherten. Die Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen ist ein wichtiger Schritt, um die Hemmnisse gegenüber digitalen Gesundheitsanwendungen abzubauen, und ein wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells von Onlinedoctor. Geschäftsführerin Leonie Sommer-Eska ist zuversichtlich: „Die bisherigen Kooperationen sind gleichzeitig Inspiration und Blaupause für weitere Schritte. Wir wünschen uns langfristig die Erstattungsfähigkeit für alle gesetzlich Versicherten und sind zuversichtlich, dass viele weitere Krankenkassen die Vorteile der Online-Konsultation zeitnah erkennen werden.“ Damit liegt Sommer-Eska richtig. Immer mehr gesetzliche Krankenkassen öffnen sich dem Trend der telemedizinischen Angebote, um ihre Versicherten bestmöglich zu versorgen.

Corona führt zum Umdenken im Gesundheitswesen

Schon vor der Corona-Pandemie gab es Gründe für den Ausbau eines digitalisierten Gesundheitssystems. Neben verringerten Wartezeiten und Kosten­einsparungen durch das Wegfallen von Anfahrtswegen vereinfacht die Telemedizin den ärztlichen Rat auch für Patienten mit Bewegungseinschränkung. In Zeiten, in denen Abstand das Gebot der Stunde ist, ist Corona zu einem Katalysator für digitale Tools im Gesundheitswesen geworden und hat sowohl Ärzte als auch Patienten zu einem Umdenken bewogen. Beide Seiten haben in der Not die digitale Beratung für sich entdeckt und vertrauen seither darauf. Im Jahr 2020 konnte Onlinedoctor einen Anstieg von 250 Prozent verzeichnen. Dieses Wachstumsniveau will das Unternehmen beibehalten und fokussiert sich auf die asynchrone Telemedizin. Hierbei kommunizieren Patient und Arzt nicht direkt, sondern zeitversetzt miteinander.

Wie sieht die Zukunft für digitale Tools aus?

„In naher Zukunft wird die Frage nicht mehr sein, ob, sondern wie man digitale Tools und neue Behandlungsansätze verwenden sollte, um den maximalen Nutzen für Ärzte und Patienten zu erzielen“, ist sich Sommer-Eska sicher. Die Teledermatologie ist hier schon sehr weit. Nach der virtuellen Erst­einschätzung benötigen in etwa nur 15 Prozent der Onlinedoctor-Nutzer einen Arzttermin vor Ort.

Die Telemedizin soll jedoch nicht den persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient vollkommen ersetzen, sondern vielmehr den Anspruch auf ärztliche Leistung vereinfachen. Sommer-Eska betont: „Es geht nicht darum, ein erprobtes Konzept zu ersetzen, sondern es sinnvoll digital zu ergänzen. Wir wollen einen einfachen Zugang zu ärztlichen Leistungen und die Verständlichkeit von Diagnosen und Therapien auf Patientenseite ebenso wie neue Arbeits- und Arbeits­zeitmodelle für Ärzte. Es stehen die Menschen im Fokus, die Technologie wirkt nur unterstützend.“

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