France

Hirnsonden Gold-Tentakeln messen Hirnaktivität präzise und schonend

Quelle: Pressemitteilung ETH Zürich 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Forscher der ETH Zürich haben ultraflexible Hirnsonden entwickelt. Darüber lässt sich die Hirnaktivität genau und gewebeschonend messen. Künftig soll damit Menschen mit neurologischen oder psychiatrischen Krankheiten geholfen werden. Außerdem soll mit der Technologie erforscht werden, wie das Gehirn Erinnerungen verarbeitet.

Ein Bündel der sehr dünnen Elektrodenfasern im Gehirn (Mikroskopieaufnahme)(Bild:  Yasar TB et al. Nature Communications 2024, verändert)
Ein Bündel der sehr dünnen Elektrodenfasern im Gehirn (Mikroskopieaufnahme)
(Bild: Yasar TB et al. Nature Communications 2024, verändert)

Weltweit tragen Schätzungen zufolge 200.000 Menschen Elektroden im Gehirn, die bestimmte Hirnareale mit elektrischen Impulsen versorgen. Von solchen Hirnsonden profitieren z. B. Menschen mit der Parkinson-Krankheit oder mit krankhaften Muskelkrämpfen. Nach Ansicht von Mehmet Fatih Yanik, Professor für Neurotechnologie an der ETH Zürich, wird die Forschung die Möglichkeiten dieser Technologie stark erweitern: Anstatt das Hirn mit solchen Sonden bloß zu stimulieren, können dieselben Elektroden auch verwendet werden, um die Aktivität der Hirnzellen aufzuzeichnen. Diese Aufzeichnungen können auf Anomalien untersucht werden, die mit neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen verbunden sind. In einem nächsten Schritt ist es denkbar, diese Anomalien und Erkrankungen wiederum mit elektrischen Impulsen zu behandeln.

Zu diesem Zweck haben Yanik und sein Team eine neue Art von Elektroden entwickelt, die detailliertere und präzisere Aufzeichnungen der Hirnaktivität über einen längeren Zeitraum ermöglichen. Die Elektroden bestehen aus Bündeln extrem feiner und flexibler Fasern aus Gold, die von einem Polymer umhüllt sind. Ein von den ETH-Forschern entwickeltes Verfahren ermöglicht es, diese Bündel sehr langsam ins Gehirn einzubringen. Sie verursachen daher keine nachweisbaren Schäden am Hirngewebe.

Die Tentakel-Elektroden (rechts) im Vergleich zu drei bisherigen Technologien mit gröberen Elektroden oder einem Elektrodennetz.(Bild:  Yasar TB et al. Nature Communications 2024, verändert)
Die Tentakel-Elektroden (rechts) im Vergleich zu drei bisherigen Technologien mit gröberen Elektroden oder einem Elektrodennetz.
(Bild: Yasar TB et al. Nature Communications 2024, verändert)

Damit unterscheiden sich die neuen Elektroden wesentlich von bisherigen Technologien, von denen die von Elon Musks Firma Neuralink in der Öffentlichkeit am bekanntesten sein dürfte. Alle bisherigen Technologien, auch die von Neuralink, arbeiten mit ziemlich groben Sonden. „Je gröber die Sonde, desto grösser ist das Risiko, damit das Hirngewebe zu schädigen“, sagt Yanik. „Unsere feinen Elektroden haben zudem den Vorteil, dass sie sich im Gehirn zwischen die länglichen Fortsätze der Nervenzellen einfügen. Sie sind auch bloß etwa so dick wie diese Zellfortsätze.“

Die Forschenden testeten die neuen Elektroden an Ratten, in deren Gehirn sie vier Bündel mit je 64 Goldfasern implantierten. Prinzipiell könnten auch mehrere hundert Elektrodenfasern verwendet werden, um damit die Aktivität von noch mehr Gehirnzellen zu untersuchen, wie Yanik erklärt. Die Elektroden sind mit einem kleinen, auf dem Kopf befestigten Aufnahmegerät verbunden, weshalb sich die Ratten frei bewegen konnten.

