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Systemmedizin Der ganzheitliche Blick auf den Patienten

Ein Gastbeitrag von Sophie Alscher* 4 min Lesedauer

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Der ganzheitliche Ansatz der Systemmedizin ist eines der großen Zukunftsthemen der medizinischen Versorgung in Deutschland. Entscheidend dafür sind auch die Technologien für die Datenerhebung. Diese werden auf der Medtec Live with T4M im Mai in Nürnberg präsentiert.

Die Systemmedizin macht im Prinzip nichts anderes als ein guter Hausarzt: den Patienten ganzheitlich in den Blick nehmen.(Bild:  © ZinetroN - stock.adobe.com)
Die Systemmedizin macht im Prinzip nichts anderes als ein guter Hausarzt: den Patienten ganzheitlich in den Blick nehmen.
(Bild: © ZinetroN - stock.adobe.com)

Die Medizin betrachtet häufig nur ein Organ. Die Systemmedizin erweitert ihren Blick auf das ganze System Mensch. Sie verknüpft dabei methodische Ansätze der Genom- und Postgenomforschung (die sogenannten „OMICS“-Daten) mit digitalen Analysen. Dafür werden Daten aus Genen, Eiweißbausteinen, Stoffwechselprodukten, Lebensweise und Umwelt erfasst und in virtuell angelegten Computermodellen in Zusammenhang gesetzt.

Im Prinzip macht die Systemmedizin also nichts anderes als ein guter Hausarzt: Er nimmt seinen Patienten ganzheitlich in den Blick, berücksichtigt bei der Diagnostik Historie und Lebenswandel, stellt Zusammenhänge her, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. „Diesen ganzheitlichen Ansatz hebt die Systemmedizin auf ein völlig neues Niveau, weil sie mehr Daten präzise analysieren und in einen Zusammenhang bringen kann als der Mensch. Das ist eines der großen Zukunftsthemen der medizinischen Versorgung in Deutschland. Die Technologien für die Datenerhebung – von der Sensorik bis zur Bildgebung – sind Themen der Medtec Live with T4M im Mai in Nürnberg“, sagt Christopher Boss, Leiter der Medizintechnik-Fachmesse bei der Nürnberg Messe. Jörg Traub, Geschäftsführer des Forums Medtech Pharma, ergänzt: „Kardiovaskuläre Erkrankungen und die Onkologie sind in den entwickelten Ländern verbreitete Krankheitsbilder, bei denen die Systemmedizin Daten zusammenführen kann, um diese Krankheiten besser zu verstehen.“

Erfolge für die Vorsorge bei familiärer Hypercholesterinämie

Im Rahmen des Leuchtturmprojekts Digimed Bayern wird unter anderem die „Vroni-Studie“ des Deutschen Herzzentrums München durchgeführt. Sie dient zur Vorsorge und Früherkennung der „Familiären Hypercholesterinämie“ (FH). Die FH ist eine angeborene Störung des Lipidstoffwechsels, die unbehandelt schon in jungen Jahren schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen kann. Man geht in Deutschland von über 270.000 Trägern des Gendefektes aus, von denen weniger als ein Prozent diagnostiziert sind. Die Vroni-Studie soll in Bayern ein flächendeckendes Screening bei Kindern im Alter von 5 bis 14 Jahren zur Frühdiagnose der FH implementieren und evaluieren. Auf dieser Studienbasis sollen künftig die Diagnostik und Therapiesituation für Betroffene aller Altersgruppen in ganz Deutschland verbessert werden. Getestet wurden bisher 8.100 Kinder, 50.000 sollen es werden. Bei der einfachen und schnellen Untersuchung können 5- bis 14-Jährige mit einem Tropfen Blut aus der Fingerspitze an der Studie teilnehmen. Da die Störung des Cholesterinstoffwechsels vererbbar ist, haben auch Blutsverwandte der betroffenen Kinder ein hohes Risiko, Träger des krankhaft veränderten Gens zu sein. „In jeder Familie eines mit FH diagnostizierten Kindes können wir statistisch gesehen drei weitere betroffene Angehörige ermitteln“, erklärt Studienarzt Raphael Schmieder.