Keinen Einfluss auf Hirnaktivität

In den Versuchen konnten die Forscher bestätigen, dass die Sonden biokompatibel sind und sie die Hirnfunktion nicht beeinflussen. Weil die Elektroden sehr nahe an den Nervenzellen liegen, sei die Signalqualität sehr gut. Das Hintergrundrauschen sei nur halb so groß wie bei anderen Verfahren.

Außerdem zeigten die Forscher, dass sich die flexiblen Elektroden gut für Langzeitmessungen eignen: Während der gesamten Versuchsdauer von zehn Monaten zeichnete das Team bei den Tieren Signale von denselben Zellen auf. Untersuchungen ergaben, dass in dieser Zeit keine Gewebeschäden im Gehirn auftraten. Und ein weiterer Vorteil ist: Da sich die Bündel in verschiedene Richtungen verzweigen, können sie verschiedene Hirnareale erreichen.

Elektroden sollen an Epilepsiepatienten getestet werden

In der Studie verfolgten und analysierten die Forscher mit den neuen Elektroden über mehrere Monate die Aktivität von Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen der Ratten. Dabei zeigte sich, dass Nervenzellen in verschiedenen Regionen synchron aktiv sind. Dies ist unter dem Begriff Co-Aktivierung bekannt, und Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieses großräumige synchrone Zusammenspiel von Hirnzellen entscheidend ist, um komplexe Informationen zu verarbeiten und Erinnerungen zu bilden. „Unsere Methode ist äußerst interessant für die Grundlagenforschung, die diese Funktionen und Störungen dieser Funktionen bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen untersucht“, erklärt Yanik.

Die ETH-Forscher haben sich mit Kollegen am University College London zusammengetan, um den Einsatz der neuen Elektroden zu diagnostischen Zwecken im menschlichen Gehirn zu testen. Konkret geht es um Patienten mit Epilepsie, die auf eine medikamentöse Therapie nicht ansprechen. Um ihnen zu helfen, entfernen ihnen Neurochirurgen einen kleinen Teil des Gehirns, in dem die Anfälle ihren Ursprung haben. Die neue Technologie soll vor der Gewebeentnahme eingesetzt werden, um den betroffenen Hirnbereich genau zu lokalisieren.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Auch als Gehirn-Maschine-Schnittstelle denkbar

In Zukunft wollen die Forscher mit den Elektroden auch bei Menschen Hirnzellen stimulieren. „Das könnte zur Entwicklung wirksamer Therapien für Personen mit neurologischen und psychiatrischen Krankheiten beitragen“, sagt Yanik. Bei Depressionen, Schizophrenie oder Zwangsstörungen ist häufig die Informationsverarbeitung in den betroffenen Hirnregionen gestört. Mithilfe solcher Elektroden könnte es möglich werden, die mit der Krankheit verbundenen Signale der neuronalen Netzwerke im Gehirn zu erkennen und sie in einem zweiten Schritt zu verändern, um damit den Patienten zu helfen. Yanik denkt außerdem an Gehirn-Maschine-Schnittstellen für Menschen mit Hirnverletzungen. Die Elektroden könnten helfen, die Absichten der Patienten zu erkennen und eine Prothese oder ein Sprachausgabesystem zu steuern.

Die Forschung wurde u. a. durch einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats ERC, den Mehmet Fatih Yanik 2018 erhalten hat, und durch das Sinergia-Programm des Schweizerischen Nationalfonds finanziert.

Literatur

Yasar TB, Gombkoto P, Vyssotski AL, Vavladeli AD, Lewis CM, Wu B, Meienberg L, Lundegardh V, Helmchen F, von der Behrens W, Yanik MF: Months-long tracking of neuronal ensembles spanning multiple brain areas with Ultra-Flexible Tentacle Electrodes, Nature Communications, 6. Juni 2024, doi: 10.1038/s41467-024-49226-9

(ID:50155722)