Hoffen auf den Europäischen Gesundheitsdatenraum

Für die Forschung werden Daten heute anonymisiert in Forschungsdatenzentren zusammengeführt. Traub sieht Handlungsbedarf bei der Ausgestaltung der Datenräume und rät zu einem Blick in den europäischen Norden: „In Skandinavien gibt es zum Beispiel einheitliche Patientenakten, die Daten zusammenführen und eine Sekundärnutzung für Forschung in Wissenschaft und Industrie DSGVO-konform erlauben.“ Aus dem Bayerischen Gesundheitsministerium kommen deshalb konkrete Forderungen: „Bayern fordert daher den Abbau von datenschutzrechtlichen Hürden für Forschungsvorhaben. Besonders interessant ist hierbei aus unserer Sicht die Ausgestaltung des Europäischen Gesundheitsdatenraums, kurz EHDS, denn er wird uns alle betreffen: Die Regelungen haben das Potenzial, die gemeinwohlorientierte Forschung mit Gesundheitsdaten zu stärken, insbesondere auch für die forschende Industrie“, ergänzt Georg Münzenrieder, Referatsleiter im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege.

Besonders in Deutschland ist die Frage nach der Nutzung von Patientendaten heute noch unbeantwortet. „Die Digitalisierung und Standardisierung von medizinischen Prozessen und Daten (Bild-Daten, Untersuchungsdaten) sowie die rechtliche Nutzbarmachung der Daten würden uns weitere wertvolle Informationen liefern, um Patientinnen und Patienten eine noch bessere Behandlung zu ermöglichen“, sagt Silke Argo aus der Geschäftsstelle des E:Med-Projekts. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert schon seit 2013 mit dem Forschungsprogramm E:Med und einem Budget von 200 Millionen Euro die Systemmedizin.

Auf Patientenseite fehlt aktuell vor allem das Vertrauen zur rechtmäßigen Nutzung der Daten. Und von Ärzten wird auch ein Mehr an Transparenz der individuellen Arbeit befürchtet. Auf nationaler Ebene liegt die Strategie des Bundesministeriums für Gesundheit zur Digitalisierung von Gesundheit und Pflege inzwischen vor. Hierbei werden wichtige strukturelle Änderungen, wie z. B. der Neuaufbau einer nationalen Zugangsstelle für Patientendaten oder die Neugründung eines Datenschutzgremiums, genannt. „In der konkreten Umsetzung brauchen wir nun einen Turbo für die Digitalisierung. Wesentliche Anspruchsgruppen – und hier denken wir auch an Forschung und Industrie – müssen hierbei unbedingt mitgenommen werden“, betont Münzenrieder. „Gesundheitsdatenraum – Wo sind meine Daten?“, fragt deshalb auch bei der Medtec Live eine Session des Medtec Summit. „Die Session wird ein Update zum nationalen sowie zum EU-Rahmen geben, Beispiele der Implementierung und die Herausforderungen in der Umsetzung aufzeigen“, sagt Traub.

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Auf der Medtec Live with T4M treffen Produktentwickler und Einkäufer der Inverkehrbringer und OEMs auf die wichtigsten Zulieferer der Medizintechnik in Europa. Sie findet in diesem Jahr vom 23. bis 25. Mai in Nürnberg statt und deckt mit ihrem Angebotsspektrum die gesamte Wertschöpfungskette ab. Begleitet wird die europäische Fachmesse von einem umfassenden Rahmenprogramm, das die wichtigsten Themen und Trends der Branche abbildet. 2023 bietet zudem der internationale Kongress Medtec Summit des bayerischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie und Landesentwicklung eine Plattform für Dialog und Innovation.

* Die Autorin: Sophie Alscher, TBN Public Relations GmbH

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